# taz.de -- Soziologe El-Mafaalani über Integration: „Die Infrastruktur bröckelt“
       
       > Aladin El-Mafaalani hat lange positiv auf die Integration in Deutschland
       > geblickt. Nun sagt er: Wenn sich Bildungs- und Sozialpolitik nicht
       > ändern, geht es bergab.
       
 (IMG) Bild: Einst Schlagzeuger einer Punkband, heute angesehener Wissenschaftler: Aladin El-Mafaalani
       
       wochentaz: Herr El-Mafaalani, vor fünf Jahren ist Ihr Buch [1][„Das
       Integrationsparadox“] erschienen, das der Spiegel das „Gute-Laune-Buch
       des Jahres“ genannt hat. Die Botschaft: Mit der deutschen
       Einwanderungsgesellschaft läuft es besser als gedacht. Inzwischen steht die
       AfD bundesweit bei über 20 Prozent, alle reden darüber, dass die Anzahl der
       Geflüchteten begrenzt werden muss, und auf Demos wird die Hamas
       verherrlicht. Sind wir immer noch auf einem guten Weg? 
       
       Aladin El-Mafaalani: In der Langzeitperspektive würde ich immer noch sagen,
       bislang läuft es im Hinblick auf Integration im Allgemeinen gut. Die
       Arbeitsintegration etwa von denen, die 2015 zu uns gekommen sind, ist nach
       sieben Jahren schon so, wie es viele erst nach zehn Jahren erwartet hätten.
       Und das trotz Pandemie. 80 Prozent der Männer arbeiten, das ist sehr gut.
       Aber bei den Frauen sind es nur etwa 20 Prozent. Der Hauptgrund dafür sind
       die fehlenden Kitaplätze. Und da sind wir beim Problem: Die Integration
       läuft unter den derzeitigen Rahmenbedingungen noch gut. Aber die
       Rahmenbedingungen verschlechtern sich. [2][Die Infrastruktur, also Schulen,
       Kitas], das Gesundheitssystem, bröckelt – und mehr als das. Deshalb werden
       wir künftig Probleme haben, die gleiche Anzahl an Zugewanderten wie bisher
       zu integrieren. Wenn wir bei der Infrastruktur nicht richtig viel tun,
       müssen wir die Anzahl reduzieren. In die Zukunft geblickt sieht es also gar
       nicht gut aus.
       
       Wenn man das hört und an den Fachkräftemangel denkt und an die
       Wahlumfragen, kann man nervös werden. 
       
       Dass es mit der Infrastruktur nicht läuft, merkt man an jeder Ecke. Die
       Menschen kriegen mit, dass es so nicht weiter gehen kann. Ich bin selbst
       auch enttäuscht, mit wie wenig Weitblick in der Politik grundsätzliche
       Entscheidungen getroffen werden.
       
       Nämlich? 
       
       Es ist komplett falsch, jetzt [3][zu sparen]. So kann man nur entscheiden,
       wenn man die Größe des Problems nicht verstanden hat. Der Bund, die Länder:
       Wir müssten investieren in Bildung und Integration. Ein Sondervermögen in
       Milliardenhöhe wäre wirklich sinnvoll. Jetzt gäbe es noch personelle
       Kapazitäten, wenn auch begrenzt: beim pädagogischen Personal, das wir in
       den Schulen zusätzlich einsetzen könnten, bei den Handwerkern, die die
       Schulen umbauen könnten. Zumindest das sollte man ausschöpfen. Bald wird
       sich der Arbeitskräftemangel zuspitzen. Spätestens dann bräuchten wir
       dringend Zuwanderung, aber auch die entsprechende
       Integrationsinfrastruktur.
       
       Bislang sind Sie öffentlich eher als Optimist verstanden worden. Hat sich
       die Lage so verschlechtert oder haben wir Sie alle missverstanden? 
       
       Ich glaube, ich wurde auch ein bisschen missverstanden. Ich habe ja nur
       gesagt: Deutschland ist in Sachen Integration nicht schlechter als andere
       Länder. Und wir sind besser, als wir früher waren. Viele Diskussionen und
       Konflikte haben wir, weil es besser läuft.
       
       Sie benutzen dafür das Bild vom Tisch, an dem erst nicht alle sitzen
       dürfen. Und irgendwann wollen die Neudazugekommenen nicht nur mitessen,
       sondern auch darüber mitbestimmen, nach welchen Rezepten gekocht wird. 
       
       Genau, deshalb nehmen die Konflikte zu. Das stimmt alles noch, was ich im
       „Integrationsparadox“ geschrieben habe. Aber es zeichnet sich ab, dass es
       nun bergab gehen wird. Besonders Sorgen machen mir die Rahmenbedingungen
       bei allem, was mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat – also Kitas,
       Schulen, Jugendhilfe, auch die Infrastruktur für Kindesgesundheit.
       
       Hinzu kommt jetzt eine weitere Krise, die bis in die Schulen durchschlägt:
       [4][der Terroranschlag der Hamas auf Israel] und die Folgen. Wie blicken
       Sie darauf? 
       
       Ich habe schon vor mehr als zehn Jahren einen Text dazu geschrieben, dass
       wir sowohl die deutsche Geschichte als auch den Nahostkonflikt anders
       unterrichten müssten. Wie wir das tun, passt nicht in eine
       Migrationsgesellschaft. Der Unterricht richtet sich an Kinder und
       Jugendliche, deren Großeltern schon Deutsche waren. Aber in den
       westdeutschen Großstädten trifft das auf die meisten Schülerinnen und
       Schüler nicht mehr zu. Hinzu kommt ja noch, dass viele von denen familiäre
       Wurzeln im Nahen Osten haben. Für sie ist das alles kein historisches
       Thema, sondern sehr aktuell. Der Unterricht geht an den jungen Leuten
       vorbei. Und weil die herkömmliche Geschichtsvermittlung nicht funktioniert
       und zu Konflikten führen kann, findet sie an vielen Schulen gar nicht mehr
       umfangreich statt. Man versucht, das Thema auszuklammern, insbesondere den
       Nahostkonflikt.
       
       Haben Sie das untersucht? 
       
       Nein, aber das wird immer wieder berichtet. Es ist ein extrem schwieriges
       Thema, nicht nur für die Jugendlichen, deren Familien vom Nahostkonflikt
       betroffen sind. Meiner Wahrnehmung nach gibt es einen großen Unterschied
       zwischen dem medialen und politischen Diskurs auf der einen Seite und der
       Haltung in der jüngeren Bevölkerung auf der anderen Seite.
       
       Inwiefern? 
       
       Viele Jüngere können nicht nachvollziehen, warum die Sicherheit Israels
       deutsche Staatsräson ist, und das hat gar nicht so viel mit einem
       Migrationshintergrund zu tun. Das sieht man etwa auf TikTok sehr deutlich.
       
       Berlin, aber auch andere Städte, verbieten propalästinensische
       Demonstrationen, in manchen Schulen dürfen derzeit keine
       Palästinensertücher getragen werden. Ergibt das für Sie Sinn? 
       
       Ich verstehe, dass es schwierig ist, diese Demos stattfinden zu lassen.
       Aber Verbote bringen nichts.
       
       Sie stammen aus einer syrischen Familie, sind in Deutschland geboren und
       zur Schule gegangen, und haben, wie Sie sagen, sich selbst lange als Araber
       und nicht als Deutscher verstanden. Hätten Sie auch bei Demos landen
       können, wie sie gerade in Berlin-Neukölln stattfinden – und wo sich auch
       Antisemitismus und Gewalt Bahn brechen? 
       
       Ich bin früher auf ganz vielen Attac-Demos gewesen, bei denen es häufig
       gewalttätige Auseinandersetzungen gab, an denen ich aber nie beteiligt war.
       Ich hatte keine Affinität zu Hass und Gewalt. Und ja, als Teenie fühlte ich
       mich ausschließlich als arabisch, und die deutsche Geschichte war nicht
       meine.
       
       Wie hat sich das geändert? 
       
       Erst später ab der Oberstufe. Da haben wir uns den Film Schindlers Liste
       angeguckt und Holocaustüberlebende getroffen. Dadurch wuchs in mir das
       Verständnis, dass es eine Verantwortung für alle ist und nicht nur für die
       Nachfahren der Täter.
       
       Was muss an den Schulen anders werden? 
       
       Es ist schwer, das kurz zu fassen. Ich glaube, es funktioniert besser, wenn
       man nicht nur von der Shoah ausgeht, sondern beschreibt, dass Juden über
       Jahrhunderte verfolgt wurden. Dass sie keine Reiche und Kolonien gebildet
       oder Kriege geführt haben, aber trotzdem an verschiedenen Orten zu
       verschiedenen Zeiten ausgegrenzt, benachteiligt und verfolgt wurden und sie
       gleichzeitig für alle möglichen Probleme verantwortlich gemacht wurden.
       Dass die staatlich organisierte Massenvernichtung also der unvorstellbare
       Höhepunkt einer langen Geschichte war und die Antwort darauf der eigene
       Staat war, um nie wieder Opfer zu sein. Und man muss auch darüber
       sprechen, was die Gründung des Staates Israel für die Palästinenser, für
       die sich die Situation seit Jahrzehnten kontinuierlich verschlechtert und
       die heute in unwürdigen Verhältnissen leben, bedeutet. Und ich würde sogar
       noch weiter gehen: Man müsste mit Jugendlichen auch andere ethnische und
       religiöse Konflikte thematisieren, zu denen die zugewanderten Familien eine
       direkte Beziehung haben. Aber derzeit haben wir nicht genügend Lehrkräfte,
       die das hinbekommen könnten. Und die Rahmenbedingungen in Schulen sind, wie
       schon gesagt, insgesamt wirklich nicht günstig.
       
       Würden Sie der These zustimmen, dass unsere Gesellschaft gespalten ist, so
       polarisiert wie lange nicht mehr? 
       
       Die Diskurse sind polarisiert, die Gesellschaft ist mehrstimmig, also wenn
       überhaupt, dann multipolar.
       
       Heißt was? 
       
       Dass es nicht, wie in den USA, zwei Pole gibt, die sich immer weiter
       auseinanderbewegen. Wir sind multipolarisiert und haben keine verhärteten
       Fronten. Es gibt eher super viele unterschiedliche Perspektiven und ein
       ziemliches Durcheinander. Rechtsextreme und antiliberale Einstellungen
       waren in der Bevölkerung aber immer verbreitet, nur dass wir heute eine
       Partei haben, die das alles aufsammelt, und einen Diskurs, in dem solche
       Positionen offensiver vertreten werden.
       
       In einem Vortrag haben Sie jüngst gesagt, dass vor allem gesellschaftliche
       Liberalisierung und Emanzipationsbewegungen den gesellschaftlichen
       Zusammenhalt geschwächt haben. Was bedeutet das? 
       
       In westlichen Demokratien bildeten vor allem drei Sachen die sozialen
       Bindekräfte: gemeinsame nationale Traditionen, eine gemeinsame ethnische
       Herkunft oder ein gemeinsames religiöses Bekenntnis. Das gab auch in Zeiten
       des Wandels Orientierung. Aber die geht umso stärker verloren, je
       einflussreicher emanzipatorische Bewegungen sind. Von Pierre Bourdieu kann
       man etwa lernen: Wenn man Herrschaftsstrukturen bekämpft, bekämpft man auch
       Orientierung und Sinnverhältnisse. Stellen Sie sich das wie einen
       schmutzigen Schneeball vor, da kriegt man den Dreck nicht mehr vom Schnee
       getrennt.
       
       Meinen Sie, die Emanzipationsbewegungen überspannen den Bogen also? 
       
       Nein, diese Dynamik wohnt der Entwicklung inne, und es ist gut, dass es sie
       gibt. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass die
       Leute, die schon lange in verantwortungsvollen Positionen sind, ein
       bisschen mehr zuhören und ein bisschen mehr entgegenkommen. Und dass
       diejenigen aus den sozialen Bewegungen wahrnehmen, dass sie mittlerweile
       mit am Tisch sitzen, dass sie Verantwortung haben und den Kampfmodus
       manchmal verlassen können. Am ehesten sehe ich diese Entwicklung beim
       Feminismus.
       
       Was meinen Sie damit? 
       
       Dass die [5][Gleichstellung zwischen Männern und Frauen] zwar noch nicht
       vollends erreicht, aber so weit fortgeschritten ist, dass viele Männer von
       sich aus Zugeständnisse machen und Frauen nicht mehr alleine kämpfen
       müssen. Das zeigt aber auch, wie viel Zeit das braucht. Aber mich
       interessiert auch, warum die Entwicklung gerade jetzt als so schlimm
       empfunden wird, obwohl es den Prozess schon lange gibt.
       
       Und warum? 
       
       Aus meiner Perspektive gibt es zwei relevante Aspekte: Zum einen melden
       sich sehr viele verschiedene „Gruppen“ gleichzeitig – Feminismus, LGBTQ+,
       Antirassismus und andere – und mischen sich ein. Zum anderen hatten wir ein
       Beruhigungsmittel. Meine These ist, dass das Wirtschaftswachstum den
       Orientierungsverlust lange beruhigt hat. Es gab mehr zu verteilen, Aufstieg
       war möglich, und wenn es schief ging, gab es einen starken Sozialstaat.
       Aber dieses Beruhigungsmittel verlieren wir zunehmend. Die Wachstumsraten
       werden immer kleiner, die ökonomische Ungleichheit wächst, und nicht
       zuletzt durch den Klimawandel stehen bisherige Selbstverständlichkeiten
       unserer Lebensweise wie Mobilität und Konsum zur Disposition. Beides,
       sowohl die Emanzipationstendenzen als auch die Gefährdung des
       Wirtschaftswachstums – auch durch Ideen wir Degrowth – wird sehr einseitig
       den Grünen zugeschrieben, die dadurch für viele zum Hassobjekt werden. Von
       all dem profitieren am stärksten Populisten: Die nehmen das Gefühl auf,
       dass alles Mist ist, dass die Politik die Probleme nicht löst. Und die
       populistische Lösung ist ganz einfach: „Früher war es besser“. Dabei war
       früher nur eins besser: Die Zukunft. Ohne eine glaubhafte positive
       Zukunftsperspektive wird es kaum möglich sein, etwas gegen
       Rückwärtsgewandtheit zu bewirken. Und es könnte noch schlimmer werden.
       
       Inwiefern? 
       
       Bei uns werden bald die Rentnerinnen und Rentner die Wahlen allein
       entscheiden, bei der nächsten Bundestagswahl ist das Durchschnittsalter 55.
       Die Rentner sind relativ wenig divers. Aber die Leute, die den Laden am
       Laufen halten, sind wenige und sehr divers. Das wird zu Reibungen führen.
       In einer immer älteren Bevölkerung werden die Interessen und Bedürfnisse
       von jungen Menschen immer weniger berücksichtigt. Ich führe darauf auch
       zurück, dass die Jüngeren, die durch Covid am wenigsten gefährdet waren,
       durch die Gegenmaßnahmen am stärksten belastet wurden.
       
       Merken Sie auch ganz persönlich, dass sich die gesellschaftliche Stimmung
       verschlechtert hat? 
       
       (lacht) Wenn ich ein Bundesverdienstkreuz kriege, läuft es schlecht, also
       gesellschaftlich schlecht.
       
       Warum? 
       
       Ich beschäftige mich ausschließlich mit sozialen Problemen und Konflikten.
       Wenn ich besonders gefragt bin oder meine Arbeit öffentlich stark
       wahrgenommen und anerkannt wird, dann ist das ein guter Hinweis dafür, dass
       einiges nicht gut läuft.
       
       Dann hat das Bundesverdienstkreuz, das Sie kürzlich bekommen haben, für Sie
       keine große Bedeutung? 
       
       Mit dem Bundesverdienstkreuz konnte ich erst mal nichts anfangen. Bis ich
       dann in Schloss Bellevue gesehen hab, dass das eine große Sache ist und wie
       wichtig das für andere ist. Sogar arabische Medien haben über mich
       berichtet, mein Vater und meine Mutter waren total stolz. Über diese Umwege
       gewann der Orden auch für mich an Bedeutung. Also ja, ich fühle mich sehr
       geehrt.
       
       Sie haben eine beachtliche Karriere als Wissenschaftler mit einer
       öffentlich wahrgenommenen Stimme gemacht. Hat Ihre Herkunft dabei geholfen? 
       
       Welche Herkunft jetzt?
       
       Dass Sie Kind syrischer Einwanderer sind. 
       
       Das hatte nicht viel Einfluss, inzwischen gibt es ja viele Wissenschaftler
       mit Migrationshintergrund. Mindestens genauso wichtig ist, dass ich Punk
       war und manchmal noch ein bisschen so drauf bin. Dass mir egal ist, wenn
       Kollegen das zu wenig professoral finden, wie ich rüberkomme. Dass ich
       gerne Sachen einfach und auch unterhaltsam formuliere, auch wenn es dann
       nicht superpräzise ist, damit ich ein Publikum erreiche, das man sonst
       nicht erreicht. Dazu kommt dann noch, ja klar, dass ich Aladin heiße,
       muslimisch bin und so weiter.
       
       Und was bedeutet die Herkunft für Ihre Forschung? 
       
       Da spielt sie eine größere Rolle. Die Biografie beeinflusst, welche Fragen
       man stellt und wie man sie stellt. Die Migrations- und die
       Bildungsforschung waren am Anfang relativ einseitig, es gab noch nicht
       viele Forschende mit biografischen und familiären Migrationsbezügen.
       Deshalb konnte ich Fragen stellen, die vorher so noch nicht gestellt
       wurden. Und Fragen zu stellen mit hoher wissenschaftlicher und
       gesellschaftlicher Relevanz, das kann ich ganz gut.
       
       Sagen Sie mal ein Beispiel. 
       
       Eigentlich fing es schon bei meiner Doktorarbeit an, die war zu
       Bildungsaufsteigern aus benachteiligten Milieus. Ich habe damals nicht
       verstanden, warum die migrationsspezifischen Hindernisse so betont wurden.
       
       Warum? 
       
       Ich bin sehr privilegiert aufgewachsen. Meine Eltern haben beide Abitur,
       beide studiert, mein Vater war Arzt. Und ich dachte: Alles, was dem
       Migrationshintergrund zugeschrieben wird, habe ich nicht erlebt. Deshalb
       habe ich mich sehr ausführlich damit beschäftigt, Schichtzugehörigkeit und
       Migrationskontexte zu differenzieren.
       
       Ihr jüngstes Buch, [6][das vor zwei Jahren erschienen ist, heißt „Wozu
       Rassismus?“]. Warum jetzt ein Buch über Rassismus? 
       
       Ich habe auch schon vorher zu Rassismus und Diskriminierung gearbeitet,
       aber das Thema ist durch den Fall George Floyd hier gesellschaftlich ganz
       anders relevant geworden. Es gibt viele Unterschiede, zum Beispiel zu den
       USA, deshalb kann man den Diskurs nicht einfach übernehmen. Ein
       Unterschied: Deutschland ist nach den Völkermorden der Nazis so homogen
       gestartet wie kein anders westliches Land, hatte danach aber auch so viel
       Einwanderung wie kaum ein anderes. Beim Anteil der Migranten an der
       Bevölkerung liegen wir vor den USA, Großbritannien und Frankreich. Und nun
       kommen mehrere Aspekte zusammen: Wir haben einerseits inzwischen also
       wesentlich mehr Menschen, die von rassistischer Diskriminierung betroffen
       sein könnten, als jemals zuvor. Gleichzeitig gibt es deutlich bessere
       Teilhabechancen, was ein Hinweis auf eine Schwächung diskriminierender
       Strukturen ist, aber: Betroffene sind deshalb sensibilisierter für
       Ungleichbehandlung.
       
       Dass der Rassismusvorwurf heute so häufig wie nie zuvor kommt, ist also ein
       gutes Zeichen? 
       
       Ja. Das liegt zum großen Teil daran, dass es in Deutschland so viele
       mögliche Betroffene wie noch nie gibt und diese Menschen gleichzeitig einen
       höheren Anspruch an Gleichheit und Zugehörigkeit haben. Deshalb wird
       häufiger gesagt: So geht's nicht.
       
       Dieses „So geht’s nicht“ wird oft harsch vorgebracht, obwohl es anders
       vielleicht sogar eher ans Ziel führen würde … 
       
       Man kann sich wünschen, dass der Diskurs anders geführt wird, aber das geht
       im Augenblick nicht. Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich die
       benachteiligten Menschen anschauen. Der größte Teil von ihnen meldet sich
       gar nicht zu Wort, obwohl sie am stärksten betroffen sind und am wenigsten
       von den Teilhabechancen profitieren. Den anderen Teil kann man in drei
       Strömungen teilen. Die ersten sagen ganz funktional: Ich rede nur über
       meine syrische Herkunft, weil ich sonst nicht darüber reden kann, dass ich
       diskriminiert werde. Aber eigentlich soll Herkunft keine Rolle spielen. Die
       zweiten sagen sehr normativ: Ich liebe meine syrische Herkunft. Ich will,
       dass alle wissen, dass ich aus Syrien und Muslim bin, ich bin stolz darauf.
       Pride! Diese beiden Positionen können sich kaum ausstehen.
       
       Und die dritte? 
       
       Die dritten sagen: Die [7][„alten weißen Männer“] haben uns diesen
       Nationalismus eingebrockt. Die beiden anderen Strömungen reproduzieren
       diesen und damit die Herrschaftsstrukturen, die es aus der dritten
       Perspektive zu dekonstruieren gelte. Diese drei Strömungen haben alle das
       gleiche Interesse. Sie nehmen wahr, diskriminiert zu werden, und wollen
       dagegen etwas tun. Aber über den Weg sind sie sich sehr uneinig. Das ist
       eine verkürzte Darstellung des „Trilemma der Inklusion“ von Mai-Anh Boger.
       Da stecken Widersprüche und Energie drin und deshalb ist das so intensiv.
       Ähnliches ließe sich übrigens auch bei anderen Bewegungen wie dem
       Feminismus oder behinderten Menschen zeigen.
       
       Sie sagen: Wenn jemand etwas Rassistisches macht oder sagt, muss er sich
       dafür nicht schämen, aber er muss es ändern. Das klingt vergleichsweise
       soft. 
       
       Der Rassismusvorwurf ist zu hoch gehängt. Pädophil zu sein ist vielleicht
       das Einzige, was derzeit noch schlimmer ist. Das ist ein Problem. Denn wenn
       jeder Fehltritt gleich ein Skandal ist, kommt das Gegenüber in eine
       Verteidigungsposition. Sonst müsste man ja eingestehen, etwas katastrophal
       Schlimmes gemacht zu haben. Stattdessen wird der Vorwurf zum Vorwurf. Das
       steigert die Hitzigkeit. Das könnte man umgehen, wenn man sagt: Das ist
       nicht in Ordnung, aber kein Weltuntergang. Vielmehr ist Rassismus noch
       immer Alltag. Um daran etwas zu ändern, muss man darüber sprechen.
       
       Wie kann man trotz dieser Kämpfe die Gesellschaft beisammenhalten? 
       
       Diejenigen, die auf der mächtigeren Seite sind, müssten freiwillig etwas
       Platz machen. Dafür stehen die Chancen durch den demografischen Wandel
       gerade sogar gut. Am Tisch werden nun nach und nach Plätze frei, es gibt
       mehr Stühle für Frauen, für PoCs, für Queere. Nur leider wackelt nun der
       Tisch bedenklich, weil der Boden darunter morsch ist. Damit sind wir wieder
       bei der Infrastruktur, die wirklich das Wichtigste ist. Sie ist die
       Grundlage dafür, dass wir uns überhaupt vernünftig streiten können.
       
       4 Nov 2023
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Zwei-Buecher-zu-Islam-und-Integration/!5531462
 (DIR) [2] /Bildungskrise-in-Deutschland/!5937681
 (DIR) [3] /Abschwung-in-Deutschland/!5966724
 (DIR) [4] /Die-Linke-und-die-Barbarei-der-Hamas/!5966540
 (DIR) [5] /Gleichstellung-von-Mann-und-Frau/!5939092
 (DIR) [6] /Aladin-El-Mafaalani-im-Gespraech/!vn5800016
 (DIR) [7] /Ein-Vater-Tochter-Gespraech/!5962122
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sabine am Orde
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Integration
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Migration
 (DIR) Bildungspolitik
 (DIR) GNS
 (DIR) IG
 (DIR) Chancengleichheit
 (DIR) Menschen mit Behinderung
 (DIR) Kitas
 (DIR) Der 9. November
 (DIR) Integration
 (DIR) Antisemitismus
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Bildungschancen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Studie zu Bildungsgerechtigkeit: Lernt länger zusammen!
       
       In einer Studie zu Bildungsgerechtigkeit schneiden Berlin und Brandenburg
       am besten ab. Es sind die beiden Bundesländer mit sechsjähriger
       Grundschule.
       
 (DIR) Barrieren im Studium: Hohe Belastung, wenig Beratung
       
       Vor allem psychische Erkrankungen nehmen unter Studierenden zu, zeigt eine
       neue Studie. Die Hochschulen sind darauf schlecht vorbereitet.
       
 (DIR) Hunderttausende Kitaplätze fehlen: In jeder Hinsicht systemrelevant
       
       Den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz kann der Staat nirgends einlösen.
       Das geht auf Kosten der Chancen von Kindern benachteiligter Familien.
       
 (DIR) Runder Tisch im Schloss Bellevue: Emotionen in Zeiten des Terrors
       
       Bundespräsident Steinmeier hat bei einem Treffen zum Krieg in Nahost
       Zeichen gegen Antisemitismus gefordert – auch von arabischer Seite.
       
 (DIR) Jugendclub in Berlin-Wedding: Ihr Platz
       
       Wie ist es um die Integrationsinfrastruktur in Deutschland bestellt? Zu
       Besuch im Jugendclub Lynar in Berlin, wo auch der Nahostkonflikt Thema ist.
       
 (DIR) Betätigungsverbot für Hamas und Samidoun: Spätes, aber wichtiges Zeichen
       
       Nancy Faeser hat zwei islamistische Gruppen verboten, die schon seit vielen
       Jahren auffallen. Die Frage bleibt: warum erst jetzt?
       
 (DIR) Grüne über Migrationsdebatte: „Wir können damit umgehen“
       
       Das Problem sei nicht Migration, sondern eine dysfunktionale Infrastruktur,
       sagt die Grüne Misbah Khan. Sachliche Vorschläge hätten es gerade schwer.
       
 (DIR) Erstorientierung für Geflüchtete: Zentralstellen schlagen Alarm
       
       Erstorientierungskurse sollen Geflüchteten in Deutschland das Ankommen
       erleichtern. Doch das Geld ist knapp, wie der aktuelle Haushaltsentwurf
       zeigt.
       
 (DIR) Experte zu Bildungsungerechtigkeit: „Es bräuchte klarere Standards“
       
       Kinder aus ärmeren Familien besuchen seltener das Gymnasium, hat die
       Iglu-Studie gezeigt. Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani fordert mehr
       Transparenz.