# taz.de -- Kunstschau „Ornamenta“: Unangenehme Nähe
       
       > Die „Ornamenta“ im Schwarzwald verwebt freie Kunst und Industrie. Das ist
       > nicht neu, aber mit Hinblick auf Debatten um Kulturförderung
       > hinterfragbar.
       
 (IMG) Bild: Sollte freie Kunst für Industrie und Markt gemacht sein? Blick in Ausstellung der Ornamenta 2024 im König-Karls-Bad, Bad Wildbald
       
       Kürzlich eröffnete im Nordschwarzwald die Kunstschau „Ornamenta“. Sie soll
       fortan alle fünf Jahre stattfinden und zeigt [1][Kunst] und Designobjekte
       an wunderbar abseitigen Orten. „Ornamenta“, das klingt nach [2][documenta]
       fürs Kunsthandwerk. Und ein bisschen ist es das auch. Das
       Ausstellungsprojekt wurde 1989 von der damals einbrechenden Pforzheimer
       Schmuckindustrie ins Leben gerufen.
       
       Auch jetzt sind sich in der Neuauflage der „Ornamenta“ Industrie und Kunst
       unangenehm nahe. Für einen Platz im Städtchen Nagold entwarf die
       Schriftgestalterin Charlotte Rohde eine Sonnenuhr, angefertigt ist sie vom
       regionalen Unternehmen Perrot, das auch die Turmuhr der gigantomanen
       Big-Ben-Kopie in Mekka herstellte. Im Reuchlin-Museum stellt Designerin
       Nanna Doll goldene Gesichtsspangen aus, angefertigt sind sie von einer
       Firma für kieferorthopädische Produkte.
       
       Angewandte Kunst wird für einen Markt und die Industrie gemacht, doch die
       „Ornamenta“ zeigt auch immer wieder freie Kunst. Wenn etwa Künstlerin
       Wiktoria Wojciechowska in einem neobarocken Thermalbad dazu auffordert,
       zur Entspannung mal das eigene Handy abzulegen, und als Alternative einen
       Dummy aus Kristallgestein anbietet, dann wird man sich kurz der eigenen
       Medien- und Objektabhängigkeiten bewusst. Ein psychologisches, auch
       performatives Moment, das doch standesgemäß die freie Kunst herausarbeitet.
       
       Die documenta, mit der sich die „Ornamenta“ schon dem Namen nach
       vergleicht, zeigte auch mal Design. 1964 ließ Arnold Bode in Kassel
       Produkte der Firmen IBM und Braun ausstellen. Doch solch eine klare
       Verbindung von Industrie und Kunst hat sich in den letzten Jahrzehnten bei
       groß angelegten Ausstellungsprojekten institutionell eher aufgelöst.
       
       ## Möglichst frei und ungebunden
       
       Die Findungskommission der documenta ist etwa als eine autonome Instanz
       eingerichtet worden, um in ihrem Auswahlprozess für eine künstlerische
       Leitung eine freie Kunst eben möglichst frei bleiben zu lassen, ungebunden
       von politischen und wirtschaftlichen Interessen.
       
       Auch Unternehmen greifen bei Förderung und Sponsoring von Kunst selten in
       ihre Inhalte ein, wenn sie Kunstpreise ausloben oder Ausstellungshäuser
       stiften. Die eigentlichen Unternehmensaktivitäten sind dann häufig gar
       nicht mehr kenntlich, was ihnen auch den Vorwurf des art washing einbringt.
       Bei der „Ornamenta“ hingegen kann selbst die freie Kunst zu einem
       Firmenprodukt werden.
       
       Es wird gerade [3][viel über die Rolle der freien Kunst in der
       Kulturförderung diskutiert]. Ein Verständnis von ihr als Ausführgehilfe der
       Industrie sollte sich dabei besser nicht verbreiten.
       
       14 Jul 2024
       
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