# taz.de -- Rundlingsmuseum im Wendland: Leinenproduktion für die Sklaverei
       
       > Das Rundlingsmuseum Wendland, ein Freilichtmuseum im Landkreis
       > Lüchow-Dannenberg, zeigt die Verstrickung der Leinenproduktion in den
       > Kolonialismus.
       
 (IMG) Bild: Erzählen die regionale Geschichte der Leinenproduktion neu: die Kuratorinnen Ruth Stamm (l.) und Sarah Kreiseler im Museum
       
       Wer das Wendland ganz im Osten von Niedersachsen bereist, könnte denken:
       beschaulich, dieser Flecken Erde: Wald, Wiesen, Dörfchen – idyllisch. Aber
       auch das Wendland ist nicht ohne Schattenseiten.
       
       Nicht nur, dass es hier noch immer ein Atommüll-Zwischenlager gibt –
       immerhin ist die Planung für eine Hochradioaktiv-Endlagerstätte im
       Salzstock Gorleben inzwischen Geschichte, nicht zuletzt durch
       [1][Jahrzehnte örtlicher Anti-AKW-Bewegung]. Seit Jüngstem wissen wir auch:
       Die Region war tief in die Düsternisse der Kolonialzeit verstrickt, als
       Profiteur.
       
       Denn hier wurde protoindustriell Leinen produziert. Und Leinen diente als
       Zahlungs- und Verpackungsmittel für Kolonialwaren, war (Tausch-)Ware im
       Kolonialhandel. So entstand regionaler Wohlstand, groß genug, um bis heute
       sichtbar zu sein, etwa durch Häuser mit aufwendigen Ziergiebeln. Aber der
       Hintergrund dieses Wohlstandes war Menschenverachtung.
       
       Das Rundlingsmuseum Wendland, ein regionales Freilichtmuseum in Lübeln,
       einem Bilderbuch-Runddorf im Landkreis Lüchow-Dannenberg, in dem Besuchende
       auf den ersten Blick keine Konfliktthemen erwarten, erhellt diese
       Zusammenhänge.
       
       ## Globaler Blick im Regionalmuseum
       
       Seine bisher lokal- und technikgeschichtlich geprägte Dauerausstellung zur
       Geschichte der Leinenproduktion im 18. und 19. Jahrhundert ist reformiert
       und neu erzählt, erweitert um die Präsentation „Verflochten. Wendländisches
       Leinen und Kolonialismus“ – eine Globalsicht, die nicht zuletzt die Themen
       Transkulturalismus und Rassismus berührt, kolonialistische Gewalt.
       
       Hintergrund ist das Forschungsprojekt „Wendländisches Leinen und
       [2][koloniales Erbe. Spurensuche] einer transkulturellen Verflechtung im
       18. und 19. Jahrhundert“, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Fakultät
       Kulturwissenschaften der Lüneburger Leuphana-Universität, zwischen Herbst
       2023 und Sommer 2025. 100.000 Euro steuerte das niedersächsische
       Ministerium für Wissenschaft und Kultur bei.
       
       „Wir zeigen komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge auf, die in der
       Forschung bisher vernachlässigt waren“, sagt Ruth Stamm der taz,
       Kulturwissenschaftlerin an der Leuphana-Universität, wissenschaftliche
       Mitarbeiterin des Projekts, Kuratorin der Präsentation. „Wir zeigen, dass
       das Wendland Teil des weltweiten Kolonialsystems war, lange bevor es
       deutsche Kolonien gab.“
       
       Bisher sei die Neuausrichtung, im Kern erlebbar als Dauerausstellung im
       Flachs- und Leinenhaus des Museums, in der Region „sehr positiv“
       aufgenommen worden, sagt Sarah Kreiseler der taz, die das Museum leitet.
       Sie hatte die wissenschaftliche Projektleitung, ist ebenfalls Kuratorin der
       neuen Schau. „Wir sind viel Aufgeschlossenheit begegnet, viel
       Interessiertheit“, so Stamm, „auch bei sehr alteingesessenen Personen, die
       selbst mit dem Material Leinen gearbeitet haben.“
       
       Klar sei gewesen, „dass zum Output des Forschungsprojekts eine Ausstellung
       gehören sollte, auch eine Begleitbroschüre“, sagt sie. „Wir setzen dabei
       kein großes Diskurswissen voraus, sondern erklären viele grundsätzliche
       Begriffe in einem Glossar“, ergänzt Stamm.
       
       Die Broschüre enthält nicht nur Historisches, vom Spinnstubenfoto bis zu
       Fotos und Zitaten versklavter Menschen wie Booker T. Washington und Harriet
       Jacobs. Sie stellt auch Fragen zur Gegenwart: „Werden Textilien heute unter
       neokolonialen Bedingungen hergestellt? Welche Rolle spielt moderne
       Versklavung in der Modeindustrie?“
       
       Die Motivation für die Neuausrichtung, den neuen „frischen Blick“,
       beschreibt Kreiseler so: „Als ich 2022 hier im Museum anfing, bin ich in
       einem Flyer auf eine kurze Bemerkung gestoßen: Leinen habe als Bekleidung
       [3][versklavter Menschen] gedient. Das ließ mich aufhorchen, das war
       natürlich eine interessante Spur, das wollte ich weiter erforschen.“ Aber
       für die Leinenproduktion des Wendlands ließ sich das nicht verifizieren.
       
       ## Von Flachs und Fesseln
       
       Auf den ersten Blick ist Kreiselers Freilichtmuseum ein Ort, an dem die
       Zeit stehen geblieben zu sein scheint: Backhaus, Ziehbrunnen, Wagenremise,
       Schmiede, Stellmacherei, Töpferei, Obstscheune, Kräuterrondell,
       Bauerngarten. Aber das täuscht. Das Flachs- und [4][Leinenhaus wurde für
       die neue Ausstellung komplett ausgeräumt]. Und das neue, sehr
       zeitgenössische Ausstellungsdesign signalisiert: Hier hat sich etwas getan,
       etwas Grundsätzliches.
       
       Die Begleitbroschüre mündet in künstlerische und literarischen
       Perspektiven. Eine davon ist Bisrat Negassis Gedicht „Von Flachs und
       Fesseln – Das Leinen spricht“. In ihm heißt es: „Ich bin das Echo der Zeit,
       / die zwischen Ackerfurche und Kolonialhafen wucherte. / Ich rieche noch
       nach Schweiß, nach Erde, nach Afrika, nach Europa – / nach all den Orten,
       an denen man mich verlangte, / aber nie wirklich fragte. / Ich war Kleid
       auf nackter Haut, / zu grob für Herren, gerade recht für jene, die man
       zählte, verkaufte, verschiffte.“
       
       17 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Wendland-Wo-sich-der-Widerstand-dreht/!6095540
 (DIR) [2] /Deutsche-Kolonialgeschichte/!6106013
 (DIR) [3] /Buch-ueber-4000-Jahre-Schwarze-Geschichte/!6116090
 (DIR) [4] https://rundlingsmuseum.de/projekte/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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