# taz.de -- Wahl in Israel: Viele Parteien, wenig Konsens
       
       > Wieder wählt Israel. Wer hat Chancen auf den Einzug ins Parlament. Kommt
       > das Ende Netanjahus? Und was hat Corona damit zu tun?
       
 (IMG) Bild: Menschen, die unter Quarantäne stehen, wählen in Tel Aviv in einem extra Zelt
       
       Tel Aviv/Berlin taz | Es sind äußerst ungewöhnliche Worte für einen
       Staatschef: „Dies ist normalerweise ein feierlicher Tag“, sagte Israels
       Präsident Reuven Rivlin am Montag, kurz nachdem die Wahllokale eröffnet
       hatten. „Aber ehrlich gesagt empfinde ich heute keinerlei Feierlichkeit.
       Nur ein Gefühl der tiefen Scham euch gegenüber, den Bürgern des Staates
       Israel.“
       
       Von einem „schrecklichen und [1][schmutzigen Wahlkampf]“ sprach Rivlin und
       von einer „endlosen Phase der Instabilität“. Denn die [2][Israelis sind
       bereits zum dritten Mal] innerhalb nur eines Jahres an die Wahlurnen
       gerufen. Zweimal hintereinander war nach den Wahlen im vergangenen April
       und im September eine Regierungsbildung gescheitert.
       
       Doch auch dieses Mal droht wieder eine Pattsituation zwischen dem
       Mitte-links-Lager unter [3][Benny Gantz] und dem rechts-religiösen Lager
       des [4][derzeitigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu], der sich
       weiterhin an die Macht klammert. Netanjahu steht wegen einer
       Korruptionsanklage unter hohem Druck. Noch in diesem Monat soll der Prozess
       gegen ihn beginnen.
       
       Sowohl Netanjahu als auch sein Herausforderer Gantz riefen die Bevölkerung
       am Montag zur Wahl auf. Wegen des Coronavirus wurden in einigen Städten
       spezielle Wahlzelte für Wählerinnen und Wähler aufgestellt, die sich in
       häuslicher Quarantäne befinden. Insgesamt sind mehr als 5.000 Menschen in
       Israel in Isolation. Am Sonntag waren drei weitere Infizierte
       bekanntgegeben worden. Damit liegt die Zahl der nachweislich mit dem Virus
       Infizierten in Israel nun bei zehn.
       
       ## Hier die Parteien im Überblick:
       
       Der Likud führt unter Benjamin Netanjahu seit April 2019 eine
       Übergangsregierung an. Die Partei setzt sich für eine kompromisslose
       Sicherheitspolitik ein. Netanjahu kündigte im Falle eines Wahlsiegs die
       [5][Annexion der israelischen Siedlungen im besetzten Westjordanland und
       des Jordantals] an. Nach einer Vorwahl im Dezember 2019 scharte sich der
       Likud um seinen Anführer, der in [6][drei Korruptionsfällen angeklagt] ist.
       Netanjahu hat seit der Pattsituation im April 2019 einen Block mit den
       rechten und orthodoxen Parteien gebildet. Umfragen zufolge könnte der Likud
       34 Mandate in der 120 Sitze umfassenden Knesset erreichen.
       
       Das Parteienbündnis Blau-Weiß, angeführt vom ehemaligen Generalstabschef
       Benny Gantz, tritt mit dem erklärten Ziel an, Netanjahu als
       Ministerpräsident abzulösen. In Sicherheitsfragen und der Außenpolitik gibt
       es starke Übereinstimmungen mit dem Likud, jedoch gilt das Bündnis als
       liberal und bietet eine Mitte-links-Regierung als Alternative zu Netanjahus
       rechtsreligiösem Block an. Auch Blau-Weiß könnte 34 Sitze erobern.
       
       Die Vereinigte Liste, angeführt von Ayman Odeh, ist ein Parteienbündnis,
       das mehrheitlich aus palästinensischen Israelis besteht. Inhaltlich
       divergieren die Parteien von kommunistisch bis religiös. Es ist davon
       auszugehen, dass das Parteienbündnis wie auch nach der letzten Wahl die
       drittgrößte Fraktion in der Knesset darstellen wird – für die arabischen
       Parteien ein enormer Zugewinn an Einfluss. Im Wunsch, Netanjahu abzulösen,
       haben drei der vier Parteien nach den Wahlen im September empfohlen, dass
       Benny Gantz Ministerpräsident wird. Ob sie diese Empfehlung wieder
       aussprechen werden, ist angesichts von Gantz’ Unterstützung von Trumps
       Friedensplan unklar. Die Vereinigte Liste könnte Umfragen zufolge 14
       Mandate erringen.
       
       Meretz-Arbeiterpartei-Gesher repräsentiert unter Amir Peretz die
       zionistische Linke. Das Bündnis tritt für soziale Gleichheit und eine
       Zweistaatenlösung ein. Um ein Scheitern an der 3,25-Prozent-Hürde
       auszuschließen, ist die Partei Meretz auf einem gemeinsamen Ticket mit
       Arbeiterpartei und Gesher unterwegs. Das Bündnis könnte neun Sitze
       bekommen.
       
       Die Partei Shas repräsentiert die ursprünglich aus arabischen Ländern
       stammenden religiös-orthodoxen Juden. Ihr Vorsitzender Arie Dery hat eine
       zweijährige Gefängnisstrafe abgesessen. Ihm droht eine erneute Anklage
       wegen Betrugs. Hauptinteresse der Partei ist die Aufrechterhaltung der
       staatlichen Unterstützung ihres Erziehungssystems. Sie ist Teil von
       Netanjahus rechtsreligiösem Block und kommt in Umfragen auf acht Mandate.
       
       United Torah Judaism ist die Partei der aschkenasischen, also aus Europa
       stammenden orthodoxen Juden. Ihrem Vorsitzenden Yaakov Litzman droht eine
       Anklage wegen Betrug und Vertrauensbruch. Die Partei kümmert sich in erster
       Linie um die Sicherung staatlicher Leistungen für Männer, die sich dem
       religiösen Studium widmen, keinen Wehrdienst leisten und keiner normalen
       Arbeit nachgehen. Umfragen geben der Partei sieben bis acht Sitze.
       
       Yamina, ein religiöses Bündnis aus verschiedenen rechten Parteien, wurde im
       September 2019 gegründet und nach den Wahlen aufgelöst. Zu der anstehenden
       Parlamentswahl wurde es auf Drängen von Netanjahu wiederbelebt. Anführer
       ist Verteidigungsminister Naftali Bennett. Yamina könnte sieben bis acht
       Sitze erhalten.
       
       Vorsitzender der Partei Israel Unser Haus ist Avigdor Lieberman, der bis
       November 2018 Verteidigungsminister unter Netanjahu war. Unter der Flagge
       des Säkularismus weigert sich der rechte Hardliner seit den Wahlen im April
       2019, eine Koalition mit den orthodoxen Parteien einzugehen, und verhindert
       so eine Mehrheit für Netanjahus rechtsreligiösen Block. Dass er dieses Mal
       eine Regierung Netanjahu mit den orthodoxen Parteien unterstützt, gilt als
       unwahrscheinlich. Unklar ist auch, ob er einer Minderheitsregierung unter
       Gantz beitreten würde. Laut Umfragen erhält die Partei etwa sieben Sitze.
       
       2 Mar 2020
       
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