# taz.de -- Ausstellungsempfehlungen für Berlin: Abenteuerliches Sehen
       
       > Unkontrollierbare Landschaften, politische Text-Bild-Praxis und
       > freihändige Zeichnungen mit Knut Wolfgang Maron, Cemile Sahin und Fritz
       > Hortig.
       
 (IMG) Bild: Cemile Sahin, „It Would Have Taught Me Wisdom“, Exhibition view, Esther Schipper, Berlin, 2021
       
       Es ist wie in den Anfangszeiten der Fotografie als sie in ihre ungeheure
       Karriere als visuelles Bildmedium startete: Man schaut sich die Bilder in
       den Vitrinen mit dem Vergrößerungsglas an. Schon wie sich die
       Besucher*innen in der [1][Alfred Ehrhardt Stiftung] über die Vitrinen
       beugen deutet auf eine exquisite Angelegenheit hin. Die ausgestellten
       Bilder sind Polaroids, und obwohl das Unternehmen die Digitalisierung der
       Fotografie nicht überstanden hat, gibt es sogar einige aus diesem Jahr.
       
       Die frühesten stammen natürlich aus den 1970er Jahren. Damals beging ein
       Fotograf, der wie Knut Wolfgang Maron an der Folkwangschule in Essen
       studiert hatte, immerhin bei Otto Steinert und Erich von Endt, ein
       Sakrileg, wenn er mit der Polaroidkamera arbeitete. Natürlich in Farbe.
       Wobei die Farbe nicht wirklich zu kontrollieren war.
       
       Aber genau das reizte Knut Wolfgang Maron, wie es ihn überhaupt reizte
       gegen den Strom zu schwimmen. Man beschäftigte sich damals mit Street
       Photography und Stadtlandschaften, Landschaftsfotografie dagegen galt, wie
       Maron selbst sagt, „als schräge Avantgarde“. Früh beschäftigten ihn auch
       ökologische Fragen: „Mir lag daran, die Dialektik einer schönen Neuen Welt
       und der veränderten Umweltbedingungen, besonders nach Tschernobyl … in
       einem zeitgemäßen Medium auszudrücken.“
       
       Das Resultat sind Aufnahmen von Gräsern, Bäumen und Sträuchern, Ausschnitte
       aus Wüstenlandschaften oder überflutetes Land, Dämme am Meer, aber auch
       Freizeitmenschen in der Natur oder das imaginäre Grab des Marquis de Sade.
       Auffallend ist die ungewöhnliche Farbigkeit der Aufnahmen, irritiert fragt
       man sich, sehe ich hier jetzt eine fahle Landschaft oder sehe ich nur ein
       fahles Bild? Abenteuerliches Sehen.
       
       ## Traumata der Geschichte
       
       Die Installation ist schlicht und scheint auf den ersten Blick ohne
       weiteres zu entschlüsseln. Ihr Thema: Krieg und Frieden. Für den Krieg
       spricht die behelmte und mit einem Speer bewaffnete weibliche Figur in
       tarnfarbenem Camouflage-Gewand. Für den Frieden sprechen die Männer, die
       von weiteren umringt, feierlich ihre Unterschrift leisten. Nun ist aber ein
       so dokumentierter Frieden häufig neuerlicher Anlass für Krieg. Genau die
       Sorte Friedensvertrag war der Vertrag von Sèvres 1920, den Cemile Sahin in
       ihrem Environment bearbeitet.
       
       Über die Fototapete der Männerrunde an der Wand, hat die kurdischstämmige,
       1990 in Wiesbaden geborene Künstlerin in aggressivem Orange die Worte „That
       I did not receive in time the French Minerva it would have taught me
       wisdom“ gedruckt. Mit ihrer Typo-Referenz auf Barbara Kruger macht Sahin
       die politische Intention ihrer Text-Bild-Praxis deutlich.
       
       Der zitierte Satz stammt von Wilhem II., der deutsche Kaiser war einer der
       Verlierer des Ersten Weltkriegs genau wie das alliierte Osmanische Reich,
       das mit dem Vertrag von Sèvres unterging. Dass Minerva, die Schutzherrin
       der Künste und der strategischen Kriegsführung, mit am Tisch saß nutzte
       nichts, war die Göttin der Weisheit doch nur eine Porzellanfigur und
       funktionierte als Schreibgarnitur. Sahin hat sie fünfmal in Farbe auf eine
       Plexiglasscheibe gedruckt, vor die Tapete gestellt und in französische,
       britische, deutsche, italienische und türkischen Camouflage gekleidet. Alle
       diese Länder haben seit Sèvres Einfluss auf die Neugestaltung des Nahen
       Ostens ausgeübt.
       
       Die bis heute nachwirkenden Folgen arbeitet Sahin derzeit in einer Reihe
       von Filmen heraus, die – entsprechend ihrer künstlerischen Praxis, sich
       ungeniert zwischen Bildender Kunst, Literatur und Film zu bewegen – ihre
       Installation erweitern werden. Und so ist das vermeintlich schlichte „It
       Would Have Taught Me Wisdom“ tatsächlich eine vielschichtige künstlerische
       Auseinandersetzung mit den Traumata der Geschichte.
       
       ## „Venerdi, Sabato, Polemica“
       
       „Macht Berlin“ heißt vieldeutig die Schau von Fritz Hortig in Berlin. Sieht
       sich der Wiener Künstler als eine Macht in Berlin? Oder fordert er uns alle
       auf Berlin und seine Angelegenheiten in unsere Hände zu nehmen: Macht
       Berlin! Oder sieht er in Berlin tatsächlich eine Macht? Schaut man sich die
       Papierarbeiten und Collagen des Autodidakten bei Henning Gronkowski an,
       deutet alles auf die ersten Möglichkeiten.
       
       Es ist jedenfalls eine Wucht, wie er seine großen, freihändig rund
       geschnittenen Papierbögen mit Ölkreide in riesige Amulette zu verwandeln
       scheint. „Venerdi, Sabato, Polemica“ ist unter ein Gesicht mit zwei paar
       Augen, einem grünen Mund und einer roten Nase geschrieben, die gleich drei
       Ringe zieren. Die Sentenzen, die Hortig ins Bild holt, verballhornt er.
       „Honi soit qui malle bob“ steht auf einer Art Schießscheibe vor der eine
       Figur steht, die ich als Fußballfan identifizieren würde, mit Schal und
       Roma-T-shirt.
       
       Die Arbeiten, mit ihrem Material aus Konsum, Werbung, Internet und Social
       Media aber auch Kunst- und Kulturgeschichte, vibrieren vor Energie,
       eingespannt in große quadratische Holzrahmen, festgehalten von dünnen
       Nylonschnüren, die Hortig durch die Leinwand fädelt, mit der er seine
       großen Papierarbeiten am Rand verstärkt.
       
       Und irgendwie passt es, dass man, um „Macht Berlin“ zu sehen in das Haus
       Einlass findet, das man schon immer mal erkunden wollte. Henning
       Gronkowski, Schauspieler, Regisseur des Techno-Beat, Drogen und
       Exzess-Films „Yung“, öffnet tatsächlich das herrliche schmiedeeiserne Tor
       der Fasanenstr. 13, das den Zugang zu dem dahinterliegenden verführerischen
       Garten verwehrt. Mit Fritz Hortig debütiert er jetzt als Galerist, seine
       Räume hat er im höchst romantisch neben der S-Bahn aufragenden
       [2][Künstlerhaus St. Lukas], von Bernhard Sehring 1889/90 als Wohn- und
       Atelierhaus erbaut.
       
       19 Oct 2021
       
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