# taz.de -- Katja Kipping zu Besuch in der taz-WG: „Ich klebe nicht an der ersten Reihe“
       
       > Die Linken-Chefin kocht für die taz-WG in Dresden. Sie verrät ihre
       > Lieblingsorte in Sachsen, welche Musik sie wann hört und woher die Wut
       > vieler Sachsen kommt.
       
 (IMG) Bild: Eierkuchen wie bei Großmuttern: Katja Kipping hielt sich in der taz-WG an das Rezept ihrer Oma
       
       Dresden ist die letzte Station unserer Reise. Wir treffen uns in der taz-WG
       im Stadtteil Plauen. Pünktlich um 17 Uhr kommt Katja Kipping an. Wir haben
       sie zum Sachsen-Dinner in ihrer Heimatstadt eingeladen. Das Menü hat sie
       selbst vorgeschlagen: Griechischer Salat, Mohn-Zitronen-Pasta mit viel
       Parmesan, sächsische Eierkuchen nach dem Rezept ihrer Großmutter. Kipping
       hat uns eine Einkaufsliste geschickt. Nach einem kurzen Hallo legt sie
       gleich mit los. Sucht Brettchen und Messer in der ihr fremden Küche
       zusammen. „Wer will Zwiebeln schneiden?“ Ihr Pressesprecher opfert sich.
       Weitere Aufgaben werden verteilt. Direkt Weißweinschorle? „Erst mal Wasser
       bitte. Ich muss noch in den Flow kommen beim Kochen.“ 
       
       taz am wochenende: Frau Kipping, warum haben Sie dieses Rezept ausgewählt? 
       
       Katja Kipping: Ich wollte etwas kochen, das ich gut kann. Die
       Zitronen-Mohn-Pasta kommt aus meinem Dresdner Freundeskreis. Mittlerweile
       hat es zwar alle irgendwie nach Berlin verschlagen, wir treffen uns aber
       regelmäßig zum Mädelsabend. Dass der Salat rot-rot-grün ist, ist eher
       Zufall. Mir schmeckt er, und er hat etwas heimeliges. Als ich klein war,
       gab es oft Tomate mit Ziegenkäse.
       
       Und die Eierkuchen kommen von der Großmutter. 
       
       Ja, die war sehr sparsam, hat gegorene Milch statt Buttermilch verwendet.
       Ich nehme Buttermilch oder Kefir. Nach dem Abi war ich im
       Freiwilligendienst in Gatschina bei Sankt Petersburg. Dort gab es oft
       Bliny, die russische Variante. Auch sehr lecker.
       
       Wie oft kommen Sie dazu, zu kochen? 
       
       Wenn es gut läuft, habe ich jedes zweite Wochenende frei. Dann kochen wir.
       Und wenn ich schreibe, ein Buch oder eine Flugschrift, dann mache ich
       Homeoffice und koche in der Mittagspause für mich, während nebenbei Serien
       laufen: „Haus des Geldes“, „Good Girls“, „Big Bang Theory“…
       
       Das Essen wirkt auf uns gerade nicht besonders sächsisch. Sie sind
       Vegetarierin, was isst man da in Sachsen? 
       
       Kartoffeln mit Kräuterquark und Leinöl? Ich esse ja Fisch, das ist
       eigentlich Tierrassismus. Als wir als Jugendliche beim Wahlkampf übers Land
       gefahren sind, haben die Genossen in den Kleinstädten uns gerne mit
       Bratwurst empfangen, aber viele von uns waren Vegetarier.
       
       Kipping hat auch beim Kochen kein Problem damit, Anweisungen zu geben.
       Manchmal klingt sie wie eine Fernsehköchin: „Bitte in sehr kleine Würfel,
       dann entfaltet sich das Aroma besser.“ Nach 30 Minuten zieht sie ihr
       langärmliges Shirt aus, wirft es aufs Sofa und widmet sich den Zitronen,
       die sie mit einem kleinen Löffel auspresst. Schnell bindet sie sich ein
       Küchenhandtuch vor die Hose. 
       
       Jetzt muss ich auch mal was fragen: Was haben Sie denn so erlebt auf Ihrer
       Tour durch Sachsen?
       
       Wir waren beeindruckt von den jungen Aktiven und den alten Bürgerrechtlern,
       die in [1][Plauen] zusammen an einem Tisch sitzen. 
       
       Wenn du gegen Nazis bist in Plauen, das ist echt kein einfaches Leben. Ich
       war letztens zu Besuch dort, da kam ein Bürgerrechtler auf mich zu. Der
       wusste schon, was ihn in der Vergangenheit von uns getrennt hat – aber
       auch, warum er jetzt mit der Linken zusammenarbeitet.
       
       Was uns auch aufgefallen ist: Wir waren sehr beeindruckt, wie schön saniert
       die Städte waren … 
       
       … die Marktplätze, klar, da hat sich viel getan.
       
       Aber nur weil die Straßen schön sind, gibt es nicht unbedingt einen Bus,
       der darauf fährt. 
       
       Je idyllischer die Landschaft, umso schlechter die Stimmung, hat eine
       Genossin vor Kurzem gesagt. Man kann mit dem Abgehängtsein unterschiedlich
       umgehen. Ich war letztens in einem Dorf in Brandenburg, da wohnen keine 100
       Einwohner. Einer hat da gerade in einer Trafostation die kleinste Galerie
       der Welt gebaut und lädt zu Vernissagen ein … Will mal jemand den Salat
       verkosten, die wirklich wichtigen Dinge hier!
       
       Schmeckt sehr gut. 
       
       Und jetzt: Food-Fotografie. Kipping posiert mit dem fertigen Salat. „Machen
       wir mal Pause für Instagram und Twitter, räumen den Tisch ab und trinken
       Alkohol, oder?“, sagt sie und lässt sich dann die erste Weißweinschorle
       einschenken. 
       
       Wir haben für das Essen 15 Euro pro Person ausgegeben, inklusive Weißwein.
       Ist das viel? 
       
       Klar, für jemanden, der auf Hartz IV angewiesen ist, ist das knapp. Paprika
       ist teuer, Parmesan auch, der Mohn geht. Gut, ihr habt euch für Wein
       entschieden, der teuer ist. Ich habe mit Leuten zusammengewohnt, die waren
       auf Hartz IV angewiesen und haben trotzdem im Bioladen eingekauft, weil
       ihnen gesundes Essen wichtig war. Wir kämpfen ja dafür, dass sich jeder
       gutes Essen leisten kann. Teilen wir uns eigentlich rein in den Einkauf?
       
       Der geht auf uns. Wie war das früher in Ihrer WG? 
       
       Da hatte jeder für seinen Alltag seines eingekauft, und wir konnten uns
       beim Essen der anderen bedienen. Oft gab es nur eine Butterdose im
       Kühlschrank. Und wenn die Butter alle war, hat irgendjemand neue gekauft.
       In meiner alten Studi-WG in Dresden waren wir zu fünft. Ich habe immer mit
       Leuten zusammengewohnt, bei denen ich wusste: Wenn ich Party mache, steht
       das am nächsten Tag nicht in der Presse.
       
       Sie wohnen jetzt mit Ihrer Familie in Berlin, hatten bis vor Kurzem aber
       noch ein WG-Zimmer hier. 
       
       Ja, aber der Vermieter hat Ärger gemacht bei Untervermietung, so mussten
       wir die WG kündigen, als Mitbewohnerinnen mit ihrer Familie zusammenzogen.
       Als ich auszog, stand ich auf der Straße und habe auf meinem Handy „Those
       were the days, my friend“ abgespielt.
       
       Sie haben mal gesagt: Am liebsten würden Sie Ihren Lebensmittelpunkt in
       Dresden haben. 
       
       Ja. Wenn ich auf den Elbwiesen bin oder mit dem Fahrrad durch Dresden
       fahre, denke ich: So was hat Berlin nicht. Aber hier gibt es auch
       Probleme, zum Beispiel einige Schulleitungen, die Pegida nahestehen.
       
       Aber eine Studie hat gerade gezeigt, dass das [2][Bildungssystem in
       Sachsen] das beste in Deutschland ist. 
       
       Die kam von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, dem Zentralorgan
       des Kapitals … Wenn man Zitronen reibt, darf man auch mal zuspitzen.
       
       Dann spitzen Sie doch mal zu: Wie sind die Sachsen? 
       
       Ganz einfach: So verschieden wie die Bayern.
       
       Aber es gibt auch Vorurteile, die stimmen. 
       
       Wenn Dresdner jemanden treffen, der nicht aus ihrer Stadt kommt, dann
       fragen die nicht offen: „Wie findest du Dresden?“, sondern: „Schön in
       Dresden, ne?“ In einem Theaterstück von Volker Lösch sagt der Bürgerchor
       über Dresden: „Selbst die Ruinen sind hier schöner.“ Das trifft den Stolz
       der Dresdner*innen auf ihre Stadt.
       
       Der sächsische Dialekt gilt aber als nicht so schön. 
       
       Da machen sich ja gerne alle drüber lustig. Letzten Montag wurde ich gleich
       auf den neuen „Tatort“ aus Dresden angesprochen: „Die Schauspieler machen
       einen auf sächsisch, können aber nicht mal den Dialekt.“
       
       Haben Sie sich den sächsischen Dialekt abtrainiert? 
       
       Nein, nur so klassische Aussprachefehler.
       
       „So, wollen wir jetzt schon Salat essen? Oder zusammen mit dem Hauptgang?“,
       fragt Kipping. Uneinigkeit in der Küche. „Wir können ein Los ziehen oder
       gute Argumente austauschen.“ Die Politikerin ist stets um Ausgleich bemüht.
       Ergebnis, leichte Mehrheit für: jetzt essen. Kipping verteilt Salat in
       tiefe Teller und Schüsseln. 
       
       Wollen wir Musik hören? Roland Kaiser mit „Schachmatt“, dazu haben Sie
       früher auf Wahlkampftour durch Sachsen auf dem VW-Bulli getanzt. 
       
       Wir haben eher Rosenstolz gehört. Aber wollen wir nicht lieber Keimzeit
       hören?
       
       Warum Keimzeit? 
       
       Ich war ein Fan. Als Jugendliche bin ich mal mit einer Freundin getrampt,
       mit dem Diktiergerät der Schülerzeitung im Gepäck, um mit der Band zu
       sprechen.
       
       Sie waren früher viel mit dem Bulli in Sachsen unterwegs. Wo ist es am
       schönsten? 
       
       Ich mag besonders Oybin und Jonsdorf, bei Zittau. Da war ich als Kind sehr
       oft wandern. Und dort, wo früher Kohleabbau war, sind heute tolle Seen.
       
       Als Jugendliche waren Sie im Umweltzentrum „Brennnessel“ aktiv. Hätten Sie
       auch bei den Grünen landen können? 
       
       Nein, wer damals links war, der ist zur PDS gegangen. Die führende Kraft
       für eine ökologische Verkehrspolitik in Dresden war und ist meine Partei.
       
       Sie stiegen schnell auf, wurden mit 21 jüngste Landtagsabgeordnete in
       Sachsen und wurden häufig als Jeanne d’Arc der Linken bezeichnet, als „jung
       und schön und klug“. 
       
       Und heute nur noch klug? Die Artikel von damals sagen weniger über mich als
       über das Bild von Frauen in der Politik. Das würde heute kaum mehr
       funktionieren, da hat es einen Fortschritt gegeben. Auch wenn der Hass
       gegen Frauen auch ein Teil des Erfolgs der Rechten ist.
       
       Fast zwei Stunden sitzen wir in der Küche in Dresden-Plauen. Zeit für eine
       Raucherpause. Kipping raucht nur vor und nach Talkshows, „ein Ritual“, sagt
       sie, und in Gesellschaft zum Wein. Sie kommt mit runter, lässt sich eine
       Zigarette drehen. Zurück in der Küche stürmt sie sofort wieder an den Herd,
       sucht Töpfe für die Nudeln, eine Pfanne für die Soße, kämpft mit dem Herd.
       Kipping brät die Zwiebeln an und gibt Mohn und Zitronenschale dazu, dann
       kommt Sojasahne darauf. „Oh, die Sauce ist ganz schön suppig.“ Jetzt muss
       sie zum ersten Mal improvisieren. „Habt ihr noch Frischkäse im Kühlschrank.
       Bei euch ist niemand Veganer, oder?“ 
       
       Was sollen wir jetzt hören? Doch mal Roland Kaiser? 
       
       Den hört man eigentlich nur, wenn man dazu Discofox tanzt. Ich habe vielen
       Männern und Jungs in der Linksjugend den Grundschritt beigebracht. Wie wäre
       es mit Justice, „You’ll never be alone again“? Der Song von Blockupy.
       
       Wir haben eben beim Rauchen über Wut gesprochen. In Schneeberg haben wir
       einen Mann getroffen, pensionierter Lehrer mit Mietshaus, und eine
       Rentnerin mit 2.100 Euro im Monat, die trotzdem wütend sind. 
       
       Die Wut kommt ja nicht allein aus materiellen Gründen. Das sind nicht alles
       objektive Modernisierungsverlierer, eher Modernisierungsskeptiker.
       Vielleicht denken sich manche auch, wenn sie wütend sind, werden sie besser
       gehört.
       
       Aber das allein erklärt nicht den Erfolg der AfD im Osten. 
       
       Ich habe die These der Retraumatisierung. In der Nachwendezeit haben viele
       im Osten erlebt, dass alles, was sie bisher geleistet hatten, plötzlich
       nichts galt, ihnen wurden Chefs vor die Nase gesetzt, die alles besser
       wussten. Ihre Erfahrung war einfach nicht gefragt. Vor allem für Männern
       war das ein Problem. Das alles kommt jetzt wieder hoch.
       
       Es gab in der taz die Debatte, ob die [3][Erfahrungen von Ostdeutschen und
       Migranten] vergleichbar sind. 
       
       Ich sehe das nicht. Ich glaube eher, dass mancher Ostdeutscher auf
       muslimische Migranten die Aversion gegenüber Wessis projiziert. Sie
       befürchten, dass wieder jemand von außen kommt und ihnen erklärt, dass
       jetzt alles anders werden muss.
       
       Sie haben mal von der „schmerzhaften Ungerechtigkeit“ der Wende
       geschrieben. Waren Sie wütend? 
       
       Nein, ich war beschäftigt mit Pubertät und dem ersten Liebeskummer.
       
       Aber die, die heute wütend sind, wählen AfD. 
       
       Die meisten Menschen sind ideologisch nicht so klar einzuordnen. Das fällt
       Politikern und Journalisten schwer zu verstehen. Ich habe morgens in
       Dresden Menschen vor dem Jobcenter getroffen, die sagen: Nur weil es mir
       dreckig geht, wähle ich doch nicht rechts.
       
       Der Hauptgang ist fertig, alle setzen sich an den Tisch. Außer Kipping hat
       hier noch nie jemand Nudeln mit Mohn gegessen. „Ein Homerun“, hat die
       Freundin gesagt, die ihr das Rezept gegeben hat. Wir essen zu neunt, der
       Fotograf isst mit. „Wem gehört jetzt welches Glas?“ Wir stoßen an. Kipping
       gibt allen eine kleine Portion und begründet das so: „Wir müssen noch Platz
       für die Eierkuchen lassen.“ 
       
       Bei der taz-Ost-Berichterstattung wird uns vorgeworfen: Jetzt kommen die
       Wessis in den Osten, kurz vor den Wahlen. 
       
       Ich glaube, es gibt die Angst, dass man sich in der Beschreibung nicht
       wiederfindet. Und im Osten gibt es eine größere Distanz zu Medien und
       staatlichen Autoritäten.
       
       Aber Medien von außen erkennen ja auch Probleme, die manche nicht sehen
       wollen. 
       
       Ja, das Problem gab es in den Neunzigern in Ostdeutschland noch stärker. Da
       gab es die Bürgermeister, die Kritiker als Nestbeschmutzer ansahen.
       
       Am Samstag findet die #unteilbar-Demo statt, erstmals in Dresden. Ist diese
       Reaktion auf den Rechtsruck auch ein Fortschritt: Die liberalen Kräfte in
       Ost und West arbeiten auf Augenhöhe zusammen? 
       
       Augenhöhe ist ein großes Wort, ich würde sagen: Es gibt inzwischen ein
       gewisses Interesse.
       
       Ganz so unteilbar scheint die Gesellschaft doch nicht zu sein. Bei der
       Bundestagswahl hatte die Linke Erfolge in westdeutschen, urbanen Milieus.
       Im Osten verliert sie. Werfen Sie sich vor, dass die Linke unter Ihrer
       Führung zur Westpartei geworden ist?
       
       Nein. Wir haben immer wieder Ostthemen angesprochen. Bevor ich Vorsitzende
       wurde, waren wir bei den Jungen besonders schwach. Für die mussten wir
       attraktiv werden, um eine Zukunft zu haben. Wir hätten auch sagen können,
       wir geben die Jugend auf und werden wie die populistische
       Fünf-Sterne-Partei in Italien. Aber das wäre dann nicht mehr meine Partei.
       
       Was ist nach der Bundestagswahl schiefgegangen? 
       
       Wir hatten das Momentum am Wahlabend bis 18.10 Uhr. Dann begannen die
       internen Konflikte.
       
       Das Momentum liegt jetzt bei den Grünen. Die holt Sie jetzt sogar im Osten
       ein. 
       
       Sie machen es sich aber auch einfach. Die Stärke von Habeck ist
       gleichzeitig seine Schwäche.
       
       Was meinen Sie? 
       
       Seine Uneindeutigkeit. Er erzählt oft nur die halbe Geschichte. Aber wenn
       er Geschichten zu Ende erzählen würde, bliebe die linke Anmutung auf der
       Strecke. Die Klimakrise ist ja nicht beendet, wenn wir einen grünen Kanzler
       haben.
       
       Und was ist das Ende der Geschichte? 
       
       Wer Klimaneutralität will, muss an die schwarze Null ran, muss Geld
       ausgeben, die Millionäre müssen ihre Scheckbücher in die Hand nehmen.
       
       Aber ist es nicht schlau, unkonkret zu bleiben? 
       
       Für die Wahl mag es reichen, für wirklichen Klimaschutz reicht es nicht.
       
       Die Grünen werden im Osten trotzdem immer beliebter. 
       
       Die AfD hat sich im Osten eher die Grünen als Feindbild genommen, obwohl
       wir viel stärker waren bei den Anti-Nazi-Demos. Die aggressive Leidenschaft
       von rechts geht immer auf grünen Lifestyle. Von dieser Polarisierung
       profitieren die Grünen.
       
       Stellen die Grünen [4][den nächsten Kanzler]? 
       
       Das ist längst nicht ausgemacht. Ich glaube, es kann eine Dynamik für eine
       linke Mehrheit geben, aber auch eine ins Faschistische wie in Italien, grob
       gesagt: Schwarz-Blau. Dann können wir uns überlegen, ob wir in den
       Untergrund gehen oder uns auf die Flucht machen.
       
       Kipping kommt kaum zum Essen, ihr Teller ist noch halb gefüllt mit
       Mohn-Zitronen-Nudeln. Es ist schon spät, aber es gibt noch einen letzten
       Gang. Eierkuchen nach Omas Art. Kipping sucht Mehl, Eier, Backpulver. „Seid
       ihr noch sehr hungrig?“ Sie kippt die Zutaten nach Gefühl zusammen,
       vermischt sie mit der Gabel, es werden später fast 20 mittelgroße
       Eierkuchen. 
       
       Wir haben nach vier Stunden nicht einmal den Namen [5][Sahra Wagenknecht]
       genannt. Gut, oder? 
       
       Die Geschichte ist doch auserzählt.
       
       Dann müssen wir jetzt aber noch über Ihre politische Zukunft sprechen. In
       der Zeit stand letztens, Sie würden über Ihren Rückzug nachdenken. 
       
       Meine persönliche Situation ist derzeit genauso offen wie die
       gesellschaftliche.
       
       In dem Moment, in dem es wieder eine Bewegung auf der Straße gibt, die die
       parlamentarische Politik vor sich hertreibt, und es wieder eine reelle
       Chance auf eine rot-rot-grüne Mehrheit gibt, denken Sie über Ihren Rückzug
       nach. Ist das nicht paradox? 
       
       Ich werde immer politisch aktiv sein, gern auch in verantwortungsvoller
       Position. Aber ich klebe nicht an einem Amt in der ersten Reihe. Bisher
       habe ich immer drauf geachtet, auch ein gutes Leben jenseits der Politik zu
       haben.
       
       Wann entscheiden Sie sich? 
       
       Es gibt ein russisches Sprichwort: „Man zählt die Küken erst im Herbst“.
       
       Das passt gut zu den Eierkuchen, die Sie gerade braten. Und im Herbst, das
       wäre nach den Landtagswahlen. In Ihrem Leben nach dem Parteivorsitz hätten
       Sie mehr Zeit, in Ihrer Lieblingsstadt Dresden zu sein. 
       
       Das stimmt.
       
       Aber wenn wir hier über Rot-Rot-Grün reden: Irgendjemand muss ja auch
       Ministerin werden … 
       
       Das Entscheidende ist, welche Stimmung in der Gesellschaft dominiert. Gibt
       es einen Druck für neue linke Mehrheiten? Ich sehe das: nicht nur bei
       Fridays for Future, auch bei den Protesten der Seebrücke oder bei der
       Enteignungskampagne. Diese alte Frontstellung – bist du radikal oder
       reformerisch – die verpufft angesichts dessen, was diese Bewegungen machen.
       Das macht Mut.
       
       Die Eierkuchen sind aufgegessen, der Fahrer wartet seit einer Stunde vor
       der Tür. Wir gehen nach unten vors Haus, es regnet. Katja Kipping raucht
       noch eine Zigarette, dann verabschiedet sie sich – nach fast fünf Stunden.
       Sie sieht weniger müde aus als wir. Der Zaun ist abgeschlossen. Katja
       Kipping klettert, dreht sich noch einmal um, winkt und ist weg.
       
       25 Aug 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Neonazi-Aufmarsch-in-Plauen/!5588679
 (DIR) [2] /Studie-Bildungsmonitor-2018/!5525089
 (DIR) [3] /Historiker-zu-Ostdeutschen-und-Migranten/!5606829
 (DIR) [4] /Debatte-Gruenes-Spitzenpersonal/!5595302
 (DIR) [5] /Linkspartei-waehlt-neue-Fraktionsfuehrung/!5597745
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kersten Augustin
 (DIR) Paul Wrusch
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
 (DIR) Lesestück Interview
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
 (DIR) Katja Kipping
 (DIR) Bildungspolitik
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahl Sachsen 2024
 (DIR) Wahlen in Ostdeutschland 2024
 (DIR) Lesestück Recherche und Reportage
 (DIR) Schwerpunkt AfD
 (DIR) AfD Sachsen
 (DIR) Urwahl
 (DIR) Schwerpunkt Armut
 (DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Niedergang der Linken im Osten: Die linke Krise
       
       Die niederschmetternden Wahlergebnisse der Linken im Osten bedrohen auch
       ihre bundesweite Existenz. Wie soll es weitergehen?
       
 (DIR) Frauen in Ostdeutschland: Die bessere Hälfte
       
       Viele reden von „den Ossis“ und denken an Männer. Frauen sind unsichtbar,
       dabei könnten sie den Rechtsruck stoppen.
       
 (DIR) „Blaue Partei“ in Sachsenwahl chancenlos: Frauke Petrys letzter Kampf
       
       Die ehemalige AfD-Chefin wird mit ihrer neuen rechten Partei wohl kaum in
       Sachsens Landtag einziehen. Das Ende einer schillernden Politkarriere?
       
 (DIR) Linken-Basis soll entscheiden: Kipping offen für Urwahl-Vorschlag
       
       Mitglieder der Linken schlagen vor, die neue Parteispitze per Urwahl zu
       wählen. Das soll neuen Schwung bringen. Sie sammeln derzeit Unterschriften.
       
 (DIR) Armutsrisiko in Deutschland: Die Ost-West-Schere wird kleiner
       
       Der Anteil der armutsgefährdeten Menschen im Osten sinkt, im Westen steigt
       er. Für Arbeitslose und Alleinerziehende nimmt das Risiko überall zu.
       
 (DIR) Linken-Abgeordnete Juliane Nagel: Ein rotes Tuch für Rechte
       
       Juliane Nagel konnte das bisher einzige linke Direktmandat für den Landtag
       gewinnen. Sie macht sich gegen Rechte in Sachsen stark.