# taz.de -- Wiederentdeckung von Bernard Bolzano: Prüfet alles!
> Bernard Bolzano war Philosoph, Mathematiker und Dissident. Trotz seiner
> Bedeutung ist er unbekannt. Der Philosoph Wolfgang Künne möchte das
> ändern.
(IMG) Bild: Klarer Blick nicht bloß für Logik, sondern auch für soziale Ungerechtigkeit: Bernard Bolzano
In Prag heißt eine Straße nach ihm, die Bolzanova. Auch in Wien gibt es
eine Bernhard-Bolzano-Gasse. Ein Asteroid ist ebenfalls nach ihm benannt:
(2622) Bolzano. Allerdings ist kaum zu erwarten, dass das Erwähnen dieses
vielfach Gewürdigten in einem Gespräch durch verständiges Kopfnicken
erwidert wird. Eher dürfte der Name Bernard Bolzano als Reaktion ein
ungläubiges „Bernard wer?“ hervorrufen, auch wenn dieser sich in den
Wissenschaften zahlreiche Verdienste erworben hat.
„Bernard Bolzano ist unter den Klassikern der Philosophie immer noch der
große Unbekannte“, bedauert der Philosoph Wolfgang Künne gleich zu Beginn
seiner Werkbiografie über den Kollegen. An Bolzano ist einiges
bemerkenswert, tat er sich doch als Philosoph, Mathematiker und Theologe
hervor. Insbesondere in der Mathematik haben seine Entdeckungen Einzug
gehalten, darunter die „Bolzanofunktion“ oder der „Satz von
Bolzano-Weierstraß“. In der Philosophie hat er nach wie vor etwas von einem
Geheimtipp.
Bemerkenswert ist auch Künnes Buch, in dem er entschieden gegen Bolzanos
Unbekanntheit vorgeht und sich ausführlich dessen Werk und Leben, seiner
Zeit und seiner Wirkung widmet. Auf vier Bände erstreckt sich Künnes
Biografie, rund 2.400 Seiten umfasst dieses über Jahrzehnte entstandene
Monumental-Opus.
Dabei ist Künne, der an der Universität Hamburg Philosophie lehrte und zu
den wichtigsten Vertretern der analytischen Philosophie in Deutschland
zählt, kein Vielschreiber im eigentlichen Sinn. Seine bisher
veröffentlichten Bücher lassen sich an gut einer Hand abzählen. Dafür
dürfte Künne auf absehbare Zeit die maßgebliche Monografie – oder
Monugrafie – zu Bolzano vorgelegt haben.
## Gegen ihn wurde intrigiert
Dass Bolzanos Werk noch nicht vollständig erschlossen ist, lässt sich zum
Teil auf seine Lebensumstände zurückführen. So wirkte dieser, 1781 in Prag
geboren, zu einer Zeit, als die Phase der toleranten Politik des
österreichischen Reformkaisers Joseph II. mehr und mehr den repressiven
Maßnahmen von dessen reaktionärem Neffen Franz I. zu weichen begann.
Bolzano bekam diese Politik als Hochschullehrer zu spüren. Er war 1805 mit
23 Jahren in Prag Professor für philosophische Religionslehre geworden. Da
er sich in seinen Vorlesungen nicht an das vorgeschriebene Handbuch hielt,
sondern, wie es in einem Bericht über ihn hieß, „seine eigenen
Auffassungen“ vortrug, wurde von verschiedenen Seiten gegen ihn intrigiert.
Der Fall ist verwickelt. Im Ergebnis fiel Bolzano beim Kaiser in Wien wegen
der dort gestreuten Zweifel an seiner „Rechtgläubigkeit“ in Ungnade. Es gab
sogar zwei Geistliche, die, da sie sich von Bolzano ungerecht behandelt
fühlten, diesen aus Rache bei Papst Pius VII. persönlich denunzierten.
Bolzano sah sich zudem Anschuldigungen ausgesetzt, sich in „geheimen
Gesellschaften“ wie den Freimaurern oder den „Carbonari“ herumgetrieben zu
haben.
Der Eifer gegen ihn ist erstaunlich, da Bolzano als Wissenschaftler
geachtet und bei seinen Studenten höchst beliebt war. Sein für ihn
leitender ethischer Grundsatz lautete, „das allgemeine Wohl zu fördern“, in
der Theorie wie in der Praxis. Womöglich waren Bolzanos logisch geschultes
Denken, seine aufklärerischen Ansichten und der nüchterne Stil, in dem er
diese vortrug, seinen Widersachern nicht ganz geheuer.
## Ein mutmaßlich gefährlicher Mann
Bolzano wurde 1819 als Professor abgesetzt. Zwei seiner
religionswissenschaftlichen Werke landeten später auf dem römischen Index.
Er musste fortan anonym publizieren, zog sich jahrelang zu Freunden in das
mittelböhmische Dorf Těchobuz zurück. Erst 1837 wurde ihm wieder erlaubt,
philosophische Arbeiten zu veröffentlichen, sofern es um keine religiösen
oder politischen Inhalte ging.
Was Bolzano nicht vom Schreiben abhielt. Die Gesamtausgabe seiner Schriften
erscheint seit 1969. Bei Abschluss soll sie 132 Bände umfassen.
Doch wer ist nun dieser mutmaßlich gefährliche Mann? Bernard Bolzano gilt
als „Urgroßvater“ der analytischen Philosophie. Diese entstand im frühen
20. Jahrhundert als ein auf Logik und Sprachanalyse fußender Ansatz. Einer
ihrer Gründungstexte ist [1][Ludwig Wittgensteins „Tractatus
logico-philosophicus“] von 1921. Heute gehört analytische Philosophie an
den Hochschulen zu den am stärksten verbreiteten Richtungen. Wobei man
ergänzen muss, dass vieles davon unter Ausschluss einer breiteren
Öffentlichkeit geschieht. Texte von analytischen Philosophen sind in der
Regel so spezialisiert und technisch, dass sie sich kaum fürs Feuilleton
eignen.
Wie man Künnes Bolzano-Biografie unter anderem entnehmen kann, verlief
diese „esoterische“ Entwicklung der analytischen Philosophie keineswegs
zwangsläufig. Denn Bolzano war, trotz einer berufsbedingten Vorliebe für
streng logisches Argumentieren, auch das, was man heute einen „öffentlichen
Intellektuellen“ nennen würde. Als Studentenpfarrer hielt er regelmäßig
Reden. Er prangerte gesellschaftliche wie politische Missstände an, sprach
sich für diverse soziale Reformen aus und unterstützte, wo er konnte,
ungeachtet seines schmalen Gehalts auch finanziell seine Studenten.
## Nicht nur Soldaten brauchen Tapferkeit
Um deren Wohl sorgte er sich umfassend. So wandte er sich in seiner 1810
gehaltenen Rede „Über den Mut“ gegen das Vorurteil, Mut und Tapferkeit
seien bloß unter Soldaten zu finden. Er wollte damit der damals
verbreiteten Kriegsbegeisterung seiner Hörer entgegenwirken und sie davon
überzeugen, dass sie durch das Fortsetzen ihrer Studien der Gesellschaft
bessere Dienste erweisen könnten.
Bolzano beherrschte, auch wenn sein Tonfall stets nüchtern argumentierend
bleibt, als Autor verschiedene Register. Die reichen von sehr konkreten und
mühelos lesbaren Vorschlägen zu Dingen wie dem Gesundheitswesen in seinem
utopischen Buch „Vom besten Staat“ bis zu strenger Mathematik. Da Künne
selbst kein Mathematiker ist, verfasste sein Hamburger Kollege Ali Behboud
die Kapitel zu Bolzanos Mathematik.
Ein umfangreiches Kapitel widmet Künne dem philosophischen Hauptwerk
Bolzanos, der „Wissenschaftslehre“, in der er eine „neue Logik“ entwerfen
wollte. Diese sollte als methodologische Grundlage für andere
Wissenschaften dienen. Künne nennt sie eine „Meta-Wissenschaft“. Auch für
diese gilt Bolzanos „oberster Grundsatz“, mithin das Gebot, „das allgemeine
Wohl zu fördern“.
Zehn Jahre arbeitete er an dem Manuskript, weitere sieben Jahre dauerte es,
einen geneigten Verleger zu finden. 1837 konnte die „Wissenschaftslehre“
unter Bolzanos Namen erscheinen. Ist es ein Zufall, dass sie, wie Künnes
Bolzano-Buch, vierbändig und stolze 2.400 Seiten lang ist?
Auf potenzielle Leser wirkte das im Zweifel eher abschreckend. „Das Buch
fand zu Bolzanos Lebzeiten so gut wie keine Beachtung“, schreibt Künne.
Inzwischen hat sich das geändert. Die darin enthaltenen Überlegungen zur
Zeichentheorie etwa brachten Bolzano den Ruf eines Pioniers der Semiotik
ein. Und hinter seiner Lehre vom „Satz an sich“, benannt im Stil der „Ding
an sich“-Terminologie [2][Immanuel Kants], den Bolzano im Übrigen in vielen
Punkten stark kritisierte, verbirgt sich eine umfangreiche Theorie über
das, was in der analytischen Philosophie heute „Proposition“ genannt wird.
## Kritisches Kompendium der Logik
Man kann eine Proposition bestimmen als das mit einem Satz Gesagte. Dieses
ist zu unterscheiden von dem mit einem Satz Gedachten, es geht mithin nicht
um individuelle Akte des Denkens, in der analytischen Philosophie oft
„mentale Akte“ genannt. Eine Proposition ist im Unterschied zu derlei
psychischen Phänomenen für Bolzano unabhängig von Zeit und Raum gültig und
existiert unabhängig von Menschen als denkenden Subjekten.
Ein Beispiel für eine Proposition ist das mit folgendem Satz Gesagte: „Der
Flächeninhalt des Quadrats über der Hypotenuse ist gleich der Summe der
Flächeninhalte der Kathetenquadrate.“ Dessen Gehalt ist übrigens identisch
mit dem Satz des Pythagoras.
Bolzano interessiert in der „Wissenschaftslehre“ vor allem die logische
Struktur von Propositionen. Diese erörtert er mitunter im Rückgriff auf die
Beiträge anderer Logiker, allen voran Aristoteles, dem Begründer der Logik.
Die „Wissenschaftslehre“ ist laut Künne damit „auch ein kritisches
Kompendium der Geschichte der Logik“. Darin geht es zum Beispiel um Themen
wie das Verhältnis von Urteilen und Erkennen einerseits und von Glauben und
Wissen andererseits.
„Glauben“ ist dabei nicht religiös, sondern wie „Meinen“ zu verstehen.
Bolzanos Innovationen resümiert Künne mit einem Bild: „… wenn das Licht
auch etwas flackert, so wirft er doch mehr Licht als alle Philosophen vor
ihm und die meisten nach ihm auf die Beziehung zwischen Glauben und
Urteilen.“
Dass Künnes Buch so lang geworden ist, liegt auch daran, dass er Bolzanos
Philosophie nicht bloß referiert, sondern kritisch rekonstruiert.
„Kritisch“ ist im ursprünglichen Sinn von „unterscheiden“ oder „trennen“ zu
verstehen. Eine Definition Bolzanos wird auf ihre Bestandteile hin geprüft,
kleinste Bedeutungsnuancen einzelner Wörter werden abgeglichen und auf ihre
logische Funktion hin bewertet.
Formallogische Kürzel gehen in diese Rekonstruktion oft mit ein,
erfreulicherweise erläutert Künne deren Bedeutung vorab in der Einleitung.
Von dieser kritischen Prüfung sind selbst scheinbar schlichte Wörter nicht
ausgenommen: „Die Mannigfaltigkeit der Verwendungsweisen des Wörtchens
‚hat‘ ist für seinen philosophischen Gebrauch nicht ungefährlich, und ich
fürchte, sie hat Bolzano in mehreren Zusammenhängen in die Irre geführt.“
Man braucht Geduld bei der Lektüre, da diese Art zu denken in ihrer
kleinschrittigen Konzentriertheit konträr steht zum raschen Fluss der
Information, wie sie heute vor allem in sozialen Medien üblich ist. So
gesehen kann man von einer „unzeitgemäßen“ Vorgehensweise sprechen im Sinne
eines geistigen Widerstands. Schließlich empfahl Bolzano seinen Studenten
mit einem Wort des Apostels Paulus: „Prüfet alles, und das Gute behaltet!“
## Forschung als offener Prozess
Dazu passend lässt Bolzanos alles andere als apodiktisches Resümee zu
seiner „Wissenschaftslehre“ erkennen, dass sich dieser der prinzipiellen
Vorläufigkeit seiner Forschung bewusst war und diese als Teil eines offenen
Prozesses sah: „Fast alles, was ich hier vorbringe, ist für mich selbst
noch mit manchen Ungewißheiten verflochten, über Einiges wage ich gar kein
entscheidendes Urtheil, und im günstigsten Falle sind meine Untersuchungen
nur Bruchstücke und Andeutungen, die ihren Zweck erreicht haben, wenn sie
Andern Veranlassung zu einem weiteren Nachdenken über diese Gegenstände
geben.“ Der darin ausgesprochenen Aufforderung ist Künne allemal
nachgekommen.
Darüber hinaus zeichnet Künne ein Bild von Bolzanos Zeit, geht umfassend
auf dessen wissenschaftliche Freunde ein und deren Rolle in Bolzanos Leben.
Im Überblick zur Nachwirkung Bolzanos, der 1848 starb, kommen dann nicht
bloß Philosophen wie Charles Sanders Peirce, [3][Edmund Husserl] oder
Gottlob Frege vor, sondern auch tschechische Dissidenten der Nachkriegszeit
wie die Verfasser der 1977 erschienen Charta 77: Jan Patočka, Václav Havel
und Jiří Hájek.
Die englische Mathematikerin Dorothy Wrinch schließlich bietet das Beispiel
einer Wissenschaftlerin, die Fürsprecherin Bolzanos war und zugleich
Verwandte im Geiste. Über ihr Fach hinaus engagierte sie sich ihrerseits
gesellschaftspolitisch, die Unvereinbarkeit von Berufsleben und
Mutterschaft in England kritisierte sie 1930 eigens in einem Buch. Sie tat
das, ganz ähnlich wie Bolzano, unter Pseudonym.
9 Jan 2026
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