# taz.de -- Untreue-Prozess gegen Hamburger Grünen: Ein schwer zu kontrollierender Chef
       
       > Zeugen haben den Ex-Fraktionschef der Grünen in Hamburg-Mitte belastet.
       > Dem ehemaligen Lebensgefährten der Justizsenatorin wird Untreue
       > vorgeworfen.
       
 (IMG) Bild: Ein Mann phantasievoller Spesenabrechnungen: Michael Osterburg (l.) mit seinem Anwalt Nils Fock
       
       Hamburg taz | Der [1][wegen angeblicher Untreue angeklagte] ehemalige
       Fraktionsvorsitzende der Grünen im Hamburger Bezirk Mitte scheint ein
       schwieriger Chef gewesen zu sein. „Es herrschte eine angespannte Stimmung,
       weil man nie wusste, wann er aus der Haut fährt“, sagte die ehemalige
       Fraktionsgeschäftsführerin Nina Fabricius am zweiten Prozesstag vor dem
       Hamburger Landgericht.
       
       Für Fabricius muss das besonders heikel gewesen sein, denn sie musste die
       bisweilen skurril anmutenden Quittungen des Fraktionschefs Michael
       Osterburg verbuchen. Dabei will sie ihn immer wieder auf Merkwürdigkeiten
       hingewiesen haben – meist ohne Erfolg.
       
       Osterburg war einmal der Lebensgefährte der heutigen Hamburger
       Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) und hat mit ihr zusammen ein Kind. Die
       Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in 121 Fällen Restaurantbesuche, Reisen,
       Versandhausbestellungen und auch die Kinderbetreuung zu Unrecht auf Kosten
       der Fraktion abgerechnet zu haben. [2][Auch Gallina soll davon profitiert
       haben] – nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft allerdings unwissentlich.
       Unter anderem gab es wohl rote Rosen zum Muttertag.
       
       [3][Der ehemalige Politiker hatte beim ersten Prozesstag eine Erklärung
       verlesen lassen], in der er einräumte, falsche Angaben auf den
       Bewirtungsbelegen und Abrechnungen gemacht zu haben. Dabei sei es aber
       darum gegangen, Personen zu schützen, die „nicht genannt werden sollten“,
       im wesentlichen „Tippgeber“.
       
       ## Harry-Potter-Umhang auf Fraktionskosten
       
       Am zweiten Prozesstag schilderte Osterburgs Amtsnachfolger Manuel Muja, wie
       ihm und seinen Kollegen vom neuen Fraktionsvorstand im Juni 2019 die
       Unregelmäßigkeiten aufgefallen seien: Zunächst hätten da kaum Ersparnisse
       auf dem Fraktionskonto gelegen, sagte Muja. Dann sei die schiere Menge an
       Abrechnungsbelegen aufgefallen. Und schließlich fanden sich
       Bewirtungsbelege mit den Namen von Muja und Co., „wo wir sicher nicht
       teilgenommen hatten“, wie Muja aussagte.
       
       Er und seine Kollegen hätten einen Anwalt eingeschaltet, Osterburg mit den
       Vorwürfen konfrontiert und das aus ihrer Sicht veruntreute Geld samt der
       noch brauchbaren Gegenstände zurückgefordert. [4][Die Grünen-Fraktion] habe
       Interesse gehabt, den Fall einvernehmlich beizulegen. „Ich habe nicht
       erwartet, dass es eine logische Erklärung gibt, aber dass man eine
       Erstattung an die Fraktion vorschlägt“, sagte Muja. Letztlich seien sich
       die beiden Parteien nicht über das Ausmaß des Schadens einig geworden.
       
       Weil Osterburg die gefälschten Bewirtungsbelege und mindestens eine falsche
       Reisekostenabrechnung bereits eingeräumt hat, ging es bei der Verhandlung
       en détail darum, ob die von Osterburg beschafften Gegenstände der Fraktion
       oder ihm selbst zugute kamen. Das Bild, das sich nach den zwei ersten
       Zeugenaussagen und dem Vortrag der Staatsanwaltschaft ergibt, ist
       uneinheitlich: einige wohl ja, einige auch nicht.
       
       Sie habe auf ihre Bitte hin einen neuen Rechner bekommen, sagte die
       ehemalige Fraktionsgeschäftsführerin Fabricius, und Osterburg einen Laptop,
       um in seiner Elternzeit von zu Hause arbeiten zu können. Dass ein Rechner
       gestohlen worden sei und ersetzt hätte werden müssen, davon habe sie nichts
       gehört.
       
       Bei einem Harry-Potter-Umhang auf Fraktionskosten habe sie mit Osterburg
       nicht lange diskutieren müssen, sagte Fabricius. Anders sei es bei einer
       Spielekonsole gewesen, von der Osterburg vorgeschlagen habe, sie für den
       Aufenhaltsraum der Fraktion vorzuhalten. Fabricius’ Rückfragen liefen
       häufig ins Leere: „Wenn ich eine Erläuterung bekommen hatte, habe ich mich
       nicht in der Position gesehen, da zu widersprechen.“
       
       Allerdings scheinen auch Osterburg selbst Bedenken zu seiner
       Abrechnungspraxis gekommen zu sein. Als eine Aufstellung zu den
       Fraktionsausgaben gemacht wurde, habe der Fraktionschef darum gebeten, den
       Posten „Bewirtungskosten Osterburg“ in „Bewirtungskosten“ umzubennen, sagte
       Fabricius.
       
       20 Apr 2023
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gernot Knödler
       
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