# taz.de -- Zeitzeuge Stanisław Zalewski: Er sabotierte die Autos der Nazis
       
       > Der ehemalige Mechaniker Stanisław Zalewski überlebte drei
       > Konzentrationslager. Nun wird er 100 und noch immer sucht er als
       > Zeitzeuge das Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Unermüdlich lehrt er Menschlichkeit: Zalewski vor den Mauern von Auschwitz bei einer Kranzniederlegung 2023
       
       Wien taz | Die Treppe hinunter will er selbst gehen. Stanisław Zalewski,
       Jahrgang 1925, lehnt jede Hilfe ab, als er im Wiener Kino hinabsteigt. „Er
       arbeitet immer noch dreimal pro Woche im dritten Stock ohne Aufzug in
       seinem Büro in Warschau“, erklärt Regisseurin Magdalena Żelasko den
       staunenden Jugendlichen. „Sein Arzt sagt, das ist das beste Training für
       ihn.“ Am 1. Oktober wird Zalewski seinen 100. Geburtstag feiern – ein
       Datum, das er selbst nicht für möglich gehalten hätte, als er vor acht
       Jahrzehnten ums Überleben kämpfte.
       
       Hunderte Schülerinnen und Schüler sind an diesem Septembertag ins Kino
       gekommen, um Żelaskos Dokumentarfilm „Botschafter des Erinnerns“ zu sehen
       und anschließend dem Mann zu begegnen, um dessen Leben es darin geht. Der
       Saal ist überfüllt, weitere Jugendliche strömen noch herein, während
       Zalewski bereits seine erste Antwort auf eine Zuschauerfrage formuliert.
       Einige Stunden später wird er im Rahmen der Verleihung des
       Wiesenthal-Preises im österreichischen Parlament ausgezeichnet – eine späte
       Anerkennung seines unermüdlichen Kampfes gegen das Vergessen.
       
       Zalewski war nur 14 Jahre alt, als das Deutsche Reich im September 1939
       sein Heimatland Polen überfiel. Der technisch begabte Jugendliche arbeitete
       in einer Autowerkstatt im jüdischen Viertel Warschaus und kam so früh in
       engen Kontakt mit der jüdischen Bevölkerung.
       
       Als der Terror begann, schloss er sich dem Widerstand an. Seine
       Sabotageakte waren ebenso einfallsreich wie gefährlich: Er gab vor,
       deutsche Autos zu reparieren, manipulierte sie aber so, dass sie nach
       kurzer Zeit den Geist aufgaben. Diese Form des stillen Widerstands war
       charakteristisch für den katholischen Polen, der später sagen würde: „Ich
       bin Automechaniker und gehe sehr technisch an die Dinge heran. Ein
       Zentimeter ist ein Zentimeter. Ein Stift ist ein Stift.“
       
       Im Oktober 1943 wurde das Schicksal des damals 18-Jährigen besiegelt. Beim
       Schmieren von Widerstandsparolen wurde er verhaftet. Es folgten 545 Tage in
       den Konzentrationslagern Auschwitz, Mauthausen und Gusen – Tage, die
       Zalewski „ganz genau mehrmals durchgezählt“ hat. In Gusen II arbeitete er
       täglich zwölf Stunden im unterirdischen Stollen „Bergkristall“, wo Teile
       für die ersten Düsenflugzeuge der Welt produziert wurden.
       
       „Weckruf um vier Uhr morgens, um fünf Uhr anziehen, dann zum Frühstück eine
       Tasse schwarzen, bitteren Kaffee“, schildert Zalewski den aufmerksam
       zuhörenden Schüler:innen. „Dann wurde man in die Waggons verfrachtet und
       zur Arbeitsstelle gebracht.“ Die Fahrt mit der Schmalspurbahn dauerte
       lange, weil sie laut Zalewski zu Fuß von den SS-Männern begleitet wurde.
       
       Die Nummer, die ihm im Oktober 1943 auf den linken Unterarm tätowiert
       wurde, ist noch heute sichtbar. „Jeden Abend vor dem Schlafengehen sehe ich
       diese Nummer. Da werden die Erinnerungen wach“, erzählt er mit ruhiger
       Stimme. „Aber ich will mich nicht zurückerinnern. Ich will an die Zukunft
       denken, ich will positiv denken.“
       
       Auf die Frage eines Schülers, wie er es mental geschafft habe
       weiterzuleben, antwortet Zalewski nach langem Nachdenken: „Das ist eine
       Frage, die man vergleichen könnte mit dem Studium des Kosmos.“ Er macht
       eine Pause, sammelt sich und erklärt dann: „Ich habe mir jeden Abend wie
       ein Mantra vorgesagt: Ich muss überleben. Ich muss zurück zu meiner
       Familie, zu meiner Stadt, zu meinen Freunden, denn ich habe noch eine
       Aufgabe zu erfüllen.“
       
       Am 5. Mai 1945 wurde das Lager Mauthausen-Gusen schließlich von der
       US-Armee befreit. Zalewski kehrte am 22. Juli nach Warschau zurück, fand
       aber nur Trümmer vor. Mehr als 90 Prozent der Stadt waren zerstört worden.
       Seine ersten Schritte führten ihn über die einzige verfügbare Pontonbrücke
       in die Altstadt. „Ich stand dort und erstarrte förmlich. Soweit das Auge
       reichte: Schutt, Schutt, Schutt.“ Seine Mutter und sein Bruder hatten die
       Gefangenschaft nicht überlebt.
       
       Die Zeit nach der Befreiung war nicht weniger schwierig. „Direkt nach den
       Nazis kamen ja die Kommunisten“, erklärt sein Sohn Hubert, der mit dem
       Zeitzeugen nach Wien gekommen ist, im Gespräch mit der taz. „Mein Vater
       musste lügen, dass er aus Auschwitz zurückgekehrt ist. Kein Wort über
       Österreich oder Mauthausen, sonst hätten sie ihn gleich verhaftet.“ Ein
       Foto zeigt Zalewski damals in amerikanischer Uniform: „Das war mein ganzer
       Besitz“, erinnert er sich. „Ich hatte sonst nichts, als ich nach Kriegsende
       nach Polen zurückkehrte.“
       
       Jahrzehntelang sprach Stanislaw Zalewski nicht über das Erlebte – auch
       nicht in der eigenen Familie. „Meine Erinnerungen habe ich in eine
       wasserdichte Kiste eingepackt, mit einer Schnur umwickelt und im Wasser
       versenkt. Und ich ziehe sie gelegentlich hoch, werfe sie dann aber wieder
       weg“, beschreibt er seine Art, mit der Vergangenheit umzugehen. Diese
       mechanische und distanzierte Herangehensweise half ihm zu überleben.
       
       ## Widerwilliges Gedenken in Österreich
       
       Erst 1998, auf Initiative seines Sohnes Hubert, kehrte Zalewski erstmals
       nach Österreich zurück. „In der Familie wurde über das Thema nicht
       geredet“, erinnert sich Hubert Zalewski. „Als ich als Schüler ein KZ
       besuchte und zu Hause darüber reden wollte, sagte meine Mutter: Schluss
       damit. Mein Vater saß dabei und sagte nichts.“
       
       Der Sohn fuhr zunächst allein nach Mauthausen und Gusen, um zu sehen, was
       seinen Vater dort erwarten würde. Was er antraf, schockierte ihn: Während
       Mauthausen als Gedenkstätte erhalten war, fand sich in Gusen nichts, was an
       die KZ-Zeit erinnerte. „Da waren überall Villen, Häuser, schöne
       Blumenbeete“, erzählt Hubert Zalewski. Später kam er dann zusammen mit
       seinem Vater. „Ich habe ihn gefragt: Papa, wo ist der Appellplatz? Wo ist
       das Krematorium? Wo die Todeswand? Und er wusste es nicht.“ Alle Spuren
       kamen im Lauf der Jahre abhanden.
       
       Erst durch jahrelangen Druck polnischer Überlebender und ihrer Angehörigen
       entstand in Gusen eine Gedenkstätte. Die polnische Regierung hatte gedroht,
       das Gelände zu kaufen, falls sich Österreich nicht um ein würdiges Gedenken
       kümmere. Erst daraufhin kam Bewegung in die Sache. Viel zu spät, wie
       Stanisław Zalewski betont: „Für die, die es erlebt haben und sich erinnern,
       ist das nicht mehr wichtig. Aber für die Nachgeborenen.“ [1][Im Vergleich
       zu Deutschland sei die Aufarbeitung in Österreich lange unzureichend
       gewesen. Trotz mittlerweile zahlreicher Empfänge und Ehrungen hat Zalewski
       bis heute keine offizielle Entschuldigung Österreichs erhalten.]
       
       Die Wiener Regisseurin Magdalena Żelasko, gebürtig aus Krakau, hatte
       Zalewski vor fünf Jahren kennengelernt. Sie konnte nicht glauben, dass noch
       niemand einen Film über ihn gemacht hat. „Er hat eine Biografie, die für
       fünf Menschenleben reicht“, sagt sie. Ihr im Vorjahr erschienener
       Dokumentarfilm „Botschafter des Erinnerns“ behandelt nicht nur die Zeit in
       den Konzentrationslagern, sondern auch Zalewskis Widerstandstätigkeiten im
       Ghetto und seine heutige Arbeit als Zeitzeuge. Der Film ist derzeit nur im
       Rahmen von Schulvorführungen zu sehen, soll demnächst aber auch als Stream
       verfügbar sein.
       
       Seit seiner Pensionierung engagiert sich Zalewski intensiv in der
       Erinnerungsarbeit. 2008 übernahm er die Polnische Vereinigung der
       ehemaligen Häftlinge politischer Gefängnisse und Konzentrationslager
       Hitlers und wurde Vizepräsident des Auschwitz-Komitees. Unermüdlich besucht
       er Schulen und Gedenkveranstaltungen. Zu aktuellen politischen Fragen
       äußert sich Zalewski nicht, ihm geht es um die Vergangenheit und was man
       daraus lernen soll – auf einer persönlichen Ebene. Seine Botschaft ist
       stets dieselbe: Nur mit Verständnis und Respekt den Mitmenschen gegenüber
       habe die Menschheit eine Zukunft.
       
       Was ihm nach dem Krieg die Kraft gab, weiterzuleben? „Das ist die
       1-Millionen-Euro-Frage“, antwortet er schmunzelnd. „Ich muss wieder als
       Mechaniker antworten: Damit das Auto losfährt, braucht es den richtigen
       Treibstoff. Und mein Treibstoff war Hubert, mein Sohn.“ In seinem Leben
       habe er gelernt, dass das Glück nicht vom Himmel kommt. Man müsse dafür
       arbeiten. „Glück kann nur ein anderer Mensch geben. Nicht Schlösser, nicht
       Brillanten, nicht Boote, nicht Autos. Nur ein anderer Mensch.“
       
       [2][Obwohl die Zeitzeugen immer weniger werden], sieht Zalewski seine
       Mission noch lange nicht beendet. Mit bald 100 Jahren plant er bereits
       weitere Gespräche mit österreichischen Schülern – diesmal online aus
       Warschau. Seine Energie scheint unerschöpflich, wenn es darum geht, die
       Erinnerung wachzuhalten. Den Jugendlichen im Kino ruft er am Ende zu: „Ihr
       seid die Zukunft. Es ist eure Aufgabe, dass das nicht wieder passiert. Der
       Mensch muss für den Mitmenschen immer ein Mensch sein.“ Und dann fügt der
       gläubige Mann noch ein „Amen“ hinzu: „Es geschehe.“
       
       1 Oct 2025
       
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