# taz.de -- 1.379 Tage Krieg in der Ukraine: Wie ukrainische Städte aussterben
       
       > Im ostukrainischen Schachtarske hatten sich die Menschen an den Krieg
       > gewöhnt. Doch ein Drohnenangriff im Oktober veränderte das Leben in der
       > Stadt komplett.
       
 (IMG) Bild: Die menschenleere Stadt Kostjantyniwka in der Region Donezk liegt nur zwei Stunden von Schachtarske entfernt
       
       Noch Mitte Oktober erweckte die Kleinstadt Schachtarske den Eindruck eines
       von Gott gesegneten Ortes. Die Lage im Osten des Gebietes Dnipropetrowsk
       und die Nähe zur Front hatten in den letzten 4 Jahren nur wenig Einfluss
       auf das städtische Leben gehabt. Einige Dörfer in der Umgebung waren
       mehrfach bombardiert worden, Schachtarske aber blieb lange unbeschädigt.
       
       Heute ist das Städtchen halbleer. Viele Familien sind nur noch da, weil es
       ihnen schwerfällt, von einem auf den anderen Tag alles zu verlassen, was
       ihnen wichtig ist. Manche planen zwar schon ihren Umzug, zögern den
       Abschied jedoch so lange wie möglich hinaus.
       
       ## An den Krieg gewöhnt
       
       Schachtarske liegt nur 40 Kilometer von der Grenze zum Gebiet Donezk
       entfernt. Bis vor Kurzem lebten hier rund 30.000 Menschen, darunter über
       8.000 Binnengeflüchtete. In der Stadt gab es zwei Kohlebergwerke, es
       mangelte nicht an gut bezahlten Arbeitsplätzen. Noch in diesem Jahr wurden
       neue Geschäfte und Cafés eröffnet.
       
       Die Menschen hatten sich gewöhnt: an die wachsende Zahl der in der Stadt
       stationierten Soldaten und auch an den ständigen Lärm der Drohnen und das
       Donnern von der Front.
       
       [1][Als die russischen Streitkräfte das gut 70 Kilometer östlich gelegene
       Pokrowsk belagerten], stieg das Gefühl von Unsicherheit und Angst, auch
       aufgrund der eigenen Soldaten. Denn deren Sammelpunkte gelten als Ziele für
       russische Drohnenangriffe. Und viele der aus Pokrowsk rotierenden Soldaten
       mieten in Schachtarske Wohnungen.
       
       ## Drohnenangriff mit Todesfolge
       
       Und dann geschah es: In der Nacht auf den 19. Oktober wurde ein
       Mehrfamilienhaus in der Stadt gezielt von Drohnen angegriffen. Eine Frau
       starb später an den Folgen ihrer Verletzungen im Krankenhaus. In mehreren
       Häusern brannten Wohnungen aus. Gerüchte machten die Runde, viele glaubten,
       die ukrainischen Streitkräfte hätten selbst die Drohnen gestartet, um die
       Mietpreise zu senken. Das sind die Auswirkungen russischer Propaganda auf
       Social Media und der hybriden Kriegsführung.
       
       Am 6. November wurde durch russische Luftangriffe ein wichtiges Umspannwerk
       in der Region zerstört. In vielen Orten, auch in Schachtarske, fiel der
       Strom aus. Rund 2.600 Bergarbeiter blieben in den Gruben eingeschlossen.
       Die Rettungsaktion dauerte mehrere Stunden.
       
       Fast zwei Wochen gab es in Schachtarske dann kein fließendes Wasser und
       keine Zentralheizung mehr, Strom nur wenige Stunden pro Tag. Die Menschen
       begannen, den Ort zu verlassen. Ob die Wärmeversorgung je wieder
       funktionieren würde, war unklar.
       
       Die Kämpfe im nahegelegenen Pokrowsk wurden immer heftiger. Aus Angst vor
       Angriffen auf die Heizwerke kündigten auch dort einige Mitarbeiter.
       [2][Gerade zu dieser Zeit wurde der jüngste Korruptionsskandal in Kyjiw
       aufgedeckt]. Das verstärkte Wut und Misstrauen der Bevölkerung.
       
       ## Heizung repariert, Bergwerke wieder in Betrieb
       
       Zwar nahmen die Kohlebergwerke in Schachtarske den Betrieb wieder auf. Die
       Heizsysteme wurden repariert, ein russischer Durchbruch etwa 35 Kilometer
       südöstlich von Schachtarske wurde abgewehrt.
       
       Dann stellte sich heraus, dass ukrainische Zivilisten, die von Russland
       angeworben worden waren, den russischen Drohnenangriff verursacht hatten.
       In dem bombardierten Haus hatten ukrainische Offiziere eine Wohnung
       gemietet und sie waren das eigentliche Ziel. Die ukrainischen Informanten
       wurden festgenommen.
       
       Heute wird das [3][Energiesystem im sogenannten West-Donbas] mithilfe von
       Fachkräften aus der EU und Norwegen gestärkt. Die Ukraine benötigt Kohle
       für den kommenden Winter.
       
       ## Wie eine Stadt ausstirbt
       
       Doch das Stadtleben in Schachtarske hat sich drastisch verändert. Seit dem
       Herbst findet Schulunterricht nur noch online statt, viele Kinder sind
       weggezogen. Das Werk für die Wartung von Bergwerksanlagen wird bald in die
       zentrale Ukraine verlegt. Sollte die Ukraine gezwungen sein, das gesamte
       Gebiet Donezk aufzugeben, wären russische Truppen nur 40 Kilometer von der
       Stadt entfernt. [4][Solche Aussichten wirken deprimierend].
       
       Denn der Winter endet irgendwann, aber die gefährliche Nachbarschaft nie.
       
       3 Dec 2025
       
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