# taz.de -- Frankreichs Rolle beim Genozid 1994: Macron bittet Ruanda um Verzeihung
       
       > Der Präsident räumt eine französische Mitverantwortung beim Genozid ein.
       > Von seinem ruandischen Amtskollegen Kagame bekommt er dafür Lob.
       
 (IMG) Bild: Zu lange geschwiegen: Emmanuel Macron und Paul Kagame am Donnerstag in Kigali
       
       Berlin taz | „Der Geschichte ins Auge sehen und den Anteil des Leids
       anerkannen, den es (Frankreich) dem ruandischen Volk zugefügt hat, indem es
       zu lange das Schweigen der Wahrheitsfindung vorgezogen hat“: Mit
       beispiellos klaren Worten hat Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am
       Donnerstag in Ruandas Hauptstadt Kigali die „politische Verantwortung
       Frankreichs in Ruanda“ umschrieben. [1][Macrons Rede] an der
       Völkermordgedenkstätte Gisozi in Kigali war der sichtbare Höhepunkt eines
       Besuches, der als Schlussstrich unter „27 Jahre Entfremdung und
       Verständnislosigkeit“ gedacht war.
       
       Macron war 16 Jahre alt, als in Ruanda im Jahr 1994 bis zu eine Million
       Menschen, fast alles Tutsi, dem organisierten [2][Völkermord] durch das
       damalige Hutu-Regime zum Opfer fielen. Die damalige ruandische Armee wollte
       damit eine Machtbeteiligung der Tutsi-Guerilla RPF (Ruandische Patriotische
       Front) verhindern und stellte Milizen auf, um alle Tutsi umzubringen.
       
       Zuvor war sie von Frankreich aufgebaut, ausgebildet und aufgerüstet worden.
       Jahrelang Warnungen, dass radikale Hutu-Politiker auf das Erstarken der RPF
       mit der Auslöschung aller Tutsi Ruandas reagieren wollten, schlug der
       französische Staat damals in den Wind. Stattdessen sicherte eine
       französische Militärintervention noch während des Völkermordes den Rückzug
       des Hutu-Staatsapparates in die benachbarte Demokratische Republik Kongo
       ab, als die RPF in Ruanda vorrückte und schließlich die Hauptstadt Kigali
       einnahm, wo sie bis heute regiert.
       
       Ein von Macron in Auftrag gegebener [3][Untersuchungsbericht] hatte erst
       vor wenigen Monaten das Ausmaß der französischen Verstrickung in Ruandas
       Völkermord enthüllt, das ansonsten bisher von offizieller Seite in
       Frankreich kleingeredet, wenn nicht geleugnet worden war. Bis heute leben
       zahlreiche führende [4][Völkermordtäter unbehelligt in Frankreich] –
       „mindestens 47 angeklagte Völkermordverdächtige und Hunderte von
       Völkermordleugnern und Revisionisten“, rechnet Ruandas regierungsnahe
       Tageszeitung New Times vor.
       
       ## Ruanda hat sich zuletzt Frankreich wieder angenähert
       
       Eine „Mittäterschaft“ des französischen Staates beim Massenmord hatte der
       französische Bericht verneint. Darauf hatte Ruanda mit einem [5][eigenen
       Untersuchungsbericht] reagiert, der deutlich weiter ging. Zugleich hat
       Ruanda allerdings in den vergangenen Jahren eine Wiederannäherung an
       Frankreich betrieben. Pünktlich zu Macrons Besuch wird sogar das
       französische Kulturzentrum in Kigali, ein symbolischer Ort für Frankreichs
       Einfluss, nach jahrelanger Schließung an neuer Stelle wiedereröffnet – mit
       einem Empfang, zu dem Frankreichs Präsident einlädt.
       
       Ruandas Präsident Paul Kagame nannte Emmanuel Macron auf ihrer gemeinsamen
       Pressekonferenz in Kigali einen „Freund“ und lobte seine Rede, die zuvor
       vom Völkermordüberlebendenverband Ibuka kritisiert worden war, weil sie
       keine direkte Entschuldigung enthielt, sondern lediglich eine Bitte um
       Verzeihung. Die Rede sei „politisch und moralisch ein immens mutiger Akt“,
       [6][insistierte Kagame]: „Seine Worte waren wertvoller als eine
       Entschuldigung. Sie waren die Wahrheit.“
       
       Macron hatte unter anderem gesagt: „Ein Völkermord verschwindet nicht. Er
       ist unauslöschlich. Er hat kein Ende. Man lebt nicht nach dem Völkermord,
       sondern mit ihm, soweit das möglich ist.“ Weiter: „Nur diejenigen, die
       durch die Nacht gegangen sind, können vielleicht verzeihen, uns die Gabe
       der Verzeihung schenken.“
       
       Völkermordüberlebende hoffen, dass Frankreich nun den Worten Taten folgen
       lässt und die noch in Frankreich lebenden gesuchten Völkermordtäter
       festsetzt und [7][vor Gericht stellt].
       
       27 May 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.elysee.fr/front/pdf/elysee-module-17757-fr.pdf
 (DIR) [2] /Geschichte-zum-Nachlesen/!136312/
 (DIR) [3] https://www.vie-publique.fr/rapport/279186-rapport-duclert-la-france-le-rwanda-et-le-genocide-des-tutsi-1990-1994
 (DIR) [4] /Ruandas-Voelkermord-Financier-in-Haft/!5683817
 (DIR) [5] https://www.gov.rw/musereport
 (DIR) [6] https://www.ktpress.rw/2021/05/full-speech-president-kagames-remarks-at-a-press-conference-with-president-macron/
 (DIR) [7] /Jahrestag-Voelkermord-in-Ruanda/!5759169
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dominic Johnson
       
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