# taz.de -- Iranische Künstler in der Schirn: Groteske Eselsrunde vor Laptops
       
       > Die Gebrüder Haerizadeh sowie Hesam Rahmanian setzen sich gegen
       > engstirnige Frömmler mit Humor zur Wehr. Eine große Kunstschau in
       > Frankfurt.
       
 (IMG) Bild: Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian, „O YouPeople!“, 2020. Detailausschnitt
       
       Klack, klack, klack klappern die Schuhabsätze durch den White Cube. Die
       eiserne Regel, in einer Kunstausstellung nichts zu berühren, wird hier
       gleich definitorisch kassiert. Wer sich dem Werk von Ramin Haerizadeh,
       Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian in der Frankfurter Schirn nähern
       möchte, der muss darauf herumlaufen.
       
       Das führt im besten Sinne dazu, dass sich die Besuchenden ob der Geräusche,
       die sie auf den lackierten MDF-Platten von sich geben, ungeachtet ihres
       tatsächlichen Schuhwerks ein bisschen wie auf Stilettos fühlen dürfen. Und
       passend dazu haben die Künstler auf dem Bodengemälde in
       Oldschool-Camp-Manier auch gleich einige haarige Unterschenkel nebst Füßen
       in High Heels versteckt.
       
       Und es bewirkt zudem eine merkwürdige Form der Immersion: Wo der Blick auf
       die Kunst horizontal geschult ist, muss man hier ständig unter die eigenen
       Füße blicken. Denn nur so erhält man eine Perspektive auf ein Ensemble, das
       als flache Ebene über die gesamte Ausstellungsfläche im Ganzen nicht zu
       erfassen wäre.
       
       Es geht um ein ausschnittsweises Erblicken. Von kegelförmigen Figuren,
       Tieren, Mensch-Tier-Chimären. Einer Eselsrunde vor Laptops, Händen vorm
       Smartphone, die aus dem Dunkel eines shamsehförmigen, mal vergitterten, mal
       mit einem Magritte-artigen Himmeldekor versehenen Fensters nach draußen
       greifen. Dazwischen Schachbrettmuster und persisch anmutende Ornamente. Und
       ein grotesk deplatzierter Anus in einer Art Unterwasser- oder
       Sumpflandschaft.
       
       ## Das Herzstück der Schau
       
       Es ist ein analog-vertikales Eintauchen, in der man die Arbeit des
       iranischen Künstlertrios traumwandlerisch um sich weiß, ohne ihr je habhaft
       zu werden. „O You People!“ bildet das Herzstück der ersten
       Einzelausstellung von Hearizadeh, Haerizadeh und Rahmanian in Deutschland.
       Wie die meisten der hier präsentierten Arbeiten haben die Künstler das sich
       auf dem Boden erstreckende Tafelbild extra für die Schau in der Frankfurter
       Schirn Kunsthalle angefertigt.
       
       Einer Schau, zu der sie coronabedingt erst gar nicht selbst anreisen
       konnten. Seit 2009 leben und arbeiten die beiden Brüder Haerizadeh sowie
       Hesam Rahmanian als Kollektiv in Dubai. Dem Vernehmen nach bewohnen sie in
       dem Emirat ein zauberhaftes Eldorado für und mit der Kunst, teils mit
       anderen Kolleginnen und Kollegen zusammen.
       
       Diese Bohemia im Nahen Osten ist nicht so ganz freiwillig entstanden.
       Während sich das iranische Trio 2009 für eine Ausstellung in Paris befand,
       wurden die Räume eines ihrer Sammler in Teheran durchsucht. Er warnte die
       Künstler vor der Rückkehr in den Iran. Damals ließ das iranische Regime mit
       dem islamistischen Hardliner Mahmud Ahmadineschad an der Spitze die
       Demokratiebewegung brutal niederschlagen.
       
       Ihr Exil fanden die Künstler schließlich in den Vereinigten Arabischen
       Emiraten, von wo aus sie heute Ausstellungen in der ganzen Welt
       vorbereiten. Dabei arbeiten sie auch mit KünstlerInnen international
       zusammen – die Stoffbehänge der Eselsskulpturen in der Schirn etwa stammen
       aus dem Hamburger Atelier von Hoda Tawakol. Mit Bodengemälden,
       Videoarbeiten, großformatigem Wandgedicht, Skulpturen und
       Found-Footage-Bildmaterial bilden sie nun in Frankfurt eine begehbare
       Installation mit dem popreferenziellen Titel “‚Either He's Dead Or My Watch
       Has Stopped‘ Groucho Marx (While Getting The Patient's Pulse)“.
       
       Ein Hauch von Vaudeville, von albern-anarchischem Witz durchzieht diese
       Ausstellung. An manchen Stellen scheint sie das gesamte Leid der globalen
       Welt zu versammeln, doch im nächsten Moment zaubert sie ein Konvolut aus
       Karneval, Cabarét, Teufelsfratzen oder freundlichen Fabelwesen hervor.
       
       Dazu erklingt ein kakofonischer Soundtrack, der sich aus dem Klackern der
       Schuhe des Publikums sowie des Gesangs von Lonnie Holley speist. Mit
       Holley, dem Musiker und Outsider-Art-Berserker aus dem nordamerikanischen
       Alabama, ist das Künstlerkollektiv seit 2014 in Kontakt. Damals standen sie
       in einem selbstgebauten Set gemeinsam vor der Kamera.
       
       Dazu speisen sie dröhnende persische Tanzmusik ein. Diese stammt aus der
       Videoarbeit „Dancing After The Revolution“. Sie enthält heimlich
       aufgenommene Tanzszenen aus den privaten Wohnräumen iranischer Haushalte.
       [1][Irans Mullahregime hat etwas gegen das Tanzen.] Doch viele frönen
       weiterhin heimlich diesem verbotenen Laster und tauschten dafür in den
       1980ern Videokassetten mit privaten Aufnahmen aus.
       
       Die Künstler in der Schirn berufen sich in ihrer Arbeit auch auf Mohammad
       Khordadian. Der Exil-Iraner hat mit einer Mischung aus persischem Volks-
       und orientalischem Bauchtanz sowie amerikanischer Aerobic eine Art
       nostalgische Fantasieheimat geschaffen. Er war damit vor allem in den USA
       der 1980er Jahre sehr erfolgreich gewesen.
       
       ## Kunst in der Pandemie
       
       Geschichten wie diese erzählt die Ausstellung beiläufig auch. Erstaunlich
       mühelos fügen sich die einzelnen Werke zu einer Schau, deren Dimensionen
       von den Künstlern vor Ort weder ausprobiert noch eigenhändig nachjustiert
       werden konnten. Die Installation gibt von daher auch eine Anschauung, wie
       der Ausstellungsbetrieb dank Internet und Zoom Ländergrenzen und
       Pandemiegesetze überwinden kann.
       
       Doch was für Dinge, Kunstobjekte gelten mag, es gilt nicht zwangsläufig für
       Menschen und deren Kommunikation. In Coronazeiten zeigt sich besonders
       deutlich, wie unterschiedlich je nach Staatsbürgerschaft der Status von
       KünstlerInnen ist.
       
       Wo das Kollektiv nun selbst nicht präsent sein kann, da ist es der Esel.
       Dieser führt als Spirit Animal durch die Installation. Ramin Haerizadeh,
       Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian zeigen den arbeitsamen Underdog,
       dessen purer Anblick manch einen Menschen schon von seinem seelischen Leid
       geheilt haben soll, immer wieder mit weit aufgerissenem Maul. Einer
       Ansicht, von der man nie ganz sicher ist, ob sie nach gelangweiltem Gähnen,
       großem Gelächter oder leidvollem Aufschrei ausschaut.
       
       Der Welt zeigt das Künstlertrio so sein sardonisches Lächeln, nach außen
       scharf, dem Menschen aber stets zugewandt. Wer weiß: Vielleicht kann man
       sich ja tatsächlich noch über die Zustände erheben, indem man sich eine
       Weile einfach buchstäblich daraufstellt.
       
       4 Sep 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina J. Cichosch
       
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