# taz.de -- Historiker über NS-Todesmärsche: „Eins der größten Verbrechen der NS-Endphase“
       
       > Anfang 1945 wurden KZ-Häftlinge auf „Todesmärsche“ gezwungen. In
       > Schleswig-Holstein führten sie zur „Cap Arcona“, die durch britische
       > Bomber sank.
       
 (IMG) Bild: Einstiges Flaggschiff, dem Untergang geweiht: die Cap Arcona
       
       taz: Herr Möller, welches war das größte Verbrechen in der Endphase des
       NS-Regimes in Schleswig-Holstein? 
       
       Reimer Möller: Die Erschießung von 200 KZ-Häftlingen am 3.5.1945 am Strand
       von Pelzerhaken in der Lübecker Bucht durch SS und andere bewaffnete
       Gruppen. Aus dem [1][KZ Stutthof] kommend, waren sie nach einem
       „Todesmarsch“ bei Neustadt gestrandet. Sie hatten auf die [2][Cap Arcona]
       umsteigen sollen – ein Ziel etlicher Häftlings-Todesmärsche durch
       Schleswig-Holstein. Aber dazu kam es nicht.
       
       taz: Warum hat das NS-Regime die KZ in der Endphase des Zweiten Weltkriegs
       überhaupt geräumt? 
       
       Möller: Weil die Alliierten vorrückten und die NS-Ideologie besagte, dass
       die sämtlich „schwerstkriminellen“ Häftlinge im Fall der Befreiung zur
       Gefahr für die Bevölkerung würden. Schon 1942, intensiver ab 1944 wurden
       für die Bevölkerung und die KZ Evakuierungspläne für eventuelle
       Kampfgebiete erstellt.
       
       taz: Aber in den KZ wurden auch Verbrechensspuren beseitigt. Und die
       Häftlinge sollten als Zeugen nicht den Alliierten in die Hände fallen. 
       
       Möller: Ja, die „Inspektion der Konzentrationslager“ in Oranienburg, die
       den KZ-Kommandanten die Vernichtung der Lagerregistratur und der Karteien
       befahl, hegte durchaus Vertuschungsabsichten.
       
       taz: Und wer hat die „Todesmärsche“ zur Cap Arcona geplant? 
       
       Möller: Verantwortlich waren die Gauleiter. Für Hamburg war das [3][Karl
       Kaufmann,] zugleich Reichsverteidigungskommissar. Er hatte viel Macht, weil
       ihm – als die Alliierten vorrückten – die höheren SS- und Polizeiführer
       unterstellt wurden, um die Evakuierung der KZ einzuleiten und den
       KZ-Kommandanten entsprechende Befehle zu geben.
       
       taz: Wie lief das konkret ab? 
       
       Möller: Von Stutthof bei Danzig fuhren die KZ-Häftlinge zum Beispiel per
       Schmalspurbahn zu einem Dorf an der Weichselmündung, von da mit
       Marine-Landungsbooten auf die Halbinsel Hela, dann auf Binnenschiffen gen
       Schleswig-Holstein. Zwei dieser Gruppen strandeten bei Neustadt und wurden,
       wie erwähnt, bei Pelzerhaken großteils ermordet. Weitere
       Wanderungsbewegungen gab es in der Kieler Förde und bei Eckernförde. Eine
       weitere Gruppe Richtung Cap Arcona kam aus dem KZ Fürstengrube bei
       Auschwitz, andere aus Wilhelmshaven. Dazu ein Zug mit 100 Güterwagen aus
       [4][Neuengamme.]
       
       taz: Wie wurden die Häftlinge unterwegs versorgt? 
       
       Möller: Bekleidung und Verpflegung der ohnehin geschwächten Menschen waren
       katastrophal, die Sterberate sehr hoch. Aber das interessierte nicht.
       Gauleiter Kaufmann etwa hatte nur ein Ziel: Die Neuengamme-Häftlinge
       sollten raus aus Hamburg.
       
       taz: Wurden die Täter dieser Endphase nach 1945 belangt? 
       
       Möller: Nein. Zu den Morden von Pelzerhaken zum Beispiel gab es keinen
       Prozess. Was passiert ist und welche Tätergruppen infrage kommen, weiß man
       genau. Aber die sehr gründlichen Ermittlerteams der britischen Armee haben
       es nicht geschafft, einzelnen Leuten ihre Taten zuzuordnen.
       
       taz: Aber es gab doch überlebende Zeugen. 
       
       Möller: Ja, aber es waren etliche Gruppen beteiligt – Polizei, SS,
       Marineangehörige. Um Individuen zu identifizieren, hätten die Zeugen
       Uniformen, Abzeichen, Gewehrtypen genau beschreiben müssen. Das konnten sie
       begreiflicherweise nicht.
       
       taz: Am 3.5.1945 versenkten britische Bomber die Cap Arcona und den
       Frachter Thielbek mit 7.000 Menschen. Dabei sollen die Häftlinge in ihrer
       auffälligen Kleidung um Hilfe gewinkt haben. Ist das in Großbritannien
       aufgearbeitet? 
       
       Möller: Soweit ich weiß, gilt das als Kollateralschaden. Man bekämpfte eben
       den Feind.
       
       13 Apr 2026
       
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