# taz.de -- Rechte Medien und die bürgerliche Mitte: Unscharfe Grenzen
       
       > Zeitschriften wie „Cato“, „Tichys Einblick“ und „Tumult“ sehen sich als
       > konservativ. Doch die Grenze zwischen bürgerlich und rechts ist
       > durchlässig.
       
 (IMG) Bild: Nur gegen den „Bolschewismus“ gekämpft: CDU-Rechtsausleger Alfred Dregger 1974 mit Frau und Hund
       
       Die deutschen Christdemokraten lebten immer mit dem frommen Selbstbetrug,
       die bürgerliche Mitte und nur diese zu repräsentieren. Sie glaubten sich
       mit Lippenbekenntnissen [1][gegen Rechte und Reaktionäre] abschirmen und
       eine klare Grenze ziehen zu können zwischen Konservativen und Rechten
       beziehungsweise Rechtsradikalen. Dieses Gespinst aus Selbstbetrug und Lügen
       reißt zwar immer wieder, aber im Großen und Ganzen erlag die Partei der
       Fiktion, immun zu sein gegen rechts.
       
       Zuletzt zerfiel dieses Trugbild in Erfurt, als CDU, FDP und AfD einen
       ehrgeizigen „Liberalen“ in Thüringen zum Ministerpräsidenten machten. Um
       die politische Mitte zu besetzen, beanspruchte die CDU immer die gleich
       große Distanz nach rechts und nach links. Das war in der ganzen Zeit der
       alten Bundesrepublik eine Kampfparole, die zur Ideologie des Kalten Kriegs
       besser passte als zur Realität.
       
       Noch vierzig Jahre nach dem [2][Ende des Zweiten Weltkriegs] beschwor
       Alfred Dregger, er habe in Hitlers Armee bis in den Mai 1945 nur gegen den
       „Bolschewismus“ gekämpft. Sein Ziehsohn Roland Koch (CDU) führte im
       Landtagswahlkampf 1999 eine fremdenfeindliche, der heutigen
       Pegida-AfD-Politik ebenbürtige demagogische Unterschriftenkampagne gegen
       die Reform des antiquierten deutschen Staatsbürgerschaftsrechts und hetzte
       die hessischen Wählerinnen und Wähler gegen Ausländer auf.
       
       Wie durchlässig die vermeintlich stabile Mauer zwischen
       Bürgerlich-Konservativen und Rechten ist, zeigt sich besonders an drei
       Zeitschriften, die sich als konservativ verstehen, aber tatsächlich weit
       nach rechts gerückt sind: Cato, Tichys Einblick und Tumult. Sie widmen sich
       programmatisch der Annäherung von Konservativen und Rechten. Das gilt nicht
       nur für Themen und Autoren, sondern auch finanziell.
       
       ## Viele Autoren entstammen der mittleren Intelligenzija
       
       Der der AfD nahestehende Unternehmer Thomas Hoof (Manufactum) etwa sponsert
       die Zeitschrift Cato mit zehn Seiten umfassenden Anzeigen für seinen
       Verlag, in dem Bücher konservativ-rechter Grenzgänger wie Volker Zastrow,
       Frank Böckelmann oder Konrad Adam erscheinen, aber auch die Pamphlete
       harter Rechter wie Björn Höcke, Alexander Gauland und Jürgen Elsässer.
       
       Viele Autoren entstammen der mittleren Intelligenzija (Gymnasiallehrer,
       Lehrbeauftragte, durchs Land reisende Lehrstuhlvertreter und ältere
       Privatdozenten). Die unscharfe Grenze zwischen Konservativen und Rechten
       zeigt sich besonders klar bei den Themen Migration, Nationalstaat,
       Gendergerechtigkeit und Geschichtspolitik, aber auch bei den Gewährsleuten,
       die die Autoren, die sich für Konservative halten, für ihre Argumente
       zitieren.
       
       Ein emeritierter Literaturwissenschaftler, der sich bei Tumult.
       Vierteljahresschrift für Konsensstörung um die Wiederbelebung der alten
       Raum- und Geopolitik bemüht, beklagt, „in Deutschland“ werde der
       „politische Diskurs im Wortsinne ortlos“, weil die AfD oft „vor
       verschlossenen Türen“ stehe, wenn sie an der „politischen Willensbildung“
       teilnehmen wolle.
       
       Ein 62-jähriger Privatdozent polemisiert gegen die Pflicht von Parteien,
       ihre Finanzquellen zu veröffentlichen, und die Verletzung des
       Gleichheitsgrundsatzes, weil von 223 Genderprofessuren nur 10 von Männern
       besetzt seien. Ein anderer Autor kritisiert den „moralischen
       Universalismus“ mit Berufung auf „die Sorgen des Normalbürgers“, der durch
       „das unablässige massenmediale Warnen vor der drohenden Klimakatastrophe
       nur in Angst und Schrecken versetzt werde.
       
       ## Im Dunstkreis der NPD
       
       Tumult ist sich auch nicht zu schade, das Bekenntnis eines 32-jährigen
       Geschichtsstudenten abzudrucken: „Meine Metamorphose zum Judenfeind
       verdanke ich also absurderweise den schärfsten Kritikern des
       Antisemitismus: meinen Lehrern, meinem Vater und den Nachrichtensprechern“,
       die ihn mit historischer Aufklärung zum Nationalsozialismus be- und
       überlastet hätten.
       
       Der Student hält Vorträge im Dunstkreis der NPD und brachte ein Buch heraus
       mit dem Titel „Der weiße Ethnostaat“. Ein weiterer Privatdozent, der den
       Verlust „unserer Sprache“ beklagt, begründet dies mit dem Hinweis auf den
       rechten Historiker Rolf Peter Sieferle und dessen These, „dass in den
       Industrieländern selbst“ durch den „negativen Input“ der Einwanderer „neue
       Intelligenzhemmnissse entstanden sind“.
       
       In allen drei Zeitschriften gehören die deutsche Geschichte und deren
       Begradigung zum Dauerthema. Zwei Autoren enttarnen den US-Präsidenten
       Roosevelt als „Hintermann des Zweiten Weltkriegs“ und berufen sich dabei
       auf Pamphlete des rechtsradikalen Generalmajors a. D. und Hobby-Historikers
       Gerd Schultze-Rhonhof. Cato. Magazin für eine neue Sachlichkeit hält sich
       sogar einen Geschichtslehrer als einzigen ständigen Mitarbeiter.
       
       Andreas Lombard (alias Andreas Krause) – Gründer und Chefredakteur von
       Cato, ehemaliger Mitarbeiter des AfD-Mäzens Thomas Hoof und Preisträger des
       von der rechten Wochenzeitung Junge Freiheit verliehenen
       Gerhard-Löwenthal-Preises – stellt sich nicht wörtlich, aber faktisch
       hinter Ralf Höcker von der CDU-Werteunion, der die Linkspartei als
       „Mauermörderpartei“ bezeichnet und „den unerträglichen Zustand mit
       Linksextremisten in der Regierung“ Thüringens beenden möchte.
       
       ## Kampfansage an die „gesellschaftliche Mitte“
       
       Lombard sieht im „Kampf gegen rechts“, den SPD, Linke und Teile der CDU
       nach den jüngsten Terroranschlägen von Rechten endlich auf die politische
       Tagesordnung gesetzt haben, eine Kampfansage an die „gesellschaftliche
       Mitte“. Für Roland Tichy, den Herausgeber von Tichys Einblick. Standpunkte
       zu Politik, Wirtschaft und Kultur, dagegen ist die Welt ziemlich in
       Ordnung. Angesichts der 24 Morde von Rechtsradikalen zwischen 1980 und 2020
       allein in Bayern schreibt er: „Rechtsextremistische Gewalttaten werden in
       Deutschland ohne Wenn und Aber verfolgt.“
       
       Ein Gymnasiallehrer ruft in der Zeitschrift Cato zur Revision der Debatte
       um Schuld und Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf.
       Nicht die politischen, militärischen und wirtschaftlichen Eliten des
       wilhelminischen Kaiserreichs sollen demnach die wesentliche Verantwortung
       tragen, sondern Raymond Poincaré, der französische Präsident.
       
       So weit gingen nicht einmal die konservativen Gegner des Historikers Fritz
       Fischer (1908–1999), der die These vom deutschen „Griff nach der Weltmacht“
       1967 begründet hat. Der Gymnasiallehrer hat zwar für seine Revision der
       Geschichte keine wissenschaftlichen Argumente, aber zwei patente linke
       Verschwörer:
       
       „Habermas und Wehler haben die Auseinandersetzung“ über die deutsche
       Kriegsschuld im Historikerstreit von 1986 ff. „vom Zaun gebrochen“ und die
       „irgendwie grün-rot-feministische Regenbogenideologie“ dank ihrer
       „Einflusspositionen im Kulturbetrieb“ durchgesetzt. Seither, so der Autor,
       herrsche „Uniformität der Auffassungen. […] Was einmal bürgerliche
       Öffentlichkeit oder akademischer Freiraum war, existiert nicht mehr.“
       
       ## Der rosarote Kommunismus geht um
       
       Für Alexander Gaulands persönlichen Referenten Michael Klonovsky sind es
       die „Identity Politics“, die als Wiedergänger des „Gespensts des
       Kommunismus“ durch die Gegend laufen, und für einen Schuldirektor a. D.
       bilden die „Umtriebe der Gender-Ideologie“ das Gespenst des „rosa
       Kommunismus“.
       
       Viele Autoren der drei Zeitschriften kommen von den Konservativen her,
       stehen aber heute der AfD nahe und verstehen sich als Transmissionsriemen
       für eine Bewegung, mit der die AfD gleichsam salon- und koalitionsfähig
       gemacht werden soll. Die Gefahr für die Demokratie geht nicht vom „Flügel“
       der AfD aus, sondern von der Annäherung und Kooperationsbereitschaft der
       Konservativen in der CDU/CSU mit den moderaten Rechten, deren
       selbsternannte Vor- und Kanalarbeiter in den rechten Zeitschriften werken
       und wirken.
       
       Im Gegensatz zur eher rechtspopulistisch orientierten Zeitung Junge
       Freiheit, die in „Klima-Hysterie“ und „Mythos Klimakatastrophe“ einen
       Vorwand sehen, „um die Folgen der Migrationspolitik zu verschleiern“,
       kostümieren sich die drei rechten Zeitschriften seriös und vermeiden offen
       rassistische Begriffe und Argumente weitgehend. Dies auch aus dem
       durchsichtigen Grund, im medialen Betrieb satisfaktionsfähig zu bleiben wie
       Götz Kubitschek in seiner Zeitschrift Sezession und die Autoren in den
       [3][Büchern seines Verlags „Antaios“].
       
       3 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
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