# taz.de -- Ausstellung über „artige“ Kunst: Was dem Führer gefiel
       
       > Ein Museum in Bochum will wissen, wie die erwünschte Kunst im
       > Nationalsozialismus aussah. Es kontextualisiert sie mit „entarteter“
       > Kunst.
       
 (IMG) Bild: Ein Ausschnitt von Alexej von Jawlenskys „Mädchenbildnis“ aus dem Jahr 1909
       
       Die Autobahn. Natürlich! Unweigerlich kommt der Besucher der Ausstellung
       mit Nazi-Kunst in Bochum vor dem großformatigen Ölschinken des heute zu
       Recht völlig unbekannten Malers mit dem klingenden Namen Carl Theodor
       Protzen zum Stehen – und kann sich ein fieses Grinsen nicht verkneifen.
       
       Denn die „Straßen des Führers“ sind ein einziges Nazi-Klischee: Winzig
       kleine, in Demut für den Führer erstarrte, entindividualisierte
       Arier-Männchen (obwohl ihr Haarschopf dafür etwas zu dunkel wirkt) mit
       starken Oberkörpern arbeiten freudig vor der im warmen Sonnenlicht
       leuchtenden, gigantischen Baustelle einer Talbrücke. Ein erhebendes
       Sprüchlein ziert den breiten, vergoldeten Rahmen: „Rodet den Forst –
       Sprengt den Fels – Überwindet das Tal – Zwinget die Ferne – Ziehet die Bahn
       durch Deutsches Land“.
       
       Trotz der unfreiwilligen Komik, die viele der ausgestellten Werke für den
       heutigen Kunstbetrachter ausstrahlen, sind die Kuratoren der Schau „Artige
       Kunst“ im schmucken Museum unter Tage auf Nummer sicher gegangen: Ein
       Aufkleber mit der Aufschrift „Artig!“ klebt neben jedem der rund ein
       Dutzend Nazi-Kunstwerke. Alle werden flankiert, kontextualisiert – und
       deshalb hängen neben, zwischen und gegenüber diesen Bildern auch Werke der
       von den Nazis geschmähten Kunst der klassischen Moderne wie Otto Dix oder
       Paul Klee.
       
       Das Motiv des Ausstellungsplakats kann exemplarisch für diese Form des
       pädagogischen Kuratierens stehen: Sepp Happs Wehrmachtssoldat aus dem
       Gemälde „Über allem aber steht unsere Infanterie“ (Öl auf Leinwand, ein mal
       zwei Meter) blickt mit stahlhartem Ausdruck nach rechts in Richtung
       Zukunft. Ihm entgegen schaut von links zwar schüchtern, aber sichtlich
       empört das zarte „Mädchenbildnis“ des russisch-deutschen Malers Alexej von
       Jawlensky, der 1933 mit Ausstellungsverbot belegt wurde.
       
       ## Das Unkritische vereint
       
       Der Name der Bochumer Schau, die später nach Rostock und Regensburg wandern
       wird, ist bewusst polemisch gewählt. „Artige Kunst“ bezieht sich auf den
       Begriff „entartete Kunst“, unter den die Nationalsozialisten unerwünschte
       Kunstrichtungen und Werke subsumierten, die dann verboten, verkauft oder
       zerstört wurden, während man ihre Künstler mit Arbeitsverboten belegte,
       wenn man sie nicht gleich des Landes verwies oder wegsperrte.
       
       Zum anderen beschreibt der Titel einen Erkenntnisgewinn, den die
       Ausstellung liefert: „Auch wenn sich durch die Hetze gegen die sogenannte
       ‚entartete‘ Kunst abzeichnete, was unerwünscht war, gab es auf der anderen
       Seite keine formalen, stilistischen oder thematischen Vorgaben für die
       geduldete Kunst“, schreibt Kuratorin Silke von Berswordt-Wallrabe im
       äußerst lesens- und sehenswerten Ausstellungskatalog. Was die Werke eint,
       ist einzig und allein ihre „Artigkeit“ – dass sie kein kritisches
       Gesellschaftsbild lieferten, sondern den politischen Führern gefielen.
       
       Silke von Berswordt-Wallrabe und ihr Mann Alexander sind Initiatoren,
       Leiter und Förderer der Stiftung Situation Kunst, die den deutschlandweit
       einzigartigen Museumskomplex im Bochumer Schlosspark Weitmar betreibt. Die
       ersten Gebäude der Situation Kunst wurden 1990 im Gedenken an den zwei
       Jahre zuvor verstorbenen Gründungsprofessor des Kunstgeschichtlichen
       Instituts der Ruhr-Universität Bochum, Max Imdahl, errichtet und
       beherbergen eine ständige Ausstellung zeitgenössischer Kunst mit Werken von
       Richard Serra, Arnulf Rainer oder David Rabinowitch.
       
       Der 2010 in der Schlossruine errichtete Kubus und das unterirdische Museum
       unter Tage – beide konzipiert von Herbert Pfeiffer und ausgeführt von
       Vervoorts & Schindler Architekten – sind architektonische Perlen und
       vervollständigen das Museum, das neben den Besuchern, die viele Teile bei
       freiem Eintritt begehen können, vor allem den Kunststudierenden der
       Ruhr-Universität dienen soll. Sie haben hier Anschauungsmaterial,
       Seminarräume und üben sich in kuratorischer Praxis.
       
       ## Ein Ausdruck von Unbehagen
       
       In der aktuellen Ausstellung können sie lernen, wie ein Unbehagen Ausdruck
       an der Museumswand findet. „Ich hatte Scheu und Schiss vor dieser
       Ausstellung“, gestand Jan-Uwe Neumann von der kooperierenden Kunsthalle
       Rostock bei der Eröffnung ein. Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, ob
       man den Werken der regimetreuen Künstler aus der Nazizeit Beachtung
       schenken, sie einer kritischen Betrachtung zugänglich machen soll. Kritiker
       stellen sehr berechtigt die Frage, ob es sich bei den oft banalen oder
       kitschigen Werken, die im Kontext der Kunst ihrer Zeit einen Rückschritt
       darstellten, überhaupt um Kunst handelt. Auch steht die Befürchtung im
       Raum, die Werke könnten noch heute ihre propagandistische Wirkung
       entfalten.
       
       So betritt der informierte Besucher die Schau ebenfalls mit einem Unbehagen
       – das gleich befeuert wird: Das erste Bild, das ihm begegnet, ist Sgt.
       Harry Oakes Fotografie eines offenen Massengrabs bei der Befreiung des
       Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Es zeigt, was die Gemälde der „artigen“
       Künstler ausblenden: die perfekt organisierte Abscheulichkeit eines
       mörderischen Regimes.
       
       Oft sind die von den Nazis goutierten Kunstwerke gar nicht offen
       propagandistisch: „Pflügen“ von Paul Junghanns oder „Bauernmahl“ von
       Hermann Otto Hoyer zeigen ländliche Idyllen, die die damalige Realität
       einer immer brutaleren um sich greifenden Industrialisierung komplett
       ausblenden. Ebenso „erwünscht“ waren Szenen aus der Mythologie wie Ivo
       Saligers „Die Rast der Diana“ – makellose Körper in steriler, bruchlos
       „schöner“ Landschaft. Die Darstellung makelloser Körper ins Gespenstische
       getrieben hat Arno Breker in seinen Skulpturen. Sie bilden menschliche
       Gestalten, denen jede Individualität genommen ist – gleichgeschaltet,
       gestählt, normiert.
       
       Weil Breker auch nach dem Krieg weiter angesehen war, hoch dotierte
       Aufträge erhielt und in den 1980er Jahren wieder ausgestellt wurde,
       initiierte der Künstler Klaus Staeck die Aktion „Keine Nazi-Kunst in
       unseren Museen“. Im spannenden Rahmenprogramm der Bochumer Ausstellung war
       er als Diskutant zu Gast – ein Beweis für die Kritikfähigkeit der
       Kuratoren, die vielleicht übervorsichtig vorgegangen sind, aber trotzdem
       großen Mut bewiesen haben.
       
       9 Jan 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Max Florian Kühlem​
       
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