# taz.de -- Russische Desinformation: Fake Voices of Europe
       
       > Die Slowakei wählt einen neuen Präsidenten. Begleitet wird die Wahl von
       > Einflussnahme aus Russland, die höchste politische Kreise erreicht.
       
 (IMG) Bild: Wer zieht hier ein? Am Samstag wählt die Slowakei einen neuen Präsidenten. Mit Folgen weit über das Land hinaus
       
       Am Morgen des 28. September 2023, zwei Tage vor der slowakischen
       Nationalratswahl, meldet sich Sergej Naryschkin, der Chef des ansonsten
       eher verschwiegenen russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, zu Wort. Die
       US-Regierung habe „in letzter Zeit ihre Einmischung in die Slowakei
       intensiviert“, weiß Naryschkin.
       
       Angesichts guter Umfragewerte für die Gegner „bedingungsloser“
       US-Gefolgschaft fürchte Präsident Joe Biden einen [1][„weiteren national
       orientierten Viktor Orbán in Europa“]. Und so versuche das
       US-Außenministerium mit „Druck, Erpressung, Einschüchterung und Bestechung“
       für einen Wahlsieg der Partei Progresívne Slovensko (Progressive Slowakei,
       PS) zu sorgen, auf dass diese eine Washington gegenüber „völlig loyale“
       Regierung bilde.
       
       Um 10.43 Uhr verbreitet die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA
       Novosti die Meldung. Es ist genau der Zeitpunkt, an dem in der Slowakei ein
       48-Stunden-Moratorium bis zur Wahl beginnt. Medien dürfen in dieser Zeit
       nicht über die Wahl berichten, Politiker nichts öffentlich
       kommentieren.
       
       Kurz zuvor, um 10.04 Uhr jenes Morgens, wird – so zeigen es später die
       sogenannten Metadaten – ein kurzer Videoclip erstellt. Er ist 2:13 Minuten
       lang, zu sehen sind zwei schlecht aufgelöste Fotos: Ein Bild der berühmten
       slowakischen Investigativjournalistin Monika Tódová und eines von Michal
       Šimečka, dem Spitzenkandidaten von PS. Tódová arbeitet bei dem
       Enthüllungsportal Deník, sie ist seit Jahren für Berichte über Korruption
       im Umfeld von Ministerpräsident Robert Fico bekannt. Šimečka ist einer der
       populärsten prowestlichen Politiker des Landes.
       
       In dem Clip bleiben die Fotos unbewegt, während die Tonspur läuft. Zu hören
       ist, wie Šimečka vermeintlich schildert, dass er sich in Romadörfern
       Stimmen gekauft habe – und wie viel Geld Tódová angeblich bekommen habe, um
       Einfluss auf die Wahl zu nehmen.
       
       „Es klang wie meine Stimme“, sagt Monika Tódová später der taz. Aber was
       darin gesagt wird, stammt nicht von ihr – und auch nicht von Šimečka. Das
       Gespräch ist ein Fake, digital erzeugt von einer künstlichen Intelligenz,
       vermutlich trainiert mit im Netz verfügbaren Stimmproben. Es ist der erste
       Audio-Deepfake dieser Art von einem Spitzenpolitiker in Europa.
       
       ## Stimmen-KI birgt „ernsthafte Risiken“
       
       Wie groß das Problem potenziell ist, zeigte sich am vergangenen Karfreitag.
       Selbst die „Tagesschau“ berichtete von der neuen Voice Engine der
       US-Softwareschmiede OpenAI, der Weltmarktführerin in Sachen künstliche
       Intelligenz. Das Programm könne die Stimme eines Menschen auf Basis eines
       nur 15-sekündigen Audioschnipsels duplizieren.
       
       [2][Man sei sich bewusst, dass dies „ernsthafte Risiken birgt“, die in
       einem Wahljahr besonders zu beachten seien, so OpenAI.] Vorerst klone das
       Programm deshalb nur Stimmen von Menschen, die dem „vorab ausdrücklich
       zugestimmt“ hätten, versicherte das Unternehmen. Außerdem müsse Hörern
       klargemacht werden, dass die Stimme KI-generiert sei.
       
       Doch der Geist ist aus der Flasche. Andere Firmen haben vergleichbare
       Software entwickelt – und weniger Skrupel, als OpenAI es von sich
       behauptet. Fake News sind mittlerweile so verbreitet, dass
       Forscher:innen von einer globalen „Informationskrise“ sprechen und
       Desinformation als eines der größten Risiken für die Demokratien überhaupt
       einstufen.
       
       Was Stimmenklone da anrichten können, das zeigte sich in der Slowakei.
       Gleich mehrere Deepfake-Audios wie jenes mit Tódová hatten sich in den
       sozialen Medien des Landes verbreitet. Die künstlich erzeugten Tondokumente
       sollten prowestliche und proukrainische Politiker diskreditieren. Sie
       waren dabei nur eine Facette steter Desinformation aus dem Netz, die das
       Vertrauen in Medien und Institutionen in dem Land unterhöhlt hat.
       
       Dieser Vertrauensverlust ist einer der Gründe für die Wahl des
       prorussischen Robert Fico zu seiner insgesamt vierten Amtszeit als
       Ministerpräsident im vergangenen September. Zuletzt hatte er 2018 regiert.
       Und Fico baut den Staat seither in seinem Sinne um: Korruptionsbekämpfung
       wird erschwert, Medien werden staatlicher Kontrolle unterworfen und die
       Ukrainehilfen eingestellt.
       
       An diesem Samstag wählt die Slowakei nun auch einen neuen
       Staatspräsidenten. Die Abstimmung könnte das osteuropäische Land endgültig
       zum zweiten EU-Staat machen, der der bedrängten Ukraine die Unterstützung
       entzieht, wie zuvor Ungarn. Die Sorge vor russischer Desinformation und
       Wahlmanipulation in der Slowakei und darüber hinaus ist groß, auch mit
       Blick auf die EU-Wahlen im Juni. Denn sehr klar wurde in der Slowakei
       sichtbar, wie Russland in seinem Informationskrieg gegen den Westen
       vorzugehen bereit ist – und wie es damit Erfolg haben kann.
       
       ## „Waffenlieferungen an das Bandera-Regime“
       
       Um 12.05 Uhr an jenem Morgen des 28. September postet der ehemalige
       slowakische Verfassungsrichter und Ex-Justizminister Štefan Harabin das
       Tódová-Video auf seinem Kanal im Messenger-Dienst Telegram. Harabin ist
       einer der bekanntesten kremlnahen Politiker der Slowakei. Er verteidigte
       die Annexion der Krim, am Tag nach dem Überfall auf die Ukraine schrieb er
       auf Facebook, er würde „genau das Gleiche tun wie Putin“.
       
       Harabin leitet das Tódová-Video von einem mittlerweile gelöschten
       Telegram-Kanal namens „Gabika Ha“ weiter – womöglich das Konto seiner Frau
       Gabika Harabinová. Weiter zurückverfolgen lässt sich das Video nicht. In
       den folgenden Stunden verbreitet es sich ungezählte Male auf Facebook,
       Telegram, TikTok und über Mailinglisten.
       
       Um 15.20 Uhr erhält Monika Tódová von einem Facebook-Nutzer einen Link zu
       dem Video. Die Deník-Chefredaktion meldet es der Polizei. Um 15.58 Uhr
       postet Deník, dass das Video ein Schwindel ist. Um 16.41 Uhr schreibt die
       Polizei, dass sie „manipulative Videos und Tonaufnahmen“ im Zusammenhang
       mit der Wahl „abgefangen“ habe. Das Video bleibt indes auf Telegram und
       Facebook bis heute verfügbar. Facebook macht es als Fake kenntlich.
       
       Am folgenden Abend strahlt der russische Staatssender Rossija 1 in seiner
       Hauptnachrichtensendung ein Interview mit Harabin aus. Harabin sagt darin,
       es gebe „viele Hinweise, dass die Wahlen gefälscht sind“. Das für den
       Urnengang zuständige slowakische Statistikamt habe einen Vertrag mit der
       IT-Securityfirma ESET – und die arbeite „offiziell mit der CIA zusammen“,
       behauptet Harabin. Diese schon 2018 von Moskau aufgebrachte Anschuldigung
       hat ESET zurückgewiesen.
       
       „Mindestens 85 Prozent“ der slowakischen Bevölkerung, so Harabin weiter,
       seien gegen die „Waffenlieferungen an das Bandera-Regime“ – gemeint ist die
       Ukraine. Stepan Bandera war ein ukrainischer NS-Kollaborateur, er ist seit
       65 Jahren tot.
       
       ## Fico änderte den Ukrainekurs seines Landes radikal
       
       [3][Einen Tag später gewinnt Robert Fico mit 22,9 Prozent der Stimmen die
       Wahl] und ändert den Ukrainekurs seines Landes radikal. Die
       Vorgängerregierung hatte versichert, „unbegrenzt“ Flüchtlinge aus der
       Ukraine aufzunehmen, sie gab dem überfallenen Nachbarn Flugabwehrraketen,
       Kampfjets und Panzerhaubitzen, so viele, dass die Slowakei seither auf
       Schutz durch Nato-Partner angewiesen ist.
       
       Ficos Lager geißelt dies als „Hochverrat“ und droht mit Verfassungsklagen.
       Nach seinem Wahlsieg stoppt Fico die Militärhilfe. Er behauptet, die
       Ukraine stehe „vollständig unter dem Einfluss und der Kontrolle der USA“
       und sei deshalb „kein unabhängiges und souveränes Land“.
       
       An einem Dienstag im Januar sitzt Monika Tódová im siebten Stock eines
       Hochhauses am Rande der Innenstadt von Bratislava. Die Deník-Redaktion hat
       hier ihre Räume. Am Vortag hat die Staatsanwaltschaft Tódovás Antrag
       abgelehnt, wegen des Videos ein Ermittlungsverfahren einzuleiten –
       „angeblich ist kein Straftatbestand erkennbar“, sagt Tódová. Dass das
       gefälschte Gespräch solche Verbreitung erfahren habe, könne sie immer noch
       nicht glauben. „Das war so dumm, dass ich nur gelacht habe“, sagt sie.
       
       Dass sie selbst als Opfer ausgewählt wurde, wundert Tódová indes nicht. Im
       Jahr 2016 veröffentlichte sie eine große Geschichte über millionenschweren
       Steuerbetrug aus dem persönlichen Umfeld Ficos.
       
       Seither sei sie immer wieder angegriffen worden. „Sie haben in sozialen
       Netzwerken behauptet, dass ich eine sehr große Wohnung habe, die ich mir
       mit meinem Gehalt nicht leisten könne“, sagt Tódová. „Wenn Fico über
       Journalisten sprach, nannte er immer meinen Namen: ‚Tódová und Leute wie
       sie‘, oder die ‚reichste Journalistin der Slowakei‘.“ Sie schrieb immer
       weiter über Korruption – und bekam „jeden zweiten Tag Drohungen per
       E-Mail“.
       
       ## Nur wenige haben Vertrauen in etablierte Medien
       
       Schon 2016 wurden Tódovás E-Mails gehackt und von dem Immobilienunternehmer
       Marián Kočner veröffentlicht. Der Spiegel nannte Kočner die „Symbolfigur
       für die Verquickung von organisierter Kriminalität und Politik“. [4][Er
       verbüßt eine 19-jährige Haftstrafe und wird verdächtigt, mehrere Morde,
       darunter jenen an dem Journalisten Ján Kuciak und dessen Verlobter Martina
       Kušnírová in Auftrag gegeben zu haben.]
       
       Auch Kuciak hatte zu Korruption im Regierungsapparat recherchiert. Er wurde
       im Februar 2018 von Unbekannten erschossen. Fico hatte da bereits 12 Jahre
       lang regiert. Die mafiöse Korruption im Staat war offensichtlich geworden –
       vor allem durch Recherchen von Ján Kuciak und Deník.
       
       „Wir haben viele Artikel über das System geschrieben, das sie geschaffen
       haben“, sagt Tódová heute. Hunderte Menschen seien nach dem Kuciak-Mord von
       Gerichten verurteilt worden. „Fast alle aus den staatlichen Behörden. Nach
       dem Mord geschah hier etwas wirklich Großes, weil diese Untersuchung viele
       andere Verbrechen aufdeckte, von Beamten und Politikern.“ Unter anderem
       wanderten der Leiter der Antikorruptions-Sonderstaatsanwaltschaft und der
       Leiter der Steuerbehörde ins Gefängnis.
       
       Für Tódová und viele andere in der Slowakei ist klar, dass die mafiosen
       Strukturen im Fico-Umfeld und die russische Einflussnahme nur zusammen zu
       begreifen sind: Die Politiker wollen die Macht, um weiter korrupte
       Geschäfte zu machen oder für diese nicht belangt zu werden. Und Russland
       will sie an der Macht, um den Westen zu spalten. So gingen sie eine
       Symbiose ein. „Das ist nicht zu trennen“, sagt Tódová.
       
       Die Folgen sind gravierend. Fake-News-Schleudern im Netz kriegen immer mehr
       Reichweite, seriöse Medien und demokratische Institutionen haben es schwer.
       Nur 28 Prozent der Slowaken trauen laut einer Reuters-Untersuchung noch den
       etablierten Medien, der niedrigste Wert der 46 untersuchten Länder. Nur 18
       Prozent haben noch Vertrauen in staatliche Institutionen. Die Bevölkerung
       der Slowakei hat in Osteuropa die höchste Neigung, Fake News zu glauben.
       
       Ficos Partei Smer verlor 2020 die Nationalratswahl. Viele hofften auf einen
       politischen Neuanfang. Doch das danach regierende Bündnis des Verlegers
       Igor Matovič blieb glücklos. Matovič gilt heute vielen als Dilettant – und
       Fico kam zurück.
       
       ## Die Sowjetzeit ist in der Slowakei positiv besetzt
       
       Jetzt wird wieder gewählt in der Slowakei. [5][Die prowestliche Präsidentin
       Zuzana Čaputová (PS) kündigte im Juni 2023 an, nicht wieder anzutreten.] Zu
       heftig waren der populären Politikerin die Morddrohungen und Verleumdungen
       aus dem prorussischen und rechtsextremen Lager geworden.
       
       Die alte Regierung hatte dies schon früh als Problem erkannt. Als Tódovás
       Zeitung Deník sich wegen des Fake Videos am Mittag des 28. September bei
       den Behörden beschwerte, landete die Sache bei Daniel Milo. Er leitete im
       damaligen Innenministerium das Zentrum für die Bekämpfung hybrider
       Bedrohungen – und drängte die Social-Media-Plattformen, das Video zu
       löschen oder zu markieren.
       
       Das Zentrum suchte seit Anfang 2023 in den sozialen Medien nach
       „Narrativen, die die Legitimität der Wahlen untergraben sollen“, sagt Milo.
       „Das war das Muster, das sich überall auf der Welt wiederholt hat.“
       
       Er stieß unter anderem auf Behauptungen, dass die Slowakei wegen der
       Ukraine das Kriegsrecht verhängen und Wahlen absagen würde. „Es wurden alle
       möglichen seltsamen Geschichten erzählt, um Zweifel zu säen und die
       Glaubwürdigkeit des Wahlprozesses zu untergraben“, sagt Milo. „Es gab sogar
       Versuche, ein paralleles System zur Stimmenauszählung zu schaffen, es gab
       eine Website und Parteien, die dazu aufriefen, zu den lokalen Wahlkomitees
       zu gehen und selbst zu zählen.“ Trump lässt grüßen.
       
       Nach der Wahl im September warf Fico Milo raus. Der analysiert seither bei
       dem Thinktank Globsec die Stimmungen im Land. Anders als Tschechien mit
       seinen historisch nach Westen orientierten Intellektuellen war die Elite
       der Slowakei eher an Moskau orientiert. Das wirkt nach. Die Sowjetzeit ist
       hier noch positiv besetzt, prorussische Einstellungen sind weit verbreitet.
       Weniger als 40 Prozent der Slowaken machen Russland für den Krieg in der
       Ukraine verantwortlich. „Die meisten fielen auf Desinformationsnarrative
       herein“, so eine Analyse von Globsec.
       
       So scheint die Slowakei ein idealer Kandidat, um die Front der
       Ukraineunterstützer innerhalb der EU aufzubrechen. Die Wiederwahl Ficos war
       da für Putin ein klarer Erfolg. Tritt nun auch an die Staatsspitze ein
       prorussischer Politiker, hat Putin das Land endgültig auf seiner Seite.
       
       ## In der Slowakei herrscht Kriegsangst
       
       Neben dem klar prowestlichen Ivan Korčok und dem Fico nahestehenden Peter
       Pellegrini trat unter anderem auch Štefan Harabin zur Präsidentschaftswahl
       an – der ehemalige Richter, der das Fake Video Tódovás als Erster ins Netz
       stellte und bis heute nicht sagt, woher er es hatte.
       
       Am Abend des ersten Wahlgangs, es ist der 22. März – der Tag des
       IS-Terroranschlags nahe Moskau – lädt Štefan Harabin in ein syrisches
       Restaurant im Westen der Innenstadt von Bratislava ein. Holzvertäfelte
       Wände, niedrige Decken, Gulasch, Sülze und Falafel stehen auf dem Buffet,
       etwa 100 Menschen sind gekommen, die Frauen in Abendkleidern, die Männer im
       Anzug, der harte Kern der slowakischen Russlandfreunde. Viele haben Harabin
       ehrenamtlich geholfen, es wird mit Handys gestreamt, die sozialen Medien
       sind hier wichtig.
       
       „Ich hoffe, wir erleben eine freudige Nachricht“, sagt eine Dame, die
       filmend umherläuft und um Botschaften für ihre Follower bittet. 2019 wollte
       Harabin schon einmal Präsident werden, er bekam 14 Prozent der Stimmen. Die
       verbreitete Kriegsangst im Land soll ihm diesmal ein besseres Ergebnis
       bescheren, das hoffen alle hier. Andrej Danko, der Kandidat der
       rechtsextremen Partei SNS, gab seine Kandidatur kurz vor der Wahl zugunsten
       Harabins auf. Auch in der Slowakei stehen Moskaus Freunde und die extreme
       Rechte sich nahe.
       
       Ein älterer Mann nestelt an seinem Stativ herum. Er habe Harabins Wahlkampf
       als Kameramann begleitet, sagt er. Für die sozialen Medien, unentgeltlich.
       „Ich bin ein Patriot“, sagt er. Und wer patriotisch sei, der wolle den
       Frieden für das Vaterland. „Ich will nicht, dass mir jemand ein Gewehr in
       die Hand drückt und sagt, lauf und schieß!“ Harabin werde das verhindern.
       Der Herausforderer Ivan Korčok hingegen, „der will den Krieg, der will,
       dass junge Slowaken in den Krieg ziehen, um Russen zu töten oder selbst
       getötet zu werden“.
       
       ## Die Ukraine soll „nicht einmal humanitäre Hilfe“ bekommen
       
       Die Wahllokale haben bis 22 Uhr geöffnet, Harabin erscheint eine Stunde
       früher auf der Wahlparty. Er dreht eine Runde, fast alle begrüßt er mit
       Wangenkuss und dem Umschlingen der Hände. Er läuft so langsam wie er
       spricht. Frieden, das ist das große Thema, mit dem Harabin punkten will.
       Der Ukraine will er „nicht einmal humanitäre Hilfe“ schicken, hat er
       kürzlich gesagt.
       
       Seit einigen Tagen ist im Kreml nicht mehr von einer „militärischen
       Spezialoperation in der Ukraine“ die Rede, sondern von „Krieg“. Harabins
       Wahlkampfmanager Miroslav Jurena indes hält unbeirrt an der alten
       Sprachregelung fest. Die „militärische Spezialoperation in der Ukraine“, so
       sagt er der taz, könne „sicherlich nicht schwarz-weiß gesehen werden“. Man
       müsse schauen, „wie es zu diesem Konflikt überhaupt kommen konnte“.
       
       Allerdings sei es nun eben so, dass die Ostukraine von der Duma „quasi als
       neue Provinzen der russischen Föderation akzeptiert wurde“. Da werde es
       „sehr schwierig sein, dass Russland die beiden Republiken wieder
       zurückgeben wird“, so Jurena. Aber je früher man sich an einen
       Verhandlungstisch setzt, „desto besser, sicherlich auch für die Ukraine“.
       
       Warum Harabin das gefakte Video von Tódová verbreitet hat? Das sei seine
       „private Entscheidung“ gewesen, sagt Jurena. Erst sagt er ein Interview mit
       Harabin zu, später sagt er es wieder ab.
       
       Die Wahlberichterstattung im Fernsehen zieht sich hin. Es ist nach halb
       elf, als die ersten Hochrechnungen kommen. Harabin schaut auf die
       Bildschirme, die Hände in den Taschen. Niemand jubelt, keiner klatscht.
       11,7 Prozent haben für Harabin gestimmt, weniger als 2019. [6][Der
       prowestliche Kandidat Korčok kommt überraschend auf 42,5 Prozent,] der im
       Vergleich zu Harabin moderat kremlfreundliche Peter Pellegrini kriegt 37
       Prozent. Ohne die Stimmen von Harabins Wählern wird es für Pellegrini
       schwierig, Präsident zu werden. Offen bleibt an diesem Abend, wie teuer
       Harabin seine Wahlempfehlung verkaufen will.
       
       ## Ein „Pro-Mafia-Paket“
       
       Am Tag nach der Wahl sitzt Ján Hargaš, weinroter Rollkragenpullover,
       dunkelblaues Jackett, der Bart akkurat gestutzt, im Parlamentsgebäude auf
       der Bratislavaer Burg. In der vorigen Regierung war er als Staatssekretär
       für Digitalisierung zuständig. Heute ist er Abgeordneter, in der Führung
       der Progressiven Partei kümmert er sich um die Attacken aus dem Netz. Seine
       Partei unterstützt den Präsidentschaftskandidaten Ivan Korčok.
       
       Seine Partei habe auch während des jetzt laufenden Wahlkampfs reihenweise
       gegen sie gerichtete Fake News registriert, sagt er. An die
       Audio-Deepfakes erinnert er sich noch gut. Neben dem Video mit Tódová gab
       es noch ein weiteres. Darin behauptet sein Parteichef Šimečka angeblich,
       die Steuern auf Bier anheben zu wollen. „Natürlich treibt es Leute an die
       Wahlurnen, die das verhindern wollen“, sagt Hargaš.
       
       Sie kontaktierten unter anderem Facebook, [7][die von ihm mit Faktenchecks
       beauftragte Agentur AFP markierte die Fake Audios umgehend]. Doch wenn die
       Videos auf einer Plattform gesperrt werden, gehe es auf der nächsten
       weiter, sagt Hargaš. „Der Schaden entsteht binnen weniger Stunden, die
       Reaktion dauert Tage.“ Wie schnell sich etwa das Tódová-Video verbreitete,
       sei „kein Zufall gewesen“. „Es ist ein Netzwerk, das permanent und
       orchestriert Fake News produziert und damit Desinformation betreibt.“ Er
       wäre „sehr überrascht, wenn sie das nicht wieder versuchen“.
       
       [8][Man könne nicht „die Augen davor verschließen, dass Russland auf den
       demokratischen Prozess Einfluss nimmt, unter anderem mit hybriden
       Operationen“.] Am effektivsten dazu sei, das Vertrauen zu untergraben und
       Chaos zu stiften. Hargaš fürchtet, dass es nun so weitergeht. Wenn Ziel der
       Desinformation sei, die Korruptionsbekämpfung und die Ukrainehilfen zu
       stoppen, „dann wäre das erreicht, weil die neue Regierung genau das tut“,
       sagt Hargaš.
       
       Ficos Regierung will unter anderem die Sonderstaatsanwaltschaft für
       Korruptionsbekämpfung auflösen, die Strafbarkeitsgrenzen bei
       Wirtschaftskriminalität hat sie bereits angehoben. „Das war einer ihrer
       ersten Schritte und würde unter anderem dazu führen, dass ein Verfahren
       gegen ihren Ex-Finanzminister eingestellt werden müsste“, sagt Hargaš.
       
       NGOs werden gegängelt, außerdem will Fico den bisher unabhängigen
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach ungarischem Vorbild zum Staatsfunk
       umbauen. Ein beschleunigtes Gesetzgebungsverfahren soll der Regierung schon
       bald ermöglichen, alle Inhalte öffentlich-rechtlicher Medien zu
       kontrollieren.
       
       [9][Ein „Pro-Mafia-Paket“ nennt Hargaš das.] Ein Pro-Desinformations-Paket
       ist es obendrein.
       
       Mitarbeit: Maria Disman 
       
       Dieser Text entstand in dem Rechercheprojekt „Decoding the disinformation
       playbook“ des International Press Institute (Wien) zusammen mit Faktograf
       (Zagreb) und der taz. Das Projekt wird vom European Media and Information
       Fund und der Calouste-Gulbenkian-Stiftung finanziell unterstützt
       
       6 Apr 2024
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) Wirbel um Berichterstattung in Amsterdam: Medien zeigen falsches Hetz-Video
       
       Große Medien sendeten ein Video der Hetzjagden auf israelische Fans in
       Amsterdam, das sich als falsch erwies. Die Richtigstellungen sind
       halbherzig.
       
 (DIR) Desinformation auf Social Media: Meta sperrt russische Staatsmedien
       
       Der Digitalkonzern verbannt zum Beispiel den Propagandasender RT von seinen
       Plattformen wie Instagram und Facebook. Der Rausschmiss gilt weltweit.
       
 (DIR) Zwischenbilanz einer neuen Technologie: Im KI-Taumel
       
       Nach dem ersten Hype um die KI-Anwendung ChatGPT ist einiges im Gange.
       Entwickler setzen auf einen Wissenschaftsschub durch eine Superintelligenz.
       
 (DIR) Mutmaßliche Saboteure festgenommen: Die Vielfalt der Kriegsführung
       
       Die Festnahme russischer mutmaßlicher Spione ist ein Erfolg für deutsche
       Behörden. Der Angriff zeigt, wie professionell hybride Kriegsführung ist.
       
 (DIR) AfD-Europakandidat Petr Bystron: Hetzen für Russland?
       
       Dem AfD-Politiker wird vorgeworfen, Zahlungen eines prorussischen
       Propagandaportals angenommen zu haben. Der Parteivorstand bleibt milde.
       
 (DIR) Neuer slowakischer Präsident Pellegrini: Prorussisch und regierungstreu
       
       Peter Pellegrini gewinnt die Präsidentschaftsstichwahl in der Slowakei.
       Auch russische Desinformationskampagnen bremsten Gegenkandidat Korčok aus.
       
 (DIR) Ex-Insider fordert Orban heraus: Massenproteste in Budapest
       
       Peter Magyar wirft der Regierung Orban Machtmissbrauch und Korruption vor.
       Er mobilisiert Tausende Anhänger:innen auf den Straßen Budapests.
       
 (DIR) Geld aus Russland für AfD-Abgeordneten: AfD-Mann streitet Vorwürfe ab
       
       Der AfD-Abgeordnete Petr Bystron steht in Verdacht, Geld aus Russland
       angenommen zu haben. In einem Schreiben an die Parteispitze verteidigt er
       sich.
       
 (DIR) Bremer Friedensforum: Zum Büttel Russlands verkommen
       
       Auf dem diesjährigen Ostermarsch in Bremen wurde der Aggressor Russland
       nicht angeprangert. Damit verliert das Bremer Friedensforum an
       Glaubwürdigkeit.
       
 (DIR) Russische Propagandavideos beim ORF: Schweigen und weitermachen
       
       Der Österreichische Rundfunk steht in der Kritik wegen Verbreitung
       prorussischer Inhalte. Bezeichnend ist der unsouveräne Umgang des ORF
       damit.