# taz.de -- Oscar-Favorit „Spotlight“: Triumph der komplizierten Geschichte
       
       > „Spotlight“ ist dank präziser Schauspielerleistungen ein guter
       > Investigativ-Thriller, der sexuellen Missbrauch in der katholischen
       > Kirche enthüllt.
       
 (IMG) Bild: Bringen mit viel Grau die Hemdsärmeligkeit des Journalismus zum Vorschein: Michael Keaton und Rachel McAdams.
       
       Zusammen mit „The Revenant“ und „The Big Short“ gehört „Spotlight“ zu den
       „heißen“ Oscar-Favoriten am kommenden Sonntag. Aber während über Alejandro
       Iñárritus Schneewestern und Adam McKays Finanzkrisen-Komödie die Meinungen
       weit auseinandergehen, nimmt Tom McCarthys Journalisten-Drama eine etwas
       merkwürdige Rolle ein: Es ist der Film, gegen den niemand etwas hat.
       
       Genau das könnte ihm aber auch zum Verhängnis werden. Obwohl er von einem
       Skandal handelt, schürt der Film selbst keine Kontroverse. Er bricht auch
       kein Tabu, und er blendet sein Publikum weder mit atemberaubenden
       Kaltwetteraufnahmen noch mit spektakulären Bärenkämpfen. Er ist noch nicht
       mal besonders witzig.
       
       Die Tugenden von „Spotlight“ sind andere, wobei das steife Stichwort Tugend
       mit Bedacht gewählt ist. Schließlich handelt „Spotlight“ von Arbeit. Wenn
       Journalisten sich heute gern als „Printproletariat“ bezeichnen, dann ist
       „Spotlight“ gewissermaßen Arbeiterkino im besten Sinne.
       
       Wobei es McCarthy mit seinem Schauspielerensemble gelingt, die
       Reporterarbeit so fesselnd, so lohnend, so essentiell darzustellen – dass
       man eben stundenlang dabei zusehen könnte. Es ist tatsächlich ein Geheimnis
       dieses Films, dass er mit einem Minimum an Schauwerten eine solch große
       Wirkung auf den Zuschauer zu entfalten weiß. Am Ende hat man Tränen in den
       Augen, weil man vier Menschen an einem Sonntag im Januar freiwillig zur
       Arbeit gehen sieht!
       
       ## Gierig nach Recherche
       
       Apropos tränenreiches Ende: „Spotlight“ gehört zu jenen immer seltener
       werdenden Filmen, die man schlicht nicht spoilern kann. Nicht nur dass die
       wahre Geschichte, auf der er beruht, relativ bekannt ist, sie wäre
       absehbar, selbst wenn sie jemand frisch erfunden hätte. Die erste Szene
       führt zurück ins Jahr 1976 und zeigt eine Polizeistation, wie sie den Fall
       einer Missbrauchsanzeige durchwinkt.
       
       Kurz sieht man eine verhärmte Mutter mit kleinen Kindern, die ehrfürchtig
       einem besorgt auf sie einredenden Mann lauscht. Man überhört, dass es um
       einen katholischen Priester geht – und es wird klar, dass niemand außer den
       unmittelbar Anwesenden davon in absehbarer Zeit erfahren wird.
       
       Die eigentliche Handlung setzt im Sommer des Jahres 2001 ein, in den Räumen
       der Tageszeitung Boston Globe. Dort wird der Abschied eines Kollegen
       gefeiert und der Amtsantritt des neuen Chefredakteurs erwartet.
       Gleichzeitig macht die Nachricht die Runde, dass ein katholischer Priester
       des Kindesmissbrauchs angeklagt wird. Bald ordnet der neue Chefredakteur
       (Liev Schreiber) Nachforschungen zum Missbrauchsskandal an.
       
       Das auf solche Geschichten spezialisierte „Spotlight“-Team der Zeitung um
       den erfahrenenen Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) herum nimmt den
       Auftrag an. Geradezu begierig greifen der rastlose Mike Rezendes (Mark
       Ruffalo), die skrupulöse Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und der skeptische
       Matt Carroll (Brian d’Arcy James) zu Telefonhörern und Notizbüchern.
       
       ## System des Schweigens und Wegschauens
       
       Wie gesagt, den weiteren Verlauf der Geschichte kann man sich entweder
       denken oder man erinnert sich. War doch der Bostoner Fall nur einer in
       einer langen Reihe von Missbrauchsskandalen um katholische Priester auf der
       ganzen Welt, die die Runde machten.
       
       Dabei zieht „Spotlight“ seine Spannung nicht nur aus dem immer bewegenden
       Kampf von Opfer gegen Täter, von raffinierten Anwälten und tapferen
       Reportern gegen eine katholische Kirche, die all ihren Einfluss nutzt, um
       die Taten zu vertuschen und die Täter zu behüten. Regisseur Tom McCarthy,
       der zusammen mit Josh Singer auch das Drehbuch schrieb, setzt im Gegenteil
       die Journalistenperspektive dazu ein, um seine Geschichte komplizierter zu
       machen.
       
       „Glauben Sie mir, wenn es, wie man sagt, ein ganzes Dorf braucht, um ein
       Kind großzuziehen, dann braucht es genauso ein Dorf, um es zu
       missbrauchen.“ Das hält an einer Stelle der von Stanley Tucci gespielte
       exzentrische Opfer-Anwalt einem der investigierenden Reporter vor.
       
       Was die Journalisten in „Spotlight“ aufdecken, ist denn auch mehr als ein
       Missbrauchsskandal, es ist ein ganzes System des Schweigens und
       Wegschauens, das desto unheimlicher ist, weil so viele gegen ihren Willen
       und gegen besseres Wissen daran beteiligt sind. Die einen macht der Respekt
       vor der Kirche blind, die anderen, wie etwa die Anwälte, ihre berufliche
       Verpflichtung zur Geheimhaltung, und die dritten, die Journalisten selbst,
       müssen entdecken, dass die entscheidenden Hinweise schon Jahre zuvor bei
       ihnen eingegangen sind und ignoriert wurden, warum auch immer.
       
       ## „The Wire“ als Inspiration
       
       Es ist dieser systemische Ausblick, der aus „Spotlight“ jenes entscheidende
       Stück mehr macht als ein weiteres packendes Aufklärerdrama in der Folge von
       „Die Unbestechlichen“ und „Erin Brockovich“. In diesem Zusammenhang ragt
       als vielleicht markantester Eintrag in der Filmografie des Schauspielers
       und Regisseurs Tom McCarthy seine Rolle in der letzten Staffel von David
       Simons unübertroffener Serie „The Wire“ heraus. McCarthy verkörperte darin
       einen leicht zu korrumpierenden Jungreporter im fahlen Newsroom der unter
       Sparzwang stehenden Baltimore Sun.
       
       Für seine eigene Regiearbeit hat McCarthy sich ganz offensichtlich sowohl
       von David Simons Mut zur betont unglamourösen Stadtkulisse inspirieren
       lassen als auch von dessen Ambition, eine Stadt als Zusammenspiel ihrer
       Institutionen zu porträtieren.
       
       Dass Liev Schreiber in seiner Rolle als Chefredakteur das auch noch in
       Worte fasst – „eine Zeitung dient einer Stadt am besten, wenn sie
       unabhängig agiert“ – mag auf das Konto von Koautor Josh Singer gehen, der
       seine ersten Schreiberfahrungen im „Writers’ Room“ von Aaron Sorkins
       hocheloquenter „West Wing“-Serie gemacht hat.
       
       Was „Spotlight“ als Geheimfavorit unter den Oscar-Kandidaten erscheinen
       lässt, ist vielleicht genau das: Von all den nominierten Filmen hat
       „Spotlight“ die größte Nähe zu dem, was den Erfolg der Fernsehserien
       zurzeit ausmacht. Da ist zum einen das starke Spiel eines ganzen Ensembles,
       in dem jede einzelne Figur gerade genug Szenen bekommt, um Charakterprofil
       und Entwicklung zu zeigen. Dass von den allesamt großartig agierenden
       Darstellern nur Mark Ruffalo und Rachel McAdams und bloß in der Kategorie
       Nebendarsteller für einen Oscar nominiert sind, belegt eher ein Problem der
       Oscars als des Films.
       
       ## Kinoerbe von „Emergency Room“
       
       Zum anderen ist da die Geschliffenheit der Dialoge und Szenen, die mit viel
       Sensibilität den verschiedenen Opfergeschichten einen Platz einräumt, ohne
       sie melodramatisch auszubeuten. Und zum Dritten ist da die große
       Aufmerksamkeit für unscheinbare Details, die in ihrer Gesamtsicht ganze
       Geschichten erzählen. Wie von „The Wire“ abgeschaut wirkt McCarthys
       Beachtung des Prozederes der journalistischen Arbeit in seinen freudlosen
       „cubicles“ und seiner Ansammlung von Hemdsärmligkeit.
       
       Wie die fiktive Baltimore Sun steht auch der reale Boston Globe unter
       sichtbarem wirtschaftlichen Druck. Sicher, an einer Stelle ist auch die
       Rede von der Herausforderung des Internets, aber im Wesentlichen wird er
       gezeigt: Man erkennt ihn in der schmucklosen, abgetragenen
       Fabrikhallen-Aura der Redaktionsräume, am ganz und gar unmodischen Grau,
       Blau und Beige der von der Belegschaft getragenen Kleidung, vor allem aber
       auch am uneleganten Appetit, mit dem sich die Reporter über den trockenen
       Kuchen hermachen, den es bei der Abschiedsfeier zu Beginn gibt.
       
       So erweist sich „Spotlight“ nicht zuletzt als Kinoerbe einer Doktor-Serie
       wie „E.R.“, in der wieder und wieder das absolute Aufgehen in einem gut
       gemachten Job gefeiert wird. Aber bei allen wohlvertrauten Elementen hält
       „Spotlight“ auch eine bewegende Überraschung bereit: Obwohl man die
       Geschichte zu kennen glaubt, wird sie in der Entdeckung durch die
       Journalisten, in der präzisen Darstellung ihrer Reaktionen, noch einmal neu
       und anders. Man begreift schließlich, dass man auch als Zuschauer stets
       Gefahr läuft, Teil einer Verschwörung des Schweigens zu sein.
       
       25 Feb 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Schweizerhof
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Filmkritik
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) Katholische Kirche
 (DIR) Kino
 (DIR) Hollywood
 (DIR) Oscars
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) deutsche Literatur
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) sexueller Missbrauch
 (DIR) Thomas Vinterberg
 (DIR) Zeitung
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Academy Awards
 (DIR) Kinofilm
 (DIR) Serien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Missbrauch in katholischer Kirche: Mehr Geld für die Opfer!
       
       Seit Jahren versichert die katholische Kirche, die Missbrauchsopfer
       entschädigen zu wollen. Doch davon ist bis heute wenig zu sehen.
       
 (DIR) Autorenporträt Jonis Hartmann: Der Spätzünder
       
       Jonis Hartmann hat schon immer geschrieben, nur zeigte er seine Texte lange
       niemanden. Irgendwann traute er sich, bekam Preise und gründet jetzt eine
       Literaturzeitschrift.
       
 (DIR) Komödie „Elvis & Nixon“: Der Schnappschuss
       
       Die Regisseurin Liza Johnson rekonstruiert in „Elvis & Nixon“ mit viel Sinn
       fürs Absurde eine ungewöhnliche Begegnung im Weißen Haus.
       
 (DIR) Missbrauch in der katholischen Kirche: Blick in den Abgrund
       
       Wissenschaftler haben den ersten Teil einer aufwendigen Analyse zu
       sexuellem Missbrauch vorgelegt – im Auftrag der Kirche.
       
 (DIR) Kommentar Kirche und Missbrauch: Ehrliche Reue sieht anders aus
       
       Die Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche ist noch nicht
       gescheitert. Sie hat noch gar nicht richtig begonnen.
       
 (DIR) Thomas Vinterbergs Film „Die Kommune“: Ein Kollektiv aus dem Geist der Liebe
       
       Wenn Gefühl und Anspruch in Konflikt geraten: Thomas Vinterbers „Die
       Kommune“ überzeugt mit einer mitreißenden Trine Dyrholm.
       
 (DIR) Film über die „Boston Globe“-Journalisten: Werbung, vergoldet
       
       Der Film „Spotlight“ über das Rechercheteam hat gerade den Oscar gewonnen.
       Gut für die Zeitung, denn sie hat in den letzten Jahren viel gelitten.
       
 (DIR) 88. Oscar-Verleihung: Preise nur für Weiße
       
       Kein einziger Preisträger ist schwarz, prangert Chris Rock in seiner
       Eröffnungsrede an. Auch Leonardo DiCaprio und Lady Gaga geben sich
       politisch.
       
 (DIR) Rassismusdebatte um Oscar-Nominierung: Luftküsse und tschüss
       
       Bei den Academy Awards sind keine Schwarzen nominiert – zum zweiten Mal in
       Folge. Einige Gäste boykottieren nun die Veranstaltung.
       
 (DIR) Alejandro Iñárritus Film „The Revenant“: Im Chaos von Pfeilen und Schüssen
       
       In „The Revenant“ überzeugt Leonardo DiCaprio vor allem durch körperlichen
       Einsatz. Dialoge sind hier pointenfrei und nebensächlich.
       
 (DIR) Essay neue TV-Serien: Immer schön unberechenbar bleiben
       
       Früher galten sie als Trash, nun werden sie gefeiert: neue Qualitätsserien.
       Denn sie setzen auf Entwicklung – und das Paradox.
       
 (DIR) US-Polizeiserie "The Wire": Baltimore Blues
       
       Auch Obama schaut sie: Die Polizei-Serie "The Wire" erzählt von der Krise
       amerikanischer Institutionen - komplex, kunstvoll, massenwirksam.