# taz.de -- Ungeduldiges Warten auf die echte Schau: Die Modernistin
       
       > Claudia Skodas längst überfällige Berliner Retrospektive „Dressed to
       > Thrill“ kann online besucht werden. Zum Katalog gibt es einen kleinen
       > Film.
       
 (IMG) Bild: Claudia Skoda posiert auf dem Dach von fabrikneu in ihrer Kollektion „Shake Your Hips“, ca. 1975
       
       Claudia Skoda wollte nie wirklich in die Mode, obwohl sie direkt
       hineingeboren wurde, wie sie im Gespräch bekennt: „Mein Vater hatte in
       Steglitz, in der Schloßstraße eine Maßschneiderei. Er hatte wirklich Stil.
       Oft hat er auf Stoffproben mit Schneiderkreide sehr elegant angezogene
       Männer gezeichnet oder manchmal eine Dame im Kostüm mit einem kleinen Hund.
       Die hat er ins Schaufenster gestellt. Schon als Kind liebte ich seine
       Entwürfe.“
       
       Skoda, die gerade im Berliner Kulturforum mit „Dressed to Thrill“, einer
       großen Retrospektive samt dickem Katalog, geehrt wird, wächst in den 1950er
       und frühen 1960er Jahren in Westberlin heran. Als Jugendliche erlebt sie
       jene Ära, in der die geteilte Stadt noch das „Schaufenster des Westens“
       ist.
       
       Eine Modestadt, in der trotz der Vernichtung der jüdischen
       Konfektionsbetriebe durch die Nazis wieder Aufbruchsgeist herrscht. 1960
       gibt es 2.500 Produktionsstätten für Kleidung in Berlin. [1][Designer wie
       Uli Richter] und Heinz Oestergaard kleiden Schauspielerinnen und die Frauen
       der High Society aus dem Grunewald ein.
       
       Auch Skodas Stiefmutter fertigt Kostüme für die Stars an, die nebenan im
       Titania-Palast auftreten, einem Kino aus den 1920er Jahren, in dem nach dem
       Krieg die Filmfestspiele, Musicals und Revuen stattfinden. „Dort traten
       auch die Kessler-Zwillinge auf, die beide nebenher ein Verhältnis mit
       meinem Vater hatten, der ein ziemlicher Womanizer war“, erzählt Skoda.
       
       „Meine Stiefmutter hat mir immer modische Sachen genäht aus den teuersten
       Stoffen. Die sie dann vor meinen Augen auch wieder zerschnitten hat, wenn
       sie sauer auf meinen Vater war, der schon wieder eine neue Freundin hatte.“
       
       Zwanzig Jahre später ist sie selbst ein Modestar – eine Designpionierin,
       deren Werk Mode, Musik, bildende Kunst, Performance, Fotografie und Film
       vereint. Der Mythos Westberlins der späten 1970er und frühen 1980er ist
       untrennbar mit ihr verbunden.
       
       „fabrikneu“ heißt die Loft-Etage in einem Kreuzberger Gewerbehof, [2][in
       dem sie seit 1972 mit Künstlern und Musikern arbeitet und lebt]. Martin
       Kippenberger, Manuel Göttsching von Kraftwerk, Iggy Pop, David Bowie,
       [3][Ulrike Ottinger, die Künstlerin und Kostümbildnerin Tabea Blumenschein]
       gehen ein und aus, sämtliche Heros dieser Zeit.
       
       Auf den frühen Modenschauen tritt 1977 die Londoner Punk-Band Vibrators
       auf, Models wie die Züricher Performerin und [4][Edelprostituierte Irene
       tanzen] über einen von Kippenberger mit Hunderten von Fotos collagierten
       Laufsteg. Birds, Skodas Schau 1979 in der Berliner Kongresshalle, setzt
       neue Maßstäbe für die Präsentation von Mode.
       
       ## Generationsprägender Stil
       
       Hier lässt sie zu Göttschings Elektro-Sounds Models und die heftigen Maler
       vom Moritzplatz wie Salomé und Luciano Castelli in einem riesigen
       Stahl-Käfig wie schillernde Vögel agieren und von Trapezen baumeln.
       
       Skodas Stil aus dieser Zeit, die Pullover mit konstruktivistischen Designs,
       die an Blitze, expressive Pinselstriche oder Bildstörungen erinnern,
       [5][ihre Schlauchkleider,] die den Körper mit Volants, Wülsten,
       Strickmaterialien wie Bast oder Draht modellieren, wird prägend für eine
       Generation.
       
       Auch ihre späteren Kollektionen wie „Trommelfeuer“ (1982), in der sie die
       Ästhetik der Russischen Avantgarde mit sowjetischer Symbolik und den
       scherenschnittartigen Formen von Matisse vereint, schreiben Modegeschichte
       – wieder als Ausdruck von einem berlintypischen Stil.
       
       Doch tatsächlich ist ihre Mode international. Ihre Wurzeln liegen auch in
       ihrer Beziehung zu London, wohin sie in den späten 1960ern und frühen
       1970ern oft reist. Es ist das coole London im Übergang von der Beat- und
       Hippie-Ära zu Glam-Rock, Jetset und Disco. Die Szene sieht man in „A Bigger
       Splash“ (1973), dem berühmt-berüchtigten Film, der um das damalige Leben
       von David Hockney kreist.
       
       ## Der neue Look ist romantisch, sinnlich
       
       Gezeigt wird auch ein Modeevent [6][von Ossie Clark] und Celia Birtwell,
       dessen Energie an Skodas spätere Schauen denken lässt – die Modelle
       performen, tanzen, Künstler und Rockstars sind die Kunden. Wie Clark sind
       viele Designer von der britischen und französischen Moderne inspiriert –
       von der Ornamentik von William Morris, den Entwürfen der
       Arts-and-Crafts-Bewegung, von Art-Déco, von edwardianischer Reformkleidung,
       der Haute Couture von Madeleine Vionnet oder Charles James.
       
       Der neue Look ist romantisch, sinnlich, beschwört eine hedonistische
       Pop-Boheme. Barbara Hulanicki eröffnet 1973 in Kensington ein ganzes
       Biba-Kaufhaus im Art-Déco-Look. „Biba mit dem Rainbow Room und den
       riesengroßen Korbstühlen und den Flamingos auf dem Dach war ein Muss für
       mich“, erinnert sich Skoda. Genauso wichtig sind ihr Designer*innen wie
       [7][Zandra Rhodes] oder [8][Bill Gibb].
       
       Dass Stricken damals so heiß ist, liegt nicht nur an dem feministischen,
       [9][intellektuellen Ansatz von Sonia Rykiel,] sondern auch an dem heute
       kaum noch bekannten Schotten, der Twiggy einkleidete, Bianca Jagger und
       Cecil Beaton zu seinen Fans zählte. Er lässt seine Strickjacken wie Kimonos
       aussehen, stattet seine Strickkostüme mit Leggings, Stulpen, hohen Krägen
       wie Rüstungen aus der Renaissance aus, taucht sie in die Ornamentik von Op
       Art und Art Nouveau.
       
       Niemand außer Skoda kann es bis heute in der Strickmode mit Gibbs Gefühl
       für Farbe und Textur aufnehmen. Doch sie nimmt diese Einflüsse nicht
       einfach mit, sondern schafft aus diesem Konglomerat von Stilen etwas Neues.
       Sie konfrontiert die retro-modernen Schnitte mit der konstruktivistischen
       Moderne, mit Bauhaus. Ihre Entwürfe werden dabei immer experimenteller,
       asymmetrischer, ihr Umgang mit Farbe und Fläche härter, provokanter,
       sexueller – wie auch die Kultur, die auf Punk und Wave zusteuert.
       
       ## Das vergessene moderne Vokabular wiederbelebt
       
       Schon lange bevor in den 1980ern die Kunst der sowjetischen Avantgarde
       durch New-Wave-Magazine und Plattencvover in die Massenkultur vordringt,
       bringt Skoda sie in die Mode. Mit Malewitsch oder Rodtschenko ist Mitte der
       1970er noch keine Blockbuster-Show zu machen. Die meisten Werke der
       russischen Avantgarde sind noch nicht einmal im Westen. In den
       Mittsiebzigern fliegen Le-Corbusier-Liegen und Bauhaus-Kannen noch auf den
       Sperrmüll, weil „modern“ etwas anderes ist.
       
       Wie Imi Knoebel und Blinki Palermo in der bildenden Kunst eignet sich Skoda
       dieses fast vergessene moderne Vokabular an und nimmt ihm das historische
       Pathos. Sie verwurstet es mit Hollywood-Glamour, Rock, Fetisch- und
       SM-Zitaten. Sie nutzt es auch, um dem Feminismus und der schwul-lesbischen
       Subkultur einen anderen Look zu verpassen, weg vom alten Hippie-Image.
       
       „Zu unserer Haltung gehörte, dass man sie auch nach draußen trug, nicht nur
       zu Hause im Stübchen zelebrierte. Man ist damit rausgegangen, man wollte es
       auch zeigen“, sagt die Frau, die heute noch immer mit der Schwulenszene und
       einer viel jüngeren Kunstszene verbunden ist, gerade erst eine Kollektion
       für den Künstler Danh Vō für ein Projekt in Hongkong entworfen hat.
       
       ## Neue Inspiration aus alten Entwürfen
       
       „Ich sehe mich als Modernistin, ich bin keine Nostalgikerin, überhaupt
       nicht“, betont Skoda. „So wie wir die 20er Jahre, die Moderne studiert
       haben oder das Bauhaus, ist die Zeit der wilden 70er und 80er Jahre für die
       heutige Generation heute vielleicht etwas Ähnliches, was für uns die
       Moderne war.“
       
       Was hat die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum für sie verändert? „Meine
       wichtigste Inspiration im Augenblick sind gerade meine alten Sachen, die
       ich dekonstruiere und weiterentwickle. Wenn die Ausstellung nicht gewesen
       wäre, dann hätte ich das gar nicht wahrgenommen. Aber wenn ich im
       Nachhinein sehe, was ich über vierzig oder fast fünfzig Jahre gemacht habe,
       sind da viele Ideen und Entwürfe, die mich noch total inspirieren.“
       
       2 Feb 2021
       
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