# taz.de -- Opposition in der Türkei: Monsteranklage gegen Ekrem İmamoğlu
       
       > Der Generalstaatsanwalt fordert 2.352 Jahre Haft für den Istanbuler
       > Oberbürgermeister İmamoğlu. Zudem soll dessen Partei CHP verboten werden.
       
 (IMG) Bild: Sitzt seit März im Gefängnis: Kundgebung für Istanbuls Bürgermeister Ekrem İmamoğlu im Oktober
       
       Es ist eine nie dagewesene Anklage in der türkischen Justizgeschichte.
       Zählt man alle Punkte der 3.900 Seiten umfassenden Anklageschrift gegen den
       Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu zusammen, kommt man auf 2.352
       Jahre Gefängnis, die der Istanbuler Generalstaatsanwalt Akin Gürlek für
       İmamoğlu fordert.
       
       Dazu kommt, dass die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft ihre Kollegen in
       Ankara auffordert, beim zuständigen Verfassungsgericht [1][ein Verbot der
       Republikanischen Volkspartei CHP zu beantragen]. „Das ist keine
       Anklageschrift, sondern eine politische Erklärung von Putschisten“, sagte
       der Vorsitzende der CHP, Özgür Özel, in einer ersten Reaktion auf die
       Presseerklärung der Generalstaatsanwaltschaft am Dienstagnachmittag.
       
       Schon nach der Verhaftung von İmamoğlu im März dieses Jahres hatte Özel von
       einem zivilen Putsch gesprochen, durch den die Demokratie in der Türkei
       infrage gestellt werde. Özel präzisierte das nun und sagte: „Dieses Mal
       kommen die Putschisten nicht wie in der Vergangenheit mit Panzern, sondern
       in Richterroben. Eine Handvoll Menschen, die durch Wahlen an die Macht
       gekommen sind, wollen nicht durch Wahlen ihre Macht wieder verlieren.“
       
       Schaut man sich die jetzt vorgelegte Anklage gegen İmamoğlu genauer an,
       wird schnell deutlich, warum die CHP von einem rein politisch motivierten
       Verfahren gegen ihren Präsidentschaftskandidaten spricht. Er soll bei den
       nächsten Wahlen gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan antreten und hätte
       wohl gute Chancen, das Präsidentenamt zu gewinnen.
       
       ## Aktive und passive Bestechung
       
       In der Anklageschrift wird eine „kriminelle Vereinigung“ konstruiert, deren
       Kopf İmamoğlu gewesen sein soll. Diese „kriminelle Vereinigung“ habe den
       Zweck gehabt, durch aktive und passive Bestechung ihre Macht auszubauen,
       Gelder zu waschen und Mittel aus der öffentlichen Verwaltung in illegale
       Wahlkampfhilfe für die CHP zu transferieren.
       
       Insgesamt sollen der „kriminellen Vereinigung“ 402 Personen angehören, die
       alle aus dem Umfeld İmamoğlus oder aus den Bezirksverwaltungen von Istanbul
       kommen. Neben İmamoğlu sind weitere 17 Bürgermeister der CHP im vergangenen
       Jahr verhaftet worden.
       
       Außer einigen namenlosen Informanten hat die Staatsanwaltschaft nicht viel
       aufzubieten, um ihre Vorwürfe zu beweisen. „In jedem ordentlichen
       rechtsförmigen Verfahren würde jedes Gericht diese Anklage von vorneherein
       ablehnen“, sagte einer der Anwälte İmamoğlus.
       
       Aber an diesem Verfahren ist eben wenig Rechtsförmiges. Stattdessen wurden
       Mitarbeiter İmamoğlus nach ihrer Verhaftung bedroht. Wenn sie nicht gegen
       İmamoğlu aussagten, müssten sie sich auf eine lange Haftstrafe einstellen.
       In einigen Fällen wurde sogar damit gedroht, andere Familienmitglieder
       ebenfalls zu verhaften.
       
       ## Zunehmend riskant
       
       Für İmamoğlu einzutreten, erwies sich als zunehmend riskant. Zwei seiner
       Anwälte wurden verhaftet, Hunderte Demonstranten, die sich für die
       Freilassung İmamoğlus engagiert hatten, wurden festgenommen. Journalisten,
       die es wagten, die offizielle Erzählung über İmamoğlu anzuzweifeln, wurden
       noch vergangene Woche von der Polizei vorgeladen, mussten ihre Handys
       abliefern und ihre Pässe abgeben.
       
       [2][Der der CHP nahestehende Fernsehsender Tele 1 wurde unter staatliche
       Zwangsverwaltung gestellt] und sendet seitdem nur noch Propagandavideos für
       Erdoğan. Nur ein einziger TV-Sender, dessen Chefredakteur aber auch bereits
       verhaftet ist, sendet noch Stellungnahmen der Opposition.
       
       Seit die sozialdemokratisch-kemalistische CHP 2024 landesweit die
       Kommunalwahlen gewonnen hat und dabei fast alle Metropolen des Landes für
       sich gewinnen konnte, weiß Präsident Erdoğan, dass er auf demokratischem
       Weg kaum noch eine Chance hat, seine Präsidentschaft bei den nächsten
       Wahlen zu verteidigen. Nach der Verfassung dürfte er sowieso nicht noch
       einmal antreten, aber dieses Problem ließe sich ja regeln.
       
       Seit der Niederlage bei den Wahlen 2024 fährt Erdoğan mit seinen Vertrauten
       nun eine Doppelstrategie. Auf der einen Seite will er mithilfe einer
       willfährigen Justiz, die er weitgehend kontrolliert, die CHP vernichten.
       Auf der anderen Seite versucht er die kurdische DEM-Partei für sich zu
       gewinnen, damit er mit ihrer Hilfe ein verfassungsänderndes Quorum im
       Parlament erreichen kann.
       
       So kommt es, dass nun der landesweit beliebteste demokratische Politiker,
       Ekrem Imamoğlu, für immer im Gefängnis verschwinden soll, während der
       frühere Vorsitzende der kurdischen HDP, Selahattin Demirtaş, der schon seit
       acht Jahren als Erdoğans persönlicher Gefangener im Knast sitzt, plötzlich
       freikommen könnte. Das Ganze, so sagte Özgür Özel am Dienstagabend, habe
       mit einer „unabhängigen Justiz nichts zu tun, sondern dient einzig den
       politischen Ambitionen einer Person“.
       
       12 Nov 2025
       
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