# taz.de -- Debatte um Wahlen in der Ukraine: „Lassen Sie mich bitte in Ruhe mit diesen Wahlen“
       
       > US-Präsident Trump findet, die Ukraine soll trotz Krieg eine
       > Präsidentenwahl abhalten. Und was meinen die Ukrainer?
       
 (IMG) Bild: Ein Hauptmann der ukrainischen Streitkräfte, 52, der anonym bleiben möchte, sieht logistische Probleme für Soldaten
       
       Ein Bus von Odessa nach Charkiw am Mittwoch. Eine ältere Dame mit schwarzen
       Haaren in einem Dutt. Was sie [1][von der Diskussion über Neuwahlen] halte,
       frage ich sie. „Eigentlich nichts“, antwortet sie. „Die werden entweder gar
       nicht stattfinden, oder die Regierung wird sie fälschen. Aber“, fügt sie
       hinzu, „besser solche Wahlen als gar keine Wahlen.“ Wahlkampf sei immer
       eine schöne Zeit, da höre man viele Versprechungen. Im Wahlkampf seien die
       Politiker auf einmal ganz nett zu den Wählern.
       
       Grischa, Student, 22 Jahre, meint: „Selenskyj würde die Wahlen verlieren.
       Gegen Walerij Saluschnyj hat er keine Chance.“ Saluschnyj ist der ehemalige
       Armeechef und populärster Politiker der Ukraine neben Präsident Selenskyj;
       er ist seit einem Jahr ukrainischer Botschafter in London.
       Unterschiedlicher könnten Selenskyj und Saluschnyj nicht sein, findet
       Grischa. Doch ändern würde sich eh nichts, ist er sich sicher. Egal wer
       gewinnt. Saluschnyj werde eher noch unnachgiebiger bei der Wehrpflicht
       sein. „Der wird sicher das Mobilisierungsalter von 25 auf 22 Jahre
       runtersetzen. Ach, wäre ich doch besser ausgereist“, sagt der 22-Jährige.
       
       Eine ältere Dame mit Gemüse und Kartoffeln in den Taschen. „Lassen Sie mich
       bitte in Ruhe mit diesen Wahlen. Mich interessieren die einfach nicht.“ Sie
       will das Gemüse in der nächsten Stadt verkaufen. „Mich interessiert vor
       allem, ob ich heute das, was ich hier mit mir führe, verkaufen kann. Die
       Wahlen, nun ja, ich weiß gar nicht, ob ich da überhaupt wählen werde.“
       
       „Es gibt keine Wahlen“, sagt ein Taxi-Fahrer in Charkiw am Taxi-Stand.
       „Weil es nirgendwo im Krieg Wahlen gibt, außer vielleicht in Israel.“ Dann
       fügt er hinzu: „Ich werde Selenskyj nicht noch einmal wählen. Aber ich will
       nicht, dass wir jetzt im Krieg Wahlen durchführen. Selenskyj soll bleiben,
       solange wir Krieg haben, und dann soll er gehen.“ Und er fragt sich, wie
       die Wahlen praktisch aussehen sollen. „Die in den besetzten Gebieten können
       nicht wählen, die an der Front auch nicht unbedingt, die in Russland leben,
       sowieso nicht, und ob man in Westeuropa wird wählen können, wird sich noch
       zeigen. Und nach solchen Wahlen kann Putin wirklich sagen, der Präsident
       ist nicht legitim.“
       
       ## „Wie soll ich wählen?“
       
       Ein Hauptmann der ukrainischen Streitkräfte, 52, der anonym bleiben möchte,
       sieht logistische Probleme für Soldaten: „Wie soll ich wählen oder mich
       überhaupt vernünftig mit den Kandidaten vertraut machen, wenn ich das
       gesamte letzte Jahr genau acht Tage nicht im Donbass war. Was ist, wenn ich
       oder einer meiner Kameraden kandidieren möchten, aber das Oberkommando nein
       sagt, weil wir gerade an der Front gebraucht werden? Das verletzt mein
       Recht und das meiner Kameraden, an den Wahlen teilzunehmen. Wo bleibt da
       die Demokratie?“
       
       Ein anderer Taxi-Fahrer, mit dem ich in meine Unterkunft fahre: „Aber
       selbst wenn Wahlen sind, weiß ich nicht, ob ich da hingehen werde. Ich habe
       nämlich genug eigene Probleme. Jetzt zum Beispiel. Wir haben gerade
       Luftalarm. Und bei Luftalarm funktioniert das GPS sehr schlecht. Das machen
       die extra, um die Drohnen fehlzuleiten. Ist ja richtig. Nur muss ich dann,
       wenn GPS ausfällt, mir selbst überlegen, wie ich als Taxifahrer mein Ziel
       erreiche. Und mir ist die Frage, ob ich im Monat über die Runden komme,
       wichtiger als die Präsidentenwahl, die wahrscheinlich eh nicht stattfinden
       wird. Ist doch alles nur ein abgekartetes Spiel.“
       
       Mitarbeit: Juri Konkewitsch
       
       11 Dec 2025
       
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