# taz.de -- Kunst über Fotoarchive: „Sich nicht dem Blick verfügbar machen“
       
       > Die Leipziger Künstlerin Ramona Schacht spricht über ihre Forschung in
       > Fotoarchiven zur Bildpolitik bei Textilarbeit in der DDR und im
       > Ruhrgebiet.
       
 (IMG) Bild: Ramona Schacht, Sanfte Hände „o. T.“ (2023). Aus der Serie „PICTURES AS A PROMISE (p.a.a.p.)“, ab 2022
       
       taz: Frau Schacht, Sie machen in Archiven historische Fotodokumentationen
       über die Bedingungen von Textilarbeiterinnen in einst sozialistischen
       Ländern ausfindig. In Ihren Ausstellungen zeigen Sie dann Ausschnitte der
       Archivbilder. Die harte Arbeit der Frauen stellen Sie darauf nicht mehr
       dar. Warum gehen Sie so vor? 
       
       Ramona Schacht: Es soll eine Irritation ausgelöst werden. Bei den
       originalen Fotografien hat mich anfangs verwundert, dass die Frauen so
       sanft dargestellt wurden und sehr sensibel mit dem Material umgingen. Das
       steht in einem starken Widerspruch zur Realität in den Fabriken. Dort war
       es laut, heiß und das Verletzungsrisiko sehr hoch. Die Bilder waren dazu
       gedacht, die Produktionskraft der sozialistischen Gesellschaft nicht nur zu
       dokumentieren, sondern zu propagieren.
       
       taz: Sie zeigen mit Ihren Bildausschnitten wiederkehrende Gesten der Frauen
       in den Fabriken. Welche Bedeutung haben die sich wiederholenden Motive? 
       
       Schacht: Als ich angefangen habe, mit den Bildern zu arbeiten, war ich
       merkwürdig vertraut mit den Gesten, der Körperhaltung, wie die Frauen
       zusammenstanden und agierten. In meinen Bildanalysen geht es um eine
       Visualisierung eines typischen weiblichen Habitus im Arbeitskontext. Je
       länger ich mich damit beschäftige, desto mehr sah ich aber auch männliche
       Blicke auf die abgebildeten Frauenkörper. Die Bilder sind nicht nur
       Dokumentationen der Arbeit in der Textilindustrie, es sind Inszenierungen.
       Sie dirigieren und verweisen die Protagonistinnen.
       
       taz: Warum haben Sie sich entschieden, die historischen Fotografien
       zuzuschneiden und die Arbeiterinnen dadurch zu anonymisieren? 
       
       Schacht: Das zielt nicht darauf ab, die Frauen unsichtbar zu machen.
       Gesichter dominieren oft unsere Wahrnehmung von Bildern. Indem ich den
       Fokus bewusst auf Körperhaltung, Kleidung und Gestik verschiebe, verlagert
       sich auch die Wahrnehmung weg von individuellen Biografien und hin zu den
       strukturellen Bedingungen, unter denen diese Frauen gearbeitet haben. Es
       geht um ein kollektives Erbe weiblicher Erfahrungen und Erinnerungen, das
       bis heute unsichtbar geblieben ist. Die Bilder stammen aus institutionellen
       und patriarchalen Archiven. Sich nicht dem Blick verfügbar zu machen und
       keine lesbare Identität zu haben, kann auch eine Form der Ermächtigung
       sein.
       
       taz: Ist auf den Archivfotografien auch sichtbar, dass der
       Bekleidungssektor einer der wichtigsten Arbeitgeber für Frauen in der DDR
       war? 
       
       Schacht: Schon, aber oft als Randnotiz. Ich würde bei jedem Bild immer
       fragen, wozu es genutzt wurde. In der Sektion Körper und Produkt sind die
       Arbeiterinnen nicht nur Trägerinnen von Produkten, sondern auch Trägerinnen
       einer Ideologie. Letztes Jahr habe ich mich mit der Textilindustrie im
       Ruhrgebiet auseinandergesetzt. Dort waren fast eine Million Frauen
       beschäftigt. [1][Aber in den Archiven sind die Hallen nicht zu sehen,] in
       denen sie gearbeitet haben. In den Archiven der ehemaligen sozialistischen
       Staaten ist die weibliche Sichtbarkeit dagegen gegeben.
       
       taz: Den Fotografien fügen Sie auch einen Holzkasten mit
       überdimensionierten Dias und Glasvitrinen mit Recherchematerial hinzu.
       Welche Bedeutung hat das? 
       
       Schacht: Während der Archivbesuche, die oft tage- oder wochenlang
       andauerten, habe ich einen Handlungsakt wahrgenommen. Die
       Archivar*innen stellten mir Boxen auf den Tisch, ich habe die Bilder
       durchgesehen und die Archivboxen wieder zurückgestellt. Das hat etwas
       Performatives. Ich habe mich nach einiger Zeit gefragt, wer schaut sich die
       Geschichten der Frauen nach mir an und wann passiert das? Der
       überdimensionierte Diakasten verkörpert die Arbeitsweisen im Archiv, das
       Herausholen und das Neuentdecken. Da entsteht immer ein schöner, spannender
       Moment.
       
       11 Apr 2025
       
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