# taz.de -- Neuer Dokumentarfilm von Ryan White: Die Kraft des sexpositiven Denkens
       
       > Die Doku „Fragen Sie Dr. Ruth“ von Ryan White stellt die
       > Sexualtherapeutin Dr. Ruth Westheimer vor. Die 92-Jährige hat ein
       > bewegtes, nie frigides Leben.
       
 (IMG) Bild: Let's talk about Sex: Dr. Ruth Westheimer in ihrer Radiosendung
       
       In der Stimme liegt eine Heiterkeit, der auch ein Akzent nichts anhaben
       kann. Auf die Frage eines Anrufers, ob Frauen in ihrem Leben wirklich nur
       über eine begrenzte Anzahl von Orgasmen verfügen, ruft „Dr. Ruth“ „God
       forbid!!“, und kichert. „That’s a rumour I’ve never heard of“, fährt sie
       fort – ohne das englische th, aber mit hartem deutschem r.
       
       Dabei hat [1][die Sexualtherapeutin und Soziologin Dr. Ruth Westheimer],
       die vor 92 Jahren in Frankfurt am Main als Karola Ruth Siegel geboren
       wurde, Monströses hinter sich. 1938 schickten ihre jüdischen Eltern sie mit
       einem Kindertransport in ein Schweizer Waisenhaus. Ruth blieb sieben Jahre
       dort, ihre Familie wurde von den Nazis umgebracht. Mit 17, nach dem Krieg,
       reiste Ruth nach Israel, legte ihren „zu deutsch“ klingenden ersten
       Vornamen ab, und entwickelte in den folgenden Jahren jene unfassbare,
       beeindruckende Resilienz, die ihr – eventuell – das Leben rettete.
       
       In Ryan Whites [2][Dokumentarfilm „Fragen Sie Dr. Ruth“] erzählt die 1,40
       Meter große Protagonistin von ihrer Ausbildung als Scharfschützin für eine
       Untergrundorganisation; von einer schweren Verwundung, die sie fast einen
       Fuß kostete; von der ersten, der zweiten, der dritten, diesmal großen
       Liebe; von ihrer Zeit als [3][alleinerziehende Mutter,] dem Psychologie-
       und Soziologiestudium, ihrer Doktorarbeit über Abtreibung, der Arbeit am
       New York Hospital – und ihrem Eintritt ins Rampenlicht der
       Populärpsychologie: 1981 begann Westheimer, die New Yorker
       Radio-Call-in-Show „Sexually Speaking“ zu moderieren, später war sie auch
       landesweit zu hören. Und schüttelte das körperlich unsichere,
       Post-sexuelle-Revolutions- und Prä-Aids-Amerika damit kräftig durch.
       
       Vielleicht war es, neben dem Zungenschlag und ihrem Alter, gerade der
       leicht despektierliche, jedoch durchaus liebevoll gemeinte Spitzname „The
       happy munchkin of sex“, der das so prüde wie interessierte Publikum für sie
       einnahm. Die Emigrantin Westheimer, die sich von den bisherigen
       US-amerikanischen „Sexgurus“ wie dem Ehepaar Masters und Johnson oder dem
       Zoologen und Sexualforscher Kinsey durch ihren Witz, ihren Akzent und ihre
       absolute Autonomie unterschied, wirkt kompetent, aber nicht bedrohlich;
       zufrieden, aber nicht unkritisch. Ihrem hörbaren Lächeln gegenüber trauten
       sich Menschen, über (in den 80ern) tabuisierte Sexthemen zu sprechen.
       
       Feminismus war ihr zu politisch 
       
       Vielleicht half auch ihre Entscheidung, lieber eine Stellung zu
       beschreiben, als eine zu beziehen: Sich als Feministin zu bezeichnen lehnt
       Westheimer im Film ab (sie lässt sich jedoch auf den Kompromiss
       „nichtradikale Feministin“ ein). Der Feminismus ist für Dr. Ruth, die sich
       unbeirrt für [4][Gendergerechtigkeit], das Recht auf Abtreibung und einen
       inklusiven Umgang mit HIV und Aids einsetzte, zu politisch. Sie, die
       täglich Körperpolitik praktiziert, und den Begriff „frigide“ lautstark aus
       ihrem Wortschatz verbannt, will niemanden ausstoßen: Sexualität ist für sie
       ein humanistisches, kein politisches Thema.
       
       Über das Westheimer noch immer leidenschaftlich gern redet (und schreibt).
       Meist Kolumnen und Bücher, dazu hält sie Vorträge, ist in Talkshows zu
       Gast, spielte in Filmen und Sitcoms, lässt sich von ihren Enkeln besuchen,
       gab die Inspiration für ein Brettspiel, macht Witze, und gluckst selbst
       darüber.
       
       Whites formal unauffälliger, affirmativer, aber grundherzlicher
       Dokumentarfilm zeigt eine Frau, die gelernt hat, dass nur genießen kann,
       wer auch gelitten hat. Und deren Erklärung für den Erfolg ihrer Talkshow
       typisch ist: Die Leute hätten sie sonntagsabends auf der Rückfahrt von den
       Hamptons im Radio gehört. „Danach waren sie angenehm erregt!“, giggelt sie.
       Wahrscheinlich half die [5][Kraft des sexpositiven Denkens].
       
       27 Aug 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Amerikas-Sexberaterin-wird-90/!5507679
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=I_YZoCiLm7k
 (DIR) [3] /Teilzeitausbildungen-in-Bremen/!5699837&s=alleinerziehend/
 (DIR) [4] /Gendergerechtigkeit-auf-der-Berlinale/!5572626&s=Gendergerechtigkeit/
 (DIR) [5] /Projekte-der-sexpositiven-Szene/!5675477&s=sexpositiv/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jenni Zylka
       
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