# taz.de -- Kompromisslose Kämpferin: Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn wird Ehrenbürgerin
> Kirsten Bruhn will nichts weniger als einen Fokuswechsel: zu dem, was die
> Menschen können, und weg von dem, was sie nicht können.
(IMG) Bild: Vielfache Olympiamedaillen-Gewinnerin: Kirsten Bruhn
Es liegt eine eigenartige Mischung aus Zähigkeit und Verletzlichkeit am
Beginn der Schwimmlaufbahn von Kirsten Bruhn. Rückblickend beschrieb sie
das bei einer Preisverleihung: als jüngstes von fünf Kindern sei sie immer
die schwächste und kleinste gewesen sei. Um so ehrgeiziger habe sie als
Tochter zweier Leistungsschwimmer:innen trainiert.
Ihr Vater, Polizist, hat sie bereits als Dreijährige ins Wasser geworfen:
„Schwimm oder du hast ein Problem“, habe er gerufen und sie habe sich fürs
Schwimmen entschieden.
Kirsten Bruhn, gebürtige Eutinerin, inzwischen 56 Jahre alt, sagt nebenbei,
dass die Polizei damals für sie Freund und Helfer gewesen sei und dass sich
das über die Jahre geändert habe. Sie hat keine Angst vor deutlichen Worten
und das ist wohl einer der Gründe, weshalb sie – als zweite Frau – nun
Ehrenbürgerin des Landes Schleswig-Holstein geworden ist.
Sie ist nach einem Motorradunfall eine der ausdauerndsten und
entschiedensten Stimmen für Sichtbarkeit, Förderung und Anerkennung für den
Behindertensport. 1991 verunglückte sie im Urlaub als Beifahrerin auf dem
Motorrad ihres damaligen Freundes.
## Sechs Stunden schwimmen täglich
Es hatte eine leichte Zeit werden sollen, vor dem Grafikdesignstudium und
nach einer Herztransplantation für ihren Bruder. Stattdessen nahm der
Unfall ihr die alte Leichtigkeit und Spontanität und katapultierte sie in
ein neues Leben.
Aber es scheint typisch für Bruhn, dass sie sehr schnell beginnt, diesen
Umbruch zu gestalten. In der Kur fährt sie, mäßig begeistert von den
Bastelangeboten, stattdessen zum Schwimmen und merkt, wie viel ihr der
Sport wieder gibt. Bruhn ist zäh, das ist das, was alle über sie sagen, die
in dem Film zu Wort kommen, den Schleswig-Holstein ihr zu Ehren
veröffentlicht hat.
Als Jugendliche ist sie täglich sechs Stunden geschwommen – nicht weil die
Eltern es wollten, sondern weil sie es wollte. „Mit Freunden zu spielen,
hat mich nicht interessiert“, sagt sie. Die Familie ist auch nach dem
Unfall an ihrer Seite, der Vater trainiert sie. Kirsten Bruhn gewinnt
zweimal Gold, dreimal Silber und viermal Bronze bei den Paralympischen
Spielen.
Sie arbeitet bei einer Krankenkasse und die Freundin, die sie dort
kennenlernt, erinnert sich an eine der ersten Begegnungen: Sie wollte
Bruhns Rollstuhl auf sandiger Strecke unaufgefordert schieben und erntete
ein Donnerwetter.
Es gibt viele anrührende Stellen in dem Video des Landes
Schleswig-Holstein: Das Team ihres alten Schwimmbads in Neumünster kennt
die ganze Familie und erzählt, wie nahbar die Sportikone Bruhn sei. Der
Geschäftsführer [1][Leistungssport] beim Landessportverein sagt, dass
[2][Bruhn „wenig kompromissbereit ist], wenn man es mal vorsichtig
ausdrückt“ – und dass ihnen das guttue.
Es bleibt vor allem ein Moment und man ist dankbar, dass Bruhn ihn im Film
hat stehen lassen: „Die [3][Wahrnehmung für Menschen mit Behinderung] ist
nicht schön. Das ist diskriminierend. Und das tut weh“, sagt sie und
beginnt zu weinen. Aber sie fängt sich wieder. Und schaut nach vorn. „Das
ist etwas, was ich aus der Welt kriegen möchte. Der [4][Fokus auf das, was
die Menschen können], da sollten wir hinkommen. Und nicht auf das, was sie
nicht können.“
29 May 2026
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