# taz.de -- „Holy Fluxus“-Ausstellung in Berlin: Alles, was das Eisfach umgibt
       
       > Alles kann Kunst sein, war die Überzeugung der Fluxus-Künstler. In der
       > St.-Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum sind 250 Werke zu sehen.
       
 (IMG) Bild: Viel zu gucken gibt es in der Ausstellung, zum Beispiel Emmett Williams „Stained Glass Windows for the Fluxus Cathedral“, 1988
       
       Gleich am Eingang der Ausstellung „Holy Fluxus“ in der St.-Matthäus-Kirche
       am Kulturforum begrüßt das Publikum ein gammeliger, alter Kühlschrank. Auf
       dessen Tür hat [1][der amerikanische Künstler Allan Kaprow], bekannt als
       Begründer des Happenings, mit schwarzem Filzstift geschrieben: „Look Inside
       for a Good Idea“. Wer hinter die leicht geöffnete Kühlschranktür guckt,
       findet auf der Klappe des Tiefkühlfachs eine weitere künstlerische
       Botschaft: „Look Outside for a Good Idea.“
       
       Auch wenn Kaprow nicht im eigentlichen Sinne zur Fluxus-Gruppe gehörte, um
       die es bei der Ausstellung geht – die Arbeit von 1997 passt doch zum
       Programm des weltweit agierenden Netzwerks von Künstlerinnen und Künstlern,
       das seit den 1960er Jahren daran arbeitete, die Trennung von Kunst und
       Leben aufzuheben: Kunst kann alles sein, auch ein Schrottkühlschrank,
       ebenso wie Lebenspraktiken, Handlungsanweisungen, Kommunikationsakte oder
       Gelage mit Freunden.
       
       Und Kunst ist überall da, wo man sie findet, und sei es im Eisfach. Oder in
       allem, was das Eisfach umgibt.
       
       Auch dass die Präsentation der über 250 Arbeiten von Fluxus-Künstlern und
       Geistesverwandten in einer Kirche stattfindet, leuchtet ein: Die wundersame
       Verwandlung von Alltagsgegenständen in Kunstwerke war ein Mirakel, das
       [2][der heilige Marcel (Duchamp)], der Apostel des Readymade und einer der
       wichtigsten Schutzpatrone der Fluxus-Künstler, 1913 zum ersten Mal
       vollbracht hatte.
       
       ## Internationale Glaubensgemeinschaft der Neo-Avantgarde
       
       „Holy Fluxus“ dokumentiert, wie die internationale Glaubensgemeinschaft der
       Neo-Avantgarde auch den geringsten ihrer Brüder und Schwestern die
       kunsthistorische Weihung zukommen ließ, wenn sie nur lange genug gute
       (Kunst-)Werke vollbrachten und diese in den richtigen Galerien, Museen und
       Ausstellungen zelebrierten.
       
       Und dabei Wohltäter fanden wie [3][den italienischen Galeristen und
       Verleger Francesco Conz], aus dessen Sammlung – die sich seit 2016 in
       Berlin-Charlottenburg befindet – die meisten der gezeigten Arbeiten
       stammen. Der 2010 verstorbene Conz, der auch Werke der Wiener Aktionisten,
       der französischen Lettristen und konkreter Dichter aus der ganzen Welt
       sammelte, dürfte sich nicht nur qua seines Vornamens mit christlichen Riten
       gut ausgekannt haben: Er stammte aus einer österreichisch-ungarischen
       Familie, die im 19. Jahrhundert unter Thurn und Taxis das Monopol besaß,
       Pilgerreisen zwischen Innsbruck und seinem Geburtsort Padua zu
       organisieren.
       
       Die Galerien und Ausstellungsräume, die er in Venedig, Asolo und Verona
       betrieb, waren auch Konvente für die Ökumene der rund um den Globus
       pilgernden Künstler der Fluxus-Bewegungen, die als Dank für die Herberge
       und offensichtlich großzügige und delikate Speisung Werke hinterließen, die
       im Mittelpunkt der Ausstellung auf einer überdimensionalen Festtafel
       arrangiert sind.
       
       Hier finden sich nicht nur von Künstlern wie Otto Mühl, Ann Noël, Ben
       Patterson oder Philip Corner entworfene, signierte, bemalte oder
       anderweitig verzierte Flaschen Wein, Grappa und Veuve Clicquot für die
       Transsubstantiation während des Abendmahls bei den Gottesdiensten, die in
       St. Matthäus immer noch mehrmals pro Woche stattfinden. Für Anhänger
       anderer Glaubensgemeinschaften stehen eine Olivenölflasche von Joseph
       Beuys, eine Kaffeekanne von [4][Carolee Schneemann], eine Whiskey-Buddel
       von Ben Patterson oder Bierdosen von Michael Morris zur Verfügung.
       
       ## Glaubenssystemen und Kunstpraktiken
       
       Direkte christliche Bezüge haben auch die Kirchenglasfenster von Emmett
       Williams, die „Stained Glass Windows for the Fluxus Cathedral“ (1988), die
       in den Fensterlaibungen der St.-Matthäus-Kirche installiert sind und auch
       als Akt der Selbstkanonisierung kontempliert werden können. Konkrete Poesie
       von Dichtern wie Augusto de Campos, Eugen Gomringer, Julio Plaza oder Jiri
       Valoch und Partituren von Künstlern wie Nam June Paik, Charlotte Moorman
       oder Tom Johnson kontextualisieren Fluxus in der Nachkriegsavantgarde.
       
       Da gibt es viel zu gucken. Denn in der Ausstellung dominieren kleine und
       kleinste Arbeiten, Multiples, Skizzen, Texte, Flux-Boxen und Spiele, die in
       zahllosen Vitrinen betrachtet werden können. Umgeben sind sie von einigen
       wenigen größeren Installationen – unter anderem ein tolles Musik-Dreirad
       von Joe Jones, das immer noch irisierende Geräuschmusik macht.
       
       Fluxus wollte das Leben zur Kunst machen. Im neoromanischen Kirchenbau von
       Friedrich August Stüler kann man die gezeigten Werke freilich undogmatisch
       auch ganz anders lesen: Als Reliquien – auch wenn wir hier in einer
       evangelischen Kirche sind.
       
       Die ganzen leeren Teller und Gläser, die zurückgebliebenen Kleidungsstücke
       und Spielsachen, die endlosen Postkarten und Briefe und Umschläge und
       Pakete und Kistchen und Kästchen und Schachteln wirken in der Ausstellung
       auch ein bisschen wie die irdischen Überreste eines vergangenen
       (kunst-)historischen Mysteriums, an das man glauben muss, wenn man es nicht
       selbst erlebt hat – so wie an religiöse Wunder. Bezüge zu den
       Glaubenssystemen und Kunstpraktiken der Gegenwart bietet die Ausstellung
       nicht, obwohl die präsentierten Arbeiten sie unglaublich nahe legen würden.
       
       5 Aug 2024
       
       ## LINKS
       
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