# taz.de -- Tafeln müssen Bedürftige wegschicken: „Es gibt Hungernde in Hamburg“
       
       > Weil der Andrang so groß ist, nehmen 22 von 29 Tafeln in Hamburg niemand
       > mehr auf. Der Sozialverband fordert eine Anhebung der Grundsicherung.
       
 (IMG) Bild: An Bedürftigen mangelt es nicht, aber an Spenden: Ausgabestelle der Hamburger Tafel im März 2022
       
       Hamburg taz | Die Lage von armen Menschen in Hamburg spitzt sich zu. So
       verfügten [1][bei der Hamburger Tafel] jetzt 22 der insgesamt 29
       Ausgabestellen den „Aufnahmestopp“. Bis dahin konnten Menschen mit einem
       Nachweis ihrer niedrigen Rente oder Leistungsbezüge sich ein Kärtchen oder
       einen Ausweis geben lassen, der sie berechtigt, einmal in der Woche für
       gespendete Lebensmittel anzustehen.
       
       Die [2][Hamburger Tafel] selbst beliefert nur diese Ausgabestellen, wo
       Ehrenamtliche in Räumen von Gemeinden oder Einrichtungen die Lebensmittel
       verteilen. „Die haben uns zurückgemeldet: ‚Wir können nicht mehr. Die
       Wartelisten sind voll. Wir müssen stoppen‘“, berichtet Tafel-Sprecherin
       Julia Bauer. Die ersten taten dies vor vier Wochen, inzwischen ist es die
       Mehrheit.
       
       Die Ursache sei eine „Mischung“ an Gründen. Zum einen stieg die Zahl der
       Bedürftigen rasant. Noch vor Corona wurden etwa 30.000 Hamburger über die
       Tafeln mit Essen versorgt, derzeit schätzt Bauer die Zahl auf rund 45.000.
       Wobei der Anteil der Ukraine-Flüchtlinge nicht entscheidend war. Für sie
       wurden 400 neue Plätze an den Ausgabestellen geschaffen, angesichts von
       27.000 Ukraineflüchtlingen insgesamt nicht viel.
       
       Seit Kriegsbeginn gingen aber Großspenden direkt nach Polen oder in die
       Ukraine, berichtet Bauer. Auch die Supermärkte kalkulierten knapper. Weil
       dort weniger übrig bleibt, holen auch die Wagen der Tafel weniger ab. „Wir
       müssen für das gleiche Volumen viel mehr Touren fahren.“
       
       ## Supermärkte kalkulieren knapper
       
       Aufnahmestopps gibt es im ganzen Land, wie der Bundesverband „[3][Tafel
       Deutschland e. V]“ mitteilt. Im Norden nähmen zum Beispiel die Tafeln in
       Kiel, Kappeln, Wunstorf und Schaumburg keine neuen Kunden auf, weil die
       Spenden nicht reichen.
       
       Für Klaus Wicher ist dieser Stopp ein Hinweis, dass es vielen Menschen
       nicht gut geht. Er ist der Hamburger Vorsitzende des [4][Sozialverbandes
       Deutschland (SoVD)]. „Es gibt Menschen, die hungern in Hamburg“, sagt
       Wicher. „Die kommen an die Tafel nicht ran und haben am Monatsende ein paar
       Tage nichts zu essen.“ Das wisse er, weil er mit Menschen sprach, die ihm
       das anvertrauten. Sein Verband betreibt in Hamburg-Osdorf ein
       Sozialkaufhaus gegenüber einer Tafel. Der SoVD habe dort Essensgutscheine
       verteilt.
       
       Wicher fordert, dass Hamburg aus Landesmitteln die Grundsicherung für alte
       Menschen erhöht, so wie es München tut. Dringend nötig sei auch eine
       deutliche Erhöhung von Hartz IV und Grundsicherung, die an die Inflation
       gekoppelt ist. Eine im Zuge des neuen „Bürgergelds“ diskutierte Anhebung um
       40 bis 50 Euro sei „viel zu wenig“.
       
       ## Grüne wollen Initiative starten
       
       Ein Agenturbericht zum Tafelstopp findet sich auch auf der Website
       hamburg.de, die zum Teil der Stadt gehört. Deren Sozialbehörde indes sieht
       sich nicht so richtig zuständig. Auf die Frage, was Menschen, die mit ihrem
       Geld nicht genug Essen kaufen können, tun können, verweist eine Sprecherin
       auf die „Sozialleistungsbezüge“. Etwa ein Drittel des Regelsatzes der
       Grundsicherung sei für Lebensmittel. „Damit können sie sich mit
       Nahrungsmitteln versorgen und selbstbestimmt einkaufen.“
       
       Allerdings wurde dieser Regelsatz zu Jahresbeginn lediglich von 446 auf 449
       Euro im Monat angehoben, recht wenig bei acht Prozent Inflation. Dazu gibt
       es für 2022 nur eine Einmalzahlung von 200 Euro wegen der Krise. „Die
       Regelsätze sind viel zu niedrig, ich wüsste überhaupt nicht, wie man davon
       gesund einkaufen soll“, sagt die Linken-Sozialpolitikerin Olga Fritzsche.
       Auch sie kenne Menschen, die hungern. Die Tafel sei nur ein „Notnagel“ und
       zeige, dass die Leute nicht klarkommen.
       
       „Die Tafel ist ein [5][untaugliches Mittel], um arme Menschen zu versorgen.
       Das ist eine staatliche Aufgabe“, sagte Wolfgang Völker vom
       [6][Sozialbündnis „Hamburg traut sich was“]. Der Aufnahmestopp sei für die
       Nutzer total ärgerlich, sagt er. Als private Anbieter dürften die Tafeln so
       entscheiden, aber gegenüber dem Staat habe jeder Bürger „ein Recht auf
       Existenzsicherung“.
       
       Immerhin kündigte mit Mareike Engels eine Sozialpolitikerin der Grünen
       Anfang Mai eine „Initiative“ des rot-grünen Hamburgs für eine „relevante
       Regelsatzerhöhung“ mit „armutsfestem Anpassungsmechanismus“ an. Auch sie
       fürchtet, dass Strom- und Lebensmittelpreise sonst nicht aufgefangen
       würden. Angesichts des Tafelstopps daran erinnert, bekräftigt Engels, dies
       sei weiter ein „wichtiges Anliegen“, das Hamburg zum Ausdruck bringen
       wolle. Nur diskutiere die Koalition gerade noch, „in welcher Form“das
       passieren soll.
       
       10 Jun 2022
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alltag-einer-Hartz-IV-Empfaengerin/!5849112
 (DIR) [2] https://hamburger-tafel.de/
 (DIR) [3] https://www.tafel.de/
 (DIR) [4] https://www.sovd-hh.de/
 (DIR) [5] /Kritik-an-Lebensmittel-Tafeln/!5033240
 (DIR) [6] https://hamburgtrautsichwas.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kaija Kutter
       
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