# taz.de -- Sanktionen gegen russische Oligarchen: Putins Lieferant
       
       > Sergei Kolesnikow besitzt eine deutsche Fabrik. taz-Recherchen zeigen: Er
       > verdient auch am Ukraine-Krieg. Aber warum wird er nicht sanktioniert?
       
 (IMG) Bild: Sergei Kolesnikow bei einem Biathlonwettbewerb im Dezember 2022
       
       Im März 2022 schickt ein Großhändler für Dachdeckerbedarf einen Brief an
       seine Kunden in Deutschland. [1][Wenige Wochen zuvor hat Russland die
       Ukraine überfallen.] Die Folgen bekommt auch die Baubranche zu spüren. Der
       Krieg treibe die Energie- und Rohstoffpreise in die Höhe und damit auch die
       Preise für Baustoffe, schreibt der Großhändler. Er listet auf: Dachziegel
       15 bis 20 Prozent teurer, Glaswolldämmung 15 Prozent teurer,
       Bitumenabdichtungen 12 bis 16 Prozent teurer.
       
       Der Großhändler hat Maßnahmen ergriffen, auch über die informiert er in
       seinem Brief: Mehr Baustoffe würden nun gelagert, Preisangebote gälten für
       eine kürzere Zeit. Und dann folgt ein ungewöhnlicher Satz: „Als unseren
       Beitrag zu den bereits von den Regierungen verhängten Sanktionen gegen
       Russland und Belarus haben wir die Geschäftsbeziehungen zur Firma Georg
       Börner Chemisches Werk für Dach- und Bautenschutz GmbH & Co. KG vorerst
       eingestellt.“
       
       Die Firma Georg Börner sitzt in Bad Hersfeld, einer Kleinstadt in
       Osthessen. Sie ist auf Dachabdeckungen spezialisiert, genauer auf
       Bitumenabdichtungen. Das sind jene, die laut dem Schreiben des
       Großhändlers so teuer geworden sind. Bitumen wird aus Erdöl gewonnen. Bei
       großer Hitze ist es eine zähe Flüssigkeit. Erkaltet kann Bitumen zu Bahnen
       gewickelt werden. Es wird vor allem im Straßenbau eingesetzt, die Firma
       Börner produziert damit Dachabdeckungen. Vereinfacht gesagt: Dachpappe.
       
       Seit knapp 150 Jahren werden mit Börners Materialien die Dächer von
       Wohnanlagen, Fabrikhallen und Kurkliniken bestückt. Bis vor sechs Jahren
       war das Unternehmen in der Hand der Nachfahren des Gründers Georg Börner –
       ein Familienunternehmen in fünfter Generation. Im Jahr 2017 kaufte sich ein
       russischer Unternehmer in die Firma ein.
       
       Der Mann heißt Sergei Kolesnikow und ist einer von zwei Inhabern der
       russischen Baustofffirma Technonicol. Er besitzt die Firma Georg Börner
       heute zu 100 Prozent.
       
       ## Sanktionen? Nur in Polen
       
       Technonicol sitzt in Moskau und gehört landesweit zu den größten
       Herstellern von Bau- und Dämmstoffen. In den vergangenen 20 Jahren hat
       Technonicol sich auch nach Europa ausgebreitet. Nicht nur in Deutschland
       hat Technonicol eine Firma gekauft, auch in Italien, Schottland, Litauen.
       Zeitweise war es nach eigenen Angaben der größte Hersteller von
       Dachabdichtungsbahnen in Europa.
       
       Aber Technonicol liefert nicht nur Material für zivile, unpolitische
       Bauwerke. Nach Recherchen der taz macht die Firma auch Geschäfte in zwei
       Bereichen, die für Russlands Krieg in der Ukraine bedeutend sind: beim Bau
       von Rüstungsfabriken und beim Wiederaufbau der russisch besetzten Gebiete
       im Osten der Ukraine.
       
       Zwar stecken die Baustoffe von Technonicol nicht direkt in den russischen
       Bomben, die auf die Ukraine fallen – dafür aber offenbar in den Fabriken
       und Firmengebäuden der Unternehmen, die Kriegsgerät und militärische
       Ausrüstung bauen. Und sie stecken in Schulen, Kindergärten und
       Heizkraftwerken, die Russland in der Ostukraine derzeit errichtet.
       
       Da beendet also ein Großhändler seine Geschäftsbeziehungen zu einer
       deutschen Firma, weil tausend Kilometer weiter östlich Russland die Ukraine
       überfallen hat. Und die Europäische Union, die politisch und juristisch die
       Möglichkeit hätte, dem russischen Bauunternehmer Sergei Kolesnikow die
       Geschäfte zu erschweren?
       
       Die EU hat Sergei Kolesnikow bis heute nicht sanktioniert. Er darf in der
       EU reisen, handeln, sein Geld verwalten – nur nicht in Polen. Auch dort war
       Sergei Kolesnikow an zwei Unternehmen beteiligt. Polen hat Kolesnikow im
       Sommer sanktioniert und seine polnischen Firmen unter Zwangsverwaltung
       gestellt. Er kann dort nun kein Geld mehr verdienen. Polen hat das allein
       entschieden. Das ist ungewöhnlich.
       
       Die taz hat Dokumente ausgewertet, aus denen hervorgeht, wie Sergei
       Kolesnikow und seine Firmen vom russischen Krieg profitieren. Wie kann es
       sein, dass er eineinhalb Jahre nach dem Überfall auf die Ukraine in
       Deutschland und Europa weiter Geschäfte machen kann?
       
       Die EU hat auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine mit umfassenden
       Sanktionen reagiert. [2][Elf Sanktionspakete] hat sie verabschiedet. Darin
       gelistet sind auch rund 1.800 russische Privatpersonen – Politiker,
       Militärangehörige, Geschäftsleute. Sie dürfen nicht nach Europa reisen,
       ihr Vermögen in Europa wurde eingefroren. „Diejenigen, die Putins
       Kriegsmaschinerie am Laufen halten“, sagte Kommissionspräsidentin
       Ursula von der Leyen kurz nach Kriegsausbruch, „sollten nicht länger ihrem
       pompösen Lebensstil frönen können, während Bomben auf unschuldige Menschen
       in der Ukraine fallen.“
       
       Die Bomben, die heute auf die Ukraine fallen, entstehen auch in
       Unternehmen, für die Sergei Kolesnikow und seine russische Firma
       Technonicol Baustoffe geliefert hat. Im Auftrag des russischen Staats. Der
       taz liegen Dokumente vor, die zeigen, dass Technonicol mindestens zwischen
       2014 und 2017 russische Rüstungsunternehmen beliefert hat sowie
       Unternehmen, die neben der zivilen Sparte auch für die Rüstungsindustrie
       produzieren. In diesen Firmen werden unter anderem Kampfhubschrauber,
       Atom-U-Boote, Kriegsschiffe und militärisches Elektrogerät entwickelt oder
       gebaut. Die Dokumente stammen von dem Portal, auf dem Russland seine
       öffentlichen Ausschreibungen bekannt gibt. Aus Deutschland sind sie nicht
       einsehbar, man bekommt sie nur, wenn man aus dem russischen Netz auf sie
       zugreift. Sie zeigen größere und kleinere Aufträge.
       
       Dass Technonicol diese Aufträge ausgerechnet ab 2014 erhalten hat, ist
       pikant. Anfang 2014 beginnt der Krieg im Donbass: Im März 2014 annektiert
       Russland die ukrainische Halbinsel Krim, im Osten der Ukraine unterstützt
       es mit Kriegsgerät und Soldaten die prorussischen Separatisten. Im Mai 2014
       bekommt Technonicol den Auftrag, Baumaterialien im Wert von vier Millionen
       Rubel an die Progress Arsenyev Aviation Company zu liefern, eine Firma
       in Ostrussland. In dieser Firma wird unter anderem der Kampfhubschrauber
       Kamow Ka-52 Alligator hergestellt. Er gilt als einer der modernsten
       Angriffshubschrauber und kommt auch jetzt in der Ukraine zum Einsatz.
       Ukrainische Medien nennen ihn „Putins Geier“.
       
       Im August 2014 bekommt Technonicol den Auftrag, Dachmaterialien an die
       Firma Basalt zu liefern. Basalt ist einer der wichtigsten Waffenhersteller
       Russlands, er gehört zur staatlichen Rüstungsgesellschaft Rostec. In den
       Fabriken von Basalt werden Bomben hergestellt, die auch über der Ukraine
       abgeworfen werden. Die EU hat Basalt sanktioniert.
       
       Die taz hat Sergei Kolesnikow gefragt, warum er diese Unternehmen beliefert
       hat. Kolesnikow antwortete freundlich, in perfektem Englisch: Mit der Firma
       Progress sei er keinen Vertrag eingegangen und habe an sie keine Produkte
       geliefert.
       
       Die Verträge mit den anderen Firmen bestreitet er nicht, schreibt aber, er
       könne nicht bewerten, ob diese Firmen tatsächlich Rüstungsfirmen seien. Mit
       der Rüstungsindustrie gehe er keine Geschäfte ein. Alle Aufträge, die seine
       Firma ausgeführt habe, seien für zivile Zwecke gewesen, nie für
       militärische oder Dual-Use-Güter. „Wir haben weder den russischen
       Streitkräften noch anderen aktiven Gruppen im Ukrainekrieg je Produkte
       verkauft.“
       
       Sergei Kolesnikow stamme aus einer einfachen sowjetischen Familie, so
       formuliert es eine russische Webseite. Er ist 1972 an der Wolga geboren. Im
       Jahr 1992, da ist Kolesnikow 20 Jahre alt, gründet er zusammen mit seinem
       Studienfreund Igor Rybakow Technonicol, eine Firma für Dachmaterialien.
       
       Kolesnikow und Rybakow kaufen in Russland eine Fabrik nach der anderen,
       Ende der 90er herrschte Goldgräberstimmung in Russlands Baubranche. Der
       Boom macht Kolesnikow und Rybakow reich. Heute sind beide Milliardäre.
       Forbes führt Kolesnikow mit einem Vermögen von 1,2 Milliarden Dollar auf
       der Liste der reichsten Menschen der Welt.
       
       Und wer reich ist, hat Einfluss. Sergei Kolesnikow ist Mitglied in
       verschiedenen russischen Wirtschaftsverbänden. Er ist Teil des Präsidiums
       der Wirtschaftsvereinigung Business Russia. Beim elften Jahresforum von
       Business Russia, 2019, diskutierte Kolesnikow mit Russlands Präsidenten
       Wladimir Putin öffentlich die Rolle der russischen Wirtschaft. Fotos zeigen
       die beiden zusammen auf der Bühne.
       
       Im Dezember 2015 bekommt Sergei Kolesnikow eine Ehrenurkunde für sein
       Engagement überreicht. Unter dem russischen Staatswappen, dem goldenen
       Doppeladler auf rotem Grund, steht dort: „Anerkennung für das aktive
       Engagement von Sergei Anatoljewitsch Kolesnikow, Mitglied im Präsidium des
       Generalkonsuls der öffentlichen Organisation Business Russia“. Die Urkunde
       ist von Wladimir Putin persönlich unterschrieben: schwarze Tinte über einem
       Stempel des Präsidenten der Russischen Föderation. Gegenüber der taz
       bestreitet Kolesnikow, enge Verbindungen zu Putin zu haben.
       
       ## „Made in Germany“
       
       Sergei Kolesnikow ist mittlerweile offiziell auch Europäer. Im Jahr 2019
       hat er sich die maltesische Staatsbürgerschaft erkauft wie viele russische
       Oligarchen in den vergangenen Jahren. Auf Zypern besitzt er ein
       Investmentunternehmen. „Ich bin maltesischer Staatsangehöriger“, schrieb er
       kürzlich auf Facebook. Bis heute besitzen Kolesnikow und Rybakow jeweils 50
       Prozent von Technonicol. Zwei Geschäftsmänner, die grundverschieden sind.
       Igor Rybakow schreibt Bücher, produziert protzige HipHop-Videos, sucht die
       Öffentlichkeit. Kolesnikow tritt kaum öffentlich auf. Er hat eine
       Facebook-Seite, auf der präsentiert er sich als moderner Unternehmer.
       
       Er postet Fotos von sich im Sportoutfit auf einem Berggipfel, dazu
       schreibt er: „Explore, Dream, Discover.“ Er schreibt, wie sein Unternehmen
       Plastikmüll reduziert, und gibt Karrieretipps für junge Leute: „Was würde
       ich meinem 30 Jahre jüngerem Ich heute empfehlen? Nichts Magisches.“ Er
       rät, die IT-Sphäre zu entdecken, sich um seine Gesundheit zu kümmern und
       Englisch zu lernen. Ein Profil wie von einer PR-Agentur angelegt.
       
       Im November 2017 sitzt Sergei Kolesnikow an einem langen Tisch mit rotem
       Banner mitten in Deutschland. Pressekonferenz in Bad Hersfeld, Hessen. Ein
       lokales Medium veröffentlicht das Foto und einen Bericht. Kolesnikow ist
       mit einem Kollegen aus Moskau eingeflogen, um vor der Lokal- und Fachpresse
       seine Übernahme der Firma Börner zu bekunden. Eine PR-Agentur hat den
       Termin vorbereitet, es gibt Snacks und Getränke.
       
       „Kräfte bündeln – Visionen verwirklichen“, steht auf dem Banner, hinter dem
       Kolesnikow sitzt. Darüber die Logos von Börner und Technonicol. Neben
       Kolesnikow sitzen sein russischer Kollege und Michael Börner, der
       Firmenerbe aus Bad Hersfeld.
       
       Sergei Kolesnikow, der weltgewandte Geschäftsmann, spricht russisch. Eine
       Dolmetscherin übersetzt. Kolesnikow schwärmt vom Qualitätsbegriff „Made in
       Germany“. Elf Millionen Euro wolle er in Bad Hersfeld investieren, eine
       neue Produktlinie entwickeln, Arbeitsplätze schaffen, berichtet das
       Lokalmedium.
       
       Michael Börner, der Firmenerbe, freut sich über den neuen Inhaber. Aber er
       sagt auch: „Wir sind ein deutsches Unternehmen, und das bleiben wir auch.
       Wir werden unsere Kultur im Unternehmen nicht verlieren.“
       
       Später wird Michael Börner in einem perfekt inszenierten Werbevideo von
       Sergei Kolesnikow auftreten und sagen, es sei emotional nicht einfach
       gewesen, die „Generationsfirmenanteile“ zu verkaufen, „weil man einen Teil
       seiner Familiengeschichte weitergibt oder weggibt“.
       
       Sergei Kolesnikow schmückt sich mit dieser Firmengeschichte, auch in
       Russland. Im Jahr 2019 eröffnet er eine Börner-Fabrik in Jelabuga mitten
       in Russland. „Die 130-jährige Geschichte der berühmten deutschen Marke“ sei
       nun auch Teil des neuen russischen Börner-Werks, heißt es in einer
       Pressemitteilung von Technonicol.
       
       Bei der Eröffnung preist Kolesnikow die gute deutsche Qualität, die hohen
       Standards der Firma Börner. Im russischen Börner-Werk wird Bauschaum
       hergestellt – und zwar, so wird es 2019 angekündigt, sowohl unter dem Label
       Börner als auch unter dem Label Technonicol.
       
       Für ein persönliches Gespräch mit der taz hat Michael Börner in diesen
       Wochen keine Zeit. Aber seine Assistentin beantwortet Fragen per Mail. Das
       Unternehmen sei damals in einer schwierigen Lage gewesen. Mit der
       Investition von Herrn Kolesnikow habe man wieder Stabilität erlangen,
       Arbeitsplätze sichern, das Produktionsangebot ausweiten können.
       
       Davon, dass Technonicol auch die russische Rüstungsindustrie beliefere,
       wisse man nichts, schreibt Michael Börners Assistentin. Und sie stellt
       klar: Börner stelle keine Produkte für Technonicol her, kaufe keine
       Rohstoffe aus Russland und liefere auch selbst weder nach Russland noch in
       die besetzten Gebiete in der Ostukraine. Russland hat einen großen Teil der
       Ostukraine eingenommen. Orte wie Cherson und Bachmut sind zum Inbegriff der
       russischen Zerstörung geworden.
       
       Die Bomben der russischen Armee haben aus diesen Städten Trümmerwüsten
       gemacht. Putin will sie wiederaufbauen, verspricht blühende Landschaften.
       In Telegram-Gruppen wie „Neues Mariupol“ wird der Baufortschritt bejubelt.
       
       Wer die Berichte in diesen Gruppen und der russischen Presse verfolgt, der
       findet Spuren von Technonicol überall in den besetzten Gebieten. In
       Mariupol, der Stadt, die Putins Armee in Grund und Boden gebombt hat,
       sollen in diesem Jahr 90 neue Bildungseinrichtungen entstehen, berichtet
       eine russische Nachrichtenseite. Ein Foto zeigt die Baustelle, ein
       eingerüstetes Haus, davor liegen Pakete gelber Dämmwolle mit dem Aufdruck
       „Technonicol“. Im vergangenen Herbst berichtet eine andere Webseite vom
       Wiederaufbau des Heizkraftwerks in Mariupol. Auch hier zeigt ein Bild
       Paletten voller Technonicol-Pakete vor der Baustelle.
       
       Und auch wer in der Krimregion, in den russisch besetzten Gebieten Donezk
       und Luhansk Technonicol-Produkte kaufen will, der kann das bei lokalen
       Baustoffhändlern tun.
       
       Russland baut in den annektierten Gebieten auf, was es kaputt gebombt hat –
       und Sergei Kolesnikow liefert die Baustoffe. Das bringt gutes Geld ein. Im
       ersten Quartal 2022, als der Krieg ausbricht, habe sich der Umsatz der
       Onlineverkäufe verfünffacht, vermeldet Technonicol selbst.
       
       Auf taz-Nachfrage bestreitet Sergei Kolesnikow nicht, dass mit
       Technonicol-Produkten in der Ostukraine gebaut wird. Aber er stellt klar:
       „Wir sind kein Bauunternehmen, sondern nur ein Hersteller spezifischer
       Produkte.“
       
       ## „Antirussische Stimmung“? Nicht hier
       
       Zurück zur EU und ihrem Versuch, dem russischen Krieg etwas
       entgegenzusetzen. Diejenigen, „die Putins Kriegsmaschinerie am Laufen
       halten“, so hatte es die Kommissionspräsidentin der EU, Ursula von der
       Leyen, formuliert, sollten nicht weiter dem Luxus frönen können. Lässt sich
       das Geschäft Technonicols als Teil von Putins Kriegsmaschinerie begreifen?
       
       Sergei Kolesnikow bestreitet das vehement. Seine Firma produziere
       Baumaterialien ausschließlich für zivile Zwecke, schreibt er.
       
       Die Sanktionsbehörden zweier Länder sehen das anders: Polen und die Ukraine
       haben Kolesnikow bereits sanktioniert. Im Alleingang. Für die Ukraine ist
       das nicht ungewöhnlich, sie ist nicht gebunden an das Vorgehen der EU, der
       USA oder anderer Staaten. Im Oktober 2022 setzte die zuständige ukrainische
       Behörde Sergei Kolesnikow auf die Sanktionsliste. Kolesnikow übe
       kommerzielle Tätigkeiten in Wirtschaftssektoren aus, die eine wichtige
       Einnahmequelle für die russische Regierung darstellten, so begründet die
       Behörde ihre Entscheidung.
       
       Ein gutes halbes Jahr später zog Polen nach – als einziger Staat der EU.
       Polen sanktionierte Sergei Kolesnikow sowie seinen Geschäftspartner Igor
       Rybakow und stellte die beiden Börner-Gesellschaften in Polen unter
       Zwangsverwaltung. Polen war ein wichtiger Markt für Technonicol. Die Firma
       hatte dort mehr investiert als in Deutschland.
       
       Kolesnikow reagierte wütend auf die Entscheidung Polens. Auf seiner
       Facebook-Seite veröffentlichte er einen Brief an den damaligen polnischen
       Wirtschaftsminister. Auch gegenüber der taz kritisiert er das aus seiner
       Sicht unfaire Vorgehen Polens. Dass Polen die Sanktionen allein erlassen
       hat, hält Kolesnikow für illegal. Er hat dagegen Klage eingereicht vor dem
       Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Er glaubt, dass seine
       polnischen Konkurrenten die Sanktionierung vorangetrieben haben, um ihm
       wirtschaftlich zu schaden.
       
       Aus Ländern, in denen es eine „starke antirussische Stimmung“ gebe, werde
       er sich zurückziehen, kündigte er vor wenigen Wochen in einer russischen
       Tageszeitung an. Deutschland stehe noch nicht an der Spitze der
       antirussischen Rhetorik. „Bisher haben wir gesehen, dass wir dort arbeiten
       dürfen, sodass wir uns in Westeuropa mehr oder weniger sicher fühlen“,
       sagte er im Zeitungsinterview.
       
       Dass Polen Kolesnikow und seinen Geschäftspartner Igor Rybakow ohne die
       anderen EU-Staaten sanktioniert hat, verwundert selbst Sanktionsexperten.
       Eigentlich trifft die EU Sanktionsentscheidungen gemeinsam, so sehen es
       auch die europäischen Verträge vor. Auf taz-Nachfrage wiegelt eine
       Sprecherin der EU-Kommission ab: Die EU-Sanktionen würden zwar auf
       europäischer Ebene beschlossen, umsetzen und kontrollieren müssten sie
       allerdings die Mitgliedstaaten. „Das bedeutet, dass ein Land auch nationale
       Sanktionen verhängen kann“, schreibt die Sprecherin.
       
       Wieso ist das aber in diesem Fall überhaupt nötig? Wollten die anderen
       EU-Staaten Kolesnikow nicht sanktionieren? Konnten sie nicht? Reichten
       ihnen die Belege nicht?
       
       Wer versucht, darauf eine Antwort zu finden, stößt auf verschlossene Türen.
       Bis der Name einer Person auf einer Sanktionsliste landet, braucht es viele
       Beratungen und eindeutige Belege. Einzelpersonen kommen dann auf die Liste,
       wenn ihnen ein Bezug zum Krieg nachgewiesen werden kann. Der Kriegsbezug
       kann weit gefasst sein, was heikel ist. Vor den europäischen Gerichten
       klagen derzeit mehrere russische Oligarchen – einige haben Erfolg. Die EU
       muss sie wieder von den Sanktionslisten streichen.
       
       Spricht man mit Politikern, die die Sanktionsverfahren gut kennen,
       verweisen die vor allem auf die Rechtssicherheit. Jede Listung muss so gut
       begründet sein, dass sie auch vor Gericht standhält. Die Mitgliedstaaten
       verhandeln untereinander, wer auf die Sanktionslisten kommt. Der
       Beschluss muss einstimmig fallen unter allen 27 Mitgliedstaaten.
       
       War Sergei Kolesnikow in diesen Runden bereits Thema? Die Sprecherin der
       EU-Kommission schreibt auf taz-Nachfrage, die Beratungen seien vertraulich.
       Nachfrage also beim Auswärtigen Amt. Eine offizielle Antwort gibt die
       Pressestelle nicht. Aus Kreisen des Amts heißt es aber, Sergei Kolesnikow
       sei dem Auswärtigen Amt bekannt.
       
       Die Ukraine fertigt jeden Monat Dossiers über russische Oligarchen an, die
       in der EU noch nicht sanktioniert sind. Diese Dossiers schickt die dortige
       Behörde an den diplomatischen Dienst der EU. Im September hat die Ukraine
       das Dossier zu Kolesnikow angefertigt und verschickt. Es liegt der taz vor.
       
       Darin führt die Sanktionsbehörde unter anderem auf, welche russischen
       Rüstungsunternehmen von Technonicol nach 2014 beliefert wurden. Die
       ukrainischen Beamten kommen zu dem Schluss: „Verträge mit
       Rüstungsunternehmen und militärischen Gruppen Russlands, die in dieser Zeit
       geschlossen wurden, sind ein direkter Beleg für die materielle
       Unterstützung des Kriegs.“ Sergei Kolesnikow sei direkt verantwortlich für
       das Material und die finanzielle Unterstützung des Kriegs in der Ukraine.
       Fragt man nach beim diplomatischen Dienst der EU, was aus diesem Dossier
       wurde, heißt es auch dort: Zu Einzelfällen äußere man sich nicht.
       
       Zurück nach Bad Hersfeld, zur Dachpappenfabrik Georg Börner. Michael
       Börner, der Geschäftsführer, hat nach Beginn des Kriegs viele Gespräche mit
       verunsicherten Kunden geführt. Der Dachdeckergroßhändler vom Beginn des
       Textes war vermutlich nicht der Einzige, der die Geschäftsbeziehungen zu
       Börner beendet hat. Einige Unternehmen hätten ihn aufgrund der „veränderten
       geopolitischen Lage“ kontaktiert, schreibt Michael Börner auf
       taz-Nachfrage. Er habe sorgfältig erklärt, dass die Georg Börner GmbH ein
       deutsches Unternehmen sei, nach deutschem Recht arbeite und nicht mit
       russischen Rohstoffen produziere. Damit sei es ihm gelungen, die
       „überwiegende Mehrheit“ der geschäftlichen und sozialen Beziehungen
       aufrechtzuerhalten.
       
       Mitarbeit: Anastasia Magazowa, Kateryna Reznikowa
       
       5 Nov 2023
       
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 (DIR) Russland und westliche Sanktionen: Parallelimporte für die Wirtschaft
       
       Seit 2022 wurden zahlreiche Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt.
       Mit Hilfe von Drittländern kann Russland trotzdem benötigte Güter
       importieren.
       
 (DIR) Wirtschaftssanktionen gegen Russland: Der Rubel rollt nicht
       
       Die Sanktionen gegen Russland haben die Wirtschaft zwar nicht zu Boden
       gebracht, aber angeschlagen. Nun orientiert sich das Regime in Richtung
       Osten.
       
 (DIR) Wie Mikrochips nach Russland gelangen: Waschmaschinen auf Abwegen
       
       Braucht Kasachstan tatsächlich so viele Waschmaschinen? Die taz hat
       Handelsströme in Europa ausgewertet. Und dabei Lücken in den Sanktionen
       entdeckt.