# taz.de -- Die Ökopartei und die Macht: Wenn die Grünen regieren
       
       > Baerbock und Co wollen nach der Wahl an die Macht. Sechs Thesen, wie sie
       > dahin kommen, was eine grüne Regierung ändern würde – und was nicht.
       
 (IMG) Bild: Sie haben sich aus der Nische gekämpft, um hier anzukommen: das Kanzleramt in Berlin-Mitte
       
       Stellen wir uns ein Szenario vor, das bislang als unwahrscheinlich gilt.
       Annalena Baerbock wird im Dezember 2021 als erste grüne Kanzlerin der
       Republik vereidigt. Was würde sich ändern?
       
       Erst mal weniger, als viele denken.
       
       Flugzeuge landen weiter im Minutentakt in München oder Frankfurt, der
       Verkehr rauscht über Autobahnen wie eh und je, an der Beliebtheit der
       [1][SUVs], dieser übermotorisierten Stadtgeländewagen, ändert sich nichts.
       Die Menschen legen im viel zu heißen Sommer 2022 Nackensteaks aus dem
       Discounter auf den Holzkohlegrill, als gäbe es kein Morgen. Sie bestellen
       Sushi aus überfischten Meeren, das in einer absurd überdimensionierten
       Plastikbox nach Hause geliefert wird. Viel zu viel CO2 entweicht in die
       Atmosphäre, unsichtbar, aber tödlich, weil es die Erde noch mehr erhitzt.
       
       Direkt nach Baerbocks Vereidigung nehmen die Grünen ihre Amtsgeschäfte auf.
       Die Kanzlerin kündigt in einer Rede im Parlament eine ökologische Politik
       „mit Maß und Mitte“ an. Als erste Amtshandlung lässt sie auf dem Balkon des
       Kanzleramts Bienenstöcke aufstellen. Ganz vorn in ihrem Sofortprogramm „Gut
       und grün leben“ steht ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf
       Autobahnen. Die meisten Deutschen bekommen von der Reform nichts mit, da
       auf fast allen Strecken sowieso schon eine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt.
       Selbst der ADAC hat nichts dagegen.
       
       In der Sozialpolitik bleibt die neue Regierung hinter den Erwartungen der
       Sozialverbände zurück. Die mitregierende Union, die bei der Wahl knapp
       hinter den Grünen lag, verhindert eine groß angelegte Hartz-IV-Reform, auch
       alle Wirtschaftsverbände und wichtige KonzernchefInnen sind dagegen. Statt
       auf Sanktionen gegen Arbeitslose zu verzichten und eine völlig neue
       Grundsicherung einzuführen, wie es die Grünen im Wahlkampf verlangten,
       werden die Regelsätze um 30 Euro erhöht.
       
       Rufe nach mehr Geld wehrt Finanzminister und Vizekanzler Armin Laschet mit
       Verweis auf die „angespannte Haushaltslage“ ab. Überhaupt, das Geld fehlt
       überall, auch weil Grün-Schwarz an der Schuldenbremse festhält. Die
       Ausgaben während der Pandemie waren immens, die Wirtschaft hat sich noch
       nicht erholt. Und die Koalition tut sich schwer, dem Staat neue Einnahmen
       zu verschaffen, weil die Union eine Vermögensteuer und eine Reform des
       Ehegattensplittings blockiert.
       
       Grüner Lifestyle ist angesagt. Tüten und Strohhalme aus Plastik werden
       verboten. Fliegen wird teurer, Bahnfahren günstiger. Der ganze Stolz der
       neuen Regierung ist die schnelle Erhöhung des CO2-Preises auf 70 Euro pro
       Tonne Kohlendioxid. WissenschaftlerInnen und
       Fridays-for-Future-AktivistInnen fordern wegen der Dramatik der Klimakrise
       einen größeren Aufschlag, werden aber geflissentlich überhört.
       
       „Ökologische Reformen“, betont Baerbock, „müssen von der Mehrheit
       akzeptiert werden.“ Radikal zu sein heiße, realistisch zu bleiben. Die
       Deutschen fahren so viel Auto wie zuvor.
       
       So oder so ähnlich sähe es wohl aus, das grüne Deutschland. Was von den
       üblichen Verdächtigen gerne als angebliche Ökodiktatur diskreditiert wird,
       wäre in Wirklichkeit eine behutsame Modernisierung. Annalena Baerbock und
       Robert Habeck sind keine Revolutionäre, auch wenn sie bei seltener
       werdenden Anlässen wie welche wirken wollen.
       
       ## Eine grüne Kanzlerin ist möglich
       
       So unwahrscheinlich es klingt: Es gibt tatsächlich eine kleine Chance, dass
       Ende dieses Jahres eine Grüne oder ein Grüner im Kanzleramt sitzt. Die
       Gründe liegen in den äußeren Umständen, die für alle Parteien völlig neu
       sind – und in der für ihre GegnerInnen schwer angreifbaren Aufstellung der
       Grünen.
       
       Aber von vorn.
       
       Entscheidend ist, dass wir auf die erste Bundestagswahl [2][seit 1949]
       zusteuern, bei der die oder der amtierende Bundeskanzler nicht mehr
       antritt. Dass Merkels Ära endgültig endet, werden viele Menschen erst im
       Laufe der Zeit realisieren, wenn klar wird, dass jetzt dieser nette, aber
       unauffällige Herr Laschet die Republik regieren will, von dem man in der
       Coronakrise nie genau wusste, ob ihm das Wohl der ostwestfälischen
       Küchenindustrie wichtiger ist oder das der Menschen in Nordrhein-Westfalen.
       
       Der Amtsbonus, der ein entscheidender Faktor ist, fällt weg. Außerdem wird
       die von Merz gebeutelte, innerlich zerrissene CDU Zeit brauchen, um sich zu
       sortieren und ihren Wahlkampf auf den neuen Kandidaten zuzuschneiden.
       
       Von alldem profitieren am ehesten die Grünen. Sie sind die politische
       Kraft, die für die ökoaffine, bürgerliche Mitte attraktiv ist. Die CDU kann
       sich glücklich schätzen, dass ihr mit Merz ein Chef mit mangelnder
       Affektkontrolle erspart geblieben ist, aber eine Frage bleibt: Wen wählen
       Leute, die Merkel gut, die CDU aber altbacken finden? Den Bergmannssohn
       Laschet? Oder doch Habeck oder Baerbock?
       
       Man weiß es nicht, und wichtige Landtagswahlen, etwa in Bayern oder Hessen,
       haben gezeigt, wie stark die Grünen im konservativen Revier zu wildern
       vermögen. Markus Söder, der seither Bäume umarmt, hat das verstanden.
       
       Der Effekt für die Zukunft des Landes ist nicht zu unterschätzen, auch wenn
       die Grünen verlieren. Sie zwingen die träge Union, endlich in einen
       ernsthaften Wettbewerb um besseren Klimaschutz einzutreten.
       
       Noch etwas spielt den Grünen in die Karten. Die politische Lage ist so
       volatil wie schon lange nicht mehr. Die Gunst der WählerInnen ist flüchtig,
       alles kann sich schnell ändern. Heute liegen CDU und CSU in [3][Umfragen]
       13 bis 18 Prozentpunkte vor den Grünen.
       
       Man vergisst es so schnell, aber vor eineinhalb Jahren waren beide beinahe
       gleichauf, irgendwo in den guten Zwanzigern. Immer mehr Menschen
       akzeptieren, dass die Klimakrise die große Menschheitsaufgabe im 21.
       Jahrhundert ist. Für den Wettbewerb um die besten Rezepte dagegen sind die
       Grünen gut gewappnet, sie sind die Partei, der die BürgerInnen am ehesten
       engagierten Klimaschutz zutrauen.
       
       Es ist also möglich, dass die Grünen in Umfragen wieder näher an die Union
       heranrücken. Und auch ein anderes Szenario mit den Grünen als stärkstem
       Koalitionspartner ist nicht ausgeschlossen. Führende Parteimitglieder
       beteuern, dass sie auch ein Mitte-links-Bündnis eingehen würden, wenn die
       Mehrheit da wäre. Für die Grünen und das Kanzleramt gilt deshalb: Sag
       niemals nie.
       
       ## Grüne Themen zählen mehr denn je
       
       Es mag zynisch klingen, aber die Grünen sind gerade wegen der drohenden
       Katastrophe vom Glück geküsst. Das Klima, ihr Herzensanliegen, ist zum
       alles überwölbenden Thema geworden. Vieles, was früher im Verdacht stand,
       postmaterialistisch zu sein, ist längst eine harte Währung. Natur- und
       Klimaschutz sowieso, aber auch Diversität und Teilhabe. Oder die Idee, dass
       es wieder ein menschliches Maß in der allgegenwärtigen Verwertungslogik
       geben müsse.
       
       China, ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Autofirmen, hat große
       Spritfresser verboten und eine Produktionsquote für Elektroautos
       eingeführt. VW, Daimler oder BMW müssen stärker auf emissionsfreie Antriebe
       setzen, wenn sie nicht ins Hintertreffen geraten wollen. Sie tun es längst
       so schnell und konsequent, dass sich die grüne Beschlusslage, ab 2030 nur
       noch emissionsfreie Neuwagen zuzulassen, beinahe von allein erfüllt.
       Ähnlich ist es in anderen Wirtschaftszweigen und bei anderen Themen.
       
       Die meisten Unternehmen haben verstanden, dass sie grün produzieren müssen,
       wenn sie eine Zukunft haben wollen. Klimaschutz wird zum ökonomischen
       Marktvorteil. Umgekehrt suchen die Grünen die Nähe zu den Firmen, nicht die
       Konfrontation. Sie wollen mit Wasserstoff produzierten Stahl nicht gegen
       den Willen von Thyssenkrupp durchsetzen, sondern zusammen mit den
       KonzernchefInnen und Gewerkschaftern.
       
       Auch um andere Themen, die die Grünen früh exklusiv beackerten, kommt der
       Mainstream heute nicht mehr herum. Welcher CEO eines DAX-Konzerns würde
       noch abstreiten, dass Teams besser funktionieren, wenn vielfältige
       Sichtweisen vertreten sind? Wenn also Frauen dabei sind, BIPOC, Junge und
       Alte? Wer würde in Abrede stellen, dass man sich stärker um die
       Vereinbarkeit von Arbeit und Familie kümmern muss? Dass Beschäftigte sich
       eine flexiblere Zeitpolitik wünschen?
       
       Anders als CDU und CSU denken die Grünen seit Jahren über solche Fragen
       nach. Sie haben gegenüber der Union einen intellektuellen Vorsprung. Das
       ist in einer Zeit, in der die ehemaligen Volksparteien ratlos und
       überfordert wirken, sehr hilfreich.
       
       Wichtig ist auch, wie sich die Coronalage bis zum Spätsommer entwickelt.
       Bei der Bewältigung dieser Krise kommen die Grünen kaum vor. Sie haben
       keine größeren Einwände gegen Merkels Kurs und verlegen sich – die
       Regierungsbeteiligung schon im Kopf – auf Applaus und Detailkritik. Je
       weniger die Pandemie den Wahlkampf dominiert, desto besser für die Grünen.
       
       ## Barack Obama ist das Vorbild
       
       Die Grünen verfolgen im Spannungsverhältnis zwischen physikalischer
       Realität der Klimakrise und dem politisch Machbaren eine kluge Strategie:
       Sie versuchen, die Geschichte einer guten Zukunft zu erzählen. Keine, die
       abschreckt oder verstört, sondern eine, die hoffen lässt – und auf die sich
       das aufgeklärte Bürgertum von konservativ bis linksliberal einigen kann.
       
       Mit einer einladenden Sprache setzen Annalena Baerbock und Robert Habeck
       der allgemeinen Empörungsbereitschaft einen republikanischen
       Mach-mit-Pragmatismus entgegen. Die Grünen tragen ihre Ideen so geschlossen
       vor, dass führende CDUler neidisch sind. Und sie adressieren die ganze
       Gesellschaft, reklamieren also offensiv Hegemoniefähigkeit für sich. Das
       hat Chuzpe und wirkt manchmal etwas bemüht, aber ohne große Klappe wird man
       in der Politik nichts. Manchmal funktioniert sie wie eine sich selbst
       erfüllende Prophezeiung.
       
       In Robert Habecks 2010 erschienenem Buch „Patriotismus. Ein linkes
       Plädoyer“ kann man nachlesen, von wem das inspiriert ist. „Obama kombiniert
       scheinbar Widersprüchliches: Pathos und Unangepasstheit“, schreibt Habeck
       da, beeindruckt vom Wahlkampf des damaligen US-Präsidenten. „Den Geist der
       Veränderung nicht zu einer Frontstellung aufzubauen, sondern zu einem
       Gemeinschaftswerk, das irritiert die Erwartungen, und genau damit schafft
       er den Schritt aus Griesgrämigkeit und Rückzugsszenarien heraus.“
       
       Habeck und Baerbock nutzen Pathos in einem für Deutsche gerade noch
       erträglichen Maß, der eine mehr als die andere. Auch der Gedanke,
       Widersprüchliches zu vereinen, zieht sich durch. Die Grünen wollen radikal
       und staatstragend zugleich sein, die demokratischen Institutionen schützen,
       sie aber auch verändern. Obama verfolgte einen moderaten Mitte-links-Kurs,
       was ihm von manchen Linken vorgeworfen wurde. Als er 2009 an die Macht kam
       und die Verwerfungen der Finanzkrise eindämmen musste, ging er große
       Schritte auf die Republikaner, die vermeintlichen Gegner, zu.
       
       ## Sie gehen über die Schmerzgrenze
       
       Auch die Grünen gehen bei der Kompromissfindung manchmal über die eigene
       Schmerzgrenze hinaus. Als die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt im Alleingang
       eine Gebührenerhöhung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verhinderte
       und damit einen Herzenswunsch der AfD durchsetzte, hätten die Grünen
       eigentlich aus der Regierung austreten müssen. Sie blieben zähneknirschend,
       weil sie eine Staatskrise vermeiden wollten. Angesichts der sich
       zuspitzenden Coronalage habe man eine Verantwortung, hieß es damals in der
       Bundespartei. Und: Man dürfe die CDU nicht in eine Minderheitsregierung mit
       der AfD treiben.
       
       Die Anekdote aus dem kleinen Landesverband steht pars pro toto. Auch Habeck
       und Baerbock ticken zentristisch, auch sie versuchen, die Gesellschaft
       zusammenzuhalten. Angesichts dieser Seriösität – und angesichts von elf
       Regierungsbeteiligungen in Bundesländern – wirkt es unfreiwillig komisch,
       dass liberalkonservative Vordenker nach wie vor suggerieren, man dürfe den
       Grünen das Land nicht anvertrauen.
       
       Die Frage ist: Glaubt die Bio kaufende Merkel-Wählerin, dass die nette Frau
       Baerbock eine Gefahr für Deutschland ist? Meine These ist: Nein, tut sie
       nicht. Stattdessen fragt sie sich, aus welcher Realität diejenigen, die das
       behaupten, zu ihr sprechen.
       
       In seinem neuen Buch wägt Habeck den Gedanken, wie man Mitte und
       gleichzeitig vorn sein kann. Gelänge den Grünen das, wäre es etwas
       grundsätzlich Neues. Ein Charakteristikum der Ära Merkel war ja, dass sie
       die Dinge gerne laufen ließ. Nur in Krisen rang sie sich zu dringend
       nötigen Veränderungen durch, siehe Fukushima oder Corona. Baerbock und
       Habeck sagen, sie wollten proaktiv vor Krisen handeln, statt ihnen
       hinterherzuhecheln, auch deshalb haben sie den Gedanken der Vorsorge im
       grünen Grundsatzprogramm so stark gemacht.
       
       Ob das angesichts des Beharrungsvermögens einer komplexen Gesellschaft
       gelingt, ist eine offene Frage. Aber falsch ist der Ansatz vor dem
       Hintergrund gleichzeitig eskalierender Krisen nicht.
       
       ## Die Grünen können Ambivalenz
       
       Entscheidend ist auch ihr versöhnlicher Gestus. Die Grünen von heute sind
       keine Partei der Besserwisser mehr. Stattdessen akzeptieren sie die
       Ambivalenzen des modernen Individuums auf eine fast schon penetrant
       empathische Weise. Nicht nur, dass Robert Habeck und Annalena Baerbock bei
       jeder Gelegenheit betonen, dass nicht dem Einzelnen die Verantwortung für
       Klimaschutz aufgebürdet werden darf, sondern dass die Politik einen neuen
       Rahmen setzen muss.
       
       Auch habituell machen sie vieles richtig. Der Philosoph Habeck sagt zu
       seinem Redetalent, er „sabbele halt in Mikros“ rein, und erwähnt beiläufig,
       Dosenbier zu trinken oder bei Aldi einzukaufen. Die bei Hannover geborene
       Baerbock trägt im bayerischen Bierzelt mit einer Selbstverständlichkeit
       Dirndl, als sei sie als Kind über Almwiesen gehüpft. Keine Predigten mehr,
       keine Zeigefinger, stattdessen Bescheidenheit und eine einfache Botschaft:
       Alle sind bei uns willkommen.
       
       Damit kopieren die Grünen ein Konzept, das Konservative lange exklusiv zu
       haben glaubten. Adenauers Satz, man müsse die Menschen nehmen, wie sie
       sind, denn andere gebe es nicht, haben die Grünen von heute verinnerlicht.
       An ihnen perlt das von ihren Gegnern bemühte Uralt-Klischee ab, Grüne seien
       verklemmte Ökopietisten, die den Deutschen ihren Lebensstil aufdrücken
       wollen.
       
       Anders gesagt: Christian Lindner muss sich etwas Neues ausdenken, er weiß
       es nur noch nicht.
       
       ## Grüne Politik wird nicht reichen
       
       Allerdings haben die Grünen eine offene Flanke. Seit 1972 steht die These
       im Raum, dass die Menschen nicht immer mehr konsumieren können, ohne den
       Planeten zu zerstören. Die Studie „Die Grenzen des Wachstums“ des Ökonomen
       Dennis Meadows wies nach, dass bei fortschreitendem Bevölkerungs- und
       Wirtschaftswachstum die Weltwirtschaft noch vor dem Jahr 2100
       zusammenbricht, weil Rohstoffe und Nahrung knapp werden und die Umwelt
       verwüstet ist. Bisher liegt Meadows im Großen und Ganzen leider richtig.
       
       Was tun? Die Grünen beantworten die Wachstumsfrage mit einem optimistischen
       Narrativ. Sie wollen das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch und
       vom CO2-Ausstoß entkoppeln. Grünes Wachstum, nachhaltiges oder qualitatives
       Wachstum sind die dafür bekannten Schlagworte. Das Narrativ ist
       verführerisch, weil es im Kern bedeutet, dass die Deutschen in der sich
       zuspitzenden Klimakrise so weitermachen könnten wie bisher.
       
       Fleisch essen ist okay, aber von glücklichen Biorindern aus artgerechter
       Haltung. Autofahren auch, nur eben elektrisch. Fliegen geht ebenfalls, aber
       klimaneutral, mit synthetisch hergestellten Kraftstoffen. Überschüssiges
       CO2 holen wir einfach mit einer noch nicht ausgereiften Technik aus der
       Atmosphäre. Kurz: Technologiesprünge werden die Welt vor dem Klimakollaps
       retten – und Wohlstand für alle garantieren.
       
       Das Problem ist nur: Es gibt Zweifel, dass diese Story stimmt. Der
       weltweite CO2-Ausstoß steigt von Jahr zu Jahr, trotz großer Fortschritte
       bei ökologischen Technologien. Und für die These, dass sich Wachstum vom
       Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt, fehlt bisher ein Beleg.
       
       Ob es die Messungen für Rohstoffextraktion, Entwaldung, Verlust von
       Biodiversität oder Plastikmüll sind: Überall zeigten die Kurven nach oben
       wie ein Hockeyschläger, schreibt die Ökonomin Maja Göpel in ihrem Buch „Die
       Welt neu denken“. Sie fordert, das Wachstumsparadigma zu hinterfragen.
       „Solange die Menschheit an der Vorstellung festhält, dass wirtschaftlich
       immer mehr produziert werden muss, wird jeder Fortschritt, den sie an der
       einen Stelle für sich und die Umwelt erreicht, an einer anderen Stelle mehr
       als zunichtegemacht.“
       
       Ein Grund ist der in der Politik unterbelichtete Rebound-Effekt. Jener
       besagt, dass Effizienzsteigerungen durch mehr Konsum konterkariert werden.
       Wer sich ein spritsparendes Automodell kauft, gönnt sich mit dem gesparten
       Geld vielleicht eine Flugreise nach Mallorca – oder fährt weitere Strecken.
       
       Ökologisch orientierte Politik müsste unser westliches Wohlstandsmodell
       deshalb radikaler hinterfragen, als die Grünen es tun. Ist Fleisch essen,
       im weltweiten Maßstab gedacht, angesichts der ökologischen und ethischen
       Probleme überhaupt vertretbar? Können wir munter überallhin fliegen wie
       bisher? Ist das E-Auto, zwei Tonnen Stahl für einen Menschen, wirklich die
       Lösung?
       
       Solche Fragen tippen die Grünen an, stellen sie aber nicht in letzter
       Konsequenz. Sie fürchten den Liebesentzug der WählerInnen. Unendliches
       Wachstum wird von WissenschaftlerInnen in Frage gestellt, aber von keiner
       einzigen Partei in Deutschland.
       
       Durch ihr Veggieday-Trauma haben die Grünen gelernt, dass es in Deutschland
       hart bestraft wird, lieb gewonnene Konsumgewohnheiten zu hinterfragen. Sie
       wissen, dass sie von der Bild, der FAZ oder der Welt als Degrowth-Schrate
       bezeichnet würden, die sich ein Deutschland voller Waldhütten wünschen. Das
       Letzte aber, wohin die Grünen wollen, ist die Nische. Aus der haben sie
       sich ja 40 Jahre lang rausgekämpft.
       
       Eine bittere Wahrheit lautet deshalb, dass grüne Politik wahrscheinlich
       nicht ausreicht, um die eskalierenden ökologischen Krisen – es sind ja
       mehrere – in den Griff zu kriegen. Aber dieses Dilemma nimmt nur eine
       Fachöffentlichkeit zur Kenntnis oder die wissenschaftlich versierten
       AktivistInnen von Fridays for Future. Für die Mehrheitsgesellschaft
       funktioniert das Narrativ des grünen Wachstums perfekt. Klimaschutz, ohne
       Verzicht zu üben, wer will das nicht.
       
       Damit wären wir wieder bei unserem Szenario einer grün geführten Regierung.
       Der unaufgeregte, nüchterne Stil Baerbocks kommt gut an bei den Deutschen.
       Ihr nächster Bundestagswahlkampf steht unter dem wolkigen, aber in Tests
       für gut befundenen Motto: „Für ein gutes Morgen“. CDU-Herausforderer Jens
       Spahn, der den glücklosen Laschet längst an der Parteispitze abgelöst hat,
       wirke „im Vergleich zu ihr beinahe wie ein Leichtgewicht“, schreibt die
       FAZ. Ende 2025 beginnt die zweite Amtszeit der grünen Kanzlerin.
       
       Ulrich Schulte ist Leiter des Parlamentsbüros der taz. Am 26. Januar
       erscheint sein Buch „[4][Die grüne Macht]. Wie die Ökopartei das Land
       verändern will“ im Rowohlt Verlag. 224 Seiten, 16 Euro.
       
       23 Jan 2021
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Noch-mehr-klimaschaedliche-Pkws/!5650289
 (DIR) [2] https://www.bpb.de/politik/wahlen/bundestagswahlen/62559/bundestagswahlen-1949-2009
 (DIR) [3] https://www.wahlrecht.de/umfragen/
 (DIR) [4] https://www.rowohlt.de/buch/ulrich-schulte-die-gruene-macht-9783499005527
       
       ## AUTOREN
       
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       Katrin Göring-Eckardt diskutierte mit Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus
       über Schwarz-Grün. Mit viel Differenz und einer aussagekräftigen Sekunde.
       
 (DIR) Konsum und Klima: Sparen, Spenden und Reden
       
       Um die Klimaziele zu erreichen, sind alle gefragt. Die Politik reagiert oft
       erst, wenn eine kritische Masse erreicht ist.
       
 (DIR) Kanzleramtschef und Schuldenbremse: Kompromisslinie für Schwarz-Grün?
       
       Kanzleramtschef Helge Braun denkt darüber nach, die Schuldenbremse
       auszusetzen. Für eine Koalition mit den Grünen könnte der Vorstoß hilfreich
       sein.
       
 (DIR) Neues Buch von Robert Habeck: Mitte und gleichzeitig vorn
       
       Mit neuem Politikstil will Robert Habeck die CDU als politisches Zentrum
       ablösen – und die Bundesrepublik krisentauglich machen. Kleiner geht’s
       nicht?
       
 (DIR) Grüne Garantiesicherung: So wollen Grüne Hartz IV abschaffen
       
       Die Grünen stellen ihr Konzept einer Grundsicherung vor. Sie wollen
       Sanktionen abschaffen und die Regelsätze erhöhen. Unklar: Die
       Gegenfinanzierung.
       
 (DIR) Die fiktive Zukunft der Grünen: „Danke, Robert“
       
       Warum sind die Grünen so erfolgreich? Der Mitschnitt einer geheimen
       Zoom-Konferenz der Parteispitze gibt Antworten. (Ist alles erfunden, keine
       Sorge).