# taz.de -- Theaterstück über islamistischen Terror: Wir stürzen und sind nicht mehr von dieser Welt
> Vor zehn Jahren griffen islamistische Terroristen Paris an. Am Schauspiel
> Köln versucht das Stück „V13“ zu erklären, was und warum es geschah.
(IMG) Bild: Der Prozess gegen die Terroristen der Pariser Anschläge von 2025 als Stück. Claude de Demo und Paul Grill erzählen und fragen
Vermutlich wissen noch viele, wo sie sich am Freitag, dem 13. November vor
zehn Jahren aufhielten – [1][die Massaker des IS von Paris, im Club
Bataclan, auf den Caféterrassen, die Schüsse im Stade de France, bei denen
130 Menschen starben, haben sich eingebrannt ins kollektive europäische
Gedächtnis]. Dennoch wirken die Jahre um 2015 auch wie ein komplett anderes
Zeitalter. Als Islamisten als allgegenwärtige Bedrohung erschienen.
„V13“ wird der traumatische Tag vor zehn Jahren in Frankreich genannt. Erst
2022 kam es zu seiner Aufarbeitung, neun Monate lang: Ein Prozess stellte
rund zwanzig Helfershelfer der Terroristen vor Gericht sowie den Bruder des
einen Attentäters, der seinen Sprengstoff nicht zündete. Der Schriftsteller
Emmanuel Carrère ist ein Spezialist für Traumata – aber an so ein großes
hat er sich wohl noch nie gewagt. Warum tat er sich das an? Als Kolumnist
vom Nouvel Observateur beauftragt, zog sich Carrère neun Monate lang 1.800
Zeugenaussagen, detaillierteste Berichte des großen Grauens rein, „extreme
Lebens- und Todeserfahrungen“, wie es im Stück heißt. Aber: Er suchte und
versuchte tief ins Innerste eines jeden einzutauchen, sich dessen Motivlage
zu eigen zu machen, mit feinen Antennen und tiefen Fragen nach Schuld, nach
Radikalisierung, nach krankhaften Mutationen von Religion, nach der
Möglichkeit des Weiterlebens. Kann ein Rechtsstaat so etwas überhaupt
aufarbeiten?
Am Schauspiel Köln bringt Regisseur Stephan Kimmig Carrères
Gerichtsreportage „V13“ nun erstmals ins Theater, als Teil des dortigen
Schwerpunkts „Theater und Journalismus“. Wir sitzen zum Teil mit auf der
Bühne, auf einer Sperrholzplatte. Extra gebaut – so wie auch der
Gerichtssaal mitten in den Justizpalast auf der Île de la Cité (aus
Sperrholz) gebaut wurde. Drei Rolltische mit Projektoren werfen immer
wieder illustrierende Schwarz-Weiß-Bilder auf die Wände oder Info-Kästen,
später zeigen sie die zwei Schauspieler in Großaufnahmen zum Teil doppelt
und in verschieden Größen. Claude De Demo und Stefan Grill, dunkel und
diskret gekleidet, ganz im Dienst der Sache. Wie lauernde Tiere kreisen sie
um die Tische und rekonstruieren die Tatnacht. Als „Annäherung“, „Versuch“,
als ein „Miteinander-Herausfinden“ wollen sie ihre Bühnenarbeit verstehen –
so genau wissen sie es selber nicht und fragen ins Publikum, berichten,
lesen vor, schlüpfen in Rollen. Teilen den Abend auf in „Die Opfer“, „Die
Angeklagten“, „Das Gericht“.
## Krasse Schilderungen hören wir vom Bataclan
Das gibt zum Teil unerträglich detaillierte Einblicke in das Geschehen.
Krasse Schilderungen etwa hören wir vom Bataclan, dem Konzert-Massaker.
Halbe Wangenhälften, wo tut man dann die Zähne hin? Konfettiregen aus
Fleischstücken, Matsch aus Blut, Todesarten für 90 Menschen in zehn
Minuten. Wir hören von einem „Auserwählten“ aus den Opfern, den die
Terroristen als „einen der ihren“ auf die Bühne bitten. Carrère sucht und
fragt und zieht sich das Grauen rein, und die zwei Schauspieler reenacten
es, erzählen es nach, werden zum Medium, das es wieder auferstehen lässt.
Danach sind die Terroristen und Angeklagten dran – die meisten von ihnen
sind, wissen wir, tot. Buchstabenkolonnen rauschen über die Sperrholzwand.
Namen, Geburtsdaten, Orte. Wir erfahren, dass keiner von ihnen ein
Sozialfall war. Keine Armutsradikalisierung. Dass die These von der
Unterprivilegiertheit der Terroristen nicht funktioniert. Dass Drahtzieher
Abdelhamid Abaaoud auf eine katholische Privatschule ging, Jetski- und
Bizeps-Bilder postete. Radikalisiert wurden er und die anderen durch
salafistische, in Europa erlaubte Moscheen und durch ihre eigene Suche nach
Identität. Das gibt immer wieder Erkenntnisblitze – aber vor allem erfüllt
es den Zuschauer mit einer Art atemlosen Voyeurismus. Eine genießerische
Theaterqual.
So sadistisches Propagandamaterial wie vom IS habe es nie vorher gegeben,
hören wir: Normalerweise verstecken totalitäre Regime ihre Folterarbeit.
Hier wurde sie zu Werbezwecken verbreitet. „Warum“?, fragt Schauspielerin
Claude De Demo immer wieder energisch, fast penetrant ins Publikum. Fast
sind sie und ihr Kollege selbst im Empörungs- und Anklagemodus. Es wirkt
anstrengend, aber auch intensiv. Dann geht es noch einmal um die Opfer,
Aussagen der Überlebenden. Einblicke in zerstörte Leben, vielleicht
kathartische Erzählungen: Claude De Demos Stimme verändert sich, zittert,
wird zart und zerbrechlich.
## Das reale Böse, ist trist, banal und öde
Sie erzählt, wie Nadia ihre Tochter verlor. Die letzte SMS. Das Warten auf
Lebenszeichen. Wie sich ihr Mann, der Vater, erst als Aktivist engagiert,
später aus Trauer umbrachte. Immer wieder fischt Carrère Sätze aus
Zeugenaussagen, die einschlagen, Wucht entfalten, auch auf der Bühne: „In
dem Moment geht eine Falltür auf, wir stürzen und sind nicht mehr von
dieser Welt“, beschreibt Nadia den Verlust der Tochter bestürzend präzise.
Oder das kraftvolle Zitat vom realen Bösen, das man sich romantisch
vorstellt und das doch so trist, banal und öde ist – während das Gute im
Roman langweilt, real erlebt aber berauscht und inspiriert.
So reihen sich die Geschichten aneinander, formen sich zu bedrückenden,
quälenden, manchmal inspirierenden Tableaus. Doch geht kaum etwas daran
über eine Internetrecherche, über Stückwerk hinaus. Denn an diesem Abend
gibt es eine Leerstelle: die des Autors selbst. Seine Motivation,
Perspektive, Suche, was ihn trieb – werden von niemandem erzählt. Wir
wissen nicht, warum er sich die Qualen des Prozesses angetan hat. Was er
daraus gelernt hat. Wir vermissen seine Zweifel, seinen Überdruss. So fehlt
diesem perverserweise unterhaltsamen Abend der schauerlichen Fakten ein
Zentrum, ein Grund – und eine Erkenntnis.
16 Nov 2025
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## AUTOREN
(DIR) Dorothea Marcus
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