# taz.de -- Bei Sexismus und anderen Problemen: Schlagfertig austeilen
       
       > Hilft Schlagfertigkeit wirklich in unangenehmen Situationen? Eine
       > Spurensuche zwischen Instantsuppe und sabbernden Bulldoggen.
       
 (IMG) Bild: Wenn die Bulldogge sabbert und das Herrchen grapscht, wäre frau gerne schlagfertig
       
       Dass ich nicht unbedingt schlagfertig bin, [1][schrieb ich letztens in
       dieser Kolumne]. Seitdem klebt dieser Satz in meinem Hinterkopf. Ich frage
       mich: Wenn ich schlagfertiger wäre, hätte ich anders reagiert, als vor zwei
       Jahren ein Sportwagen neben mir bremste? An einer roten Ampel wartete ich
       auf meinem Fahrrad, der Asphalt glühte bei 36 Grad, ich hatte einen
       Jeansrock an. Der Beifahrer grapschte aus dem offenen Fenster in meine
       Richtung, als würde er meinen Po anfassen, und grinste dabei breit. Aus dem
       hinteren Fenster lehnte sich eine Bulldogge. Sie ahnte zwar nichts, aber
       sabberte und mir zog sich der Magen zusammen. Als die Ampel auf Grün
       sprang, bretterten die Männer davon – und ich trug zwei Sommer keinen Rock
       beim Radfahren.
       
       Wenn ich meine Schlagfertigkeit trainiere, vielleicht könnte ich solche
       Situationen besser an mir abprallen lassen oder [2][den Mann gleich
       anzeigen], mindestens den Mittelfinger zeigen?
       
       Das frage ich einen Freund, während ich wieder auf einem Fahrrad sitze und
       durch Brandenburg radle. Über dem Feld rechts steht die Sonne tief. Es wäre
       ein guter Tag für einen Rock. Er hat neulich bei der Arbeit an einem
       Schlagfertigkeits-Workshop teilgenommen, sagt er. Na klar, [3][Berater]
       kriegen beigebracht, wie man am besten kontert. Bevor ich lospöbeln kann,
       nehme ich die sinnvollere Abzweigung und entscheide mich dafür, möglichst
       viele Tipps abzugreifen.
       
       Und, wie wird man schlagfertig, frage ich ihn. „Wenn dir zum Beispiel
       jemand sagt: Das war aber eine naive Frage, dann stellst du eine
       Gegenfrage.“ So was wie: Was ist Naivität für Sie? „Das ist entwaffnend“,
       sagt er. Klingt gar nicht so kompliziert.
       
       Später schickt er mir das Handout des Workshops zu, dreißig Seiten Tipps,
       um seine verbale Rückhand zu trainieren. Schlagfertig sein bedeutet schnell
       zu reagieren (in maximal drei Sekunden), man muss spontan, mutig, treffend
       sein und manchmal auch etwas frech, lerne ich. Und dass die Hälfte aller
       Menschen auf überraschende Gegenfragen erst mal keine Antwort parat hat. So
       gewinnt man Zeit.
       
       Ich lese weiter. Wenn man angeschrien wird, soll man sagen: „Merken Sie
       eigentlich, wie laut Sie sprechen?“ Wenn jemand sagt, dass ich kompletten
       Quatsch erzählt hätte, soll ich antworten: „Das ist ja toll, dass Sie so
       kritisch sind.“
       
       Nächster Tipp, man soll sich Instantsätze überlegen, die man wie
       Instantsuppen immer im Vorratsschrank hat und bei Bedarf aufwärmen kann.
       Das Beispiel: Auf die Gemeinheit „Na, sie abgebrochener Riese“, soll man
       sagen: „Lieber ein abgebrochener Riese als ein ausgebrochener Giftzwerg.“
       
       Jetzt bin ich sehr froh, für diesen Kurs kein Geld ausgegeben zu haben.
       Uncooler kann man gar nicht kontern. Nicht jede schnelle Antwort ist
       automatisch schlagfertig. Die Männer an der Ampel hätten mich so sicher
       nicht ernst genommen.
       
       Dann stehe ich in einem [4][Nachtzug], der gerade den Bahnhof verlässt. Die
       anderen Fahrgäste und ich drängen uns in dem schmalen Gang vor den
       Abteilen, als ein Mann meint, unbedingt durchzumüssen. Er rammt mir seinen
       Rucksack in den Bauch. „Wo müssen Sie denn so schnell hin? Der Zug wird
       nicht ohne Sie losfahren“, sage ich zu ihm. Er glotzt zurück und schweigt.
       Dem hab ich’s gezeigt.
       
       17 Nov 2024
       
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