# taz.de -- Über Abschiede und Trauer: Ein ganzes Haus voller Spuren von Leben
       
       > Unsere Kolumnistin schätzt gute Kleidung. Das Angebot eines Freundes,
       > sich die Sachen seiner verstorbenen Mutter anzuschauen, ist da eine
       > Verlockung.
       
 (IMG) Bild: Schon schick: Spitze
       
       Ein lieber Freund räumt sein Elternhaus aus, etwas, das man in unserem
       Alter tut. Mein Freund hatte mich gefragt, ob ich ein paar Sachen haben
       wolle, Accessoires, die seiner Mutter gehört hatten, die eine elegante Frau
       gewesen war. „So wie du“, sagte mein Freund.
       
       Ich bin in seinen Augen eine elegante Frau. Ich nehme das gerne an, ich
       lege viel Wert darauf, gut gekleidet zu sein. Meine Stylevorbilder sind
       Sekretärinnen in „Columbo“-Filmen. Als Jugendliche schon, als ich noch gar
       keine „Columbo“-Filme gesehen hatte.
       
       Meine Mutter empörte das, sie sah darin eine Art Dünkel oder ein
       „Besserseinwollen“. Sie lag damit gar nicht so falsch. Ich wollte mich
       besser anziehen als sie, das war ein jugendlicher Trotz. Heute bin ich sehr
       tolerant, was Kleidung angeht, viel toleranter als meine Mutter. Mir
       gefällt es, wenn Menschen Kleidung tragen, die zu ihnen passt, in der sie
       sich richtig fühlen. Das ist Mode, wie ich sie verstehe. Eine Form des
       eigenen Ausdrucks. Ich bin für die Vielfalt der Stile. Selbst den, der
       behauptet, er wolle nichts aussagen, sich der Bequemlichkeit fügen, denn
       auch das ist eine Entscheidung, und zwar eine sehr entspannte.
       
       Ich bin keineswegs entspannt mit meinem Drang, mich gut anzuziehen, aber
       immerhin macht die Umsetzung, das Ausleben dieses Dranges, mir viel Spaß.
       
       Accessoires sind [1][ein wichtiges Bestandteil von Mode] und ich war also
       verlockt von diesem Angebot meines Freundes. Mit dem Bus fuhr ich in einen
       Stadtteil, in dem ich noch nie war, und betrat das Haus, in dem mein Freund
       aufgewachsen war. Es war voller Spuren von Leben, dem Leben seiner Eltern.
       Ich sah Postkarten und Notizzettel, Briefe und Fotografien. Ich sah, wo sie
       gekocht, ferngesehen, Kaffee getrunken, geschlafen hatten. Ihr Leben war
       noch in dem Haus, und ich begriff, wie schmerzhaft das alles für meinen
       Freund war. Und ich konnte nicht umhin, daran zu denken, dass meine Kinder
       irgendwann meine Wohnung ausräumen werden müssen und dass ich mir überlegen
       will, vorher, wie ich es ihnen hinterlasse.
       
       Aber es kommt mir so vor, als müsste es noch weit in der Zukunft liegen,
       und ich weiß gar nicht, wie mein Leben dann ist, wenn ich alt bin. Ich
       denke, ich muss es noch nicht wissen und mein Vorsatz ist ein halbherziger.
       
       Von diesen ganzen Gefühlen begleitet wühlte ich also in den Sachen der
       eleganten Mutter herum, und die Frau meines Freundes machte es mir einfach,
       indem sie alles vor mich hinlegte. Ich fühlte vieles gleichzeitig, Scham,
       Melancholie, Begeisterung (denn es waren so wunderbare Lederhandschuhe,
       Tücher, Schals, Strumpfhosen, in allen Farben, nie könnte ich mir so etwas
       Schönes in solcher Auswahl leisten).
       
       Mein Freund sagte, er freue sich, wenn jemand etwas damit anfangen könne,
       er freue sich, wenn ich mich freue. Und ich sagte, ich freue mich ja, ich
       freue mich so. Ich sah, wie traurig das alles für ihn war, wie mühselig
       sich die beiden durch all diese Dinge kämpften, die das Leben von zwei
       Menschen ausgemacht hatten.
       
       Später stand ich mit einem ganzen Koffer voller Sachen in der Dunkelheit an
       der Bushaltestelle. Der Mond stand weiß über der Tankstelle gegenüber. In
       der U-Bahn Scharen von Jugendlichen, [2][die sich für Halloweenpartys]
       zurechtgemacht hatten.
       
       Auch bei mir klingelte es später immer wieder an der Tür. Ich machte nicht
       auf, das erste Mal seit Jahren hatte ich nichts zu Hause. Sonst hatte ich
       immer etwas gehabt, aber niemand war gekommen, jetzt war es umgedreht.
       Alles ändert sich, wirklich alles.
       
       12 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Zum-Tod-von-Giorgio-Armani/!6112061
 (DIR) [2] /Queerer-Club-SchwuZ-in-Berlin-Neukoelln-Ein-letzter-Tanz/!6126056
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Kolumne Zu verschenken
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Mode
 (DIR) Trauer
 (DIR) Eltern
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Longread
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Eine Weihnachtsgeschichte: Johnny kommt zu dritt
       
       Das Weihnachtsfest mit neuer Liebe und unerwartet vielen neuen Menschen –
       und dann auch noch dieser uralte Hund, der einfach nicht pinkeln will.
       
 (DIR) An der Welt zweifeln: Zwei Geschichten vom Menschen
       
       Optimismus ist schwer. Aber immer, wenn unsere Kolumnistin den Glauben an
       die Menschheit beinahe verliert, passiert doch wieder etwas ganz
       Wunderbares.
       
 (DIR) Ein Problem der Wahrnehmung: Eben eine alte weiße Frau
       
       Sie sehe, meint unsere Kolumnistin, für ihr Alter noch ganz gut aus. Andere
       aber sehen das nicht. Weil man im Alter auf merkwürdige Weise unsichtbarer
       wird.
       
 (DIR) Dauerthema Bahn: Im Geisterzug nach Feierabend
       
       Alle reden vom Wetter? Nein, heute geht's doch meistens um die Bahn. Unser
       Kolumnist kann es trotzdem nicht lassen. Es war aber auch wirklich schlimm.
       
 (DIR) Immer wieder Ärger mit der Post: Ein schnelles Tänzchen in der Postfiliale
       
       Alle Klischees über deutsche Bürokratie-Tristesse und Mitarbeiterwillkür
       lassen sich bestätigen, meint unser Kolumnist. Wenn man nur ein Postfach
       hat.
       
 (DIR) Nachdenken im Herbst: Gründe für Wut, Gründe für Dankbarkeit
       
       Oft, sagt unsere Kolumnistin, überwältigt sie die Stadt: die Menschen, ihr
       Elend, ihre Gemeinheit. Aber auch ihre Güte und Fröhlichkeit überwältigen
       sie.