# taz.de -- Super Recognizer: Die Berliner Polizei macht es richtig
       
       > Der Einsatz von Menschen, die sich Gesichter besonders gut merken können,
       > ist sinnvoll – solange nachvollziehbar ist, wie sie rekrutiert werden.
       
 (IMG) Bild: So viele Gesichter: Super Recognizer sind Menschen, die sie sich besonders gut merken können
       
       Manchmal ist es selbst für die taz leicht, die Polizei zu loben, weil das
       Lob der einen die Kritik an anderen enthält. Am Mittwoch stellte das
       Landeskriminalamt Berlin seine Auswertung eines zweijährigen Probelaufs für
       den [1][Einsatz von sogenannten Super Recognizern] vor und zeigte damit
       anderen Bundesländern, wie man es richtig macht. Also so, dass weder zu
       hohe Erwartungen geweckt [2][noch Ängste geschürt werden].
       
       Als Super Recognizer werden Menschen bezeichnet, die überdurchschnittlich
       gut Gesichter anderer wiedererkennen. Woran das liegt, ist ungeklärt.
       [3][Nach aktuellem Forschungsstand] scheinen sie sich an einem Ende eines
       Spektrums zu befinden. Am anderen stehen Menschen, die ihre Angehörigen
       nicht erkennen. Dabei unterscheiden sich Super Recognizer stark
       voneinander, weil sie wohl nicht eine „Superkraft“ haben, sondern
       unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten innerhalb verwobener Prozesse der
       visuellen Wahrnehmung und des Gedächtnisses.
       
       Diese Erkenntnisse sind zu einem großen Teil der Neurowissenschaftlerin
       Meike Ramon zu verdanken, Professorin an der Fachhochschule Bern, die seit
       über zehn Jahren zu dem Thema forscht. Sie hat mit der Berliner Polizei ein
       Verfahren erarbeitet, mit dem diese in den eigenen Reihen nach Super
       Recognizern sucht. Sie helfen bei der Fahndung nach und Identifikation von
       Tatverdächtigen, indem sie Bildmaterial mit eigenen Erinnerungen oder Fotos
       abgleichen. Aufgrund des technischen Stands von
       Gesichtsverarbeitungsprogrammen und der Gesetzeslage sind die Super
       Recognizer derzeit selbst KI-gestützten Systemen überlegen.
       
       Nun setzen auch weitere Bundesländer die Spezialkräfte ein. Aber im
       Gegensatz zu diesen weiß die Berliner Polizei, was sie tut. Moment, das ist
       nicht ganz fair, denn auch in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wird
       an wissenschaftlich fundierten – also überprüf- und evaluierbaren –
       Verfahren gearbeitet, wie deren Innenministerien der taz mitteilten.
       
       ## Bemerkenswert hemdsärmelig
       
       Hessen, Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg sowie die Bundespolizei
       hingegen sehen keinen Anlass, nicht mehr mit dem britischen Psychologen
       Josh Davis von der Universität Greenwich zusammenzuarbeiten, obwohl dessen
       Vorgehen für einen Wissenschaftler bemerkenswert hemdsärmlig ist.
       
       Ob sein Test überhaupt diejenigen findet, die effektiv als Super
       Recognizer im Dienst der Polizei eingesetzt werden können, hat er nicht
       untersucht – ihm fehle dafür Zeit und Geld, wie er der taz vor zwei Jahren
       sagte. Meike Ramon und andere kritisieren, dass seine Tests – benannt nach
       der Universität, an der er arbeitet – nur diejenigen findet, die unter
       Laborbedingungen gut abschneiden.
       
       Der von Meike Ramon gemeinsam mit der Berliner Polizei entwickelte
       „BeSure“-Test hingegen soll praxistauglich sein. Josh Davis findet, seine
       Kritiker:innen hätten „eine Obsession mit der Test-Qualität“. Er
       hingegen sei „pragmatisch“, wie er 2020 in einem Aufsatz schrieb:
       „Kriminelle warten nicht, und Organisationen brauchen jetzt Super
       Recognizer“. Damit bedient er genauso wie Mike „Mick“ Neville, Gründer der
       ersten, längst wieder aufgelösten Super-Recognizer-Einheit bei der
       Metropolitan Police London, das Bild vom [4][Schwerverbrecher jagenden
       Supercop], der mit seinem übermenschlichen Gedächtnis „kein Gesicht
       vergisst“, wie es in [5][Dutzenden von Schlagzeilen] heißt.
       
       Letztendlich torpedieren sich alle selbst, die ohne solide Datenbasis und
       nachvollziehbare Kriterien Super Recognizer auswählen und beschäftigen.
       Unter Strafverteidiger:innen kursieren zwei Aufsätze, die
       Zeugenaussagen von Super Recognizern als [6][„Pseudo-Beweismittel“]
       diskreditieren. [7][Der Bundesgerichtshof hat diese These übernommen].
       
       20 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Super-Recognizer-bei-der-Polizei-Berlin/!6094172
 (DIR) [2] /Hype-um-Super-Recognizer/!5948941
 (DIR) [3] https://osf.io/preprints/psyarxiv/8zejy_v1
 (DIR) [4] https://www.newyorker.com/magazine/2016/08/22/londons-super-recognizer-police-force
 (DIR) [5] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/muenchen-starnberg/super-recognizer-polizei-fahndung-straftaeter-e952800/?reduced=true
 (DIR) [6] https://strafverteidigertag.de/wp-content/uploads/2024/08/44-SchrRStVV-Becker-Super-Recognizer-209_217.pdf
 (DIR) [7] https://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=5ab56a7be7d5711a970ff286e640a094&Seite=2&nr=137572&pos=73&anz=77197&Blank=1.pdf
       
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 (DIR) Eiken Bruhn
       
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