# taz.de -- Album „I'm Good“ von Nalan: Wach zu Hause
       
       > Nalans Stücke auf „I'm Good. The Crying Tape“ zeigen viele
       > Charakteristika der Gegenwart. Die Stimmung der HipHop-Tracks ist
       > besonders schwer greifbar.
       
 (IMG) Bild: Tolle Produzentin aus Berlin: Nalan
       
       Wiederholt man Worte zu oft, können zwei Dinge passieren: Entweder sie
       werden zum Mantra, entfalten eine Art meditative Kraft. Oder sie verlieren
       jede Bedeutung.
       
       Wenn die Künstlerin Nalan in ihrem [1][Song „I'm Good“] immer wieder
       beteuert, dass es ihr gut gehe – „I'm good, I'm good, I'm good“ – passiert
       irgendwie beides zugleich. Ihr warmer R&B-Sound wiegt einen in Sicherheit,
       aber sowohl die sanfte Wehmut des Songs als auch der Titel des zugehörigen
       Albums erzählen vom Gegenteil: „I'm Good. The Crying Tape“ heißt ihr
       Debütalbum.
       
       Nalan Şeyma Karacagil kommt eigentlich aus München, lebt aber in Berlin, wo
       sie seit Jahren ziemlich umtriebig ist: Zum einen als Teil von Slic Unit,
       einem Netzwerk von Produzentinnen und DJs of color. Dazu steuert sie ihre
       klaren Vocals dem trippigen, sumpfigen, düsteren Südstaatenrap-Sound des
       Trios [2][Gaddafi Gals] bei, dem auch die Rapperin Ebow angehört.
       
       Schon vor drei Jahren aber, noch vor dem Durchbruch der Gaddafi Gals,
       veröffentlichte Karacagil die EP „Ugly“. Ihr zerdehnter, fließender Mash-up
       aus TripHop, Pop, Ambient und düsteren Spielarten von Electronica zeigte
       schon damals, wohin die Reise der Solistin Nalan geht. Während die Gaddafi
       Gals dem Herzschlag des Dirty South lauschen, hört Nalan eher auf den Beat
       Südlondons, wo schon seit Jahren an der Auflösung klassischer Indie- und
       Poprubriken gebastelt wird.
       
       ## Charakteristika der Gegenwart
       
       Da wäre etwa Nilüfer Yanya, die sanfte Gitarrenmusik spielt, ohne
       lupenreiner Indiepop zu sein. Oder Tirzah, an die Nalans Sound in manchen
       Momenten erinnert. Die Britin brachte gemeinsam mit ihrer
       Dauerkollaborateurin Mica Levi dem körperlosen Electronicsound, der die
       zehner Jahre prägte, mit ihrem minimalistischen R&B bis dato ungekannte
       Wärme und Intimität bei.
       
       Und noch ein weiteres Charakteristikum der Gegenwart findet man in Nalans
       Musik: Es scheint, als sei dem Pop seine Hit-Vergessenheit ausgetrieben
       worden. Der Erfolg von Billie Eilish als Mainstream-Superstar zeigt das,
       insbesondere ihr zweites, sehr gutes, aber nicht sehr zugängliches Album
       „Happier than Ever“ aus diesem Jahr: Der Sound und sein Design ist der
       Star, nicht der Song; alles soll „mood“ und „vibe“ werden.
       
       Und die mood, die Stimmung also, ist bei Nalan besonders schwer greifbar.
       Ihre Stücke schweben auf leichten Synthesizer-Schwingen, klingen plötzlich
       wieder erdverbunden und seltsam schwer in ihrer Basslastigkeit.
       
       ## Sound der Uneindeutigkeit
       
       Melodien mit Wiedererkennungswert komponiert Nalan trotzdem. Das finale
       Stück „Son Kez“ ist der einzige Song des Albums, den sie auf Türkisch
       singt, der Sprache ihrer Eltern, und er klingt wie eine
       Soundcloudpop-Version von Portishead.
       
       „Rewind“ ist eine Hommage an den glanzvoll produzierten R&B der neunziger
       und frühen nuller Jahre, Musik aus Nalans Kindheit und Jugend; „Falling 4
       You“ bedient sich mit seinen verstolperten Beats beim UK-Underground dieser
       Ära, hört sich aber eher nach rastlosem Wachsein zu Hause als nach
       Clubmusik an.
       
       Überhaupt kultiviert Nalan auf „I’m Good. The Crying Tape“ einen Sound der
       Uneindeutigkeit: Musik für komische Zeiten, in denen die eigene Laune einem
       Kippbild gleicht.
       
       21 Dec 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=5QGTRoSgB0g
 (DIR) [2] https://seayou.bandcamp.com/album/gaddafi-gals-the-death-of-papi
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julia Lorenz
       
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