# taz.de -- Verstöße gegen EU-Bioverordnung: Biokontrolleure verlieren Erlaubnis
       
       > Die EU-Kommission entzieht wegen Gift im Sesam großen Ökokontrollstellen
       > die Zulassung für Importe aus Indien. Die Inspekteurslobby kritisiert
       > das.
       
 (IMG) Bild: Hoffentlich nicht mit Ethylenoxid verseucht: Sesamsamen
       
       Berlin taz | Weil sie mit Gift belasteten Lebensmitteln das Biosiegel
       gegeben haben, dürfen mehrere große Ökokontrollstellen künftig keine
       Importe aus Indien mehr zertifizieren. Die EU-Kommission veröffentlichte
       Ende Oktober [1][eine Verordnung], wonach Control Union Certifications,
       Ecocert, Lacon und One Cert International Mitte November ihre Zulassung für
       Einfuhren aus dem asiatischen Land wegen Verstößen gegen die
       EU-Bioverordnung verlieren. Hintergrund sind unter anderem massenhafte
       Funde von Sesamkernen, die mit dem Desinfektionsmittel Ethylenoxid
       verseucht waren. Das Mittel kann laut EU-Kommission Krebs verursachen, das
       Erbgut verändern und die Fortpflanzung beeinträchtigen. Offenbar wurden die
       Samen mit dem Gas besprüht, um eventuell vorhandene Salmonellen abzutöten.
       
       Der Fall könnte Zweifel an der Zuverlässigkeit der Biokontrolle wecken.
       Control Union aus den Niederlanden und Ecocert aus Frankreich gehören zu
       den weltweit größten Unternehmen, die mit Erlaubnis der Behörden prüfen, ob
       Biolebensmittel gemäß den Gesetzen für den Ökolandbau erzeugt worden sind.
       Der Fall zeigt erneut, dass private Kontrollstellen und Behörden sich
       gegenseitig die Verantwortung für Bioskandale zuschieben. Ökobauern müssen
       unter anderem auf chemisch-synthetische Pestizide verzichten.
       
       Die EU-Kommission begründete die Sanktion mit der „Kontamination einer
       großen Anzahl von Sendungen von Erzeugnissen, die in Indien produziert und
       von diesen Kontrollstellen als ökologisch/biologisch zertifiziert wurden“.
       Dabei gehe es um Verunreinigungen mit Stoffen, die in der Öko- und/oder der
       konventionellen Produktion in der EU verboten seien. In den Produkten seien
       oft bei Weitem mehr Ethylenoxid und andere Chemikalien enthalten gewesen
       als erlaubt. Die Kontrollstellen wiesen laut EU-Kommission nicht nach, dass
       sie die Waren wie von der Ökoverordnung vorgeschrieben überprüft hätten.
       „Außerdem haben diese Kontrollstellen keine Abhilfemaßnahmen gegen die
       festgestellten Unregelmäßigkeiten und Verstöße ergriffen“, so die Behörde.
       Die Kontrollstellen ließen eine Bitte der taz um Stellungnahme bis
       Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       ## Schon früher unzuverlässig
       
       Jochen Neuendorff vom Vorstand des europäischen Dachverband der
       Ökokontrollstellen (EOCC) kritisierte die Bestrafung der Zertifizierer. „An
       erster Stelle haben die amtlichen Kontrollen nicht gegriffen“, sagte
       Neuendorff der Branchenzeitschrift [2][BioHandel]. Denn die belastete Ware
       hätte nicht nur nach Biorecht, sondern auch nach dem allgemeinen
       Lebensmittelrecht nie auf den Markt kommen dürfen. Doch weder die indischen
       noch die Lebensmittelkontrollbehörden der EU hätten die kontaminierte Ware
       beanstandet.
       
       Speziell Control Union ist schon mehrfach negativ aufgefallen. [3][2019
       verbot die EU-Kommission der Kontrollstelle wegen Unzuverlässigkeit,
       Importe aus der Türkei und weiteren vier Staaten zu zertifizieren]. Damals
       räumte Control Union auch ein, dass Mitarbeiter einer für zwölf Staaten
       zuständigen Niederlassung in der Türkei [4][inkompetent seien]. Die USA
       untersagten dem Büro seinerzeit, Produkten das US-Biosiegel zu geben.
       
       [5][Als Erstes hatte ein konventionelles Unternehmen] aus Belgien
       Ethylenoxid in indischen Sesamsamen im September 2020 gemeldet. Daraufhin
       begann eine EU-weite Welle von Rückrufen auch von Bioprodukten. Die EU
       ordnete deshalb mehr Kontrollen an. In Indien und anderen Ländern ist die
       Chemikalie weiter zugelassen, etwa um Krankheitserreger abzutöten. Die
       Alternative wäre eine effizientere Hygiene bei Produktion und Transport.
       
       31 Oct 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A32022R2049&qid=1666954408335
 (DIR) [2] https://biohandel.de/markt-branche/indischen-%C3%B6ko-kontrollstellen-droht-zulassungsentzug?mtm_campaign=BH%20News%3A%20Vier%20%C3%96ko-Kontrollstellen%20droht%20Zulassungsentzug&mtm_medium=Newsletter&mtm_source=Mailjet&utm_campaign=BH%20News%3A%20Vier%20%C3%96ko-Kontrollstellen%20droht%20Zulassungsentzug&utm_medium=Newsletter&utm_source=Mailjet
 (DIR) [3] /Unregelmaessigkeiten-bei-Biokontrollstelle/!5583733
 (DIR) [4] /Inkompetenz-bei-Oekosiegeln/!5597705
 (DIR) [5] https://www.lebensmittelverband.de/de/lebensmittel/sicherheit/unerwuenschte-stoffe-kontaminanten/ethylenoxid
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jost Maurin
       
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