# taz.de -- NS-Anhänger als Namensgeber: Was tun mit Sauerbruch und Ford?
       
       > Über Namensgeber von Straßen und Gebäuden wird heute kritischer geurteilt
       > als früher. Das zeigen Debatten an der Charité und der Freien
       > Universität.
       
 (IMG) Bild: Der Chirurg Sauerbruch vor der Entnazifizierungskommission für Ärzte 1949
       
       Berlin taz | Nach dem Beschluss zur [1][Umbenennung der Beuth Hochschule]
       steigt der Druck auf andere Einrichtungen, sich von problematischen Namen
       zu trennen. So erneuerte der AStA der Freien Universität jetzt seine alte
       Forderung nach Umbenennung des Henry-Ford-Baus.
       
       „Dass Ford ein Antisemit war und sein Vermögen, welches den Henry-Ford-Bau
       finanziert hat, auch auf der Ausbeutung von Opfern des Nationalsozialismus
       beruht, steht außer Frage“, sagt Fabian Bennewitz, AStA-Referent für
       Hochschulpolitik. Die Ende Januar beschlossene Umbenennung der Beuth
       Hochschule zeige, dass eine Distanzierung von AntisemitInnen „nötig und
       möglich“ ist. Die Studierenden fordern den Akademischen Senat und das
       Präsidium der FU daher auf, ein „transparentes Verfahren zur Umbenennung
       einzuleiten“.
       
       Auch an der Charité wird man ungeduldig: Schon im Sommer 2018 hatten die AG
       Kritische Mediziner*innen und andere Hochschulgruppen den Vorstand in einem
       offenen Brief um Stellungnahme geben, wie man dazu stehe, dass Ferdinand
       Sauerbruch und Karl Bonhoeffer weiterhin Namensgeber für Wege auf dem
       Gelände von Deutschlands größter Klinik sind. Beide Ärzte waren eng in den
       Nationalsozialismus verstrickt. Bis heute habe man auf den Brief keine
       Antwort bekommen, so einer der Kritischen Mediziner*innen, Marinus Fislage,
       zur taz.
       
       Karl Bonhoeffer, heute vor allem bekannt wegen seines Sohnes Dietrich, der
       als Widerstandskämpfer noch kurz vor Kriegsende im April 1945 hingerichtet
       wurde, war als Direktor der Psychiatrischen Klinik der Charité sowie nach
       seiner Emeritierung 1936 an zahlreichen Gutachten zur Zwangssterilisation
       von „erbkranken“ PatientInnen beteiligt.
       
       ## Bekenntnis zum „Führer“
       
       Weit prominenter ist der Fall Ferdinand Sauerbruch, seit der Weimarer Zeit
       Deutschlands bekanntester Chirurg und allseits verehrter „Halbgott in
       Weiß“. Ein Mythos, der bis heute durch Arztfilme und Serien (zuletzt:
       [2][„Charité“ in der ARD]) gepflegt wird und eine andere Seite Sauerbruchs
       ziemlich vernachlässigt: seine zutiefst deutschnationale Überzeugung, die
       ihn ab 1933 mehrfach zu öffentlichen Bekenntnissen für den
       Nationalsozialismus und seinen „Führer“ getrieben hat.
       
       Und Sauerbruch habe sich nicht nur für die NS-Propaganda einspannen lassen,
       schreibt der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart in einem Aufsatz über den
       Arzt und die Charité 1933 bis 1945. Als medizinischer Gutachter des
       Reichsforschungsrats habe er zudem Forschungsprojekte in
       Konzentrationslagern befürwortet, unter anderem jene von Josef Mengele in
       Auschwitz. Dass der Chirurg die Anträge nur unterschrieben, aber nicht
       gelesen, von Menschenversuchen daher nichts gewusst habe, wie manche
       meinen, hält Eckart für ausgeschlossen. „Wer die Quellen studiert hat, kann
       ihn nicht rehabilitieren“, so der Experte, der mehrere Bücher zum Thema
       publiziert hat, zur taz.
       
       Zwar sei es auch wahr, dass Sauerbruch einem jüdischen Assistenzarzt zur
       Flucht verholfen habe und nie Parteimitglied gewesen sei. Insgesamt ist für
       Eckart jedoch klar: „Auch wenn Sauerbruch gerade für die Charité ein
       Volksheld ist: Was er zwischen 1933 und 1945 gemacht hat, hat nichts mehr
       mit Vorbildfunktion zu tun. Man sollte keine Straßen mehr nach solchen
       Menschen benennen. Die Charité sollte sich von Sauerbruch trennen.“ Besser
       wäre es, findet Eckart, wenn die Klinik mit den Straßen auf ihrem Gelände
       MitarbeiterInnen ehrt, die Opfer des NS wurden und/oder im Widerstand
       waren.
       
       In diese Richtung denken auch Charité-Student*innen: Seit Juli 2018 wurden
       die umstrittenen Wege drei Mal symbolisch umbenannt, zuletzt im November in
       Käthe-Frankenthal-Weg und Emma-Haase-Weg – nach einer jüdischen Ärztin und
       einer kommunistischen Krankenpflegerin, die ab 1933 verfolgt wurden.
       
       ## Debatte an der Charité
       
       Bislang hat die Charité-Leitung das Anliegen weitgehend ignoriert. Nun aber
       will sich der neue Vorstandsvorsitzende Heyo Kroemer, offenbar
       aufgeschreckt durch die Nachfrage der taz, mit der AG Kritische
       Mediziner*innen treffen, wie Charité-Sprecherin Manuela Zingl erklärte.
       
       Auch bei der FU scheint Bewegung in die Sache zu kommen. „Die
       Universitätsleitung steht einem Gedankenaustausch offen gegenüber“, so der
       Sprecher von Uni-Präsident Günter Ziegler auf taz-Anfrage. Gleichzeitig
       hält er an der Erklärung fest, mit der die Unileitung schon 2007 die
       Diskussion abwürgte: Namensgeber des Gebäudes sei gar nicht der berühmte
       Fließbanderfinder, Antisemit und Kriegsgewinnler, sondern sein Enkel Henry
       Ford II.
       
       Belege dafür habe man allerdings nie präsentiert, sagt AStA-Referent
       Bennewitz. Doch plötzlich habe Ziegler vorige Woche im Akademischen Senat
       erklärt, inzwischen gebe es, anders als 2007, solche Dokumente. Das ganze
       Thema werde nun bei der nächsten Senatssitzung im April diskutiert. „Aber
       selbst wenn der Enkel wirklich der Namensgeber ist, wäre das Thema für uns
       nicht erledigt“, so Bennewitz.
       
       Zum einen komme das Geld der von Henry Ford II. gegründeten Stiftung ja aus
       dem Unternehmen und seinen teils verbrecherischen Geschäften mit
       Nazi-Deutschland. Zum anderen ist laut Bennewitz der genaue Namensgeber am
       Gebäude nicht zu erkennen. „Und die Gefahr der Verwechslung mit dem viel
       bekannteren antisemitischen Großvater bleibt bestehen.“
       
       18 Feb 2020
       
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