# taz.de -- Roman über Flüchtlingsbiografien: Der gute Richard
       
       > In „Gehen, ging, gegangen“ will ein deutscher Rentner mehr über
       > Flüchtlinge wissen. Nach und nach wird er vom Beobachter zum
       > Unterstützer.
       
 (IMG) Bild: Hier, im Protestcamp am Oranienplatz, lebten die Flüchtlinge, die Erpenbeck in ihren Roman einfließen ließ. (Archivbild 2013)
       
       Fast zwei Jahre lang war der Kreuzberger Oranienplatz vorübergehende Heimat
       von Flüchtlingen, die kein offizielles Bleiberecht in Deutschland genossen,
       da sie, zumeist aus Afrika kommend, auf Lampedusa erstmals europäischen
       Boden betreten hatten. Im April 2014 wurde der Platz nach langwierigen
       Verhandlungen geräumt, die Männer wurden vorübergehend in Wohnheimen
       untergebracht und hofften – zumeist vergeblich, wie sich zeigen sollte –
       auf ein positives Ergebnis ihrer jeweiligen Einzelfallprüfung.
       
       Damals zog die Autorin Jenny Erpenbeck los, um die früheren Bewohner des
       Platzes zu treffen und sich deren Geschichten erzählen zu lassen. Nein, auf
       dem Platz selbst sei sie nie gewesen, sagt sie. Erst in den späteren Heimen
       habe sie die Männer kennengelernt.
       
       „Ich bin von einer Angestellten in die Zimmer geführt worden und habe
       gesagt, dass ich ein Buch schreiben möchte und dass ich Leute suche, die
       bereit sind, mir ihre Geschichte zu erzählen.“ Natürlich sei das nicht bei
       allen der Fall gewesen, fügt sie gleich hinzu. „Manche denken, es hat
       keinen Sinn, für andere ist es zu schwer.“
       
       Die 48-Jährige sitzt entspannt auf dem gemütlich breitgesessenen Sofa in
       ihrem Arbeitszimmer, in Jeans und T-Shirt und ungeschminkt. Das Cello des
       Sohnes, das quer auf dem Boden lag, hat sie kurzerhand noch zur Seite
       geräumt, damit die Besucherin ohne Umwege den Sessel erreicht.
       
       ## Der rigorose Bruch
       
       Ihr jüngster Roman „Gehen, ging, gegangen“ dreht sich also um die gerade so
       aktuelle Flüchtlingsthematik. Es ist ein auf den ersten Blick erstaunliches
       Thema für eine Autorin, die ihre Themen bislang eher nicht im aktuellen
       politischen Geschehen suchte, sondern vergangene Schichten des Lebens unter
       dem heute Sichtbaren freilegte. Woher dieses Interesse, im aktuell
       gesellschaftlich mitzumischen?
       
       Die Antwortet kommt prompt. „Das liegt doch schon auf der Linie, über die
       ich sonst auch nachdenke“, sagt sie. Es gehe ihr um Flucht, den rigorosen
       Bruch in den Biografien der Flüchtlinge und die Frage, „ob und wie die ein
       neues Leben anfangen können“. Sie habe schon immer Geschichten von Orts-
       und Identitätswechseln erzählt. „Ich versuche in diesem Buch, unsere
       Wirklichkeit, das, was wir für selbstverständlich halten, auch mit den
       Augen der Flüchtlinge anzuschauen.“
       
       Allerdings ist der Roman eindeutig aus sehr deutscher, vielleicht könnte
       man sogar sagen, ostdeutscher Perspektive erzählt. Das ist ja auch in
       Ordnung. Er enthält viele individuelle, sympathisierende Porträts von
       afrikanischen Asylsuchenden. Aber die Sichtweise ist durchgängig die eines
       deutschen Rentners, eines emeritierten Professors der Altphilologie, der
       ein behagliches, aber eher einsames Pensionärsdasein in seinem Haus an
       einem brandenburgischen See führt.
       
       Richard, so sein Name, verfolgt im Fernsehen die Geschehnisse um den
       Berliner Oranienplatz und beschließt, die ehemaligen Besetzer für ein
       privates Forschungsprojekt zu befragen. Das Phänomen des
       Zu-viel-Zeit-Habens ist es, das ihn mit den Flüchtlingen verbindet. „Er
       will etwas darüber wissen, womit man Zeit verbringt, wenn man keinen Inhalt
       mehr haben darf“, erklärt Jenny Erpenbeck.
       
       ## Vom Beobachter zum Unterstützer
       
       „Er darf den Inhalt nicht mehr haben, weil er in Rente gegangen ist, und
       diese jungen Männer dürfen keinen Inhalt haben, weil sie nicht arbeiten
       dürfen.“ Und fügt noch hinzu: „Mein Eindruck war auch wirklich, dass diese
       Männer, die ja in Wirklichkeit Männer im besten Alter sind, eigentlich
       gezwungen werden, alt zu sein.“
       
       Übrigens sei ihr Protagonist Richard zu Beginn ja ein sehr kühler
       Beobachter – wenngleich „auch mein eigenes Verhalten mein Studienobjekt
       gewesen ist, nicht nur das Verhalten der Flüchtlinge hier, sondern auch
       mein Blick und der Blick meiner Freunde auf bestimmte Dinge“. Ähnlich wie
       der fiktive Richard sich von einem Beobachter zu einem Unterstützer
       entwickelt und auch seinen Freundeskreis mit einbezieht, wenn die eigenen
       Hilfemöglichkeiten erschöpft sind, so hat auch die Autorin selbst bald
       ihren Status als objektive Chronistin hinter sich gelassen.
       
       Viele Details aus ihrem eigenen Erleben habe sie in das Leben ihrer
       Hauptfigur verlegt. „Den Klavierunterricht, zum Beispiel, oder den
       Grundstückskauf in Ghana.“
       
       Im Roman erwirbt Richard für einen Flüchtling ein Grundstück in Ghana, das
       seiner Familie die Subsistenzwirtschaft ermöglichen soll. Einen anderen
       führt er in die Grundlagen der europäischen Musik ein. Er begleitet die
       Männer zu offiziellen Terminen. Auch das habe die Autorin selbst getan.
       
       ## Die Geschichte als Grundierung
       
       Erpenbeck: „Natürlich geht man dann, wenn’s schwierig wird, mit zum Anwalt
       oder zum Arzt oder zu irgendwelchen offiziellen Stellen. Man kann schlecht
       sagen, ich schreib jetzt hier nur ein Buch, und der Rest ist mir egal.“ Der
       Kreis von Personen, mit denen sie über längere Zeit immer wieder zu tun
       hatte, habe etwa zehn Männer umfasst.
       
       Ihre Freunde hätten rückblickend gesagt, das sei wirklich ein interessantes
       Jahr gewesen. „Wir haben so viel über grundlegende Dinge geredet. Man kommt
       bei den Flüchtlingen einfach um die zentralen Dinge nicht herum. Viele
       haben schlimme Sachen erlebt, Eltern oder Freunde verloren, und sind sehr
       traurig oder depressiv. Und dann gibt’s auch Dinge, die irgendwie witzig
       oder merkwürdig sind. Aber als Grundierung ist die Geschichte, die sie mit
       sich rumschleppen, immer da.“
       
       Diese direkte, ungeschützt naive Art, an das Fremde heranzugehen, macht
       auch Erpenbecks Roman mit seiner schlichten, sprachlichen Schönheit sehr
       lesenswert. Obwohl sie selbst sagt, man laufe Gefahr, „dass von einem
       Lösungen erwartet werden“, wenn man sich des so aktuellen Flüchtlingsthemas
       literarisch annimmt, die es bei in „Gehen, ging, gegangen“ einfach nicht
       geben könne. Es ist nicht ihr und Richards Thema.
       
       Richard ist einer, an dem man sieht, wie gelungenes Menschsein gehen
       könnte. Einer, der zuerst angesichts des Fremden fremdelt und den
       Afrikanern Namen aus der klassischen Mythologie gibt, um sie besser
       auseinanderhalten zu können, aber der später mit der Hand Fufu aus der
       Schüssel isst.
       
       ## Der Unterschied zwischen „denen“ und „uns“
       
       Einer, der den bürgerlichen deutschen Gutmenschen unter uns zeigt, dass es
       auch okay ist, das Fremde als fremd zu betrachten, wenn man nur bereit ist,
       sich dafür zu öffnen. In dieser naiv scheinenden, aber doch ziemlich
       didaktischen Grundhaltung liegt vielleicht auch die unbestimmt ostdeutsch
       wirkende Perspektive dieses Romans.
       
       Die nie ganz abgelegte Disposition, zwischen „denen“ und „uns“ zu
       unterscheiden, steckt darin, aber, auf einer übergeordneten Ebene, auch die
       tiefe Überzeugung von der gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit von Literatur.
       
       Beides könnte ebenso gut nach hinten losgehen. Bei Erpenbeck aber nimmt
       beides eine literarische Haltung ein, die durch ihre unbedingte
       Aufrichtigkeit überzeugt.
       
       Die wahren Geschichten der Männer vom Oranienplatz haben darin ein ebenso
       würdiges literarisches Abbild gefunden wie das fiktive Porträt eines
       deutschen Intellektuellen als doch ziemlich guter Mensch. Oder was soll
       dieser Richard eigentlich für einer sein? Vielleicht so eine Art deutsches
       Über-Ich? Jenny Erpenbeck lacht über die Frage. Dann sagt sie: „Also, ich
       mag ihn eigentlich ganz gern.“
       
       13 Sep 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Jenny Erpenbeck
 (DIR) Flüchtlinge
 (DIR) Roman
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Flüchtlingscamp Oranienplatz
 (DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
 (DIR) DDR
 (DIR) Buch
 (DIR) Buch
 (DIR) Nicaragua
 (DIR) Flüchtlinge
 (DIR) Friedensbewegung
 (DIR) Ausstellung
 (DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vielfach ausgezeichnete Jenny Erpenbeck: Kein Sehnsuchtsort, sondern Gefängnis
       
       Jenny Erpenbeck hat den renommierten Booker Prize erhalten. Obwohl nicht
       nur ihre Reden, sondern auch ihre Bücher durch Ostdeutschtümelei
       verblüffen.
       
 (DIR) Große Leseaktion: Ein Buch für Berlin?
       
       In New York sollen ab März möglichst viele Menschen dasselbe Buch lesen.
       Eine großartige Idee auch für Berlin, findet Kultursenator Lederer.
       
 (DIR) Deutscher Buchpreis: Sechs Finalisten stehen fest
       
       Von 20 auf sechs: Die Anwärter auf den Deutschen Buchpreis sind nun
       bekannt. Darunter befinden sich Jenny Erpenbeck, Ulrich Peltzer und Rolf
       Lappert.
       
 (DIR) Krimi „Der Himmel weint um mich“: Im Lada durch Managua
       
       Alte sandinistische Tugenden, Katholizismus und Machismus treffen auf neue
       Drogenökonomien. Sergio Ramírez spielt mit Gegensätzen.
       
 (DIR) Kommentar zum Info-Container: Wir sollten uns erinnern
       
       Der Bezirk räumt den Info-Container am Oranienplatz ab. Und wieder schieben
       sich alle die Verantwortung zu. Auf der Strecke bleiben die Flüchtlinge.
       
 (DIR) Musikdokumentation über Friedenslieder: Weniger Hippie wäre gut
       
       In „Summer of Peace“ erzählt Arte die Geschichte der einflussreichsten
       Protestsongs. Und fragt: Warum bewirkt Pop heute so wenig?
       
 (DIR) Ausstellung zu Flüchtlingsprotest: Ein Bild der Bewegung
       
       Am Ostbahnhof wird in einer Ausstellung die Geschichte der
       Flüchtlingsproteste nachgezeichnet – als Teil des Festivals „Die
       widerspenstige Internationale“
       
 (DIR) Graphic Novel über Flüchtlinge: Eine Frau stirbt im Mittelmeer
       
       Reinhard Kleist rekonstruiert im „Traum von Olympia“ die letzten drei Jahre
       der Läuferin Samia Yusuf Omar, die nach Europa wollte und dabei umkam.