# taz.de -- Weltweit erste Münstermann-Ausstellung: Der Herrgottsschnitzer von Oldenburg
       
       > Ludwig Münstermann war in der Provinz ein Bildhauer von europäischem
       > Rang. Das Oldenburger Landesmuseum beweist das mit einer packenden
       > Ausstellung.
       
 (IMG) Bild: Überrascht nicht, dass auch die expressionistischen Brücke-Künstler ihn zum Vorbild nahmen: Ausschitt Konsolkopf (Putto), um 1615
       
       Die größte Überraschung ist der Herkules. Klar sind da auch die
       faszinierend extatischen Figuren, dieser Konsolenkopf etwa, der, mit
       Früchten bekränzt, ein erstarrter Schrei zu sein scheint. Es gibt da auch
       den geflügelten Lindenholz-Teufel: Halb schwebend, halb tänzelnd bietet er,
       krass obszön lachend, der Welt seine hängenden Brüste mit
       entzündlich-geröteten Zitzen genauso dar, wie einen eregierten
       sichelförmigen Penis.
       
       Oder der Evangelist aus hartem Holz. Mit überlangem Finger sticht er
       regelrecht in die aufgeschlagene Seite des Buchs: Die ganze Wahrheit, hier
       steht sie doch! Und die Wahrheit ist: Ludwig Münstermann, der diesen
       Matthäus mit dem freudig zu ihm aufblickenden, kindlichen Engel [1][im
       frühen 17. Jahrhundert] geschaffen hat, genau wie die ausdrucksstarken
       Holzköpfe – der Herrgottsschnitzer Ludwig Münstermann ist wirklich eine
       Wucht.
       
       Aber in ihrem Eingangsraum begrüßt und überrascht die vom
       [2][Oldenburgischen Landesmuseum] ausgerichtete, erste monografische
       Münstermann-Ausstellung überhaupt ihre Besucher*innen mit einem
       Herkules aus Sandstein. Das ist ein epochetypisches Sujet. Aber den
       Bildkonventionen gehorcht es ganz und gar nicht: Dieser Herkules ist eher
       so ein nachdenklicher Schlaks mit Schnäuzer, fast melancholisch.
       
       Vielleicht guckt er so traurig, weil er ja als Heide keinen Anteil an
       Gottes Gnade haben kann, aber wer weiß das schon. Einst hat diese Plastik
       einen Kaminaufbau getragen, so, wie der Held im Mythos den ganzen Erdball.
       Sie muss es ganz beiläufig getan haben, als ob's nichts wäre: Das Werk
       vermittelt den Eindruck, dass diese Person sich ihrer Kraft gewiss ist.
       
       ## Münstermanns Herkules muss sich nicht beweisen
       
       Sie muss ihre Stärke weder sich selbst, noch irgendjemandem sonst beweisen:
       Also hängt die rechte Schulter etwas schräg nach unten, auf der linken ruht
       eine recht handliche Keule, ohne die Herkules kaum als Herkules erkennbar
       wäre: schmal der Brustkorb, langgestreckt die Oberschenkel, echte
       Tänzerbeine. Das rechte ist leicht vorgestellt, das linke angewinkelt. So
       bildet die ganze Sandstein-Skulptur eine auch in sich noch einmal
       geschwungene Linie.
       
       Figura Serpentinata nennt das die Kunstgeschichte. Als ihr Entwickler gilt
       Michelangelo. Von ihm ausgehend ist sie in der späten Renaissance so etwas
       wie das [3][Merkmal des Manierismus] geworden: Sie bringt Bewegung in die
       Körper, in die gemalten von El Greco genauso wie in die modellierten und
       geschnitzten von Münstermann. Und Bewegung heißt Drama, heißt Ausdruck. Das
       ist, grob gesagt die [4][Gemeinsamkeit der dieser Mode des 16. und 17.
       Jahrhunderts zugerechneten Künstler*innen].
       
       Die innere Bewegung wird ihnen wichtiger, als die abbildhafte Treue. Sie
       überdehnen Körper, vergrößern Gliedmaße, damit sie mehr ausdrücken, und sie
       verzerren Gesichtszüge bis zur Karikatur, die ja in ihrer modernen
       Ausprägung als ein Erbstück jener Stilrichtung gilt.
       
       Die Ausstellung im Oldenburger Augusteum ist eine kleine Sensation. Lange
       bevor er sich [5][dem Nationalsozialismus verschrieb], hatte ja der
       Kunsthistoriker Adolf Feulner festgestellt, man müsse Münstermanns Werke
       „aus ihrer Umgebung lösen und isoliert betrachten“. Dann nämlich „wirken
       sie wie eine Offenbarung.“
       
       Aber das ist leichter gesagt als getan: Bis auf eine handvoll Museumsstücke
       in Berlin, Bremen und Oldenburg befinden sich die erhaltenen Arbeiten nach
       wie vor vor allem in den Kirchen der Dörfer und Flecken zwischen
       Wangerland, Wesermündung und Delmenhorst.
       
       ## Die Arbeiten sind weit verstreut und fest installiert
       
       „Wir können ja nicht die Altäre hierher holen“, so Museumsdirektorin Anna
       Heinze. Schon der Aufwand, die 35 gezeigten Einzelstücke ranzukarren und in
       den ersten Stock des 1867 als Museum errichteten Augusteum zu hieven, hat
       die Ausstellung zu einem Wagnis gemacht: Skulpturen zu zeigen ist technisch
       aufwändig, also teuer.
       
       Und dann hat er zwar einflussreiche Fans, wie Markus Lüpertz, [6][der 2015
       im Berliner Bode-Museum seinem Apoll begegnet ist]. In einem Zyklus von 99
       Papierarbeiten –einige sind in Oldenburg zu sehen – hat sich der
       Düsseldorfer Maler malerisch-zeichnerisch mit dem norddeutschen Bildhauer
       auseinandergesetzt.
       
       Aber trotzdem kennt ja kaum jemand diesen Ludwig oder Lütke oder Ludowig
       Münstermann. Man weiß auch fast nichts über ihn. Er ist irgendwann nach
       1570 möglicherweise in Bremen geboren. Er hat mutmaßlich dort, vielleicht
       auch in Braunschweig und Magdeburg gelernt, bevor er in Hamburg das
       Bürgerrecht erwirbt. Dort legt er 1599 die Meisterprüfung ab. Dort hat er
       ein eigenes Haus besessen, eine eigene Werkstatt aufgebaut, seine erste
       Frau begraben, zum zweiten Mal geheiratet.
       
       Aber sein ganzes Talent hat er in Epitaphen, Altären sowie unfassbar
       detailreichen Taufen für die protestantischen Kirchen und Grafenschlösser
       [7][in und um Oldenburg gesteckt, wo während des 30-Jährigen Kriegs Frieden
       herrscht und Wohlstand.] Selbst vor dem großen Brand von 1842 scheint es in
       Hamburg kein einziges Kunstwerk von ihm gegeben zu haben.
       
       ## Die Ausstellung soll auch die Forschung wiederbeleben
       
       Warum ist nicht ganz klar. Das Hamburger Zunftrecht soll eine Rolle
       gespielt haben. Münstermann war dort ja nicht als Holzschnitzer oder
       Steinmetz registriert, sondern „Im Ambte der dreier“, also als
       Drechslermeister, in die Gilde aufgenommen worden. Vielleicht durfte er
       dort also nicht figürlich arbeiten. Aber warum dann in Oldenburg? „Die
       Ausstellung“, so Heinze, „soll auch die Münstermann-Forschung
       wiederbeleben.“
       
       Die ist ungefähr so alt, wie der Expressionismus in der Kunst: Die
       Brücke-Maler hatten ihn sozusagen als Vorfahren entdeckt, [8][während sie
       am Jadebusen Sommerurlaub machten]. In deren Begeisterungsrufe stimmt bald
       eine nationalistisch-revanchistische Kunstgeschichtsschreibung ein. Nicht
       nur deren ideologische Übermalungen muss eine gegenwärtige Annäherung
       vermeiden. Denn das Oeuvre ist selbstredend von lutheranischer Ideologie
       inspiriert – einschließlich ihrem Hass auf Juden, vermutet Kurator Hannes
       Eckstein.
       
       Zum Beispiel der schreckliche Teufel: Er wirkt wie eine um 250 Jahre zu
       früh gekommene Verkörperung einer Wilhelm Busch-Zeichnung. Die Figurine ist
       fraglos ein Meisterwerk. Aber es scheint „Luthers sämtliche
       antijudaistischen Topoi zu reproduzieren“, wie der Münstermann-Spezialist
       im Katalog zu denken gibt. Oder auch der große Moses von 1611, für
       Oldenburgs Hauptkirche aus Sandstein gehauen: Da sind die Buchstaben, die
       das Hebräische eher verspotten, als es abzubilden. Und dann fungierte er
       auch noch als Träger einer Kanzel, und seinem Gesicht ist abzulesen, dass
       ihr Gewicht ihn fast schon erdrückt. Das ist ein wiederkehrendes Muster.
       
       Für St. Secundus im Dorf Schwei, das ziemlich abgelegen in der Wesermarsch
       gleich am Jadebusen liegt, kann man einen Münstermann-Moses sehen, aus Holz
       und so bunt bemalt, wie es seiner Zeit gefiel. Auch der muss den
       Predigtstuhl tragen. Auch dessen Blick geht suchend in den Himmel, traurig
       und unerlöst – während über ihm der Pastor die Worte des lebendigen Gottes
       verkündet. Andererseits: Moses trägt ihn eben auch. Alles ruht auf ihm.
       
       Die Sache bleibt zweideutig, und das nicht unter den Tisch fallen zu
       lassen, sondern zum Umgang damit aufzufordern, ist eine Qualität der
       Ausstellung. Sie verklärt Münstermann nicht, sie weigert sich, ihn zu
       verharmlosen. Sie macht das stupende architektonische Wissen sichtbar, ohne
       das er und seine Werkstatt die meterhohen Schnitzaltäre nicht hätte
       realisieren können.
       
       Und wenigstens von einem von denen, dem von der Dorfkirche von Blexen, hat
       das Museumsteam die großen Eichenholz-Skulpturen von Matthäus, Markus,
       Lukas und Johannes herabgeholt. Sonst in mehr als drei Metern Höhe dem
       Blick entzogen, stehen sie nun da: Es ist möglich, ihnen nahe zu treten,
       sie mit dem Auge ganz zu umfassen, ihren mannigfaltigen und intensiven
       Ausdruck zu ergründen. Und das ist etwas ganz Besonderes. Weil es berührt.
       
       22 Sep 2025
       
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