# taz.de -- Eröffnung der Frankfurter Buchmesse: Die Welt in Fetzen
       
       > Loren Legarda, José Rizal, Wolfram Weimer und Rilke, nein Adorno:
       > philippinische wie deutsche Politiker boten zur Buchmesseneröffnung manch
       > Einblicke.
       
 (IMG) Bild: Loren Legarda, Senatorin der Republik der Philippinen, spricht bei der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse, am 14.10.2025
       
       Im letzten Jahr waren sich alle des Dilemmas bewusst: Italien war Gastland
       der Frankfurter Buchmesse und die Würdenträger:innen aus Rom wollten
       begrüßt werden. Da diese jedoch einer rechten, postfaschistischen Regierung
       angehörten, die zudem unter Zensurverdacht stand, [1][waren bei der
       Eröffnung im letzten Herbst mitunter akrobatische Balanceakte seitens der
       deutschen Redner:innen zu beobachten.]
       
       Zwischentöne dieser Art fehlten in diesem Jahr ganz. Tosender Applaus
       brandete auf nach der Rede der philippinischen Senatorin Loren Legarda, die
       an den Nationalhelden und Schriftsteller José Rizal erinnerte. Rizal war
       Ende des 19. Jahrhunderts hingerichtet worden, weil er die spanische
       Kolonialregierung kritisiert hatte. Ihn zu feiern, ist unverfänglich, sein
       Tod lange her. Senatorin Legarda brachte die Übel der Welt zur Sprache,
       Ungerechtigkeit, Korruption, Tyrannei, gegen die Literatur eine Waffe sei.
       Welche Anwendung diese Waffe aktuell auf den Philippinen findet, sagte sie
       nicht. [2][Die Schere zwischen Arm und Reich geht weit auseinander auf dem
       Inselstaat,] die politischen Geschicke des Landes liegen in den Händen von
       Clans, den „fat dynasties“, einflussreichen philippinischen
       Familiendynastien. An der Spitze: Präsident Ferdinand Marcos jr., Sohn des
       1986 aus dem Land gejagten Diktators.
       
       Auch deutsche Politiker betraten bei der Eröffnung der Frankfurter
       Buchmesse, die bis Sonntag läuft, am Dienstagabend das Podium. Was aus der
       Richtung zu hören war, fiel größtenteils in die Kategorie
       Multifunktionsrede, denn mit Literatur hatte das Ganze zumeist wenig zu
       tun. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) erinnerte an das
       Stadtplanungskonzept „Neues Frankfurt“, das in diesem Jahr 100. Geburtstag
       feiert, und beschwor seine Zuhörer:innen, sich für den Erhalt der
       Demokratie einzusetzen. Entscheiden, was das Richtige sei, und dann die
       Bevölkerung davon zu überzeugen, das mache für ihn einen großen Politiker
       aus, so Josef.
       
       ## Dem guten Willen eines Erwachsenen ausgeliefert
       
       Auch sein Nachfolger auf der Bühne im Frankfurter Congress Center, Hessens
       Kultusminister Armin Schwarz, streifte das Thema Literatur nur am Rande.
       Der CDU-Politiker erzählte von einem 12-jährigen Mädchen aus Afghanistan,
       das er offenbar getroffen hatte, hinter ihm lief jedenfalls eine Diashow
       über den Bildschirm, die Schwarz in einem Klassenraum zeigte. Dass dieses
       Mädchen nun in Deutschland zur Schule gehe und die gleichen Rechte habe wie
       alle anderen Jungen und Mädchen, das sei für ihn der Inbegriff von
       Demokratie. Ein interessantes Gleichnis: eine Gruppe Unmündiger, dem guten
       Willen eines Erwachsenen ausgeliefert, alle mit unterschiedlichen Bleibe-
       und Duldungsrechten ausgestattet.
       
       Die Brücke zwischen den verschiedenen Wortbeiträgen bei der
       Buchmesseneröffnung schlug eine Stimme aus dem Off. Angeblich einem echten
       Menschen zugehörig, den man allerdings nie zu Gesicht bekam, hätte die
       Stimme auch einer künstlichen Quelle entstammen können. Die Sinne waren
       jedenfalls geschärft, warnte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer doch
       eindringlich vor den Gefahren, die von KI ausgehen. Zumindest wenn es sich
       um ausländische KI-Unternehmen handele, die sich auf „vampiristische Weise“
       an den Ideen „kluger Köpfe“ bediene. Nichts anderes als „digitaler
       Kolonialismus“ sei das.
       
       Der parteilose Politiker und Gründer des konservativen bis rechtsliberalen
       Magazins Cicero recycelte [3][seine Rede vom internationalen
       Literaturfestival Berlin, das er mit ähnlichen Worten eröffnete.] Von den
       Wiesen „unserer blauen Blumen“ war erneut die Rede, von Rilke, diesmal auch
       von Adorno. Die Brücke zur Literatur schlug Weimer immerhin, KI werde die
       Welt der Bücher „in Fetzen reißen“, sagte er, sie weitaus dramatischer
       verändern, als es die Digitalisierung vermochte. Letztere, da war sich
       Weimer immerhin sicher, habe die Buchbranche aber zumindest gut überlebt.
       
       15 Oct 2025
       
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