# taz.de -- Mahnmal vor Ex-Gestapo-Zentrale: Narbe im Stadtraum
       
       > Eine Blutspur auf dem Gehweg: Am Hamburger Stadthaus, der einstigen
       > Zentrale der Gestapo, entsteht derzeit das Kunstwerk „Stigma“.
       
 (IMG) Bild: Finden den Eingriff brutaler als vorher gedacht: Ute Vorkoeper (l.) und Andrea Knobloch
       
       Eine lange, konfliktreiche Geschichte ist an ihr Ende gekommen, und ob es
       ein gutes ist, steht dahin. Angesägt und herausgestemmt werden derzeit
       Gehwegplatten vor dem [1][Hamburger Stadthaus, einem attraktiven Gebäude
       aus dem 19. Jahrhundert]. Seit 1814 residierte dort das Hamburger
       Polizeipräsidium, im Dritten Reich auch die [2][Gestapo]-Leitstelle für
       ganz Norddeutschland sowie die Kriminalpolizei.
       
       Hunderte SchreibtischtäterInnen bereiteten dort die Überwachung und
       Deportation jüdischer, widerständiger oder anderweitig missliebiger
       BürgerInnen vor. Auch die berüchtigten „Polizeibataillons“ für
       Massenerschießungen in Polen und der Ukraine wurden dort rekrutiert. Die
       Gestapo verhörte und folterte im Stadthaus Hunderte
       WiderstandskämpferInnen, trieb viele gezielt in den Selbstmord.
       
       „Das Stadthaus ist ein Ort, der bei Angehörigen ehemals Verfolgter bis
       heute Beklemmungen auslöst“, hat der Historiker und NS-Forscher Herbert
       Diercks der taz kürzlich gesagt. „Luxus-Geschäfte, Restaurants, ein Hotel
       in der einstigen,Folterhölle’ werden als der Opfer unwürdig empfunden.“ Bis
       heute fordern die Nachkommen, deren Freitags-Mahnwachen heute ins vierte
       Jahr gehen, einen angemessenen Gedenk- und Lernort.
       
       Den hat die Stadt Hamburg beim Verkauf der Immobilie 2009 zwar dem
       Investor, der Quantum AG, in den Vertrag geschrieben, doch Quantum rechnete
       die geforderten 750 Quadratmeter auf einen „Erstinformationsort“ von 70
       Quadratmetern neben dem Café eines Buchladens klein. Formaljuristisch sei
       der Vertrag erfüllt, sagt Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Das sei
       bedauerlich, aber nicht zu ändern.
       
       ## Ein paar Stelen plus Kunst
       
       Um indes den öffentlichen Unmut zu befrieden, berief die Kulturbehörde
       einen Beirat, der auf Verbesserungen sinnen sollte. Mühsam ertrotzte der
       sechs Info-Stelen über dem „Seufzergang“, durch den die Verhafteten zum
       Verhör getrieben wurden. Halb überzeugt fand sich der Beirat auch mit dem
       Behördenvorschlag ab, den Mini-Gedenkort künstlerisch aufzuwerten und einen
       Wettbewerb auszuschreiben.
       
       Gewonnen haben die Hamburger Künstlerinnen Ute Vorkoeper und Andrea
       Knobloch mit ihrem Entwurf „Stigma“. Sie werden in die Lücken, die die
       zerstörten Gehwegplatten hinterlassen, rötliches Granulat füllen, einer
       Blutspur ähnlich, aber explizit kein plattes Symbol. „Indem wir den frisch
       fertiggestellten Bürgersteig zerstören, entsteht eine Narbe im Stadtraum“,
       sagt Ute Vorkoeper. „Jetzt, wo die Arbeiten begonnen haben, merken wir,
       dass der Eingriff noch brutaler ist als imaginiert.“ Und wenn die Lücken in
       einigen Wochen verfüllt seien, werde man bei jedem Schritt merken, „dass an
       diesem Ort etwas nicht stimmt“.
       
       ## Zersplittertes Gedenken
       
       Allerdings fällt „Stigma“ deutlich kleiner aus als geplant und nimmt auch
       einen anderen Weg: Die Spur beginnt nicht mehr vor dem
       „Erstinformationsort“ am Café, stellt also keinen direkten Bezug zur dort
       verhandelten NS-Vergangenheit her. Und obwohl vom Preisgericht zunächst
       genehmigt, hatte die Baubehörde im Nachhinein erklärt, „Stigma“ könne aus
       statischen Gründen nicht nahe der dortigen Fleetbrücke verlaufen, sagen
       Insider.
       
       Stattdessen verläuft die Spur nun weiter rechts, bis zur Rotunde und dann
       kurz um die Ecke herum in die schicke Einkaufsmeile Neuer Wall. Dort wird
       sie aber nicht zum einstigen Haupteingang des Polizeipräsidiums am
       Görtz-Palais geführt, bleibt also auch dort auf halbem Wege stehen. „Unser
       Entwurf sah nie vor, ‚Stigma‘ bis zum Görtz-Palais zu ziehen“, sagt Ute
       Vorkoeper. „Die für den Neuen Wall nötigen Abstimmungs- und
       Genehmigungsprozesse hätten die Realisierung außerdem erheblich verzögert.“
       
       [3][Detlef Baade, Sohn eines im Stadthaus gefolterten Widerstandskämpfers]
       und Mitorganisator der Mahnwachen, nennt den Gedenkort deshalb „den
       Unvollendeten“.
       
       Auch Ex-Polizeipräsident und Beiratsmitglied Wolfgang Kopitzsch sagt, es
       gebe in Hamburg eine Tendenz, das NS-Gedenken zu zersplittern und aus dem
       glatt gebügelten Stadtzentrum herauszuhalten. „Aber das muss auch an den
       Orten geschehen, von wo aus Terror und Unterdrückung organisiert und auch
       durchgeführt wurde, wo gefoltert und gequält wurde, wo Unrecht gesprochen
       und wo hingerichtet und gemordet wurde. Das waren unter anderem Stadthaus –
       einschließlich Görtz-Palais –, Polizeigefängnis Hütten, Strafjustizgebäude,
       Hanseatisches Oberlandesgericht, Untersuchungsgefängnis, Fuhlsbüttel und
       Neuengamme. Die Darstellung des Widerstandes auf Fuhlsbüttel zu
       konzentrieren, wäre ein sehr unvollständiges Bild.“
       
       23 Oct 2021
       
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