# taz.de -- Untergang der „Cap Arcona“: Tod auf der Ostsee
       
       > Vor 75 Jahren versenkte die britische Luftwaffe die „Cap Arcona“ in der
       > Lübecker Bucht. Unter Deck waren Tausende Gefangene aus
       > Konzentrationslagern.
       
 (IMG) Bild: Blumen im Meer: Überlebende der Cap Arcona bei einer Gedenkfahrt an die Untergangsstelle 2015.
       
       Hamburg taz | Sam Pivnik hört einen Knall und spürt, wie der Boden unter
       seinen Füßen bebt. Er fällt hin. Auf allen Vieren kniend merkt er, wie das
       ganze Schiff zittert. Eine Fensterscheibe zerspringt und Glasscherben
       fliegen über ihn. Sein Herz klopft bis zum Hals. Das Schiff scheint zu
       hüpfen. Er versteht nicht, was geschieht.
       
       Gemeinsam mit etwa 4.600 anderen Gefangenen ist Pivnik auf dem
       Passagierschiff „Cap Arcona“ unter Deck eingepfercht. Viele von ihnen sind
       so abgemagert, dass ihre Körper an Skelette erinnern. An Bord gibt es kaum
       Proviant. Trinkwasser und Toiletten fehlen.
       
       Wieder kracht es. Holzsplitter fliegen durch die Luft. Schreie hallen durch
       Gänge und Treppenhäuser. Panik braust durch das Schiff. Dicker, schwarzer
       Rauch und Hitze kriechen durch die Räume, in die Augen und Nasen der
       Gefangenen. Langsam begreift Sam Pivnik: Die „Cap Arcona“ wird angegriffen.
       Pivnik sieht, wie sich eine Luke öffnet. Ein Stück grauer Himmel erscheint.
       Er weiß: Sein Leben hängt davon ab, ob er die Luke zum Deck erreichen kann.
       
       Vor 75 Jahren, am 3. Mai 1945, lassen britische Jagdflugzeuge Bomben auf
       die „Cap Arcona“ fallen. Das Schiff liegt manövrierunfähig in der Ostsee,
       wenige Kilometer entfernt von Neustadt in Holstein. Insgesamt drei
       Gefängnisschiffe ankern in der Lübecker Bucht. In der Nähe der Cap Arcona
       schwimmt das Frachtschiff „Thielbek“, der Dampfer „Athen“ liegt im
       Neustädter Hafen. Auf den Schiffen hat die SS zwischen 7.000 und 8.000
       Gefangene aus verschiedenen Konzentrationslagern zusammengetrieben.
       
       Es ist ein Donnerstagnachmittag, als die Flieger der Royal Air Force
       angreifen. Tausende Gefangene auf der „Cap Arcon“a und der „Thielbek“
       verbrennen oder ertrinken. Nur etwa 450 von ihnen [1][können sich retten].
       Der Untergang der „Cap Arcona“ ist eine der verlustreichsten
       Schiffskatastrophen der Geschichte. Fünf Tage später wird die deutsche
       Wehrmacht bedingungslos kapitulieren.
       
       ## Königin des Südatlantiks
       
       1927 hatte die „Cap Arcona“ die Hamburger Werft Blohm & Voss verlassen.
       Benannt wurde das Schiff nach dem Kap Arkona im Norden der Ostseeinsel
       Rügen, wo sich steile Kreidefelsen aus dem Wasser strecken. Regelmäßig fuhr
       der Luxusdampfer diejenigen, die es sich leisten konnten, von Hamburg nach
       Südamerika. Das Schiff legte die Strecke zwischen Hamburg und dem
       argentinischen Buenos Aires in nur 15 Tagen zurück. Deutsche Zeitungen
       nannten die „Cap Arcona“ die „Königin des Südatlantiks“ und eines der
       [2][schönsten Schiffe ihrer Zeit].
       
       Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs fuhr die „Cap Arcona“ zum letzten
       Mal von Südamerika nach Hamburg. Danach wurde sie von der Kriegsmarine in
       der Ostsee eingesetzt – erst als Wohnschiff, später, um Geflüchtete von
       Ostpreußen nach Westen zu bringen. Die einstige „Königin des Südatlantiks“
       bleibt fünf Jahre lang in der Ostsee. Sie hat den Ruf, ein „glückhaftes
       Schiff“ zu sein. Denn sie bleibt von feindlichen Angriffen verschont.
       
       Im Frühjahr 1945 rücken die Briten auf Hamburg vor. Hastig räumen die Nazis
       das KZ Neuengamme. Der Hamburger Gauleiter Karl Kaufmann ist der mächtigste
       NSDAP-Funktionär in der Stadt. Er entscheidet, die „Cap Arcona“ zu einem
       schwimmenden Konzentrationslager zu machen. Er zieht einen Großteil der
       Besatzung ab und lässt mehrere Tausend Rettungswesten an Land bringen. Das
       Schiff soll [3][„ausbruchsicher“] werden.
       
       ## Schwimmende Bombe
       
       Was danach folgte, ist umstritten. Einige Historiker*innen gehen von diesem
       Szenario aus: Die SS und die Kriegsmarine [4][manipulieren die
       wasserdichten Stahlwände und die Feuerlöscher]. Ihr Plan: Wenn sich Feinde
       nähern, soll das Schiff versenkt werden – samt menschlicher Fracht. Die
       leeren Tanks füllen sie mit Gas und brennbarem Material. Die Nazis
       bereiteten eine [5][schwimmende Bombe] vor. Diese Position vertritt zum
       Beispiel Wilhelm Lange, der Staatsarchivar in Neustadt. Die
       Historiker*innen der KZ-Gedenkstätte Neuengamme interpretieren die
       Geschehnisse vorsichtiger. Sie [6][schreiben]: „Einen ausdrücklichen Plan,
       die KZ-Häftlinge durch Versenken der Schiffe zu ermorden, scheint es nicht
       gegeben zu haben.“ Die „Cap Arcona“ habe einfach als Ersatzlager gedient.
       
       Fest steht: SS-Chef Heinrich Himmler ordnet im April 1945 an, dass kein*e
       Gefangene*r lebend in die Hände der Alliierten fallen soll.
       
       Die SS verlädt die Gefangenen aus Neuengamme in Züge oder treibt sie zu Fuß
       nach Lübeck. Dort werden sie vom [7][Vorwerker Industriehafen] auf die „Cap
       Arcona“ gefahren. Auch Gefangene aus den Konzentrationslagern Stutthof und
       Auschwitz werden auf den Dampfer gebracht. Die SS treibt sie auf
       Todesmärschen aus den Lagern durch Europa.
       
       Die Besatzung der „Cap Arcona“ wehrt sich dagegen, so viele Gefangene
       aufzunehmen. An Bord gibt es weder genug Wasser [8][noch ausreichend
       Proviant]. Eine Woche lang gelingt es, die Unterbringung von Gefangenen
       hinauszuzögern. Dann erscheint ein SS-Kommando an Bord und [9][droht,
       Kapitän Heinrich Bertram zu erschießen], wenn er sich weiterhin weigere,
       Gefangene aufzunehmen. Bertram lässt die SS gewähren. Innerhalb weniger
       Tage füllt sich das Schiff mit Tausenden [10][geschundener, kranker und
       hungriger Menschen].
       
       Sam Pivnik ist unter den Letzten, die auf die „Cap Arcona“ gezwungen
       werden. Er kommt aus dem KZ Fürstengrube, einem größeren Außenlager des KZ
       Auschwitz. Die SS hatte ihn und andere nach Magdeburg getrieben, von dort
       die Elbe runtergeschifft und nach Neustadt gebracht. In Neustadt steigt
       Pivnik mit anderen Gefangenen in ein Fischerboot, das ihn zur „Cap Arcona“
       fährt.
       
       Die einstige „Königin des Südatlantiks“ sieht mitgenommenm aus, Rostnasen
       ziehen sich über den Rumpf.Über eine wackelige Strickleiter klettern Pivnik
       und die anderen in den Bauch der „Cap Arcona“. Er stolpert in einen dunklen
       Raum hinein. Dort drängen sich Körper eng aneinander.
       
       ## Deutscher Überfall am 13. Geburtstag
       
       Als Pivnik das Schiff betritt, ist er 18 Jahre alt. An seinem 13.
       Geburtstag hatten die Deutschen Polen überfallen, Pivnik und seine Familie
       lebten in der kleinen Stadt Będzin in der Nähe von Katowice. 1943 wurden
       sie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die SS ermordete seine
       Eltern und Geschwister.
       
       Einige Tage nach Pivniks Ankunft auf der „Cap Arcona“, am 2. Mai 1945,
       marschieren britische Truppen in Lübeck ein. Das Internationale Rote Kreuz
       informiert die Briten über die Schiffe mit Gefangenen in der Lübecker
       Bucht. Doch die Information erreicht die Piloten der Royal Air Force nicht.
       Sie glauben, auf den Schiffen befänden sich SS-Leute und Soldaten, die sich
       über die Ostsee absetzen wollen. Historiker*innen gehen davon aus, dass es
       auch das Kalkül der Deutschen war: Die Alliierten sollten die schwimmenden
       Konzentrationslager für Truppentransporte halten.
       
       ## Mit letzter Kraft
       
       Als am 3. Mai 1945, kurz nach 15 Uhr, der Angriff beginnt, schlagen 64
       Bomben auf der „Cap Arcona“ ein. Schnell brennt sie vom Bug bis zum Heck.
       Mit letzter Kraft versucht Sam Pivnik, die Luke zu erreichen, durch die er
       den grauen Himmel sehen kann. Seine Hände krallen sich in die Luft.
       Vergeblich. Dann spürt Pivnik, wie ein Freund aus dem KZ Fürstengrube ihn
       auf die Schultern hebt.
       
       Pivnik greift nach dem kalten Metall und schiebt sich aus der Luke auf das
       Deck. Unter ihm zittert das Schiff. Über ihm kreisen Jagdbomber. Als Pivnik
       seine Hand in die Luke streckt, um seinen Freund hochzuziehen, reagiert
       dieser nicht.
       
       Pivnik ist kein guter Schwimmer. Doch er weiß, dass er vom Schiff runter
       muss, um zu überleben. Er hält die Luft an und springt. Das Wasser der
       Ostsee ist kalt, die Temperatur liegt bei etwa [11][7 Grad Celsius]. Pivnik
       paddelt auf eine schwimmende Planke zu und hält sich daran fest.
       
       Die Hitze der brennenden „Cap Arcona“ spürt Pivnik auch im Wasser noch.
       Nach einer Weile drehen die britischen Flieger ab. Die „Cap Arcona“
       explodiert mit einem lauten Knall und legt sich auf die Seite. Wer noch im
       Rumpf des Schiffes war, ist spätestens jetzt tot.
       
       Der Wind und die Strömung treiben Pivniks Holzplanke Richtung Küste. Am
       Ufer sieht er, wie zwei Polizisten auf die Brandung schießen – vermutlich
       auf Gefangene wie ihn. Pivnik will warten, bis es dunkel wird. Doch er
       kommt nicht gegen die Strömung an. In der Dämmerung kriecht er erschöpft an
       einen Strand bei Neustadt. Um ihn herum rollen die Wellen Leichen vor und
       zurück.
       
       Pivnik verbringt die Nacht am Strand. Am nächsten Tag hält ein Lieferwagen
       an. Er klettert drauf. Ein Fahrer mit norddeutschem Akzent bringt ihn nach
       Neustadt in Holstein. „Da gibt es was zu essen“, sagt er.
       
       ## Tausende Leichen
       
       Während des Sommers 1945 spült die Ostsee Tausende Leichen an die Strände.
       Aus Angst vor Seuchen werden Massengräber ausgehoben. Etwa 3.000 Tote
       liegen noch heute auf dem Grund der Ostsee. Inzwischen erinnern
       [12][Gedenkstätten und Museen] an die Katastrophe vor 75 Jahren. Dieses
       Jahr wird das Gedenken wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant
       stattfinden können. Veranstaltungen werden nur im kleinen Kreis abgehalten
       oder abgesagt.
       
       Sam Pivnik schrieb ein [13][Buch] über seine Erlebnisse: „ Survivor:
       Auschwitz, The Death March and My Fight for Freedom“. Er lebte zuletzt in
       London. Dort starb er 2017 mit 90 Jahren in einem jüdischen Seniorenheim.
       
       Sam Pivnik: „Der letzte Überlebende. Wie ich dem Holocaust entkam“,
       Übersetzung: Ulrike Strerath-Bolz, Verlag WBG Theiss, 2017, 280 S.
       
       11 May 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/das-ende
 (DIR) [2] http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha10_1_thm_2478.pdf
 (DIR) [3] https://www.stadt-neustadt.de/museum_cap_arcona
 (DIR) [4] https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article140343030/Die-Cap-Arcona-eine-teuflische-Falle-der-SS.html%20%09und%20https://www.stadt-neustadt.de/museum_cap_arcona
 (DIR) [5] https://www.stadt-neustadt.de/museum_cap_arcona/,%20dagegen%20spricht:%20%09http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha7_4_6_5_thm_2461.pdf
 (DIR) [6] http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha7_4_6_5_thm_2461.pdf
 (DIR) [7] http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha7_4_6_5_thm_2462.pdf
 (DIR) [8] https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/52557/ssoar-dsa-1999-hynitzsch-Die_letzten_Tage_der_Cap.pdf?sequence=1
 (DIR) [9] http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha7_4_6_3_thm_2460.pdf
 (DIR) [10] https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/geschichte/konzentrationslager/das-ende/
 (DIR) [11] http://neuengamme-ausstellungen.info/content/documents/thm/ha7_4_6_5_thm_2459.pdf
 (DIR) [12] https://www.stadt-neustadt.de/museum_cap_arcona/
 (DIR) [13] https://us.macmillan.com/books/9781250029539
       
       ## AUTOREN
       
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