# taz.de -- Roman „Disko“ von Till Raether: Unter der Diskokugel in den 70ern
       
       > Till Raethers Roman „Disko“ ist eine Zeitreise in die 1970er. Damals
       > wurde München Hauptstadt eines neuen Sounds.
       
 (IMG) Bild: „Love to Love You, Baby“
       
       Von Als Beeke sich früh um fünf an die Landstraße stellt, zwischen
       Seutendorf und Plön, wo die LKWs von der Fähre aus Dänemark auf dem Weg
       nach Hamburg durchkommen, hat sie eine Erbswurst und ein Kissen im
       Rucksack, ein Englischbuch – und ein Foto ihres Bruders in
       Feuerwehruniform. Damit sie das an passender Stelle herumzeigen kann wie
       ein Fahndungsfoto. Soweit der Plan der 14-Jährigen, die nach München will,
       wo ihr Bruder lebt. Als Diskoproduzent.
       
       Disko mit K. Mit diesem Wort katapultiert Till Raether seine Leser:innen
       in die Mitte der 1970er, als der Produzent Giorgio Moroder und die Sängerin
       Donna Summer in den Musicland-Studios in München-Bogenhausen eine neue,
       synthesizerlastige Tanzmusik kreierten: Mit „Love to Love You, Baby“ ist
       der Munich Sound geboren.
       
       Sein schwüler Glamour dringt bis in die norddeutsche Tiefebene, wo Gerald
       im Jugendzimmer an Soundmodulen bastelt. Und sich eines Nachts aufmacht;
       weg von dem tristen Hof im Moor, in dem der Vater säuft, drei kleine
       Schwestern nerven und die Nazi-Oma Großkordt allen Lebensträumen im Weg
       ist.
       
       ## Ein Mädchen mit Kämpfernatur
       
       Beeke zieht anderthalb Jahre später los, ihren Bruder zu finden. Das
       kindlich wirkende Mädchen im gelben Anorak ist, das wird nach wenigen
       Absätzen klar, eine Kämpfernatur, oder, wie man in München sagen würde:
       Nicht auf der Brennsuppen dahergeschwommen.
       
       Dem LKW-Fahrer, dessen Hand zu nah an ihre Geldtasche kommt, verbiegt sie
       den Finger, eine besorgte Mutti im Abteil bringt sie mit der Wahrheit zum
       Schweigen: „Ich sagte, meine Mutter ist gestern gestorben, mein Vater
       trinkt und meine Schwestern sind zu klein, darum hole ich meinen Bruder aus
       München, der muss sich um alles kümmern. Sie sah mich an, als wüsste sie
       nicht, was sie mehr bereute: mich gefragt, oder mir vorhin kein
       hartgekochtes Ei angeboten zu haben.“
       
       Einer Clique junger Leute entlockt sie Chips, warmes Bier – und wertvolle
       Informationen über die heißesten Läden der Münchner Diskoszene: das Pearly
       Gates am Englischen Garten, das Kaiser’s Richtung Olympiagelände, das Roxy,
       die Läden an der Leopoldstraße …
       
       ## Giorgio-Moroder-Parodie
       
       Beeke ist indes nicht die einzige, die nach Gerald Petersen alias Jerry
       Peters sucht. Auch die Diskorivalen rund um den „Grafen“ (eine
       Giorgio-Moroder-Parodie inklusive Schnauzbart und Pornobrille) und seinen
       fanatischen Sound Assistant Seb sind ihm auf den Fersen – angeblich hat
       Jerry ihnen einen moog-Synthesizer und eine bahnbrechende Idee geklaut.
       
       Parallel zu der mit Tempo und Witz erzählten Aufholjagd entfaltet sich
       rückwirkend (die ganze Geschichte wird als Mail der alternden Beeke an
       ihren entfremdeten Bruder erzählt) eine norddeutsche Familientragödie, die
       ihren Anfang im Hamburg der letzten Kriegsmonate hat und die das spätere
       Ehe- und Familienleben der Peters vergiftet. Während sich das Drama auf der
       Tanzfläche zuspitzt, sind sich Bruder und Schwester für einen schwerelosen
       Moment „unter den tausend Augen der Diskokugel“ ganz nah – um sich später
       wieder zu verlieren.
       
       Wie schon in den Vorgängerromanen [1][„Treue Seelen“] und [2][„Die
       Architektin“] erzähl Till Raether mit Leichtigkeit und viel Gespür für
       Details ein Stück deutsche Zeitgeschichte. An Stellen, an denen es ernst
       wird, wirkt die Komik manchmal, als wolle sich der Autor vor zu viel Gefühl
       schützen.
       
       ## Wiedersehen der gealterten Geschwister
       
       Trotzdem gelingen ihm auch herzzerreißende Szenen wie das Wiedersehen der
       gealterten Geschwister in einer Mehrzweckhalle in Neumünster, wo Jerry
       Peters im Rahmen einer Retro/Bad Taste Party auflegen soll: „Der
       Lebenstraum zum ironischen Vergnügen anderer Leute reduziert.“ Die
       Aussprache misslingt. Der Münchner Discosound aber, das Stampfen, Glitzern
       und Seufzen, hallt nach dem Lesen noch eine Weile nach.
       
       5 Jun 2025
       
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