# taz.de -- Streit um Oben-Ohne-Baden in Berlin: Gleiches Recht für alle Brüste
       
       > Der Bezirk Treptow-Köpenick erlaubt auf seinem Wasserspielplatz künftig
       > nackte Frauenbrüste. Gut so: Regeln sind dafür da, dass man sie
       > hinterfragt.
       
 (IMG) Bild: Teilnehmer*innen einer Fahrraddemo in Reaktion auf den Polizeieinsatz an der „Plansche“ im Sommer 2021
       
       Bei manchen Debatten weiß man ja gar nicht, wie dringend man sie führen
       muss, bis sie tatsächlich jemand ernsthaft anstößt. Zum Beispiel die Frage,
       wo frau ihre Brüste in der Öffentlichkeit entblößen darf.
       
       Der Bezirk Treptow-Köpenick hat das jetzt offiziell auf dem
       [1][bezirkseigenen Wasserspielplatz „Plansche“ im Plänterwald erlaubt] –
       beziehungsweise die Bekleidungsordnung entsprechend geändert. „Die
       Badebekleidung muss die primären Geschlechtsorgane vollständig bedecken.
       Dies gilt für alle Geschlechter“, heißt es jetzt auf der Website des
       Bezirksamts.
       
       Es reicht also künftig, wenn man sich in Badehose auf die Wiese legt: Die
       Brust darf raus, egal ob man eine Frau ist oder ein Mann oder sich keinem
       der beiden Geschlechter zuordnet. Erkämpft hat diesen Passus in der
       Kleiderordnung eine Berlinerin, die sich im vergangenen Jahr „oben ohne“
       auf der Liegewiese der „Plansche“ gesonnt hatte, während ihr Sohn dort
       spielte.
       
       Der Aufforderung eines Security-Diensts, sich obenrum etwas anzuziehen,
       widersetzte sich die Frau: Männer dürften schließlich auch ihr Shirt
       ausziehen, sie werde also als Frau wegen ihres Geschlechts diskriminiert.
       Die herbeigerufenen Polizist*innen erteilten ihr einen Platzverweis –
       mit Verweis auf die nun mal herrschende Zucht und (Kleider-)Ordnung.
       
       Die Frau reichte daraufhin Klage gegen den Bezirk nach dem Berliner
       Landesantidiskriminierungsgesetz ein, das die Diskriminierung durch
       Behörden verbietet. Das Verfahren läuft noch. Trotzdem reagiert der Bezirk
       bereits.
       
       Haben wir nicht wichtigere Kämpfe zu kämpfen, wenn es um Gleichberechtigung
       geht?, kann man jetzt fragen. Ist es nicht viel entscheidender, dass Männer
       endlich mehr Elternzeit nehmen oder selbstverständlich halbtags arbeiten,
       damit die Frau den Vollzeitjob machen kann – wofür sich freilich auch erst
       mal die berühmte „Lohnlücke“ zwischen Männern und Frauen ein Stückchen
       schließen müsste.
       
       Warum nervt die Frau uns also mit ihren Brüsten? Es gibt doch FKK-Bereiche,
       soll sie doch da ihren BH ausziehen, warum denn ausgerechnet auf einem
       Wasserspielplatz. Muss man denn ausgerechnet hier aus Prinzip das große
       Fass Gleichberechtigung aufmachen?
       
       ## Potenziell anstößig
       
       Ja, das muss man. Weil die Kleiderordnung, wie sie zuvor Bestand hatte –
       die BH-Pflicht für die weibliche Brust – viel darüber aussagt, was wir
       gesellschaftlich an welchen Orten als „akzeptiert“ betrachten, als
       „angemessen“, und was nicht. Die Vorstellung, dass Frauen ihre Brüste in
       der Öffentlichkeit bedecken müssen, sagt letztlich vor allem etwas darüber
       aus, wie wir die weibliche Brust wahrnehmen: nämlich als potenziell
       anstößig, die „öffentliche Ordnung“ gefährdend. Die Frauenbrust wird
       sexualisiert, die Männerbrust nicht.
       
       Was wiegt schwerer: Dass sich Menschen gestört fühlen könnten von nackten
       weiblichen Brüsten oder aber der individuelle Anspruch auf
       Gleichberechtigung der Geschlechter nach dem Antidiskriminierungsgesetz? Es
       wird interessant sein, wie das Gericht über die Klage der Frau entscheidet.
       
       Sollte die Frau die von ihr eingeklagte Entschädigung zugesprochen
       bekommen, werden sicher einige fragen: Wo ist denn die Grenze, sollen
       Frauen etwa auch oberkörperfrei zum einkaufen gehen dürfen? Mal abgesehen
       davon, dass vermutlich gar nicht mal so viele dieses dringende Bedürfnis
       verspüren dürften (bei den Männern hält sich das ja auch in Grenzen): Ja,
       auch das wäre dann letztlich eine gesellschaftliche und vielleicht auch
       juristische Aushandlungssache.
       
       Das Moralempfinden, was Menschen in einer Gesellschaft als anstößig
       empfinden, ändert sich. Und deshalb sind Regeln und Ordnungen, die aus
       diesen Moralvorstellungen irgendwann mal erwachsen sind, nicht per se dafür
       da, dass man sie befolgt – sondern von Zeit zu Zeit mal in Frage stellt.
       Denn vielleicht muss sie ja ändern.
       
       ## In den meisten Schwimmbädern bleibt oben ohne verboten
       
       Das Bezirksamt Treptow-Köpenick hat das, wenn auch mit etwas Verspätung, im
       Fall der „Plansche“ erkannt. Vielleicht ja ein gutes Vorbild für andere
       Orte in Berlin: Die Kleiderordnung der Berliner Bäderbetriebe erlaubt
       Frauen das oberkörperfreie Schwimmen nicht. Noch nicht. Andere Städte, und
       auch einzelne privat betriebene Strandbäder in Berlin, [2][sind da schon
       weiter:] In Göttingen zum Beispiel ist das Schwimmen oben ohne auch für
       Frauen seit kurzem erlaubt. Im Strandbad Jungfernheide bereits seit drei
       Jahren ebenso. Die Zahl der Beschwerden seither, hatte der Pächter kürzlich
       dem RBB erzählt: keine.
       
       23 Jul 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Antidiskriminierung-in-Berlin/!5865642
 (DIR) [2] /Antrag-auf-Gleichbehandlung-in-Baedern/!5859455
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Klöpper
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wochenkommentar
 (DIR) Gleichberechtigung
 (DIR) Brüste
 (DIR) LADG
 (DIR) Diskriminierung
 (DIR) GNS
 (DIR) Landesantidiskriminierungsgesetz
 (DIR) Zukunft
 (DIR) LADG
 (DIR) Kiel
 (DIR) FKK
 (DIR) Diskriminierung
 (DIR) Universität Göttingen
 (DIR) SPD Hamburg
 (DIR) Landesantidiskriminierungsgesetz
 (DIR) Feminismus
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Plansche-Prozess: Freie Nippel für alle
       
       Eine Frau hat das Land Berlin verklagt, weil sie wegen nackten Oberkörpers
       aus der Plansche geworfen wurde. In zweiter Instanz war sie damit
       erfolgreich.
       
 (DIR) Die Verständnisfrage: Zieht euch endlich was an!
       
       Warum darf ich in der Kletterhalle mein T-Shirt nicht ausziehen, fragt ein
       Leser. Weil es so gerecht ist, antwortet ein Kletterhallenbetreiber.
       
 (DIR) „Plansche-Urteil“ in Berlin: Kein gutes Zeichen für das LADG
       
       Eine Frau wird gezwungen, ihre Brust zu bedecken. Darin sieht das
       Landgericht Berlin keine Diskriminierung. Zum Glück gibt es ein
       Berufungsverfahren.
       
 (DIR) In Kiel zukünftig erlaubt: Oben-ohne-Baden für alle
       
       Der Stadtrat hat die Badeordnung für die kommunalen Bäder so geändert, dass
       künftig nur noch primäre Geschlechtsmerkmale bedeckt sein müssen.
       
 (DIR) Die These: Kein Bikini ist auch keine Lösung
       
       Dass Frauen oben ohne sonnen dürfen, löst längst nicht alle Probleme. Denn
       öffentliche Nacktheit kann auch eine Landnahme sein, Vertreibung inklusive.
       
 (DIR) Interview mit Anwältin für Diskriminierung: „Ich wünsche mir mehr Klageverfahren“
       
       Anwältin Leonie Thum über Geschlechterdiskriminierung und die Notwendigkeit
       von mehr Gerichtsurteilen. Thum vertritt auch die Plansche-Klägerin.
       
 (DIR) Geschlechterforschung in Göttingen: Kastriert sich die Uni selbst?
       
       Studierende befürchten, dass im Zuge von Mittel-Kürzungen der Studiengang
       Geschlechterforschung an der Universität Göttingen geschlossen wird.
       
 (DIR) Antrag auf Gleichbehandlung in Bädern: Oben ohne für alle
       
       Die SPD Hamburg hat einen Antrag gestellt, Frauen und Nicht-Binäre sollen
       ohne Oberbekleidung ins Schwimmbad dürfen. In Göttingen geht das –
       teilweise.
       
 (DIR) Diskriminierung von Frauen in Berlin: Es muss mehr geklagt werden
       
       Frauen dürfen nicht mit freiem Oberkörper sonnenbaden? Eine Berlinerin
       wurde deswegen aus der Plansche geworfen – und klagt. Ein Wochenkommentar.
       
 (DIR) Oben-Ohne-Demo in Berlin: Freie Nippel
       
       Beschriebene Brüste statt Plakate – in Berlin demonstrieren Menschen für
       die Gleichbehandlung nackter Körper. Anlass ist ein Vorfall am Spielplatz.