# taz.de -- Wie New Wave in Sheffield begann: Das Space Age landete in einer britischen Doppelhaushälfte
       
       > Bands wie Human League und Clock DVA schufen um 1980 in Sheffield
       > visionäre Musik. Das Debütalbum von Clock DVA ist wieder erhältlich.
       
 (IMG) Bild: Gothic mit präparierten Instrumenten: Clock DVA vor einer Kirche in Sheffield, 1980
       
       Da war doch was im Trinkwasser! An dieser Vermutung ist sicherlich etwas
       dran, sie reicht aber nicht aus, um das Talente-Cluster zu erklären, das
       Ende der 1970er Jahre Sheffield zum popmusikalischen Mittelpunkt Englands
       und dann auch von Westeuropa machte.
       
       Bands wie Cabaret Voltaire, The Human League, Heaven 17, Clock DVA und ABC
       fluteten im Geist von DiY-Punk die nordenglische Stadt mit elektronisch
       grundiertem Pop; Elemente von Krautrock, Freejazz und Dada kamen ebenfalls
       in ihrem Sound zum Vorschein, der damals New Wave genannt wurde. Und doch
       klangen diese Sheffielder Bands so eigenwillig wie zukunftsweisend. Songs,
       wie etwa „Don't You Want Me“ (Human League), „(We Don't Need This) Fascist
       Groove Thang“ (Heaven 17), oder „Nag Nag Nag“ (Cabaret Voltaire) waren
       nicht nur Hits, sie trugen ganz grundsätzlich zur Genese der Genres
       Synthiepop, Gothic und Industrial bei.
       
       Die Band Clock DVA, gegründet 1978 von Sänger Adi Newton und Bassist Steven
       Turner, begann als Improvisationsprojekt, dessen wechselnde Bandmitglieder
       eine Vorliebe für präparierte Instrumente, Fieldrecordings und analoge
       Keyboards hatten. Ihr Debütalbum „White Souls in Black Suits“ wurde 1980
       nur auf Kassette bei dem Label Industrial Records von Throbbing Gristle
       veröffentlicht. Die Songs waren Kurzfassungen von mehrstündigem
       Sessionmaterial. Nun erscheint es als erweiterte, neugemasterte Fassung und
       der experimentelle Charakter wird zur Gänze hörbar.
       
       ## Unterhaltsam und detailliert
       
       Wie es weit abseits der Popmusikkapitale London überhaupt zu dieser
       ungewöhnlichen künstlerischen Explosion in Nordengland kam, [1][das
       beschreibt der Filmemacher Jamie Taylor] in dem Buch „Studio
       Electrophonique – The Sheffield Space Age, from The Human League to Pulp“
       unterhaltsam und detailliert.
       
       Sheffield, die Steel City, war im Zweiten Weltkrieg von deutschen Bombern
       verheert worden. Nach 1945 gab es viel Platz für neue Gebäude und eine
       modernistische Stadtplanung. Der sehr linke Stadtrat hatte ein Faible für
       brutalistische Architektur, Sozialwohnungsviertel ungeheuren Ausmaßes wie
       Park Hill, Hyde Park und Broomhill entstanden – wo Adi Newton (Clock DVA)
       und Martyn Ware (Human League, Heaven 17) wohnten. Beton, so weit das Auge
       reicht. So eine Umgebung macht schon was mit einem.
       
       Im Fall der Sheffielder Durchstarter war es eine Haltung und ein
       Werteverständnis, das auch von plötzlichem Ruhm nicht unterspült werden
       konnte. Das flamboyante Auftreten von etwa The Human League und ABC waren
       Parodien auf blutleeres Dekor.
       
       ## Erdrückende Rezession
       
       Die ganz England erdrückende Wirtschaftskrise traf die britische
       Stahlindustrie in den 1970ern besonders hart, Sheffield war karg, grau und
       unwirtlich. Die spätere Tory-Premierministerin Margaret Thatcher mit ihrer
       Kahlschlagspolitik stand bereits in den Startlöchern. Wer anders tickte als
       der große Rest, hatte wenig zu lachen. Positiv an der Misere war, dass das
       (Über-)Leben in Sheffield erschwinglich war, Busfahrten waren günstig und
       ein Pint kostete 10 Pence.
       
       [2][Die Rezession ließ die Bewohner der Stadt aber nicht verzagen, sondern
       schärfte – im Gegenteil – ihr Vertrauen in die Zukunft.] Taylor schreibt
       das den optimistischen Verheißungen zu, die das Raumfahrtzeitalter mit sich
       brachte.
       
       Mitglieder der genannten Bands waren miteinander bekannt. Sie hingen in
       denselben Pubs ab, besuchten dieselben Schulen. Waren fasziniert von Musik,
       Literatur und Filmen. Etwa dem Soundtrack und der Sprache von Stanley
       Kubricks Horrorfilm „Clockwork Orange“, der auf Basis von Anthony Burgess’
       gleichnamigen dystopischen Roman entstand. Der Bandname The Human League
       ist ihm entlehnt.
       
       ## Lebensveränderndes Bowie-Album
       
       [3][David Bowies Album „Low“ (1977) war lebensverändernd], auch weil Bowie
       und seine Begleiter Robert Fripp und Brian Eno durch elektronische
       Verfremdung einen futuristischen Rocksound kreierten, der ähnlich visionär
       klang wie ein mit Synthesizern hergestellter.
       
       Die Kids trafen sich im Meatwhistle Arts Shop, einem Theaterworkshop für
       kunstinteressierte Schüler:Innen aus der Arbeiterklasse, der vom
       Labour-Stadtrat finanziert wurde. Für das spezifische Sheffielder Space Age
       macht Taylor eine Berufsberaterin verantwortlich.
       
       Sie verschaffte Human-League-Mitbegründer Glenn Gregory einen Job, wo er
       auf den anderen The-Human-League-Mitbegründer Martyn Ware traf, der ihn mit
       zu Meatwhistle nahm. Ohne diese Frau hätten sich die zukünftigen Mitglieder
       von The Future, Heaven 17, Clock DVA und The Human League vielleicht nie
       getroffen.
       
       ## Anarchie im Theater
       
       Die Organisatoren von Meatwhistle schufen eine anarchische Atmosphäre, in
       der sich die Jugendlichen ohne Druck ausprobieren konnten. Adi Newton von
       Clock DVA fühlten sich in dem offenen Kunstlaboratorium vor den kritischen
       Augen der Außenwelt geschützt. Und auch Martyn Ware, der mit Adi Newton in
       der Band The Future gespielt hatte, nennt Meatwhistle für seine
       künstlerische Menschwerdung essenziell.
       
       Eine Oase war auch die Stadtbibliothek, in der Adi Newton sich systematisch
       Wissen über russischen Konstruktivismus, bildende Kunst, absurdes Theater
       und experimentelle Literatur anlas. Besuche der in der Bibliothek
       beheimateten Graves Gallery inspirierten ihn zum Malen eigener Bilder.
       Außerdem konnte er Platten ausleihen, experimentelle Musik von John Cage
       und den frühen elektronischen Komponisten. Wie er im Buch erzählt, wurde
       ihm Ende der 1970er klar, dass man Kunst für sich selbst macht und nicht,
       um irgendwem zu gefallen. Das hat er bis jetzt durchgezogen, aber dazu
       gleich.
       
       Bands fanden in verlassenen Lagerhallen Räume, die sie zum Üben nutzten.
       Aber gut geübt ist noch nicht aufgenommen. Es brauchte einen Toningenieur
       mit Erfindungsgabe und psychologischem Geschick: Ken Patten, ein 1925
       geborener Sheffielder, der in der britischen Luftwaffe gedient hatte und
       seine technischen Kenntnisse im zivilen Leben für Keyboards und
       Kassettenaufnahmen weiter entwickelte.
       
       ## Günstige Konditionen
       
       Pattens Interesse brachte ihn zu Soundexkursionen analoger Geräusche, die
       er elektronisch verfremdete. In seiner Doppelhaushälfte richtete er in den
       1960ern ein Studio ein, das er mit Basisequipment ausstattete und zu
       günstigen Konditionen vermietete. Aufnahmen produzierte er mit
       Ideenreichtum. Patten erzeugte keinen Druck bezüglich Markttauglichkeit.
       Das brachte junge Musiker:Innen dazu, bei ihm Demotapes aufzunehmen. Es
       ist frappierend, wie der Einsatz eines Einzelnen für eine ganze Szene
       stilbildend war.
       
       Auch Pulp haben ihre erste Aufnahme im Studio Electrophonique gemacht.
       [4][Jarvis Cocker empfindet das als Schlüsselmoment seiner Karriere.] Das
       Demo hat er dem BBC-Moderator John Peel in die Hände gedrückt, als der an
       der Sheffielder Uni mit seiner Roadshow zu Gast war. Peel hörte sich das
       Pulp-Tape auf der Rückfahrt nach London an, die Band wurde zu seiner
       Radiosession nach London eingeladen und der Rest ist Geschichte.
       
       Auch Mark White von ABC hat „dem großartigen“ Ken Patten zu Ehren sein
       Londoner Studio „Studio Electrophonique South“ genannt. Adi Newton war mit
       The Future ebenfalls bei Patten zu Gast. „White Souls in Black Suits“
       nahmen Clock DVA im Studio der Sheffielder Band Cabaret Voltaire auf, die
       beim Unterwasserwarnsignal-Track „Anti-Chance“ auch mitspielen. Das Album
       ist seiner Entstehungszeit weit voraus.
       
       Und bedenkt man, dass die Musiker 1980 alle um die 20 waren, klingt dieses
       Werk heute sehr abgeklärt und verstörend erwachsen. Adi Newtons
       martialische Stimme hat Tausende Goth-Rocker zur Nachahmung gebracht. Die
       Instrumente werden nicht nur gespielt, sondern, wie in den Linernotes
       beschrieben, auch bearbeitet. Der düstere, verzerrte Kraut-Freejazz
       verlangt permanente Aufmerksamkeit.
       
       In den Songtexten widmen sich Clock DVA ausgiebig der Negation, was die
       Beschreibungen aus „Studio Electrophonique“ erst lebendig werden lässt. Mit
       Songs wie „Discontentment“ (Unzufriedenheit), „Relentless“ (Unbarmherzig)
       und „Contradict“ (Widerspruch) haben Clock DVA klaren Verstands die
       gesellschaftlichen Zustände ihrer Zeit kommentiert.
       
       Das Positivistische des Titels „Consent“ findet seine Entsprechung in einem
       treibenden Rumpelbeat und frickeligen Gitarren unter nervenzerreibenden
       Saxofonkaskaden. „White Souls in Black Suits“ ist es unbedingt wert,
       wiedergehört zu werden. Und weil seine Musik Generationen von Musikern der
       Genres Gothic, Industrial, EBM und Techno beeinflusst hat, ist sie ohnehin
       schon in unserer DNA verankert.
       
       11 Dec 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=_BhTD0kYd2I&t=1s
 (DIR) [2] /Yacht-Country-Album-von-Richard-Hawley/!6008747
 (DIR) [3] /Nachlass-von-David-Bowie/!5902891
 (DIR) [4] /Neues-Pulp-Album-nach-24-Jahren/!6094941
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sylvia Prahl
       
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