# taz.de -- Skandalöse Ausstellungsverschiebung: Vorsorglich gecancelt
       
       > Die für Juni 2021 angekündigte Philip Guston Retrospektive wird auf das
       > Jahr 2024 verschoben. Aus Angst vor Protesten gegen das Motiv der
       > Klansmen.
       
 (IMG) Bild: Spielt auf den Ku-Klux-Klan an: Ein Bild von Philip Guston in der Galerie Aurel Scheibler, Berlin 2014
       
       Die Debatte um die sogenannte [1][Cancel Culture], die aus Gründen
       vermeintlicher politischer oder gesellschaftlicher Anstößigkeit die Absage
       von Veranstaltungen wie auch die Kündigung von Personen umfasst, bekommt
       weitere Nahrung.
       
       An vergangenen Montag, 28. September, kündigten die Direktorinnen und
       Direktoren vier internationaler Museen, Kaywin Fledman von der National
       Gallery of Art in Washington, Frances Morris von der Tate Modern in London,
       Matthew Teitelbaum vom Museum of Fine Arts in Boston und sein Kollege Gary
       Tinerow vom Museum of Fine Arts Houston an, dass die große Ausstellung
       „Philip Guston Now“, die wegen Corona schon auf den Juni 2021 vertagt
       worden war, nun noch einmal um drei Jahre verschoben wird, auf das Jahr
       2024.
       
       „Abgesehen von der Herausforderung der globalen Gesundheitskrise, hat uns
       die Bewegung für Rassengerechtigkeit, die sich in den USA gebildet hat und
       inzwischen in Länder der ganzen Welt ausstrahlt, ein Pausieren nahe
       gelegt“, ist in der Mitteillung der Museen zu lesen. Man hat also Angst,
       dass die rund 25 Gemälde und Zeichnungen mit weißen Kapuzenmännern, mit
       denen Philip Guston (1913-1980) auf den [2][Ku-Klux-Klan] anspielt,
       Protestaktionen provozieren könnten.
       
       ## Die Botschaft ist eindeutig
       
       Nun sind aber die Bilder, in denen Philip Guston seine zigarrenderauchenden
       Klansmen vergnügt im Auto durch die Gegend kutschieren, im Krankenhausbett
       vor dem Arzt zittern oder malend vor der Staffelei stehen sieht, in ihrer
       Botschaft in keiner Weise ambivalent.
       
       Ganz klar spricht der Maler – den die Erfahrungen mit den Klansmännern
       nachhaltig verstörten, die er als Junge mit ihnen als Streikbrecher in Los
       Angeles machte – mit seinen Kapzenmännern die bittere Wahrheit an, dass
       ihre realen Pendants Teil des amerkanischen Alltagsleben waren,
       unbehelligte Mitbürger während der ganzen Zeit, in der die
       Terrororganisation existierte.
       
       Den Skandal verursachen daher jetzt nicht die Kunstwerke, ihn verursacht
       der Rückzug der Museen. Sie brauchen nun plötzlich mehr Zeit, um „die
       vielen wichtigen Fragen, die die Arbeiten aufwerfen“ neu zu überdenken.
       Ganz so, als ob sie in den vergangenen fünf Jahren, in denen die
       Ausstellung schon vorbereitet wird, die Klansmänner und ihre Implikationen
       einfach übersehen hätten.
       
       ## Wer eigentlich hat Bedenken?
       
       Es fällt schwer, auch wenn man sich immer wieder wundert wie unbedarft
       US-amerikanische Kunstinstitutionen hinsichtlich der ‚Rassenfrage‘ agieren,
       das Problem vor allem bei den Museen festzumachen. Allerdings hat eine
       große Ausstellung wie „Philp Guston Now“ einigen Bedarf an Ausleihen aus
       dem Besitz privater Sammler. Es steht zu vermuten, dass die Bedenken eher
       dort aufgekommen sind.
       
       Oder bei den Sponsoren aus Industrie und Finanzwirtschaft, ohne die eine so
       große Ausstellung einfach nicht umgesetzt werden kann. Vielleicht konnten
       die Museen ihnen die nötige Sicherheit nicht versprechen. Vielleicht fanden
       sich dort aber umgekehrt auch nicht die Sponsoren, bei denen die Museen
       sicher sein konnten, keine unliebsamen Verbindungen zu rassistischen
       Praktiken und Institutionen zu finden, würde hier erst einmal recherchiert.
       
       Ja, Philp Gustons Klansmänner haben es eben in sich. Auch weil sich heute
       viel anders darstellt als noch vor kurzem gedacht. Wenn Gustons Tochter,
       Musa Mayer, die die Guston Foundation leitet, schreibt: „Nie sehen wir die
       Taten ihres Hasses. Wir wissen niemals, was in ihren Köpfen vorgeht. Aber
       klar ist, dass sie Wir sind. Unsere Verleugnung, unsere Verheimlichung“,
       dann denunzieren die heutigen Kunstaktivisten dieses große Wir als
       unzulängliche Ausrede.
       
       ## Die Kulturkriege befeuern, anstatt sie zu befrieden
       
       Sie wollen es genauer wissen. Sie bohren nach. Das haben die Museen, ihre
       Vorstände und ihre Sponsoren inzwischen vielfach – aus ihrer Sicht leidvoll
       – erfahren. Mit ihrem vorzeitigen Rückzug setzten diese Protagonisten ihre
       Kritiker aber erst in die Spur und befeuern die Kulturkriege in denen sich
       die amerikanische Gesellschaft aufreibt, anstatt sie – wie sie wohl hofften
       – zu befrieden.
       
       Man möchte ihnen also wünschen, dass sie bis 2024 nicht nur [3][Philip
       Gustons] Werks noch besser erklärt und damit geschützt haben, sondern dass
       sie vor allem ihre eigenen rassistischen Verstrickungen und Befangenheiten
       aufgeklärt und bearbeitet haben, die sie offenkundig hinsichtlich iher
       große Aufgabe „Philip Gusto Now“ schwächen.
       
       4 Oct 2020
       
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