# taz.de -- Koloniales Erbe im Senegal: Ausgrabungen mit politischer Sprengkraft
       
       > Vor über 80 Jahren beging Frankreich ein Kolonialverbrechen an
       > afrikanischen Soldaten. Nun soll es dazu Ausgrabungen geben – oder doch
       > nicht?
       
 (IMG) Bild: Soldaten der senegalesischen Nationalgarde auf dem Militärfriedhof Thiaroye im Dezember 2024
       
       Stoßstange an Stoßstange schieben sich die Autos durch den Straßenverkehr
       von Senegals Hauptstadt Dakar. Es ist ein Samstagnachmittag, aber von
       Wochenendruhe kann keine Rede sein. Am Straßenrand werden Waren in
       Überlandbusse verladen, zwischen den im Stau stehenden Autos versuchen
       fliegende Händler ihr Glück mit dem Verkauf von Taschentüchern, Datteln und
       Scheibenwischern. Selbst Strecken von 10 Kilometer können vor allem im
       Feierabendverkehr unter der Woche Stunden dauern. Wer also dem Denkmal der
       „Tirailleurs“ im weiter außen gelegenen Stadtteil Thiaroye einen Besuch
       abstatten will, muss Zeit und Geduld mitbringen.
       
       Dort, auf einem Militärfriedhof, wird an ein Massaker vor über 80 Jahren
       erinnert: [1][Im Dezember 1944 wurden dort Dutzende afrikanische Soldaten,
       Tirailleurs Sénégalais, von der französischen Armee erschossen]. Die Männer
       hatten zuvor für Frankreich im Zweiten Weltkrieg gekämpft und – nach
       gängiger Erzählung – lediglich den Sold eingefordert, der ihnen zustand.
       
       Das Massaker zählt zu den Schlimmsten der französischen Kolonialzeit in dem
       westafrikanischen Land. Die damaligen französischen Behörden gaben den Tod
       von 35 Personen bekannt. Doch Historiker zweifeln die Richtigkeit an und
       gehen von weitaus höheren Opferzahlen aus, teils ist von bis zu 400
       Soldaten die Rede. Auch die Fragen des Warum, Wie und vor allem Wer sind
       noch immer offen.
       
       Am 19. Februar hatte die senegalesische Regierung schließlich Ausgrabungen
       angekündigt, um „die ganze Wahrheit“ zu erfahren. Das Thema ist seit Jahren
       ein wunder Punkt in den schon belasteten Beziehungen zur [2][ehemaligen
       Kolonialmacht Frankreich]. Dieser wird schon lange vorgeworfen, bewusst
       nicht zur Aufklärung beizutragen. Archivmaterial, das möglicherweise
       Aufschluss über die Zahl der Todesopfer geben könnte, ist bis heute nicht
       freigegeben worden. Seit etwa zwei Wochen nun ist tatsächlich ein Team von
       senegalesischen Archäologen vor Ort, um die Gräber zu untersuchen.
       
       ## Die Ausgrabungen sind politischer Zündstoff
       
       Das sorgt für Gesprächsstoff: Als durchsickert, dass sich auf dem Gelände
       des Militärfriedhofs etwas tut, gibt es Spekulationen. Eine Lokalzeitung
       berichtet von schwer bewaffneten Soldaten, die das Gelände abgeriegelt
       hätten. Der ehemalige Erinnerungsort? Plötzlich Sperrzone. Die Ausgrabungen
       sind politischer Zündstoff. Je nach Ergebnis könnten sie das Bild
       Frankreichs noch weiter ankratzen.
       
       Von den bewaffneten Soldaten, die den Militärfriedhof angeblich abgeriegelt
       haben sollen, ist an diesem Samstag nichts zu sehen. Ein junger Mann, der
       sich vor dem Eingangstor in den Schatten zurückgezogen hat, erzählt in
       aller Seelenruhe, dass bis auf Weiteres keine Besuche möglich seien.
       „Vielleicht nach Tabaski“, lautet die recht vage Antwort. Tabaski, auch
       bekannt als Eid al-Adha, ist das islamische Opferfest – einer der höchsten
       Feiertage im muslimischen Kalender. Die Schafe, die zu dieser Gelegenheit
       traditionell geschlachtet werden, stehen schon seit Wochen herausgeputzt an
       den Straßenrändern zum Verkauf. Wer es sich leisten kann, kauft sich eins,
       wer nicht, leiht sich Geld dafür.
       
       Ein Blick durch die Tür des Militärfriedhofs bleibt an diesem Tag verboten.
       Aber ein paar Schritte weiter erlaubt das Gitter doch die Sicht auf die
       ordentlich ausgerichteten weißen Grabsteine. Ein Sandhaufen ist zu sehen
       und eine einzelne Leiter. Ob das nun die besagten Ausgrabungen sind, lässt
       sich nicht klar sagen. Vielleicht wird hier gerade Geschichte geschrieben.
       Vielleicht wird auch nur Sand umgeschichtet. Das Einzige, was das
       zuständige Komitee telefonisch bestätigt: Man arbeite an einem Bericht.
       „Ich weiß von nichts“, donnert es sonst bei jeder Frage durch das Telefon.
       
       Noch ein letzter Blick auf das Tor des Denkmals. Dann geht es wieder ins
       Getümmel, vorbei an Straßenhändlern und Schafen, zurück in den Stau. Ein
       Besuch, der keine Antworten gebracht hat. Weiter spekuliert wird sowieso.
       
       1 Jun 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.arte.tv/de/videos/123612-000-A/senegal-auf-den-spuren-des-thiaroye-massakers/
 (DIR) [2] /Frankreichs-koloniales-Erbe/!5722613
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helena Kreiensiek
       
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