# taz.de -- Argentinien ein Jahr unter Javier Milei: Arm sein im Anarcho-Kapitalismus
       
       > Argentiniens Präsident legt die Kettensäge an den Sozialstaat. In den
       > Elendsvierteln von Buenos Aires nutzt das vor allem den Drogenbaronen.
       
 (IMG) Bild: Buenos Aires, glitzernde Wolkenkratzer im Hintergrund, vorne das Elendsviertel Villa 31
       
       Buenos Aires taz | Schnell, schnell weg von dieser Straßenecke. Mari
       Ventura drängelt plötzlich, die kleine Frau mit Brille wittert Ärger in der
       Villa 31, einem Elendsviertel der argentinischen Hauptstadt. Aus den
       Billigshops hier dröhnt Popmusik, vor einer der knallbunten Baracken stehen
       Drogenabhängige Schlange, wohl um an „Paco“ zu kommen, Kokainpaste. Weiter
       hinten drücken sich behelmte Polizisten auf zwei Quads durch die
       menschenvolle Gasse. Mari Ventura, 40 Jahre alt, Kindergärtnerin,
       Aktivistin, will weg sein, wenn Polizei und „los Narcos“, die Dealer,
       aufeinandertreffen.
       
       Etwa 40.000 Personen hausen in der Villa 31. Wie in anderen argentinischen
       „Villas miserias“ leben die Menschen hier seit Jahrzehnten in einer elenden
       Balance aus Selbsthilfe, Kriminalität und staatlicher Kontrolle. Doch, sagt
       Mari Ventura wenig später an einer ruhigeren Ecke: Seit ein Staatsfeind das
       Land regiert, kippt die Lage.
       
       Mit einer Kettensäge war Javier Milei 2023 in den argentinischen
       Präsidentschaftswahlkampf gezogen, um den aufgeblähten Sozialstaat zu
       zerlegen. Eine Schocktherapie verordnete der frühere Wirtschaftsprofessor
       dem von Krisen gebeutelten Land. Ein Jahr ist seit Mileis Vereidigung
       vergangen und manche Entwicklung gibt seinem „anarcho-kapitalistischen“
       Kurs recht.
       
       Die Hyperinflation ist gesunken, die Preise für Brot, Kaffee, Fleisch sind
       hoch, aber stabiler, mit langfristigen Steuervergünstigungen will Milei
       ausländische Investoren ins Land locken. Darauf hoffen viele in der
       Mittelschicht, die Unternehmer:innen in den funkelnden Wolkenkratzern
       von Buenos Aires feiern es.
       
       ## Wer „mehr Milei wagen“ will
       
       „Sie sind mein Lieblingspräsident“, schmachtete auch Donald Trump nach
       seinem Wahlsieg in den USA in einem Telefonat mit Milei, [1][wenig später
       lud er den Argentinier zu sich nach Hause ein], gemeinsam mit Elon Musk.
       Auf der anderen Seite des Atlantiks will [2][der FDP-Vorsitzende Christian
       Lindner] jetzt „mehr Milei wagen“. Doch was Milei, was eine Schocktherapie
       für die Schwächsten in einer Gesellschaft bedeutet, bleibt hinter den
       Slogans und Wirtschaftsdaten verdeckt.
       
       Wie staubig-schwarze Spinnweben hängen die selbst gebastelten
       Stromleitungen über den Gassen der Villa 31. Immer wieder fangen sie Feuer,
       gerade jetzt, im argentinischen Sommer. Mitte November starben hier zwei
       Menschen bei einem Kabelbrand. Hoch über dem Leitungsknäuel spannen sich
       die Brücken der Autopista Arturo Illia, am Eingang der Villa liegt ein
       Markt, daneben Haufen von Müll, der wochenlang nicht abgeholt wurde. Einige
       stochern im gärenden Unrat nach Verwertbarem. Ein Bekannter von Mari
       Ventura zeigt auf die Szene und sagt: „Hier sind unsere Investitionen.“
       
       Die Armut in der Villa 31 ist alt. Das Viertel liegt eingeklemmt zwischen
       den Hafenanlagen von Buenos Aires und den Gleisen des Bahnhofs Retiro.
       Schon in den 1930er Jahren bauten sich in der Weltwirtschaftskrise verarmte
       Eisenbahnarbeiter hier erste Hütten. Krisen hat Argentinien seitdem viele
       erlebt, seit 2009 hat sich die Bewohnerzahl in der Villa 31 nahezu
       verdoppelt.
       
       Knapp 40 Prozent der 46 Millionen Argentinier:innen fristeten schon
       vor Mileis Amtsantritt ihr Leben unterhalb der Armutsgrenze, heute sind es
       über die Hälfte. [3][Fast ein Fünftel lebt in extremer Armut,] wie sie
       sich in der Villa 31 zeigt, beinahe zwei Drittel der Kinder müssen mit
       einer Mahlzeit am Tag auskommen.
       
       ## Kulturkampf und Kettensäge
       
       Auf ihrer Kindergärtnerinnenschürze trägt Mari Ventura den roten Stern der
       „Frente de Organizaciones en lucha“ (FOL), einer linksradikalen Gruppe, mit
       der Arme sich Gehör verschaffen wollen, aber auch soziale Aufgaben
       übernehmen. Der „Comedor“ etwa, die Volksküche der FOL, ist ein weiß
       gefliester Raum von 15 Quadratmetern, hier waschen zwei Genossinnen an
       diesem Vormittag schon Hühnerbeine und schälen Kartoffeln, hacken
       Knoblauch.
       
       Gegessen wird später draußen, unter den bunt bemalten Autobahnpfeilern, 200
       Menschen werden so von Montag bis Freitag versorgt. Über 44.000 solcher
       Volksküchen sind landesweit registriert, in der Coronapandemie haben sie
       Hunderttausenden, auch aus der unteren Mittelschicht, das Überleben
       gesichert. Mehr oder weniger gut selbst organisiert, mit Subventionen aus
       dem nationalen Haushalt. Bis die Kettensäge kam.
       
       Schon in den Vierzigerjahren setzten die schöne Evita und ihr Mann,
       Präsident Juan Perón, auf einen Populismus der Almosen. Ihr „Peronismus“
       lebte seitdem in sehr unterschiedlichen Spielarten weiter. Insbesondere
       linksperonistische Regierungen wie die von Néstor Kirchner und Cristina
       Fernández de Kirchner, 2003 bis 2015, stützten sich auf die sozialen
       Bewegungen. Auf öffentliche Arbeitsbeschaffung und auf die Macht der
       argentinischen Gewerkschaften – Staatsverschuldung und Korruptionsvorwürfe
       inklusive.
       
       Gegen diese peronistische „Kaste“ trat Javier Milei an, als
       Outsiderpräsident propagiert er den Kahlschlag der Institutionen. Zum
       Amtsantritt zeigte er auf Tiktok, wie er die Hälfte der Behörden aus dem
       staatlichen Organigramm reißt: „Kulturministerium, weg damit!
       Umweltministerium, weg damit!“
       
       Die Volksküchen? Weg damit! Präsident Milei nennt linke Gruppen wie die FOL
       „Terroristen“. Die Menschenrechtsorganisation CELS klagt, dass seit Mileis
       Amtsantritt Armutsrentner:innen und andere, die gegen seinen Sparkurs
       demonstrieren, mit übermäßigem Polizeiaufgebot eingeschüchtert werden.
       Milei geht es nicht allein um einen ausgeglichenen Haushalt, er führt einen
       autoritären Kulturkampf.
       
       ## Eine Superministerin für „Humankapital“
       
       Mit dem Frauenministerium soll auch die „Genderideologie“ fallen,
       Frauenhäusern kappt er die Zuschüsse. Den bedrohten Frauen im Gewirr der
       Villa 31 bleibt noch die „Casa invisible“, das unsichtbare Haus der linken
       Bewegungen im Viertel. Und die Telefonnummer der FOL. „Wenn die Männer ihre
       Frauen umbringen wollen, versuchen wir zumindest, die Frauen rauszuholen“,
       sagt Mari Ventura.
       
       Bildung, Kultur, Arbeit, Soziales – diese Bereiche hat Präsident Milei in
       einem „Ministerium für Humankapital“ zusammengefasst. [4][Superministerin
       Sandra Pettovello] lässt gerade jede Büste, jedes Porträt der mildtätigen
       Evita Perón aus den öffentlichen Gebäuden tilgen, sozialen Bewegungen wie
       der FOL liefert ihr Ministerium keine Grundnahrungsmittel für ihre
       Volksküchen mehr.
       
       Als im Sommer herauskam, dass bei 300 Tonnen staatlich gebunkertem
       Milchpulver das Haltbarkeitsdatum ablaufen würde, ließ die Ministerin die
       Trockenmilch durch das Militär einer Stiftung der rechtskatholischen
       Organisation Opus Dei übergeben. Kurz zuvor hatte Pettovello mit
       evangelikalen Fundamentalisten Verträge über eigene Volksküchen
       geschlossen. Die neuen Sozialpartnerschaften der Milei-Regierung:
       erzkonservativ.
       
       Mari Ventura leitet 200 Meter von der linksradikalen Volksküche entfernt
       einen Kindergarten der FOL. Noch. Ventura öffnet leise die Tür im
       Erdgeschoss, denn die 15 Kinder hier unten halten gerade genau wie die im
       ersten Stock auf roten und gelben Matten Mittagsschlaf. An der Wand hängen
       ihre kleinen Rucksäcke, über jedem Haken ein Name: Calet, Magaly, Zoe,
       Jhoel. Auch hier im Kindergarten wird schon das Mittagessen vorbereitet.
       Auch hier fehlen die nationalen Lieferungen von Nahrungsmitteln.
       
       Zwei Kindergärten musste FOL schon schließen, sagt Mari Ventura im stillen
       Lagerraum, neben Säcken mit Reis, Nudeln, Linsen. Die kommen jetzt teils
       von der Stadt Buenos Aires, teils sind es Spenden. Ventura selbst verdient
       nur noch die Hälfte, sagt sie, 78.000 Pesos im Monat, in etwa 80 Euro. „Das
       ist nicht nichts, aber es reicht nicht. Wenn ich nicht Lebensmittel aus dem
       Kindergarten mitnehmen könnte, würde ich unter einer Brücke leben.“
       
       ## Hocharbeiten für ein Mittelschichtsleben
       
       Die Kinder bleiben bis zum späten Nachmittag in der Obhut von Ventura und
       ihren Kolleginnen, die Eltern, Putzkräfte, Lager- oder Bauarbeiter, sind
       auf den Kindergarten angewiesen. Über vierzig Prozent der argentinischen
       Bevölkerung arbeitet im „informellen Sektor“. Sie halten das Land am
       Laufen, sind aber meist nicht versichert. Steuern zahlen sie selten, sehr
       zum Ärger der Mittelschicht. Dass Milei ihnen jetzt die staatlichen Almosen
       streicht, finden nicht wenige einfach gerecht. Auch rassistische Vorurteile
       mögen eine Rolle spielen. Die Villas und ihre Bewohner:innen kennen
       viele Argentinier:innen nur aus dem Fernsehen.
       
       An einer silbernen Kette trägt Mari Ventura ein Herz um den Hals, darauf
       eingraviert die Gesichter ihrer Kinder. Die älteste Tochter, 21, hat es
       geschafft, sich hochzuarbeiten, studiert Medizin. Dass sie wie viele junge
       Menschen mit Ambitionen auf ein Mittelschichtsleben Milei gewählt hat,
       frustriert die linke Mutter. [5][Ohne das öffentliche, kostenlose
       Bildungssystem, das Milei jetzt zusammenstreicht,] hätte sie ihrem Kind
       kein Studium ermöglichen können, sagt Ventura. „Er hat Gehirnwäsche
       betrieben mit all seinen Versprechungen im Wahlkampf.“
       
       Unter Venturas vielen Sorgen sind die Narcos die größte. Denn wo der Staat
       sich zurückzieht, hätten die Drogenbarone freien Lauf. Bislang ist
       Argentinien weit entfernt von den Drogenproblemen anderer Länder
       Lateinamerikas. Doch vom Kokain, das über die Flussschifffahrt aus Peru und
       Bolivien kommt und weiter nach Europa soll, bleiben immer mehr
       Nebenprodukte in den Häfen Argentiniens hängen. Mit desaströsen Folgen.
       
       „Die Narcos wollen nicht, dass die Kinder zur Schule und auf die
       Universität gehen“, sagt Mari Ventura. Sie suchten junge Kunden und Dealer;
       wo die Sozialarbeit weggekürzt werde, hätten sie leichtes Spiel.
       
       Gastón Colombres, 37, braun gebrannt, offener Priesterkragen, sieht das
       ganz ähnlich. Bei einem Rundgang durch die „Ciudad oculta“, 20 Kilometer
       weiter im Süden von Buenos Aires, schüttelt der Geistliche allerlei Hände.
       Ein junger Mann kommt zu „Tonga“, wie ihn alle hier nennen, um seine
       Kreuzhalskette segnen zu lassen.
       
       ## Der Kampf mit den Narcos
       
       Auch die Ciudad oculta ist überspannt mit Stromleitungsknäueln, in den
       Gassen stöbern herrenlose Hündchen im Müll. „Die Armen müssen sich selbst
       retten“, sagt Padre Tonga. Doch egal was sie sich aufbauten, es sei
       gefährdet. „Die Drogen zerstören alles.“ Und Mileis Regierung interessiert
       sich nicht dafür.
       
       Dass die Villa 15 „verborgene Stadt“ genannt wird, erklären sich ihre
       Bewohner:innen mit einer Mauer, die die Militärdiktatur 1978 vor ihrem
       Viertel hochzog. Ausländischen Gästen der Fußball-WM sollte damals der
       Anblick des Elendsviertels erspart bleiben.
       
       Padre Tonga, ständig am Handy, setzt dagegen voll auf Sichtbarkeit.
       Signalrot, Flaschengrün, Orange – die Gebäude seiner Pfarrei „Virgen del
       Carmen“ leuchten in der Novembersonne. Vor dem Gemeindehaus warten etwa 15
       Frauen, Rosenkränze in der Hand, kleine Kinder auf dem Schoß. Die größeren
       beichten gerade bei Colombres’ Mitbruder, ihre Erstkommunion steht an.
       
       „Der Kampf mit den Narcos wird härter“, sagt Padre Tonga. Einer seiner
       Mitbrüder, der argentinienweit bekannte Pepe di Paola, zog vor Kurzem in
       einen anderen Landesteil, weil die Drogenbarone ihn mit dem Tod bedrohten.
       Das zeigt, wie ernst die Narcos die Sozialarbeit der Armenpriester nehmen.
       Nur will der Präsident kein Geld mehr dafür ausgeben.
       
       Padre Tonga und seine Mitbrüder sehen sich in der Tradition von Carlos
       Mugica. In den Fünfzigerjahren ließ der seine vornehme Herkunft und das
       Jurastudium hinter sich, um als Priester bei den Armen in den Villas zu
       leben. Für Bildung, Gesundheitsversorgung und mehr soziale Gerechtigkeit
       setzte sich der Befreiungstheologe ein.
       
       Nicht nur mit der konservativen Kirchenleitung, auch mit den Militärs, die
       sich schon zur Machtergreifung anschickten, geriet er darüber in Konflikte,
       am 11. Mai 1974 erschossen sie Mugica nach einer Messe. Seine letzten
       Worte: „Jetzt, mehr als je zuvor, müssen wir beim Volk sein.“
       
       ## Die andere Ikone: Diego Maradona
       
       In diesem Geist lässt Padre Tonga an allen Ecken der Ciudad oculta kleine
       Kapellen bauen, die schaffen Beschäftigung und wirken wie Markierungen:
       Hier herrscht die Jungfrau Maria, nicht die Kokainpaste. An den Kapellen
       treffen sich regelmäßig die „kleinen Entdecker“ zu Spielen und Ausflügen.
       Ein Musikfestival und Tanzabende bietet die Kirchengemeinde, bolivianischen
       Tanz, paraguayischen, Einkehrtage für Frauen. Die wirksamste Waffe gegen
       die Drogen aber, sagt Padre Tonga, sei etwas anderes.
       
       Am Bolzplatz des Viertels teilt sich die heilige Jungfrau die Wand mit
       einer anderen Ikone: im himmelblau-weißen Dress, nur wenige Kilometer von
       hier geboren, Diego Maradona, drogengeschädigte Hand Gottes.
       
       150 Kinder betreut die Kirchengemeinde in ihrem Kindergarten, 400 in der
       Grundschule. Im Fußballklub, da kann Tonga seinen Stolz kaum verbergen,
       sind 800 Kinder und Jugendliche organisiert. Zweimal die Woche haben die
       jungen Frauen Futsal-Training, viermal die Woche trainieren die Jungs,
       Jahrgänge 2006 bis 2010. Sie sind besonders gefährdet, sollen möglichst
       wenig leere Zeit haben.
       
       „Sie sehen, dass die, die sich mit den Narcos einlassen, plötzlich ein
       Stockwerk draufsetzen oder sich ein Auto kaufen“, sagt Padre Tonga auf dem
       Weg zum Hallentraining der Jüngsten. Das schnelle Geld lockt. Dem entgegen
       will der Priester die Jugendlichen Fleiß und Verantwortungsgefühl lehren,
       den Glauben an die Virgen und in den eigenen Wert.
       
       ## Beten vor dem Spiel
       
       „Jungfrau Maria, wir gehören dir. Jeden Tag versuchen wir, eine gute
       Familie zu sein, in der niemand ausgeschlossen wird und jeder seinen Platz
       findet“, betet einer der Jungen in der Sporthalle aus Klinker, vor beiden
       Teams, vor seiner Trainerin. Grün und Weiß sind die Farben des Fußballklubs
       von Padre Tongas Gemeinde, vor jedem Spiel wird gebetet: „Wir wollen ein
       Licht in unserer Nachbarschaft sein, das Spiel des Lebens gewinnen, wie
       Jesus mit Leidenschaft für das Gute leben … Immer weiter, vorwärts!“ Die
       anderen kleinen Lungen holen Luft: Amen!
       
       Es ist 19.10 Uhr, unten in der Halle pfeift die Trainerin das Spiel an,
       oben, in drei der Klassenräume, sitzen die Erwachsenen zusammen, die den
       Schulabschluss nachholen möchten. Auch die Erwachsenenbildung wollte die
       Regierung wegkürzen, sagt Padre Tonga, der durch die Fenster den
       Abendschüler:innen zuwinkt. Doch in diesem Fall hätte der Protest Erfolg
       gehabt, das Programm laufe zunächst weiter.
       
       In einem blauen Gebäude direkt neben der Kirche bietet Padre Tongas
       Gemeinde 40 Männern für die Zeit des Drogenentzugs eine Unterkunft. „Noch
       bezahlt die Stadt die Therapie“, sagt Colombres. „Aber wie lange noch?“
       
       Auf die Stadt Buenos Aires und die anderen 23 Provinzen des Landes setzen
       jetzt viele, was die Sozialzuschüsse, Umweltauflagen und den Erhalt der
       Demokratie angeht. Bislang gehört keine:r der Gouverneur:innen zu
       Mileis Partei La Libertad Avanza. Doch in einem Jahr stehen die
       Provinzwahlen an und schon jetzt entzieht der Präsident den widerständigen
       unter den Gouverneur:innen das Geld, das ihnen eigentlich aus dem
       nationalen Haushalt zusteht. „Auch der Bürgermeister von Buenos Aires passt
       sich an Milei an“, klagt Padre Tonga auf dem Schulflur.
       
       Schon vor der Präsidentschaftswahl 2023 haben die Armenpriester vor Mileis
       Plänen gewarnt. Aus ganz Argentinien kamen sie nach Buenos Aires, um eine
       Protestmesse vor Tausenden Armen zu feiern, in einem offenen Brief
       schrieben sie: „Wir glauben, dass die Vergötterung des Marktes zu einer
       Entmenschlichung führt“. Wenn man nur Löwen wecke, sei es logisch, „dass
       die wehrlosesten Lämmer gefressen werden“.
       
       Dass Mileis Leute die Militärdiktatur relativieren, stößt den Priestern
       auf, dass der Präsident sich als Messias der Argentinier inszeniert,
       genauso. Und vor allem ärgert sie, wie Milei mit ihrem Oberhaupt umgeht.
       
       ## Der Präsident und der Papst
       
       Papst Franziskus, selbst geprägt durch die Befreiungstheologie, gibt sich
       diplomatisch, was den Präsidenten seines Heimatlandes betrifft. „Keine
       Regierung kann moralisch verlangen, dass ihre Bevölkerung Entbehrungen
       erleidet, die mit der Menschenwürde unvereinbar sind“, formulierte er
       einmal allgemein. In vorsichtigem Protest ließ er sich mit
       Gewerkschafter:innen der staatlichen Fluggesellschaft fotografieren,
       die Milei privatisieren will.
       
       Der Präsident hingegen nannte den Papst schon „Hurensohn“ und unterstellte
       ihm einen „ruchlosen Charakter“. In einem Interview sagte Milei: „Der Papst
       ist der Vertreter des Bösen auf Erden, der den Thron des Hauses Gottes
       besetzt. Der Papst fördert den Kommunismus mit all den Katastrophen, die er
       verursacht hat.“
       
       Im März machte eine weitere Messe der Armenpriester Furore, bei der
       skandiert wurde: „Das Vaterland steht nicht zum Verkauf.“ Für den
       Erzbischof von Buenos Aires ging das zu weit, er pfiff die Priester zurück:
       Gottesdienste dürften nicht für politische Zwecke instrumentalisiert
       werden.
       
       „Wir Curas villeros stehen nicht auf der Seite einer Partei“, sagt Padre
       Tonga, das Thema scheint ihm unangenehm. Bei der Priestergemeinschaft
       Option für die Armen sei das anders, sie sei tatsächlich mit der Peronistin
       Cristina Kirchner verbunden. Seine Mitbrüder hingegen verhandelten mit
       allen politischen Akteur:innen, wenn es den Armen dient. „Auf unterer Ebene
       kann man auch mit Mileis Leuten reden“, das tue er. Mit Respekt. Den
       allerdings vermisst Padre Tonga beim Präsidenten selbst. „Ich meine, das
       ist der Papst!“
       
       Tatsächlich gebe es zu viel Korruption, sagt Padre Tonga, auch innerhalb
       der sozialen Bewegungen. Der Reformbedarf sei groß, doch Mileis Kurs sei zu
       radikal. „Ausgleich, soziale Gerechtigkeit, das ist die Aufgabe des
       Staates!“ Allein schon, um die Narcos in Schach zu halten.
       
       ## Zehntausende haben ihre Jobs verloren
       
       Zwar sank im November die Jahresinflation im Land, im Vergleich zum
       Vormonat stieg sie aber wieder leicht an. Das argentinische
       Bruttoinlandsprodukt werde um 3,5 Prozent schrumpfen, prognostiziert die
       Weltbank. Selbst liberale Ökonomen wie Hans-Dieter Holtzmann, Chef der
       FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Buenos Aires, fragen sich, ob
       Mileis gute Zahlen über Einmaleffekte hinaus anhalten. Wo der soziale
       Ausgleich fehle, würden auch ausländische Investitionen riskanter, sagt
       Holtzmann.
       
       Zehntausende haben ihre Arbeit in Bibliotheken, bei der Post oder den
       Ferrocarriles Argentinos, der Eisenbahn, verloren. Das Trinkwasser soll
       jetzt privatisiert werden, die Subventionen für Strom, Lebensmittel, Benzin
       sind passé. Trotzdem unterstützt noch etwa die Hälfte der Bevölkerung
       Mileis Politik.
       
       „Der Mittelschicht hat er gesagt, dass sie leiden wird, jetzt leidet sie“,
       sagt Padre Tonga. Die Argentinier:innen schätzen solche Ehrlichkeit –
       und wollen hoffen, dass es ihnen langfristig besser geht. Bislang drückt
       Milei seine Politik per Dekret durch, im Parlament hat er keine Mehrheit.
       
       Das wird sich bei den Kongresswahlen in einem Jahr ändern, davon ist Padre
       Tonga überzeugt. Auf der „anderen Seite“ gäbe es schlicht keine starken
       Kandidat:innen.
       
       Hier in der verborgenen Stadt, wo Mileis Kettensäge bis in die Körper der
       Armen dringt, lebten vor allem Zugewanderte aus Venezuela, Bolivien,
       Paraguay, sagt der Priester. Sie haben keine Wahl.
       
       7 Dec 2024
       
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 (DIR) Argentiniens Präsident Javier Milei: Schnell zum Italiener gemacht
       
       Seine Großeltern waren vergangenes Jahrhundert ausgewandert. Jetzt stattet
       die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ihren Gast mit der
       Staatsbürgerschaft aus. Die Opposition ist wenig begeistert.
       
 (DIR) Christian Lindner: Die libertären Posterboys
       
       Die FDP kratzt am Existenzminimum – der Fünfprozenthürde. Parteichef
       Lindner sieht das als dornige Chance und setzt auf irre Vorbilder wie Elon
       Musk.
       
 (DIR) G20-Gipfel in Brasilien: Milei will mit Kapitalismus aus der Armut
       
       Erstmals trafen sich Brasiliens Präsident Lula und Argentiniens Präsident
       Milei auf dem G20-Gipfel in Rio de Janeiro. Die Stimmung blieb unterkühlt.
       
 (DIR) Proteste in Argentinien: Marschieren für die Bildung
       
       In Buenos Aires protestieren Hunderttausende gegen den Sparkurs an
       Universitäten. Sie fordern, deren Finanzierung der Inflation anzugleichen.