# taz.de -- Debatte Iran: Im Schatten der Bombe
       
       > Vielleicht ist es die letzte Gelegenheit, einen Krieg abzuwenden zwischen
       > Israel und dem Iran. Am Mittwoch wird in Bagdad erneut über das iranische
       > Atomprogramm verhandelt.
       
 (IMG) Bild: Der Preis für Blattgemüse hat sich teilweise mehr als verdoppelt. Markstand auf der Insel Qeshm, Dezember 2011.
       
       Wird Ajatollah Ali Chamenei sich den äußeren Zwängen beugen und im
       Atomkonflikt einlenken? Die erste Runde der Verhandlungen in Istanbul am
       14. und 15. April hatte keine konkreten Ergebnisse gebracht. Doch immerhin
       herrschte, wie die Beteiligten bestätigten, eine „friedlich-freundliche
       Atmosphäre“. Die EU-Außenbeauftragte Kathrin Ashton sagte, die Gespräche
       seien „konstruktiv und nützlich“ gewesen.
       
       Nun steht die zweite Runde bevor. Sie wird am 23. Mai in Bagdad
       stattfinden. Es sei die letzte Chance, mögliche Militärschläge Israels
       gegen iranische Atomanlagen abzuwenden, warnen Vertreter des Westens.
       
       Tatsächlich ist die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung sehr
       groß. Denn schaut man sich die Positionen der Kontrahenten an, scheint eine
       kurzfristige Lösung kaum denkbar. Zwar hat der Iran Kompromissbereitschaft
       signalisiert. Teheran werde die Produktion von auf 20 Prozent
       angereichertem Uran für einen Forschungsreaktor einstellen, aber erst dann,
       wenn genügend davon gelagert sei, sagte der Direktor der iranischen
       Atombehörde, Freidun Abbasi.
       
       ## Kontrolleure brauchen Zugang
       
       Das könnte ein erster Schritt zur Annäherung sein. Nur ist es nicht klar,
       ob Abbasis Äußerung die offizielle Position Irans widerspiegelt. Bereits am
       nächsten Tag lehnte Präsident Mahmud Ahmadinedschad jeglichen Verzicht
       Irans auf sein Nuklearprogramm ab. „Jeder, der die Rechte des iranischen
       Volks verletzt, wird auf seinen Platz verwiesen“, sagte er.
       
       Auch der Westen ist Iran um einen wichtigen Schritt näher gekommen. Anfang
       April sandte Barack Obama ein Schreiben an Chamenei, in dem er dem
       Revolutionsführer signalisierte, die USA könnten ein ziviles iranisches
       Atomprogramm akzeptieren. Allerdings müsste Teheran nachweisen, dass es auf
       keinen Fall Atomwaffen anstrebe.
       
       Wie sollte Iran aber etwas nachweisen, was nach iranischer Darstellung
       nicht existiert? Indem Iran die Forderungen des Westens akzeptiert, lautet
       die Antwort. Um welche Forderungen es sich handelt, machte New York Times
       Anfang April bekannt. Teheran solle die unterirdische Atomanlage Fordo
       sofort schließen und die Anreicherung von Uran auf 20 Prozent endgültig
       stoppen. Die bereits bestehenden Vorräte an diesem sollen außer Landes
       gebracht werden.
       
       Zudem solle Teheran das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag, das
       unangemeldete Kontrollen der Internationalen Atombehörde (IAEA) zu jeder
       Zeit und an jedem Ort erlaubt, akzeptieren. Auch Militäranlagen wie
       Parschin in der Nähe von Teheran, sollen für Inspekteure offen stehen. Die
       IAEA müsste auch Zugang haben zu Atomwissenschaftlern und Mitarbeitern des
       Atomprogramms, zu Dokumenten und unveröffentlichten Informationen.
       
       Israel geht noch einen Schritt weiter. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu
       warnte davor, Teheran könne die Gespräche dazu missbrauchen, „Zeit zu
       schinden und zu täuschen“. Teheran müsse die Urananreicherung gänzlich
       einstellen, bereits angereichertes Uran beseitigen und die
       Anreicherungsanlage Fordo schließen. Es ist kaum vorstellbar, dass Teheran
       solche Forderungen akzeptiert. „Wir werden ihnen (den Verhandlungspartnern)
       sagen, dass wir kein Jota von unseren nuklearen Rechten abweichen werden“,
       sagte Ahmadinedschad.
       
       ## Eine Front gegen Teheran
       
       Dem Regime in Teheran geht es einzig und allein um den Erhalt der eigenen
       Macht. Dafür scheut es vor keinem Verbrechen zurück. Mehrere tausend
       Oppositionelle wurden seit Bestehen der Islamischen Republik, also seit
       1979, hingerichtet. Aber das Regime wird nicht nur von innen, sondern auch
       von außen massiv bedroht. Entlang der iranischen Grenzen befinden sich
       US-Stützpunkte.
       
       Im Persischen Golf wimmelt es von amerikanischen und britischen
       Kriegsschiffen. Längst haben die arabischen Golfstaaten, die vom Westen mit
       modernsten Waffen beliefert wurden, unter der Führung der USA eine Front
       gegen die Islamische Republik gebildet. Schließlich haben immer härtere
       Wirtschaftssanktionen das Land vor schier unüberwindbaren Probleme
       gestellt.
       
       In dieser Situation ist es durchaus denkbar, dass radikale Kräfte im Iran
       zu der Überzeugung gelangen könnten, mit einer nuklearen Bewaffnung äußere
       Gefahren abwenden zu können. Ob aber das Regime sich tatsächlich dafür
       entschieden hat, ist eine offene Frage. Bis heute gibt es keinerlei Beweise
       dafür. Selbst sämtliche amerikanischen Geheimdienste haben gemeinsam 2007
       und noch einmal vor wenigen Monaten erklärt, die Behauptung, Iran baue
       schon an der Bombe, ließe sich nicht nachweisen. Lassen sich aber allein
       aufgrund eines bloßen Verdachts harte Sanktionen, gar ein Krieg
       rechtfertigen?
       
       Das Regime in Teheraner wird aber, wie es scheint, eher einen Krieg mit
       verheerenden Folgen in Kauf nehmen, als die genannten Forderungen des
       Westens zu akzeptieren. Denn bei größeren Zugeständnissen liefe es Gefahr,
       sein bereits stark beschädigtes Ansehen bei den eigenen Anhängern vollends
       zu verlieren. Seit Jahren predigt die Staatsführung, das Land werde sich
       niemals äußeren Zwängen beugen.
       
       Das Regime versucht das Volk von der Notwendigkeit des Atomprogramms zu
       überzeugen. Seit Jahren wird gegen äußere Feinde Hass geschürt, ideologisch
       verbrämte Glaubensgrundsätze und Nationalgefühle werden propagiert und jede
       kritische Stimme im Keim erstickt, um die Massen bei der Stange zu halten.
       Aber auch die Argumente, die das Regime im Atomkonflikt vorbringt, sind
       nicht von der Hand zu weisen.
       
       ## Die Interessen des Westens
       
       Iran ist Mitglied des Atomwaffensperrvertrags und als solches dazu
       berechtigt, im eigenen Land Uran anzureichern und auch den Brennstoff für
       die friedliche Nutzung der Atomenergie herzustellen. Selbst den Gegnern des
       Regimes will nicht einleuchten, warum Pakistans Nuklearwaffenprogramm
       schweigend hingenommen wird, mit Indien neue Verträge zur Weiterentwicklung
       seines Atomprogramms geschlossen werden und auch Israel unwidersprochen und
       mit Hilfe des Westens sein Atomarsenal weiter ausbauen kann, Iran hingegen
       sein verbrieftes Recht untersagt wird.
       
       Dabei hat keiner der genannten Staaten den Atomwaffensperrvertrag
       unterzeichnet. Soll Iran für seine Mitgliedschaft bestraft werden? Auch der
       Westen wird vermutlich Iran gegenüber keine größeren Zugeständnisse machen.
       Denn im Grunde geht es nicht um den Atomkonflikt, sondern um die Isolierung
       oder noch besser den Wechsel eines Regimes, das sich den geostrategischen
       und ökonomischen Interessen des Westens widersetzt.
       
       Doch man sollte bedenken, dass ein Krieg das Regime nicht schwächen,
       sondern stärken und der Oppositionen erheblich schaden würde. Die Frage
       eines Regimewechsels sollte man aber dem iranischen Volk überlassen.
       
       22 May 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bahman Nirumand
       
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