# taz.de -- Berliner Fußball-Klubs: Der Ost-Ost-Konflikt
       
       > Einer der beiden Ex-DDR-Klubs der Hauptstadt steigt jetzt vielleicht in
       > die erste Bundesliga auf. Wie hat der 1. FC Union Berlin das geschafft?
       
 (IMG) Bild: Eisern und gebannt: Union-Fans im Stadion an der alten Försterei, August 2018
       
       Berlin taz | Beschaulichkeit ist ein geradezu klischeehafter Bestandteil
       der Marke Union. Wer zum Zweitligisten Union Berlin geht, läuft nicht über
       die branchenübliche Brache voll grauer Parkplätze und zertretenem
       Grasmatsch, sondern durch einen kleinen Wald, als liege dahinter ein
       familiärer Rückzugsort oder ein Nimmerland. Am Stadion Alte Försterei
       herrscht die drückende Stille einer Monokultur, die nur an Spieltagen
       erwacht. Niemand auf den Wegen, der Rasen wird gesprenkelt, auf der
       Geschäftsstelle plaudert die Sekretärin mit dem Briefträger.
       
       An Spieltagen aber drängen in der Regel 22.000 Menschen hierher, auf 37.000
       wird ausgebaut. Der Kern steigt immer noch in Köpenick zu, und in der Tram
       hört man es dann schwer berlinern, obwohl neuerdings sogar Ronja von Rönne
       Union ganz super findet und der Tagesspiegel über einfliegende Engländer
       berichtet. Ja, ein bisschen anders ist es hier, gerade so viel, dass es
       sich gut verkauft.
       
       Dieses Wochenende wird Union Berlin vielleicht ganz oben angekommen sein:
       Aufstieg in die Fußballbundesliga, diesen symbolträchtigen Ort, der aus 17
       Westklubs besteht, und dem von Red Bull als Marketingprodukt installierten
       RB Leipzig. Im Millionengeschäft Fußball ist manches plumper und sichtbarer
       als im Alltagsleben. Falls Union aufsteigt, wird die Öffentlichkeit gerührt
       sein: Ja, es ist ein Ostklub! Irritierend selbstverständlich gibt es dieses
       Label noch immer, 30 Jahre nach dem Mauerfall.
       
       Zur selben Zeit, nicht weit von der Alten Försterei entfernt, hat der BFC
       Dynamo gerade den Abstieg in die fünfte Liga abgewendet. Der alte Berliner
       DDR-Serienmeister ist so tief gestürzt, dass es hier auch schon wieder
       irgendwie ursprünglich ist, im baufälligen Jahn-Sportpark, seltsam isoliert
       im sonst so polierten Prenzlauer Berg – eine eigene Welt. Die Geschichte
       der alten Erzfeinde BFC und Union kann man mit Shakespeare erzählen. Zwei
       Berliner Fußballklubs, nicht ganz gleich an Ansehen, in gegenseitiger
       Abneigung vereint. Aber in echt hat die Geschichte natürlich viele
       Grautöne.
       
       ## Was bedeutet den Fans der Osten heute noch?
       
       Der BFC Dynamo gilt zu DDR-Zeiten als der Stasi-Klub, weil er von seinem
       Ehrenvorsitzenden und damaligem Staatssicherheitsminister Erich Mielke
       geliebt und bevorzugt wird. Und weil er, wie fast alle DDR-Klubs, einem
       Träger angegliedert ist, in dem Fall den inneren Sicherheitsorganen. Union
       Berlin hingegen ist ein ziviler Klub, er soll den Arbeiter unterhalten,
       aber bloß nicht zu erfolgreich sein. Der BFC holt Meistertitel in Serie,
       mit freundlicher Unterstützung der Schiedsrichterbranche, und fällt nach
       der Wiedervereinigung tief.
       
       Und Union, zu DDR-Zeiten ein populärer Klub, aber meist in den unteren
       Gefilden der DDR-Oberliga unterwegs, kommt nach langen
       Nachwende-Turbulenzen zu Geld und Kultstatus. Warum kam alles so und nicht
       ganz anders? Was bedeutet den Fans der Osten heute noch? Fußballgeschichte
       erzählt deutsche Geschichte – und hier vor allem, welche Spuren die
       DDR-Zeit hinterlassen hat.
       
       Als die sogenannte Wende kommt, findet Rolf Walter sie „cool“, dieses Wort
       benutzt der 60-Jährige heute. „Ich wollte sie immer haben.“ Walter ist
       damals in der Opposition aktiv, unter anderem in der Kirche von Unten und
       im Friedenskreis Friedrichsfelde, dafür hat er 1988 eine Ausreiseerlaubnis
       sausen lassen.
       
       Heute arbeitet Walter als freier Fotograf, Anfang der achtziger Jahre ist
       er noch Stellwerksmeister bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin. Erste
       Erfahrung mit Rebellion hat er beim BFC Dynamo gesammelt, dem Stasi-Klub.
       Wer glaubte, es sei schwer, mit Fans über Fußball in einer Diktatur zu
       sprechen, irrt: Walter redet darüber nachdenklich und mit Witz, als habe er
       nur darauf gewartet, dass jemand fragt.
       
       ## Eine provokante Spaßveranstaltung
       
       Alle paar Tage hat er noch einen möglichen Kontakt, noch eine Idee, ein
       altes Foto. Heute wird die Fanszene des BFC vor allem mit Rechten in
       Verbindung gebracht, aber Anfang der Achtziger ist sie bunt. „Das
       BFC-Publikum war eigentlich eine kuriose Mischung aus Subkulturen“,
       erinnert sich Walter. Punks, Skinheads, fließende Übergänge. Rolf Walter
       kommt zufällig zum BFC, über seinen Großvater, einen strammen Genossen. In
       Walters Erinnerung gibt es damals sogar ein beschauliches Zeitungshäuschen,
       das Fanfahnen verleiht, „als Winkelement“. Interessant für widerspenstige
       Jugendliche wird der BFC Dynamo erst zu Beginn der achtziger Jahre.
       
       „Da hat es bei Auswärtsfahrten richtig gerumst, und da erst hat man die
       eigene Stärke gespürt. Wenn wir mit 200 Leuten gegen 1.000 Unioner
       vorgegangen sind und man merkte: Wenn man zusammenhält, hat man eine
       wahnsinnige Gewalt.“ Auch Walter prügelt damals mit. Damals sei das alles
       noch nicht politisch gewesen, eher eine provokante Spaßveranstaltung. In
       Dresden nehmen sie den Lebensmittelmangel aufs Korn, bewerfen die
       gegnerischen Fans mit grünen Bananen und rufen: Wir haben euch was
       mitgebracht – Bananen, Bananen.
       
       In Anspielung auf den republikflüchtigen und möglicherweise von der Stasi
       ermordeten Fußballer Lutz Eigendorf gründet sich ein Fanklub, bis die Stasi
       dessen Fanklubfahne einkassiert. Auf Auswärtsfahrten hören sie Punkbands
       und Westmusik, ein Lilahaariger schreit: „Freie Liebe!“, da holen die Leute
       die Kinder von der Straße. „Die Stasi hat relativ verhalten auf uns
       reagiert, weil sie froh waren, dass es Fans gab. Mitte der Achtziger ist
       das dann gekippt, weil sie merkten, dass sie die Kontrolle verlieren, aber
       da war die Sache eigentlich schon aus dem Ruder gelaufen“, sagt Walter. „Je
       mehr Gewalt sie anwendeten, umso mehr radikalisierten sich die Leute.“
       
       Es ist ein Versäumnis des Vereins und der Westpresse, dass die Widersprüche
       der BFC-Geschichte nie in die Gegenwart transportiert wurden. Nach der
       Wende wurde der Verein zur Verkörperung des Systems. Absurd, wo dieses
       System doch fast alle Klubs finanziert hatte. Im Image des BFC blieben
       Linientreue und rechte Hooligans hängen. Da kippte das einst wilde Gemisch
       nach rechts, hochgeschaukelt durch harte Haftstrafen, neue Schläger und den
       Reiz der ultimativen Provokation. Vom Punk zum Neonazi war der Weg nicht
       weit. Prügelnde und plündernde BFCler in der Nachwende-Anarchie ließen die
       Wessis erschaudern. Der einst subversive Humor ist vergessen, die
       Geschichte von den guten Rebellen erzählt hingegen Union.
       
       1984 landet auch Rolf Walter im Knast, und als er rauskommt, verschreibt er
       sich dem politischen Widerstand – „wenn ich noch mal in den Bau muss, dann
       mache ich es richtig, in der Opposition“. Heute geht er gelegentlich wieder
       zum BFC, wo immer noch eine DDR-Fahne im Publikum hängt. Nur Provokation,
       denkt er, denken viele. „Ich glaube, das ist keine Ostalgie; nicht wenige
       haben ja im Knast gesessen zu DDR-Zeiten. Bei Union sind die viel ostiger,
       die trauern viel mehr der Vergangenheit hinterher“, meint Walter. Aber
       stimmt das? Es gehört zu den Widersprüchen dieser Geschichte, dass man die
       größeren Ossis jeweils beim Rivalen vermutet.
       
       ## Ein Verein von Gnaden des Systems
       
       Als die sogenannte Wende kommt, will Lopez keinen Anschluss an die BRD.
       Lopez ist sein Name in der Unioner Fanszene, seinen richtigen Namen will er
       hier nicht lesen. „Ich war nie ein DDR-Bürger, der abhauen wollte“, sagt
       Lopez heute. „Ich fand den Sozialismus prinzipiell gut, aber ich war mir
       bewusst, dass im Osten was falsch läuft.“ Lopez ist seit 1977 Unioner, mit
       zwölf Jahren kommt er zum ersten Mal ins Stadion. Er ist ein gut gelaunter,
       warmherziger Typ. Er erinnert sich an ein junges, aufmüpfiges Publikum, die
       allermeisten unter 25 Jahren. Später umschrieb es das Satireblatt
       Eulenspiegel mit dem Satz: „Nicht jeder Union-Fan ist Staatsfeind, aber
       jeder Staatsfeind ist Union-Fan“ – unter Unionern ein beliebter Spruch.
       
       „Da ist was Wahres dran“, glaubt Lopez. Auch Götz, damals Platzwart bei
       Union, träumte zur Wende von einem dritten Weg zwischen Sozialismus und
       Kapitalismus. Im Nachhinein findet er das sehr blauäugig. „Aber in der Zeit
       des Mauerfalls schien alles möglich.“ Ganz kurz auch für die Ostklubs.
       
       Union Berlin, basierend auf dem 1906 gegründeten FC Olympia
       Oberschöneweide, kultiviert schon früh das Image des Arbeitervereins,
       verwurzelt in der Bevölkerung. Wie oppositionell oder nicht die Fanszene
       damals ist, lässt sich heute kaum mehr sicher sagen. In Stasiakten lassen
       sich nach Angaben der Historikerin Jutta Braun vom Zentrum deutsche
       Sportgeschichte viele Oppositionskontakte unter Union-Fans nachweisen.
       
       Aber natürlich ist es ein Verein von Gnaden des Systems, jeder
       Union-Präsident ist Parteimitglied. Doch gibt es einen gravierenden
       Unterschied zum BFC: den Umgang mit DDR-Symbolik. Lopez erinnert sich, wie
       er 1990 bei einem Auswärtsspiel aus Protest eine kleine DDR-Nadel trug.
       „Ich wurde von anderen Unionern sofort angehalten: Mach die Scheiße ab.“
       Götz erinnert sich an eine Köpenicker Kneipe, die vor einigen Jahren Union-
       und DDR-Insignien im Fenster hängen hatte. Da sei denen von Fans beschieden
       worden: „Beides in Kombination passt nicht.“
       
       ## Mit westkompatibler Distanz zur DDR
       
       Und wenn man heute fragt: Warum gerade Union? Dann haben das Glück und die
       Zufälle auf einmal eine gewisse Logik. Eine breite Basis, Rückhalt im Kiez
       und diese demonstrative, westkompatible Distanz zum alten System. Ein
       öffentlich sichtbares Naziproblem gab und gibt es bei Union nicht, auch,
       weil „die politische Einstellung am Stadiontor abgegeben wird“, wie Götz es
       formuliert. Keine DDR-Flaggen, keine Nazibanner, und Streit löst man in
       der Familie. Das hat mehr von „Der Pate“ als von der linken Fanszene des FC
       St. Pauli, mit dem Union Berlin gern verglichen wird.
       
       Mit dem Jahr 1990 kommt die fußballerische Wiedervereinigung und spiegelt
       in vielerlei Hinsicht andere Wende-Erfahrungen. Mit Gleichberechtigung hat
       der Prozess nicht viel zu tun. Nur zwei Ostteams dürfen in der Bundesliga
       starten, so lautet der Kompromiss zwischen DFB und dem neuen Ostverband
       NOFV – und am Ende wird mit vier Absteigern gleich ausgesiebt. In die
       zweite Liga dürfen sechs Ostklubs hinein, obwohl die Ostvertreter
       eigentlich alle ihre 14 Erstligisten in den ersten beiden Ligen
       unterbringen wollten.Es sind folgenschwere Versäumnisse.
       
       Sowohl der BFC als auch Union verpassen die Qualifikation für den
       Profifußball. Zwischen zusammenbrechenden Strukturen, in den Westen
       abwandernden Spielern, maroder Infrastruktur und neuer Marktwirtschaft
       straucheln die Ostklubs, viele erholen sich nie. Am mittelfristig
       erfolgreichsten werden ausgerechnet einst eher unbedeutende Vereine, Hansa
       Rostock oder Energie Cottbus etwa. Und nach jahrelangem Niedergang
       schließlich auch Union.
       
       Götz glaubt, es gebe so etwas wie eine DNA in einem Klub. Etwas, das alle
       äußeren Ereignisse übersteht. „Trotz aller Skandale des Missmanagements in
       den Anfangsjahren im neuen Deutschland hatte Union nie das Image verloren,
       eigentlich der coole Verein zu sein.“ Die kreativen Fanaktionen wie die
       Rettet-Union-Demo durch das Brandenburger Tor, die Blutspende-Aktion
       „Bluten für Union“ oder die ehrenamtliche Sanierung des Stadions retten
       immer wieder direkt und indirekt vor der Pleite und werden irgendwann zum
       bundesweiten Marketingfaktor. Ist das ein Grund für den Erfolg des Klubs?
       Dass Union es geschafft hat, „Osten“ mit Nähe und Solidarität zu besetzen
       statt mit DDR?
       
       „Ostalgie spielt bei uns keine Rolle“, sagt Lopez entschieden, auch nicht
       für die Außendarstellung. Viele Unioner betonen das. Die berühmte Hymne
       von Nina Hagen, „Wir aus dem Osten gehen immer nach vorn“ und „Wer lässt
       sich nicht vom Westen kaufen?“, sei gar nicht so nach dem Geschmack vieler
       Leute aus der Fanszene. Tatsächlich gibt es im Union-Forum lebhafte Dispute
       darüber, ob man die Zeile überhaupt mitsingen solle. Blöd, gestrig, falsch,
       finden manche, denn ironischerweise war es ein reicher Westler, der 1998
       den Verein rettete. Und dennoch wird die Hymne im Stadion mit am lautesten
       gebrüllt, Osten und Rebellion sind da plötzlich kompatibel.
       
       „In großen Teilen der Fanschaft sieht man sich eh nicht als Ostverein, da
       man sich als Berliner schon zu DDR-Zeiten den Zonis überlegen fühlte“,
       meint Götz. Über die DDR-Flaggen in vielen Stadien nach der Wende machen
       sie sich in Lopez’ Erinnerung lustig über die Provinztrottel. Gar nicht so
       unähnlich den BFClern, die Bananen in Dresden schmissen. Sie alle sind
       Berlin, der Rest ist Dorf. Was schert den Berliner das Gerede von Ost und
       West? Das mediale Label vom Ostklub wirkt da völlig überholt. Es ist eine
       regionale Identität, sagen viele.
       
       ## Eine widersprüchliche Mischung
       
       Als die Wende kommt, ist sie für Janusz Berthold, damals 15 Jahre alt, ein
       Desaster. Berthold hatte seine erste bewusste Stadionerinnerung beim BFC
       Dynamo 1984, wurde linientreu erzogen. Er stammt aus einer kommunistischen
       Familie, der Großvater im antifaschistischen Widerstand, der Vater im
       Ministerium für Staatssicherheit. „Die Wende war die größtmögliche ideelle
       Niederlage“, Vater und Großvater gingen daran kaputt, glaubt er.
       
       Janusz Berthold, bis heute überzeugter Marxist, plante damals eine Zukunft
       in der Auslandsspionage bei der HVA, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR.
       Und sagt doch: „Heute bin ich froh, dass es nicht so weiterging. Die DDR
       hatte realistisch keine Zukunft mehr.“ Berthold ist einer von denen, die
       man spontan nicht mit dem BFC in Verbindung bringen würde: Einer, der in
       alternativen Kneipen und auf linken Demos unterwegs ist, und zugleich
       einer, der selbst in Mails berlinert und den man irgendwo zwischen Union
       und einem linken Amateurverein platzieren würde. Manchmal ist der BFC
       Dynamo eben immer noch eine widersprüchliche Mischung.
       
       In den wilden neunziger Jahren geht Berthold nicht mehr zum BFC, auch, weil
       es für Linke dort wenig Platz gibt. Stattdessen sucht er Anschluss beim
       AFFI, einer antifaschistischen Faninitiative. Aber 1999 ist er einer von
       denen, die zum BFC Dynamo zurückkommen. Janusz Berthold unterteilt die
       BFC-Nachwendegeschichte in Epochen: erst das Stasistigma, dann die
       Hool-und-Fascho-Zeit. 2001 geht der kurzzeitig in FC Berlin umbenannte Klub
       insolvent, er fällt bis in die Verbandsliga.
       
       ## Seit 2008 geht es für Union aufwärts
       
       Die Verflechtungen jener Jahre zwischen BFC, rechten Hools, Rockern und
       organisierter Kriminalität sind legendär, zwischenzeitlich sitzt ein
       führendes Mitglied der Hells Angels im Vereinsvorstand. „Bis vor zehn
       Jahren war es schwer, da rauszukommen. Mittlerweile rutscht das Stasiding
       in den Hintergrund. Das Problem ist das rechtsextreme Gedankengut, davon
       hat sich der Klub nie klar genug distanziert.“ Viel Spielraum gibt es
       nicht, wenn da alte Fans sind, die man nicht vertreiben will, und wenig
       frischer Wind von außen kommt – womöglich auch nicht kommen soll.
       
       Dennoch hat sich etwas verändert. Nazisymbolik hat man im Jahn-Sportpark
       lange nicht mehr gesehen. Die letzten großen Gewaltvorfälle datieren auf
       2011. Allenthalben hört man, wie sehr die Vereinsführung bemüht sei, das
       Image zu verbessern. Der BFC will aufbrechen. Berthold sagt: „Ein Großteil
       der Klientel im Stadion sind immer noch die alten Fans, viele davon sind
       jetzt bei Pegida gelandet. Gleichzeitig gibt es den Unterbau mit den
       Jugendteams, wo ganz viele Migrantenkinder sind. Das ist das Skurrile an
       dem Verein.“ Auch entsteht, anders als in vielen rechts geprägten
       Fanszenen, nie eine schlagkräftige Jugendfraktion. Der BFC Dynamo ist wohl
       sportlich schon zu irrelevant.
       
       Einige sind im Urteil über die fußballerische Wiedervereinigung trotzdem
       gnädig. Die Historikerin Jutta Braun sagt, die schnelle Einheit sei erst
       auf Drängen des neuen Ostverbands gekommen, weil die Strukturen
       zusammenbrachen. Viel Spielraum habe es nicht gegeben. „Ich würde dem
       Westen da nicht den Schwarzen Peter zuschieben“, meint Braun. Der zweite
       Kommerzialisierungsschub des Fußballs Mitte der neunziger Jahre aber, sei
       für den Ostfußball nach diesem Transfer doppelt tragisch gewesen.
       
       Seit dem Aufstieg in die zweite Liga in der Saison 2008/09 kennt Union
       Berlin im Wesentlichen eine Richtung: aufwärts. Nie so viele Zuschauer, nie
       so viel bundesweiter Hype – wegen der Stehplätze und der Stimmung und der
       kommerzkritischen Haltung. Nostalgie, nicht Ostalgie. Seit einigen Jahren
       ist der Bundesligaaufstieg erklärtes Ziel, gar nicht so zur Begeisterung
       mancher Unioner. Dirk Zingler, Präsident seit 2004 und nach eigenem
       Bekunden schon als Kind Union-Fan, ist der maßgebliche Treiber. Zingler
       empfängt in seinem Büro direkt gegenüber der Alten Försterei. Geräumig mit
       großzügiger Sofaecke, Zingler raucht noch im Büro, beinahe altmodisch.
       
       „Ostidentität spielt für uns keine besondere Rolle, sondern Identität“,
       sagt Zingler sofort. Aus dem Osten der Stadt zu kommen, das sei leider für
       viele immer noch eine politische Angabe. „Für mich spielt die politische
       Herkunftsidentität, aus welchem Staatssystem wir kommen, keine Rolle. Aber
       regionale Abgrenzung ist für mich Kern der Bindung zu einem Fußballverein.“
       Das Regionale ist die große Erzählung von Dirk Zingler, er spult das
       routiniert runter, er sagt es dauernd.
       
       Fußball ist für Zingler ein regionales Geschäft, möglicherweise auch aus
       der Wendeerfahrung. „Viele Dinge in der ehemaligen DDR wurden nach dem
       Mauerfall fremdgesteuert. Es kamen damals Manager rüber, die uns erzählten,
       wie das neue Staatssystem funktioniert. Wir standen mit offenem Mund
       staunend davor. Aber je mehr Zeit verging, umso mehr stellten wir fest: Wir
       müssen uns wohl um uns selbst kümmern. Und je mehr ein Verein das macht,
       desto besser kommt er zurecht.“
       
       ## In Diensten der Stasi
       
       Natürlich hält ein heimatnahes Präsidium nicht als alleinige Erklärung von
       Unions Erfolg her, und ein Konstrukt wie RB Leipzig hat schließlich auch
       ohne jede Verwurzelung Erfolg. Das Versprechen ist eher: Auch du, mein
       Freund, kannst Köpenicker sein. Zingler hütet sich im Gespräch auch penibel
       vor dem Ostklub-Ding. Über die fehlende Integration der Ostvereine nach der
       Wende will er nicht klagen, und über die Vergangenheit sagt er: „Natürlich
       darf man Herkunft nicht verleugnen, die DDR-Zeit gehört zu uns. Aber es ist
       eben nur ein Teil der Geschichte, und das verwächst sich mit jeder
       Generation.“
       
       Es ist der große Vorteil Unions gegenüber dem BFC Dynamo, jenem staatlichen
       Konstrukt, das seine Erfolge nur in der DDR feierte. Union Berlin, dessen
       Vorläufer 50 Jahre vor der DDR existierte, und dem es 30 Jahre nach dem
       Mauerfall fantastisch geht – für diesen Verein ist die Zeit dazwischen
       vielleicht wirklich nur zwei Wimpernschläge, allmählich überschrieben. Nur
       manchmal nicht.
       
       Dirk Zingler hat dieses Gespräch im Spaziergang genommen, bis es um das
       Wachregiment geht. Im Jahr 2011 recherchierte der Journalist Matthias Wolf,
       dass Zingler im Wachregiment „Feliks Dzierzynski“ diente, das der Stasi
       unterstellt war. Bis zum Unteroffizier hatte er es gebracht, galt als
       linientreu. Publik gemacht hatte er das nie. Union Berlin, das sich wenige
       Jahre vorher werbewirksam von einem Hauptsponsor mit Stasiverstrickungen
       getrennt hatte, saß in einer PR-Klemme. Und stellte sich wie eine Wagenburg
       um Zingler.
       
       Es ging stattdessen gegen Wolf, den Wessi, der vermeintlich über den Osten
       richten wollte. Auf Pressekonferenzen wurden ihm keine Fragen mehr
       beantwortet, er wurde aus der Union-Berichterstattung abgezogen. Wir gegen
       die, wir aus dem Osten, geschickt inszenierte Union diese Bruchlinie. Und
       Teile der Presse dämonisierten den Wachdienst eines Teenagers.
       
       Wenn man sich fragt, warum es in Deutschland nach der Wende nie ein neues
       1968 gab, nie eine breit gesellschaftlich geforderte, kritische
       Aufarbeitung der SED-Diktatur, deutet das eine Antwort an: Es existieren
       mehr Bruchlinien als nur Alt und Jung. Es gibt auch Ost und West.
       
       Dirk Zingler scheinen die Nachfragen aufzuregen, plötzlich wird es
       kontrovers. Stehen bleibt am Ende dieses Statement: „Die Zeit im
       Wachregiment ist Teil meines Lebens und gehört zu mir. Es ist legitim, dass
       ein Journalist darüber recherchierte. Kann man machen. Und dann war die
       Geschichte wieder vorbei. Für viele bei Union war es kein Geheimnis, und
       viele beschäftigte es auch gar nicht so sehr, weil auch dieser Wehrdienst
       Teil einer Biografie in der DDR war.“ Freilich kein ganz normaler Teil.
       
       Natürlich, sagt Zingler, könnten Außenstehende seinen Dienst moralisch
       verurteilen, aber: „Über mein Leben in der DDR urteilen die Menschen am
       besten, die Teil davon waren. Natürlich gibt es Menschen, die extrem
       gelitten haben unter der Stasi und im System DDR. Wenn die sagen, der
       Begriff Stasi ist ein No-go, habe ich vollstes Verständnis. Auch ich
       verurteile die Verbrechen, die in der DDR geschehen sind.“ Über
       Lebensleistungen der Menschen will er reden, nicht so sehr über Systeme.
       Zingler ist darüber nicht gestürzt, im Gegenteil: Heute könnte die
       Enthüllung für das Image von Union nicht irrelevanter sein.
       
       ## Der BFC und die Imagefrage
       
       Eine Statistik der Berliner Morgenpost zeigte vor einiger Zeit, dass Berlin
       eine fußballerisch geteilte Stadt bleibt: Menschen aus westlichen Bezirken
       sind eher Mitglieder bei Hertha, die aus dem Osten eher bei Union. Das muss
       man nicht politisch verstehen; es geht auch um lokale Tradition, und im
       Umland hat Hertha viele Fans. Der BFC Dynamo ist unterdessen ein
       Regionalligist mit den üblichen Problemen eines Regionalligisten: zu wenig
       Geld und Sponsoren, überlastete Ehrenamtler, eine wenig beachtete Liga.
       
       In Peter Meyer ist beim BFC mittlerweile ein Exhool der starke Mann und
       Geldgeber, weiter kein Werbeargument für Sponsoren. Ewig im Verein auch der
       Fanbeauftragte Rainer Lüdtke, einer, der der taz mal sagte, die
       Reichskriegsflagge sei von den Nazis missbraucht worden, und der an einem
       Tag der Germanen nichts auszusetzen hatte. Sie erreichen aber offenbar die
       Dynamo-Klientel.
       
       „Wir haben vieles getan, um von dem damaligen Image loszukommen“, sagt
       Rainer Lüdtke. „Wir haben wie andere Vereine auch Spieler verschiedener
       Nationen im Verein, vor allem, was unseren Nachwuchsbereich angeht. Dort
       haben wir einen hohen Anteil an jungen Spielern mit Migrationshintergrund.
       Wir hatten einen türkischen Trainer. Ich finde es schade, als Verein das
       erwähnen zu müssen, weil es nicht wahrgenommen wird. Aber wir haben nicht
       die Gelder, um große Imagekampagnen zu starten.“ Es ist die übliche
       Haltung, mit der Menschen gern Rassismus von sich weisen – daher können
       rechte Strukturen gut neben migrantischem Personal existieren, gerade im
       Fußball.
       
       Wenn es um die Krawalle der Vergangenheit geht, wird Lüdtke ungehalten. Er
       inszeniert den heutigen BFC als Opfer der Medien. Zugleich spricht er in
       Bezug auf die neunziger Jahre von „Radikalität“ statt Rechtsextremismus.
       Fortschritte gibt es dennoch. In der Arbeit gegen Gewalt und mit Fans vor
       allem, und auch problematische Verbindungen sollen gekappt worden sein.
       Viel beachtet werden solche Entwicklungen öffentlich nicht.
       
       ## Aktuell drei Ex-DDR-Klubs in der zweiten Bundesliga
       
       Was bedeutet er also, der Osten, im Verein? Im Gegensatz zu Union hat sich
       beim BFC, so schildern es viele, die Fanklientel kaum verändert. Es
       dominieren alte Männer aus dem ehemaligen Osten, die immer schon zu Dynamo
       gingen. Ein Biotop. Die rechten Kräfte darunter gebe es nach wie vor,
       möglicherweise sind sie aber auch sichtbarer in einer so kleinen Fanszene.
       Seit Jahren versucht der BFC im neuen, hippen Stammkiez Prenzlauer Berg
       mehr Publikum anzuziehen, bisher ohne viel Erfolg.
       
       Union hingegen scheint das hippe Image zuzufallen. Vielleicht wirkt es doch
       noch zu sehr nach Ost-Zeitkapsel im Jahn-Sportpark, mit DDR-Flaggen im
       Publikum, Gesängen vom FDGB-Pokal oder dem DDR-Ruf „Sport frei!“ in Teilen
       der Fanszene – wie ironisch das auch gemeint sein soll. Vielleicht
       vermischen sich hier Provokation oder Sehnsucht. Und natürlich fehlen Geld
       und Erfolg, um eine Aufbruchstimmung zu erzeugen.
       
       „Ostidentität gibt es bei uns sicher noch, aber sie spielt nicht so eine
       große Rolle“, sagt Rainer Lüdtke. „Wir sehen uns traditionell als
       Ostverein, aber heute sind wir ein Deutschland.“ Die Zuordnung ist spürbar
       im Vergleich zu Union, aber Lüdtke hat ja auch nicht halb Europa als
       potenzielle Kundschaft, sondern Berlin. Und auch er hat eine
       Jugendabteilung mit Nachwuchs, der mit Ost oder West überhaupt nichts mehr
       anfangen kann. Ostidentität wächst sich raus, die wirtschaftlichen Lücken
       bleiben.
       
       In der Bundesliga ist aktuell kein Ex-DDR-Klub vertreten, in der zweiten
       Liga sind es nach Magdeburgs Abstieg noch drei. Ein Unioner Aufstieg würde
       ein Stück daran ändern. Als regionale Berliner Fußballgeschichte mit
       Osthintergrund.
       
       18 May 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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