# taz.de -- China-Ausstellung in Hamburg: Wider das Klischee des rückständigen „ewigen China“
> Hamburgs ethnologisches Museum zeigt erstmals seine chinesischen
> Offsetdrucke aus den 1920ern. Sie galten als zu „modern“ und blieben
> lange unbeachtet.
(IMG) Bild: „Ruiniertes Make-up“, ein Blockdruck, entstanden um 1900 in Shanghai
Eigentlich war es ein Skandal: dass ganz normale Chinesinnen im Park eines
Kaiserpalasts saßen, vielleicht sogar in der Verbotenen Stadt. Die war
jahrhundertelang, bis zum Ende der letzten, der Qing-Dynastie 1911 tabu
gewesen.
Aber in den 1920ern herrschte Zeitenwende. China hatte nach zwei verlorenen
Opiumkriegen und dem brutal niedergeschlagenen „Boxeraufstand“ Briten,
Franzosen, Russen, später [1][auch Deutschen etliche Häfen] öffnen und
quasi unbegrenzten Import unter anderem von Opium erlauben müssen. Dazu
kamen schwere Überschwemmungen. Chinas Bevölkerung und Wirtschaft darbten.
In solchen Zeiten wurden auch Kaiserpaläste öffentlicher Raum. Und so
sitzen auf dem Werbeplakat der Hamburger Ausstellung „Druckfrisch aus den
Zwanzigern. Einblicke in Chinas Moderne“ zwei Frauen in modern
körperbetonten Kleidern zwischen Trauerweiden und Kirschblüten und
plaudern. Das Ambiente zitiert klassische chinesische Landschaftsmalerei
einer Zeit, als Frauen noch das Haus hüten mussten.
## Alte Sehgewohnheiten mit neuen Inhalten
Man sieht: Man wandelt zwischen Tradition und einer Moderne, in der Frauen
sichtbar wurden, Zugang zu Bildung, teils auch zu Ämtern bekamen. Im
Original ist das leicht verfremdete Plakat eine Werbung der IG Farben für
Textilfarben. Der koloniale Aspekt ist ihm also inhärent.
1925, als das Original entstand, war die nationalrevolutionäre, hart
regierende Guomindang-Partei (GMD) an der Macht, die die Kommunistische
Partei – noch – zurückdrängen konnte. Die GMD war es auch, die 1926 im
blutigen Nordfeldzug das zerfallende Reich „einte“. Der geografischen
sollte die mentale Einigung folgen, also suchte man den Nordfeldzug als
Identität stiftenden Gründungsmythos des neuen China zu inszenieren.
Der Zeitpunkt war günstig, hatte China doch gerade Lithografie und
Offsetdruck von den Kolonialmächten adaptiert, der Massenpropaganda stand
also nichts im Wege. Zeitungen und Flugblätter konnten in großer Auflage
produziert werden, etwa in Druckzentren in Shanghai.
Eins dieser Plakate findet sich in der Ausstellung in Hamburgs
ethnologischem Museum (Markk). Es gleicht den comicartigen traditionellen
chinesischen Bilderbögen mit Märchen und moralisierenden Geschichten. Mit
dem Nordfeldzug-Bildchen verband man geschickt alte Sehgewohnheiten mit
neuen Inhalten. Ein in Propaganda und Werbung bewährter Angriff aufs
Unbewusste.
Das Spezifikum solcher Blätter – und überhaupt der 1.300 populäre Drucke
starken Hamburger Sammlung, auf der die Schau basiert: Sie enthält zwar
etliche traditionelle Holzblockdrucke mit Göttern und traditionellen
Geschichten, die jahrhundertelang als „einzig typisch“ galten, weil im 7.
Jahrhundert dort erfunden (und erst seit dem 15. Jahrhundert in Europa
bekannt).
Dazu kommen aber 360 moderne Offsetdrucke, gleichfalls mit etlichen
traditionellen Darstellungen. Diese Kombination moderner Technik und
hergebrachter chinesischer Motive gilt als weltweit einzigartig.
Hamburgs Markk besitzt, neben einer Sammlung in St. Petersburg, den
europaweit einzigen Bestand populärer chinesischer Drucke. Die modernen
Lithografien und Offsetdrucke wurden allerdings lange weder beachtet noch
erforscht, weil sie nicht dem China-Klischee entsprechen. Erst jetzt hat
der Sinologe und Co-Ausstellungskurator Bernd Spyra das Konvolut im Zuge
eines Forschungsprojekts erschlossen und zugänglich gemacht.
Das Museum präsentiert mit dieser Schau also erstmals ein differenzierteres
Chinabild dieser Umbruchszeit. Hinzu kommt – auch das ist selten –, dass
die Objekte von chinesischen Wissenschaftlern ausgesucht und freiwillig
hergegeben wurden und nicht, wie sonst „üblich“, von fremden
Kolonialmächten erschlichen oder geraubt.
Entstanden ist diese Sammlung nämlich auf Initiative des chinesischen
Ethnologen Cai Yuanpei (1868–1940), eines zentralen Reformers von Bildung
und Wissenschaft. Er hatte in Berlin und Leipzig studiert, war kurzzeitig
Chinas Erziehungsminister und wurde 1928 mit der Gründung einer Akademie
der Wissenschaften betraut, der Academia Sinica. Deren ethnologische
Abteilung sollte im Zuge jenes „Nation Buildings“ Identität stiftende
Kulturzeugnisse sammeln, sowohl bei den Völkern der Peripherie als auch in
den Zentren.
## Deutsch-chinesischer Austausch
Um die internationale Abteilung zu bestücken, bat Cai seinen Leipziger
Ex-Kommilitonen Theodor Wilhelm Danzel (1886–1954), inzwischen Leiter der
Afrika-Abteilung des damaligen Hamburger „Museums für Völkerkunde“, um
Hilfe.
Cai schlug einen Austausch von Objekten vor, und so brachten Hamburger
Delegationen Exponate aus der Ozeanien-, Amerika- und Afrika-Abteilung,
dazu Schautafeln, die Menschen in [2][„Rassetypen“] einteilten. Aus China
kamen Alltagsobjekte, Gemälde sowie alte Holz- und moderne Litho- und
Offsetdrucke. Es entstand ein Konglomerat, das quasi live die
Transformation der chinesischen Gesellschaft spiegelte.
1933, im Jahr von Hitlers Machtantritt, endete die chinesisch-deutsche
Kooperation. Die Ausstellung „Chinesische Volkskunde“ galt als Fazit und
klassifizierte China zwar als den Europäern ebenbürtiges „Kulturvolk“,
dessen Eliten sich von den „primitiven“ Völkern der Peripherie abgrenzten.
Trotz des Kontakts mit dem Intellektuellen Cai verharrte Ex-Kommilitone
Danzel aber beim Bild eines „ewigen China“, das [3][„überwiegend auf einer
mythischen Denkweise“ beruhe“,] wie er damals schrieb.
## Scharfe innerchinesische Debatten
Dass China lange vor Europa – ab 1.600 v. Chr. – [4][arbeitsteilige
Massenproduktion] mit variierenden Modulen für Export-Bronzen erfand, wurde
ausgeblendet. Vergessen war, dass Europa China als Kulturnation bewundert
hatte, bevor koloniale Übergriffe durch Chinas angebliche Rückständigkeit
gerechtfertigt wurden.
Dabei tobten in den 1920ern scharfe innerchinesische Debatten über den
weiterhin nötigen Fortschritt. Ob die jetzt massenhaft produzierten
Bildergeschichten „kindlicher Pietät“, auf totale Unterwerfung geeicht,
noch zeitgemäß seien, fragen Intellektuelle.
Und ein Schriftzeichen-Spiel in der Ausstellung bezeugt eine
Alphabetisierungskampagne. Parallel überlegte man, ob Chinesisch durch
Englisch zu ersetzen sei, um als emanzipierte Nation aufzutreten. Wobei der
emanzipatorische Gehalt der körperbetonten Frauenkleider, die in der Schau
neben Konkubinen-Bildergeschichten und Puderdosen hängen, zu diskutieren
wäre.
Überraschend modern wirkt dagegen ein Tuschgemälde der „Acht Zerbrochenen“
von 1884, mit collageartig angeordneten Papier- und Geldschnipseln.
Dazwischen Spuren von Papierfraß. Anderswo ist der Papierfraß nach
Trompe-l’Œil-Manier bloß aufgemalt. Ein feines, humorvolles Sinnbild der
Vergänglichkeit.
10 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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