# taz.de -- Sci-Fi-Film „The Beast“ mit Léa Seydoux: Wo Unvernunft vernünftig ist
       
       > In Bertrand Bonellos Sci-Fi-Drama „The Beast“ will künstliche Intelligenz
       > den Menschen die Gefühle abtrainieren. Liebe passt da nicht.
       
 (IMG) Bild: Coole Welt: Louis Lewanski (George MacKay) und Gabrielle Monnier (Léa Seydoux) im Jahr 2044
       
       Gabrielle Monnier (Léa Seydoux) plagt die böse Vorahnung, dass ihr Leben
       durch eine große Katastrophe aus den Fugen geraten wird. Sie ist
       Konzertpianistin und wandelt im Jahre 1910 durch einen pompösen Salon in
       Paris, als sie auf Louis Lewanski (George MacKay) trifft. Der junge Mann
       erinnert sich an ihre Begegnung vor einigen Jahren. Ebenso an ihr Gespräch
       über diese diffuse und doch tiefsitzende Befürchtung, die sie ihm bereits
       damals anvertraute.
       
       Die Angst, die lähmt und limitiert, die verhindert und verkleinert, zieht
       sich als essenzielles Leitmotiv durch „The Beast“. [1][Der französische
       Filmemacher Bertrand Bonello] hat es einer Novelle von Henry James
       entlehnt. In „The Beast in the Jungle“ ist der männliche Protagonist von
       einem ganz ähnlichen Fatalismus befallen und lässt darüber sowohl die
       Chance einer bedeutenden Liebe als auch die besten Jahre seines Lebens
       verstreichen.
       
       [2][Bertrand Bonello („Saint Laurent“)], der in seinen Werken immer wieder
       eine Begeisterung für das Fantastische ([3][„Zombi Child“]) erkennen lässt
       und sich mit Lust an der Provokation mit dem Faszinosum „Prostitution“
       („Haus der Sünde“) beschäftigte, spielt in seinem neuen romantischen
       Science-Fiction-Drama äußerst kunstvoll mit dieser Prämisse.
       
       Auf mehreren Zeitebenen verpflanzt er diese sonderliche Besorgnis in seine
       wiederkehrende, immer gleichnamige und gleichaltrige Protagonistin und
       setzt mit Verve zu einer mitreißenden Verteidigung der Gefühle als zentrale
       Richtschnur im Leben an. Der Maxime, das eigene Handeln nach starken
       Empfindungen auszurichten, wird in unserem aufgeklärten Zeitalter
       eigentlich mit Skepsis begegnet – umso mehr, seit es durch „Fake News“,
       „alternative Fakten“ und „gefühlte Wahrheiten“ gefährdet ist.
       
       Tiefempfundene Emotionen, insbesondere die Liebe, aber haben in Bonellos
       elliptischem Film als Kompass, der durch das Dasein lotst und
       Entscheidungen anleitet, nicht nur eine Berechtigung. Sie sind geradezu
       unabdingbar. Denn eine Welt, so suggeriert es „The Beast“, in der die reine
       Rationalität die Oberhand gewinnt und jedes Risiko hinwegkalkuliert wurde,
       ist eine deutlich unerträglichere, als es eine vom Chaos der Gefühle
       geleitete je sein könnte.
       
       ## Zu primitiver Tätigkeit gezwungen
       
       Am Eindrucksvollsten wird dieses argumentative Ansinnen im Handlungsstrang
       durchexerziert, der sich im Jahr 2044 abspielt. Im Paris der Zukunft
       scheint die Umwelt endgültig zerstört, über die leeren Straßen eilen
       vereinzelt verhuschte Gestalten mit futuristischen Gasmasken vor den
       Gesichtern. Gabrielle, erneut mit einnehmend zarter Melancholie von Léa
       Seydoux gespielt, wird darin zu einer primitiven Tätigkeit gezwungen.
       Tagein, tagaus wacht sie über die Temperatur eines ominösen säulenförmigen
       Datenträgers. Was sie für bedeutende Berufe untauglich macht, ist ihr
       ausgeprägtes Empfindungsvermögen.
       
       So erklärt es ihr eine sich materialisierende KI-Stimme aus dem Off, als
       sie sich in einem kargen Bürokomplex einfindet. Als Gabrielle sich über die
       berufliche Situation und den Mangel an Menschlichkeit darin echauffiert,
       weist die künstliche Intelligenz nüchtern darauf hin, dass es eben diese
       Gefühlsaufwallungen sind, die ihr einen Weg in verantwortungsvollere
       Position versperren.
       
       Die Menschheit habe sich exakt durch solche „Affekte“ beinahe selbst
       ausgelöscht, geht aus dem Gespräch hervor, von Bürgerkriegen und Pandemien
       ist die Rede. Nun, so betont es die intelligente Maschine, dürften
       Entscheidungen schlicht nicht mehr durch Stimmungen verzerrt werden.
       
       ## KI gegen unkontrollierbare „Affekte“
       
       Doch auch eine vermeintliche Lösung bietet ihr die KI-Stimme an: Durch ein
       Verfahren, das Gabrielle in ihre vergangenen Leben eintauchen lässt, könne
       sie ihre DNA „bereinigen“ von vererbten Traumata, die sie durch
       einschneidende Erlebnisse in den vergangenen Jahrhunderten erlitten habe.
       Diese würden nun ihr Unbewusstes beeinflussen und jene unkontrollierbaren
       „Affekte“, wie Gefühle von der KI genannt werden, in ihr auslösen.
       
       Nur durch den Zuspruch einer zufriedenen Freundin angeleitet, beginnt
       Gabrielle den Prozess. Dem Film dient er als Ausgangspunkt in besagte
       Episode der Belle Époque sowie eine weitere im Jahr 2014 und damit als Weg
       in die unterschiedlichen Leben, die Gabrielle zuvor führte.
       
       Wie so oft, wenn sich Arthouse-Filmemacher der Mittel der Science-Fiction
       bedienen, richtet auch Bertrand Bonello das Hauptaugenmerk dabei nicht auf
       einen exzessiven Weltenbau. „The Beast“ hält sich weder damit auf, die
       technologischen Errungenschaften zu erläutern, die besagte transzendentale
       Zeitreisen ermöglichen, noch bedient sich der Film irgendeines schaurig
       beliebigen „Technobabble“.
       
       ## Ein steriles Morgen
       
       Stattdessen wird eine abstrahierte Zukunftsvision gezeichnet, in der
       Menschen nur noch wenig zu tun scheinen, was nicht einer strikt
       vernunftgetriebenen Logik entspringt. Einziger Fluchtpunkt sind diverse,
       über die Stadt verteilte Clubs, die vergangenen Epochen, etwa den 1960ern,
       70ern und 80ern, gewidmet sind. Die Besucher darin tragen die jeweilige
       Mode der Dekade und tanzen beinahe mechanisch, wenig subtil, zu Songs wie
       „Fade to Grey“.
       
       Das so erzeugte Bild eines sterilen Morgen, in dem Gefühle als Gefahr
       wahrgenommen werden, genügt im Verbund mit einer wehmütigen Sehnsucht nach
       dem Gestern, um künstliche Intelligenz als Bedrohung zu zeichnen: Hier
       trägt die Rationalität in Reinform gar totalitäre Züge und will alles
       Eigene aberkennen, alles Abweichende loswerden – erweist sich als
       lebensfeindlich.
       
       Passend zu dieser Absage an die bloße Vernunft verlassen die Geschehnisse
       in „The Beast“ jenseits des klar strukturierten futuristischen Settings
       selbst regelmäßig das Gebiet der schlüssigen Zusammenhänge und des
       Durchdringbaren. So spielen ein unabänderliches Schicksal und
       Vorherbestimmung eine zentrale Rolle, insbesondere im Kontext der Beziehung
       zwischen Gabrielle und Louis, die sich schließlich auf allen drei
       Zeitebenen begegnen werden, begegnen müssen.
       
       ## Traumartige Unheimlichkeit
       
       Während sich in der im Jahre 1910 angesiedelten, im Stile eines
       Historiendramas inszenierten Episode eine Affäre zwischen ihnen anbahnt,
       begegnet Louis 2014 der als angehendes Model in Los Angeles wohnenden
       Gabrielle zufällig auf der Straße. In diesen Erzählstrang, der in seiner
       traumartigen Unheimlichkeit an die verzerrten Realitäten eines David Lynch
       erinnert, ist Louis zu einem frauenhassenden Mann, einem „Incel“ verkommen,
       der Gabrielle in der Villa, die sie gegen ein Taschengeld und Wohnrecht
       bewacht, auflauert.
       
       Mit erkennbarer Freude am Rätselhaften lädt Bertrand Bonello seine
       Erzählungen mit mystischen Motiven auf und lässt Gabrielle etwa immer
       wieder verhängnisvolle Begegnungen mit ominösen Tauben, leblosen Puppen
       oder unheilverkündenden Wahrsagerinnen machen. Nur dann, wenn es um den
       Wettstreit von Vernunft und Gefühl geht, wird „The Beast“ erneut deutlich:
       In allen drei Inkarnationen könnten Gabrielle und Louis zueinanderfinden
       und werden im Moment, in dem sie sich gegen die Möglichkeit der Liebe
       entscheiden, ins Verderben gestürzt.
       
       So faszinierend und verführerisch dieses filmische Plädoyer für die
       Bedeutung der Emotionen auch ist, bleibt auch dieser Film letztlich vor dem
       unlösbaren Widerspruch zwischen Leidenschaft und Logik stehen. Schließlich
       ist es genau die unkontrollierte Macht der „Affekte“, die die dystopische
       Zukunft in „The Beast“ heraufbeschworen hat. Welche zerstörerische Kraft
       sie entfalten können, wenn sie politisch instrumentalisiert werden, ist
       immerhin auch in unserer Gegenwart zu beobachten. Auch dass die lähmende
       Angst, die Gabrielle und Louis immer wieder voneinander trennt, selbst eine
       der intensivsten Empfindungen ist, lässt sich kaum leugnen.
       
       Vielleicht aber ist es für einen Regisseur, der die Kraft der Gefühle
       verteidigt, nur konsequent, sich selbst nicht streng der Ordnung der
       Vernunft zu unterwerfen. Und in dieser anregenden Unberechenbarkeit folgt
       man Bertrand Bonello nur allzu gerne.
       
       8 Oct 2024
       
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