# taz.de -- Kein Geld für interkulturelle Beratung: Im falschen Topf
       
       > Der Verband binationaler Partnerschaften und Familie soll kein Geld mehr
       > bekommen, weil er nicht nur Frauen berät, sondern auch Männer und
       > Familien.
       
 (IMG) Bild: In die Beratung kommen zum Beispiel nicht-deutsche Frauen, die nach gescheiterter Ehe zurück wollen und Angst um ihre Kinder haben
       
       Berlin taz | Es gibt derzeit viele Vereine und Verbände, die um ihre
       Existenz bangen, weil sie von Kürzungen betroffen sind. Einer von ihnen ist
       der Berliner Ableger des Verbands binationaler Partnerschaften und
       Familien. Hier ist das angekündigte Aus besonders tragisch: „Wir sind die
       einzige spezialisierte Beratungsstelle für mehrfachkulturelle,
       internationale Paare und Familien in Berlin“, erklärt die Geschäftsführerin
       Tatiana Lima Curvello.
       
       Die Menschen, die die Beratungsstelle in Kreuzberg aufsuchen, haben ganz
       unterschiedliche Probleme. Es kommen zum Beispiel nicht-deutsche Frauen,
       die einen deutschen Mann geheiratet haben, nun aber nach dem Scheitern der
       Ehe zurück wollen und nicht wissen, ob und wie sie die Kinder mitnehmen
       können. Es kommen binationale Paare für eine Rechtsberatung, „weil sie
       heiraten wollen und nicht wissen, welche Papiere man benötigt“, so Lima
       Curvello.
       
       Eine weitere Gruppe ist erst in den letzten zehn Jahren in der Beratung
       aufgetaucht, erzählt die gebürtige Brasilianerin: junge Erwachsene der
       zweiten oder dritten Einwanderergeneration, die unter den
       traditionsbehafteten Erwartungen oder Forderungen ihrer Eltern leiden. Die
       etwa ihre*n deutsche*n Partner*in verlassen oder eine*n muslimische*n
       Partner*in heiraten sollen. Oder die es nicht mehr aushalten, dass sie für
       die ganze Familie den Papier- und Ämterkram übernehmen sollen, weil sie als
       einzige richtig gut Deutsch sprechen. „Interkulturelle Probleme innerhalb
       von Familien aufgrund nicht bearbeiteter Integrationsfragen sind ein
       zentrales neues Thema in unserer Beratung“, erklärt Curvello.
       
       Der Verband bietet Rechtsberatung sowie therapeutische Einzel-, Paar- oder
       Familienberatung durch ausgebildete Therapeut*innen, die neben klassischer
       Psychologie auch den gesellschaftlichen Kontext von Psychologie in den
       Blick nehmen. „Die Ethnopsychoanalyse ist eine besondere Herausforderung
       für Therapeuten, weil auch sie lernen müssen, mit ihren eigenen kulturell
       erlernten Weltbildern umzugehen“, sagt Lima Curvello.
       
       ## Anfang als Frauenverein
       
       Ihr Wissen und ihre Erfahrungen geben die therapeutischen Berater*innen und
       Anwält*innen über Supervisionen und Workshops an andere Organisationen, an
       Ämter, Multiplikator:innen, Berater*innen weiter – darunter sind etwa das
       Auswärtige Amt und die Erziehungsberatungsstelle Fennpfuhl. Rund 2.000
       Beratungen haben die Mitarbeitenden in 2024 abgehalten, wöchentlich gibt es
       etwa fünf Rechtsberatungen und 15 bis 20 therapeutische Beratungen.
       
       Bisher gab es für die Arbeit knapp 200.000 Euro aus der Abteilung
       Gleichstellung der Senatsverwaltung für Integration und Arbeit. „Das hat
       historische Gründe“, erklärt Lima Curvello. „Zu Beginn waren wir ein
       Frauenverein, während wir heute geschlechtsunabhängig beraten, also auch
       Männer, sowie Familien und Paare.“ Seit 1973 wird der Berliner Ableger des
       Verbands durchgehend von der Senatsverwaltung gefördert.
       
       „Was damals als kleines Projekt begann, ist heute eine anerkannte und
       etablierte Beratungsstelle und ein Kompetenzzentrum für interkulturelle
       Partnerschaften und Familien", schreibt die in Frankfurt/Main ansässige
       Bundesgeschäftsstelle des Verbands in einem [1][„Brief an die Politik"], in
       dem sie darlegt, warum die Einstellung der Förderung nicht nur für
       Ratsuchende, sondern auch für die gesamte Beratungs- und
       Integrationslandschaft Berlins gravierende Folgen hätte.
       
       Die Senatsverwaltung bestätigt auf taz-Anfrage, das Projekt nicht weiter
       fördern zu wollen. Es habe „keine explizit frauenspezifische Ausrichtung“
       und richte sich damit „weniger an unsere primäre Zielgruppe, nämlich Frauen
       mit Migrations- oder Fluchtgeschichte in besonderen Konflikt- und
       Lebenslagen“. Zudem habe das Projekt einen starken Fokus auf
       Fachöffentlichkeit, Wissenstransfer und Konzeptentwicklung. Das seien zwar
       wichtige Themen, aber "angesichts der knappen Ressourcen hat unser Haus
       entschieden, den Schwerpunkt auf unmittelbare, niedrigschwellige
       Unterstützungsangebote für die genannte Zielgruppe zu legen."
       
       Darüber kann Lima Curvello nur den Kopf schütteln. Schon seit Jahren sei es
       so, dass sie auch Männer und Paare beraten – also strenggenommen nicht in
       den Gleichstellungsfinanztopf „passen“, aber dies habe die Verwaltung nie
       gestört. „Die Politik redet ständig von gesellschaftlichem Zusammenhalt,
       von Integration und sozialer Stabilität – aber einen Verband, der sich auf
       Familienebene darum kümmert, lässt man im Stich.“
       
       15 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://berlin-verband-binationaler.de/wordpress/wp-content/uploads/2015/02/Brief-an-die-Politik.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Memarnia
       
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